Das erträumte Haus

150 Jahre Musikverein 

Der Musikverein. Das Gebäude, das die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien 1870 eröffnen konnte, ist zum Synonym für den Verein selbst geworden. Ein Synonym auch für die Liebe zur Musik.

Der Musikverein hat Geburtstag. Ja, so darf man es sagen – gegen alle möglichen Einwände strenger Sprachrichter oder kleinlicher Korrektheitsfanatiker. Die würden formulieren: Das Haus der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wird 150 Jahre alt. Punktum. Denn erstens, das wäre ihnen wichtig, kann ein Gebäude doch bitte keinen Geburtstag haben. Und zweitens sei der Musikverein ja eigentlich nur der Verein selbst, also die im Vereinsregister eingetragene Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Ihr Haus müsse also das Musikvereinsgebäude heißen, und folglich begehe man nun den 150. Jahrestag der Eröffnung desselben. So weit richtig – so weit falsch, denn schon bald war die Gesellschaft der Musikfreunde gedanklich so eng mit ihrem Haus verbunden, dass sich auch dafür der Name Musikverein einbürgert hat. Und tatsächlich: Was wäre dieses Haus ohne die Gesellschaft der Musikfreunde und was die Gesellschaft ohne ihr Haus? Die Synthese drückt sich aus durchs Synonym. Der Musikverein ist beides: der Verein und das Haus. Und gleich noch eine sinnstiftende Wendung vollzieht die Sprache, führt sie doch hinaus aus dem rein Sächlichen. Das Haus, das Gebäude – es bliebe ein Neutrum. Der Musikverein aber gewinnt mit dem Genus auch Gestalt, als wäre er eine Person. Und da darf dann auch wirklich gefeiert werden. Eben. Der Musikverein hat Geburtstag.

Grandezza und Generosität

Reizvoll, sich diesen Musikverein auch weiblich zu denken – auf der Brücke des Romanischen, la casa, la maison: la Musikverein. Auch das würde gut passen, sich ihn so zu denken, pardon, natürlich sie. Was wäre sie, so gesehen? Eine Diva? Gut möglich, aber eine ohne Allüren. Eine Primadonna? Ja, selbstverständlich: eine Erste Dame mit Strahlkraft und Glanz, mit Wärme in der Stimme und Feinsinn fürs Ensemble. Großes Charisma wäre ihr zu attestieren, Eleganz und Noblesse, Grandezza und Generosität. Dieses Wort – darf ich ganz persönlich werden? – ist mir jetzt nur deswegen eingefallen, weil der junge Dirigent Lorenzo Viotti es soeben verwendet hat, bei Proben mit den Wiener Symphonikern und dem Singverein im Goldenen Saal. „Mehr Generosität“ wollte er hören bei Verdis „Quattro pezzi sacri“. Ein rares, köstliches Wort, das in diesem Raum eine besondere Aura entfaltet. Generosität, das meint ein großmütiges Sich-Lösen, ein großherziges Sich-öffnen-Können im Vertrauen auf die Resonanz. Und die ist so groß und tief an diesem Ort! 1898 wurden hier, im Großen Musikvereinssaal, die „Quattro pezzi sacri“ zum ersten Mal in ihrer endgültigen Gestalt aufgeführt. Verdi war bei dieser Premiere nicht persönlich anwesend, aber das Haus hatte er zuvor schon kennen und lieben gelernt. Sein Besuch führte ihn in alle möglichen Winkel des Gebäudes, er lauschte entzückt einem Konzert von Studierenden, er studierte beglückt Autographe im Archiv ... Man muss die historischen Details nicht kennen, aber man spürt es auf Schritt und Tritt: Im Musikverein lebt die Geschichte. Sie klingt und schwingt mit, wenn man die rechte Tönung dafür findet. Hingabe gehört dazu, Wissen, Respekt und Leidenschaft. Und Generosität. Der Musikverein gibt sie dann aufs Generöseste zurück.

Behausung und Behauptung

Drei Jahre, bevor Verdi dem neu gebauten Musikverein seine Aufwartung machte, war Richard Wagner schon hier. 1872 dirigierte er ein großmächtig angelegtes Konzert zu Spitzenpreisen – die enormen Einnahmen spielten Geld in die Kassen seines eigenen Bauprojekts auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Überhaupt: Der Wunsch, sich in großem Stil neu zu beheimaten, regte sich mächtig in dieser Zeit. Wagner, 1813, im selben Jahr wie der Musikvereinsarchitekt Theophil Hansen geboren,  konnte noch vor der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses seine Villa beziehen, die er mit dem bedeutungsschwangeren Spruch zieren ließ: „Hier wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt.“ So pathetisch hätte man es im vier Jahre zuvor eröffneten Musikverein nicht sagen wollen. Aber wer hätte bestritten, dass dieses Haus eine Sehnsucht stillte und lang gehegte Wünsche erfüllte? Schlichte Notwendigkeiten waren ein Antrieb zum Neubau: Das 1831 in der Wiener Innenstadt, in den Tuchlauben Numero 12, eröffnete erste eigene Haus der Gesellschaft der Musikfreunde war schon bald wieder zu eng geworden für Konzertbetrieb, Archiv und Konservatorium – man brauchte einfach mehr Platz für die vielen Zwecke, denen sich die Gesellschaft verschrieben hatte. Aber nicht nur ums bloße Platzbedürfnis ging es, als sich die Musikfreunde im Bauboom der Ringstraßenzeit zu Wort meldeten. Man wollte zeigen, wer man war. Ein Haus kann eben mehr sein als nur eine Behausung. Es ist auch eine Behauptung: ein Zeichen vor der Welt, dass man Raum für sich und seinen Wert beansprucht. Den Hochburgen der kaiserlichen Kunstpflege waren solche Plätze zugewiesen worden, Hofburgtheater und Hofoper durften als Großbauten an der Ringstraße prangen. Mit ihnen wollte die Gesellschaft der Musikfreunde in den Ring treten. Selbstbewusst suchte sie die Begegnung auf Augenhöhe – mit gutem Grund, auf gutem Grund. Ihr neues Haus sollte deutlich machen, dass die 1812 auf Privatinitiative gegründete Gesellschaft der Musikfreunde zu der Pflegestätte klassischer Musik in Wien geworden war. Eine Institution von Weltrang, schon damals.

Wo die Götter gerne weilen

Es brauchte etliches an Nachdruck und Geduld, bis die Musikfreunde mit ihrem Wunsch durchdrangen und ein Grundstück zugewiesen bekamen. Bei der Ausschreibung für ihr Bauprojekt gaben sie sich dann betont bescheiden. Ausdrücklich wiesen sie darauf hin, „daß bei der Lösung des künstlerischen Theils der Aufgabe, im Einklange mit den zu Gebote stehenden Geldmitteln, würdevolle, aber entschiedene Einfachheit, mit Ausschluß alles reichen artistischen Schmuckes, eine gebietherische Bedingung ist“. Dass sich Musikvereinsarchitekt Theophil Hansen dann nicht an die Vorgabe hielt, ist aufs Schönste offenkundig. Der artistische Schmuck im neuen Haus fiel wahrlich reich aus, aber – und das war das Wesentliche – er war kein aufgesetzter Flitter, kein oberflächliches Dekor, sondern konsequente Ausdeutung einer Idee. Und die entsprach durchaus der Intention einer „würdevollen, aber entschiedenen Einfachheit“. Die Feier der Musik ist das Thema des Musikvereins. Keine Figur aber könnte das Vermögen dieser Kunst stärker symbolisieren als Orpheus, der mythische Sänger. Auf ihn bauen Wiens Musikfreunde, ihm ordnen sie ihr Bauwerk zu. Die Giebelfigur an der Hauptfront zeigt es deutlich: Der Musikverein stellt sein Wirken unters Dach des Orpheus. Apoll, der Gott der Musen, sekundiert ihm im Goldenen Saal. Und noch bis ins kleinste, kaum merkliche Detail zieht sich die Symbolik der orphischen Kunst. In diesem „Tempel“, schrieb denn auch die „Neue freie Presse“ nach der  Eröffnung, sei die „göttliche Musica“ zu Hause, „einem Tempel ..., in dem sie so gerne weilen wird, wie einst die olympischen Götter in ihren schönen Heiligthümern auf der Erde“.

Wärme und Geborgenheit

Doch nicht nur die Götter weilen gerne hier (wie wir mit gutem Grund bis heute annehmen dürfen), auch die Menschen. In all seiner Größe kommt ihnen dieses Haus nicht großmächtig und einschüchternd entgegen. Es strahlt Wärme aus und gibt Geborgenheit. „Das erträumte Haus muss alles enthalten“, sagt der französische Philosoph Gaston Bachelard in seiner „Poetik des Raumes“. „Es muss, mag es auch noch so weiträumig sein, zugleich eine Hütte, ein Taubenleib, ein Nest, eine Schmetterlingspuppe sein. Die Intimität braucht das Herz eines Nestes.“ Der Musikverein ist ein solches erträumtes Haus. Und es hat, bleiben wir bei Bachelards poetischer Formulierung, „das Herz eines Nestes“. Dass sich das Bergende und Intime heimisch machen konnte, dafür hat Hansens feinsinnige Architektur den Grund gelegt. Aber noch tiefer ist es begründet im Geist, in dem dieses Haus bis heute gepflegt, bespielt, ja bewohnt wird. Es gelte – auch das sagt Gaston Bachelard –, „in jeder Wohnung, sogar im Schloss, die Muschel des Anbeginns zu finden“. Und dieser Beginn ist: dass Musikfreunde sich versammeln, um ihre Liebe zur Musik zu leben. 1812 fanden sie sich im Musikverein zusammen, 1870 bauten sie ihr erträumtes Haus, den Musikverein. Jetzt hat er Geburtstag. Und wir alle Wünschen von Herzen Glück dazu! 

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

Das Buch zum Jubiläum

Der Musikverein in Wien. Ein Haus für die Musik

Das Buch zum 150-Jahr-Jubiläum des Musikvereins schaut hinter die Kulissen und öffnet Türen. Autor Joachim Reiber und Fotograf Wolf-Dieter Grabner zeigen den Musikverein als Erlebnisraum und Ideengebäude, als Ort der Begegnung und der Inspiration. Faszinierende Fotos rücken diese Welt der Musik neu ins Bild. Eva Angyan hat Stimmen von Künstlern eingeholt, die auf ihre Weise zeigen, was dieses Haus zum Herzstück der Musikstadt macht.
Erhältlich im Shop des Musikvereins oder online per Bestellformular

Styria Verlag • 224 Seiten • € 30,00