Der Alleskönner  

John Williams  

Er ist der wohl bekannteste Komponist der Gegenwart: der US-Amerikaner John Williams. Von ihm stammt beispielsweise die Musik zu den „Star Wars“- und den ersten „Harry Potter“-Filmen, zu „Superman“, „Der weiße Hai“, „E.T.“, „Jurassic Parc“ und „Indiana Jones“. Am Pult der Wiener Philharmoniker dirigiert er im Großen Musikvereinssaal einige seiner größten und schönsten Werke.

Vielleicht ist John Williams der Mozart unserer Zeit? Immerhin gibt es einige Parallelen zwischen den beiden Komponisten, denn auch Williams war eines dieser Wunderkinder mit Musikervater. Ein Junge, der sich im Alter von drei Jahren selbst das Notenlesen beibrachte und schon früh mit dem Komponieren begann. Fleißig zu sein, das hatte in seiner Familie einen hohen Wert, möglichst viel zu arbeiten galt viel. Und das erklärt vielleicht auch seinen ungeheuren Output. Denn: Mozart in dieser Hinsicht nicht unähnlich, fragt man sich beim Betrachten seiner unendlich langen Werkliste – die im Übrigen einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat –, wie das alles rein zeitlich überhaupt möglich gewesen sein mag. 

Der Größte aller Zeiten

Der Lohn für sein Schaffen: Williams war für 51 Oscars nominiert, für sechs Emmys, 25 Golden Globes und 67 Grammys. Er ist der größte Filmkomponist aller Zeiten. Doch dass er das einmal werden würde, hätten vermutlich nicht einmal seine Eltern für möglich gehalten. Geboren wurde er 1932 in New York als Sohn eines Jazz-Schlagzeugers. Als er 16 war, zog die Familie nach Los Angeles, wo er die North Hollywood High School besuchte, danach an die University of California und das Los Angeles City College ging und private Kompositionsstunden bei einem italienischen Musiker nahm: bei Mario Castelnuovo-Tedesco, der im Laufe seines Lebens mehr als 200 Filmmusiken schreiben sollte. Mit 19 veröffentlichte Williams seine erste Klaviersonate. Drei Jahre beim Militär schlossen sich an, 1952 bis 1955. Immerhin war er da als Musiker tätig: Er spielte Klavier und Blechblasinstrumente in der U.S. Air Force Band und arrangierte und dirigierte Musik für sie.   

Dauerplatz ganz oben

1955, mit 23 Jahren, verließ er die Army. Er zog nach New York und begann ein Klavierstudium an der berühmten Juilliard School, das er sich mit Auftritten in den zahlreichen Jazz-Clubs Manhattans finanzierte. Da hatte er zwar bereits einiges an E-Musik komponiert, aber sein Auskommen fand er nach seinem Abschluss zunächst in den Filmstudios von Los Angeles: Als „Johnny Williams“ erledigte er dort, was anfiel. Er orchestrierte Entwürfe bekannterer Kollegen, komponierte Musik für TV-Serien, arbeitete als Studiopianist für Jerry Goldsmith („Papillon“, „Das Omen“), Elmer Bernstein („Rauchende Colts“, „Die glorreichen Sieben“) und Henry Mancini („Die Glenn Miller Story“, „Frühstück bei Tiffany“).  Die Galeerenjahre und sein immenser Fleiß zahlten sich tatsächlich aus: Seinen großen Durchbruch erlebte er 1971. Da gewann er für seine musikalische Adaption von „Anatevka“ für die Kinoleinwand seinen ersten Oscar. Nur ein Jahr später bekam er den Goldjungen dann auch für eine eigene Komposition: die Filmmusik zu „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (The Poseidon Adventure). Endgültig in die allererste Liga katapultierte ihn drei Jahre später die Musik zu Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ (Jaws), 1977 die zu „Krieg der Sterne“ (Star Wars) sowie 1982 die zu „E.T.“ – und für alle drei Filme wurde er erneut mit einem Oscar ausgezeichnet. Zu Beginn der achtziger Jahre war John Williams ganz oben angekommen. Der Beste, Umworbenste und Berühmteste seines Metiers. Und das eigentlich Bemerkenswerte daran ist: Dort befindet er sich seitdem, und all das ist er bis heute geblieben. 

Das Geheimnis seines Erfolgs

„John ist niemand, der sich auf seinen Lorbeeren ausruhen möchte“, beschreibt ihn Mark Graham, der seit 1998 als Arrangeur für ihn arbeitet. „Er möchte sich konstant verbessern, sowohl im Hinblick auf die Ausführung als auch im Hinblick auf seinen Schreibprozess.“ Und der Komponist selbst sagt: „Es ist nicht die harte Arbeit, die zum Erfolg führt. Es ist die anhaltende harte Arbeit, die zum Erfolg führt.“ Was er macht, wenn er nicht komponiert? Dann steht er am Pult. Von 1980 bis 1993 war er Chefdirigent des Boston Pops Orchestra, und er kehrt bis heute regelmäßig dorthin zurück. Und wenn er einmal keine eigenen Werke aufführt? Dann gilt seine Zuneigung vor allem seinen Landsmännern George Gershwin, Aaron Copland und Leonard Bernstein. Eine hübsche Anekdote gibt es übrigens aus dem Jahr 1993: Damals fragte ihn Steven Spielberg, längst ein enger Freund geworden, ob er nicht die Musik zu seinem neuen Film „Schindlers Liste“ komponieren wolle. Williams, so die Fama, schreckte zunächst davor zurück – ihm schien die Aufgabe zu groß. Ihm fehlte angesichts des Sujets der Mut. Und sagte angeblich zu Spielberg: „Du benötigst einen besseren Komponisten für diesen Film, als ich es bin.“ Woraufhin dieser antwortete: „Ich weiß. Aber die sind alle tot.“ Williams überwand seine Scheu – und gewann, erneut, einen Oscar. Und bezeichnet den Film heute als seinen liebsten. 

Papier und Bleistift

Wie er komponiert? Das hat er vor zwei Monaten in einem CBS-Interview erzählt: Mit einem Bleistift und Notenpapier. „Als ich studierte, gab es noch keine Computer und Synthesizer und all den anderen Kram. So lernte ich mit einem Bleistift auf Papier zu arbeiten – zwei Handwerkszeuge, die ich bis heute als sehr nützlich empfinde. Wobei ich verstehe, dass sie auf jüngere Menschen irgendwie altmodisch und vielleicht sogar primitiv wirken. Ich weiß, dass nur wenige meiner jungen Kollegen so arbeiten.“ Aber es komme, so Williams, noch ein weiterer, sehr pragmatischer Grund hinzu: Er habe in seinem Leben so viel gearbeitet, dass er schlicht keine Zeit gehabt habe, den Umgang mit der neuen Technik zu lernen. Auf Nachfrage erklärt er dann noch, was er als den ungeheuren Vorteil seiner Methode empfindet: „Bach zum Beispiel, schrieb mit einem Federkiel. So wie er zu komponieren – das ist, als würde man einen Brief mit der Hand schreiben: Die Note oder der Gedanke fließen erst dann auf das Papier, wenn man sich absolut sicher ist. Mein Bleistift ist dem ähnlich, aber natürlich nicht ganz: Ich benutze einen Radiergummi und kann somit bereits Geschriebenes ausradieren, korrigieren und dann ein bisschen anders weitermachen.“ Was öfter einmal vorkomme. Denn ein Bach – das ist er nicht, sagt er. 

Große Oper

Privat hört er übrigens so gut wie nie Musik. Erst recht nicht Brahms, Beethoven und Co. Aus Selbstschutz, wie er ein bisschen ironisch sagt: „Wenn ich mir diese großen Komponisten anhöre, würde ich ja doch nur denken: ‚Oje, das ist so viel besser als alles, was ich selber schreiben könnte!‘ Das ist nicht gerade motivierend.“ Er schreibe rund um die Uhr, und alles andere in seinem Leben trete dahinter zurück, selbst das Familienleben. Auch Musik zu hören ist für ihn nicht entspannend, sondern anstrengend: „Wenn ich zu einer Dinnerparty gehe – was ich ohnehin nur selten tue –, und im Hintergrund läuft Musik, bin ich sofort hellwach und denke: ‚Ah, das ist D-Dur. Und oje, das Fis sollte doch besser ein Fes sein!‘ Und am Ende des Abends bin ich vom innerlichen Korrigieren völlig erschöpft.“ Neoromantisch sei sein Stil, heißt es, inspiriert von den großen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Tschaikowskij vor allem, aber natürlich auch – im Hinblick auf seine leitmotivische Arbeit – Richard Wagner. Manche Hörer erinnert seine „Star Wars“-Musik an Gustav Holst und Erich Wolfgang Korngold, und „Can You Read My Mind?“ aus „Superman“ an Richard Strauss’ „Tod und Verklärung“. Und so haben viele Musiker – der prominenteste unter ihnen ist Kent Nagano –, mittlerweile auch nur noch einen Wunsch an den 87-Jährigen: Er möge doch bitte endlich, endlich eine Oper komponieren. Was John Williams selbst dazu sagt? Er weicht charmant aus. Wenn ihm ein Libretto unterkäme, das passe, könnte man ja mal sehen. 

Margot Weber
Margot Weber arbeitet als freie Journalistin und Dramaturgin und lebt in München.