Die Stimme Amerikas 

Das Juilliard String Quartet 

Nicht nur einfach ein brillantes Quartett, sondern eine Institution: Das Juilliard String Quartet, Amerikas Quartettbotschafter seit mehr als 70 Jahren, kommt in neuer Besetzung in den Musikverein.

Man schrieb das Jahr 1946, als an der Juilliard Music School New York, der hochklassigen Musikschmiede, die Idee des damaligen Institutsdirektors, des Komponisten William Schuman, Gestalt annahm. Er formte für die Schule unter Führung des grandiosen Geigers Robert Mann ein „String Quartet in residence“, dessen Mitglieder instrumental unterrichteten, aber auch als Quartett lehrten und exemplarisch spielten. Ein Quartett, das dann dieser Robert Mann über fünfzig Jahre führte und prägte. Aber nicht nur das: Die Geschichte war es, die geradezu eine Mission für die Juilliards bereithielt.

Klassik als Zukunftsmusik

Das Europa nach dem Krieg nämlich machte dieses Quartett zu Missionaren des Guten, Schönen, Wahren, an das, kriegsgebeutelt, zu glauben jenseits des großen Teiches schwer geworden war. Der Juilliard-Klang kam gerade nicht nostalgisch auf uns, es waren zwar auch unsere alten Klänge, jedoch sanguinisch versetzt mit einer unbeschwerten Offenheit auf der Basis enormer Perfektion: so objektiv und damit so glaubwürdig. Plötzlich ein Beethoven etwa, gereinigt von den Ablagerungen einer unrühmlichen deutschen Geschichte, geläutert in der Neuen Welt. Und wir hörten diesen objektiven Klang auch wie Zukunftsmusik, gerade weil er zunächst über Tonträger zu uns drang, über die amerikanische Schallplatte, aus der Hand derer also, die uns aus dem Tief des braunen Traumas befreit hatten. Das wird uns aktuell umso mehr bewusst, als dieser große Schutzschild Amerika – Schutz auch unserer Kultur, die in Amerika durch Exilanten überlebte – heute politisch mutwillig von Europa abgezogen wird aus niederen Motiven. Und damit verliert auch das heutige Amerika ein Stück seiner einstigen kulturellen Identität. Im Großen. Im Kleinen, in den Zellen unseres individuellen Kulturbewusstsein allerdings kaum; denn heute kommt ein neues, verjüngtes Juilliard-Quartett zu uns, das diese Tradition fortsetzt. Das gelingt aus einem Grund: weil über alle Geschichte hinweg der Ansatz von Anbeginn stimmte.

Bartóks junge Botschafter

Ein intelligentes Rezept: Man hat die intime und nicht populäre Gattung Streichquartett in die Zukunft gedacht; setzte systematisch auf Balance zwischen Alt und Neu, hörte das Alte neu und präsentierte das Neue, zumal Zeitgenössische aus der amerikanischen Heimat, im Konnex mit der Tradition. Man war klug genug, die Chance der Innovation wahrzunehmen: Nach den ersten Jahren Praxis integrierten die Juilliards das Medium in ihr Denken, den Tonträger. Man zielte selbstverständlich auf dokumentierbare klangliche wie spieltechnische Perfektion und Transparenz. Und da setzten die Gründerväter in weiser Voraussicht nicht die monumentale europäische Klassik ins Zentrum, sondern wählten den „Quartett-Beethoven der Moderne“, Béla Bartók, mit seinen sechs Meisterwerken. Hier konnten sich die Juilliards einerseits traditionsbewusst qualifizieren, weil Bartók das rigoros forderte, und dennoch eine neue Klangsprache sprechen, die auch noch in die jüngste Vergangenheit reichte. Denn in diesem New York war im September 1945 der verzweifelte Flüchtling Bartók gestorben, und hierher hatte er sein Sechstes Quartett als erschütterndes Testament des Abschieds von der Heimat mitgebracht: vier Sätze, deren eigentlich leichte Intention am Schmerz zerbricht, offenbart in immer sich steigernden „Mesto“-Introduktionen, die im Finale zur radikalen Wahrheit werden. Zwischen 1949 und 1952 erarbeiteten die Juilliards ihre heute musterhafte und wahrhaft zur Legende gewordene Aufnahme aller sechs Bartók-Quartette. Und wurden damit Bartóks junge Botschafter weltweit.

Amerikas Musik-Olymp

Nun haben diese Säulen der Juilliard-Quartett-Philosophie aber eben auch eine Mitte, nämlich die amerikanischen Komponisten dieser mehr als sieben Jahrzehnte. Und dabei steht wiederum einer im Zentrum: Elliott Carter, dessen Werk die Juilliards sozusagen durch sein gesamtes Quartett-Leben seit 1951 begleiteten – der Meister ist immerhin 104 Jahre alt geworden. Er unterrichtete Komposition an der Juilliard School und hat fünf reine Streichquartette geschrieben, für jedes Jahrzehnt seit 1951 gleichsam ein Schlüsselwerk, wobei das erste dieser Quartette seine spezielle Musiksprache begründete, eine höchst dialektische, in ihrer Ästhetik nicht fernab von der Philosophie eines anderen berühmten Exilanten im Amerika dieser Zeit: Adorno. Das hat die australische Forscherin Marguerite Boland sehr treffend beschrieben: Carter bringe die menschliche Erfahrung von Opposition und Konflikt in das Oppositionelle seiner musikalischen Interaktion ein. Aus dieser aufregenden Musiksprache sind die Juilliards nicht wegzudenken. Zwei der Quartette haben sie uraufgeführt, und ihre authentischen Aufnahmen wurden mit dem Komponisten erarbeitet. Jedoch ist Carter nur der progressivste, viele weitere amerikanische Komponisten gehören ebenso zur Konfession des Juilliard-Quartetts, natürlich Ives, Copland, Barber – um nur die bekanntesten zu nennen. Gestärkt wurde das Image dieses Quartetts freilich auch durch die Zusammenarbeit mit den Interpretenstars der Neuen Welt seit dem Krieg, man denke nur an Bernstein als Pianist oder, unvergleichlich, an Glenn Gould. Den Glanz dieses amerikanischen Musik-Olymps in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, auf deren Gipfel Legenden wie Toscanini, Horowitz, Heifetz thronten – diesen Glanz brachte das Juilliard-Quartett mit und erhellte damit den Globus.

Sanguinische Direktheit

Mit einer solchen – nahezu mythischen – Vergangenheit als Juilliard-Quartett 2018 in neuer Formation anzutreten, das braucht Mut. Aber der tradierte Geist sanguinischer Direktheit macht’s möglich. Erstmals spielen zwei Frauen im Quartett. Die griechischstämmige Geigerin Arete Zhualla als Primaria und die Cellistin Astrid Schween verbinden sich mit zwei erfahrenen männlichen Quartettmeistern, die seit Jahren die Mitte des Quartetts bilden, Ronald Copes und Roger Tapping. Dieses Juilliard-Quartett kommt nun nach Wien ausdrücklich mit Mozart und Brahms, schließt sich also programmatisch einerseits an Wien an, geht jedoch mit dem Dritten Streichquartett von Benjamin Britten höchst bewusst den eigenen Weg. Mit Brittens Spätwerk von 1975, das wenige Monate vor Brittens Tod vollendet wurde, markieren die neuen Juilliards ein Stück europäischen Schicksals von besonderer Vernetzung. Das Werk geht nicht nur als absolut-musikalisches Vermächtnis des schwerkranken Komponisten mit dem ahnbaren eigenen Tod dezidiert unpathetisch um; es ist vor allem voll Gedenkens: vorab des im August 1975 gestorbenen Freundes Schostakowitsch, als wolle Britten mit ihm in musikalischen Assonanzen über den Tod hinweg sprechen. Man bedenke: Britten hatte 1968 seine Kantate vom „Verlorenen Sohn“ Schostakowitsch gewidmet, dieser darauf im Folgejahr Britten seine Vierzehnte Symphonie, den vollkommenen Dialog mit dem Tod – auch als Antwort auf dessen von Schostakowitsch so bewundertes „War Requiem“. 

Signal der Welt-Überwindung

Und nicht nur das: Britten stärkt mit dem Dritten Quartett figural nochmals seine Beziehung zum späten Bartók – gerade zu den letzten Quartetten, den Werken des Abschieds, jener wundersamen historischen Juilliard-Domäne. Brittens fünfsätziges Opus setzt zwischen zwei tragikomische Scherzi („Ostinato“ und „Burlesque“) eine „Solo“ überschriebene Einsamkeitsinsel, das Ganze fasst er mit komplexen Ecksätzen ein, den „Duets“ und einer großen, mit „Recitative“ eingeleiteten „Passacaglia“, die Vergangenheit und Zukunft ohne Trauer verbinden will, sogar explizit „La Serenissima“ betitelt wird. Ein Signal der Welt-Überwindung. Und das mit gutem Grund. Man sollte nämlich wissen, dass im Juli 1945 Benjamin Britten als Pianist mit Yehudi Menuhin aufbrach in das besiegte Feindesland Deutschland, um dort Musik zu machen für die Überlebenden der Konzentrationslager – Bernd Feuchtner hat dankenswert darauf hingewiesen: „Der Besuch in Bergen-Belsen verstörte den Komponisten zutiefst und löste heftige Fieberattacken aus. Er konnte bis zum Ende seines Lebens nicht über diese Erfahrung sprechen und sagte zu Peter Pears, alles was er danach geschrieben habe, stehe unter diesen Eindrücken.“ Das neue Juilliard-Quartett bekennt sich mit diesem Werk zur Mission, schicksalsträchtige Musik zu vermitteln, die zwar wie alle Musik entsteht, indem sie vergeht, durch unverwechselbare Interpreten jedoch in uns beständig gemacht wird.

Georg-Albrecht Eckle
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.