Beethoven auf Seitenwegen 

Musikalische Schätze aus dem Musikvereinsarchiv 

Im Jahr 2020 stehen die Konzerte des Zyklus „Nun klingen sie wieder“ ganz im Zeichen Ludwig van Beethovens. Ans Licht geholt werden musikalische Raritäten, die den Blick auf den Jahresregenten schärfen und die ebenso zu den hauseigenen Beständen zählen wie die Instrumente, auf denen sie interpretiert werden. Daniel Ender hat Archivdirektor Otto Biba dazu befragt.

Auf einmaliger historischer Grundlage – was die reichen Bestände der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien betrifft, aber auch das schier unerschöpfliche detailreiche Wissen, über das Archivdirektor Prof. Otto Biba verfügt – lädt „Nun klingen sie wieder“ unter dem Motto „Beethoven auf Seitenwegen“ zum Jänner-Termin. Nicht weniger als siebzehn Mal hat die Gesellschaft der Musikfreunde unter dem Titel „Nun klingen sie wieder“ seit 2003 jeweils vierteilige Konzertreihen rund um die historischen Instrumente aus den hauseigenen Sammlungen veranstaltet. Seit dieser Saison ist aus der Reihe ein eigener Zyklus entstanden, den ein Abend im Gläsernen Saal mit bekannten Werken des Jahresregenten 2020 in ungewöhnlichem Klanggewand flankiert. Im März folgt mit einem Abend „Beethoven auf dem Hammerflügel“ ein weiterer Termin für den Wahlwiener aus Bonn. 

Herr Prof. Biba, Ludwig van Beethovens Name wird 2020 im Zuge seines 250. Geburtstags in der Musikwelt in aller Munde sein ... 

Als Privatmann habe ich ein bisschen meine Probleme mit Jubiläumsjahren. Das ist keine Kritik. Ich finde es schon wichtig, noch einmal zu schauen, wie Beethoven – den ich in manchem etwas anders sehe, als es in den meisten Büchern erzählt wird – im Jahr 2020 in maßgeblichen Interpretationen gespielt wird. Leopold von Ranke hat gesagt, dass sich jede Generation ihre Geschichte schreiben muss, und so muss sich auch jede Generation ihre eigenen musikalischen Interpretationen schaffen. Für uns heute ist es ganz witzig, sich die maßgeblichen Interpretationen des Bach-Jahrs 1950 oder des Mozart-Jahrs 1956 anzuhören. Vielleicht wird man auch über uns Heutige einmal lächeln.  

Gehe ich recht in der Annahme, dass der Titel „Beethoven auf Seitenwegen“ nicht auf abgelegene Spaziergänge in Nussdorf oder im Helenental abzielt?

Natürlich. Am Beginn des Beethoven-Jahrs wollten wir etwas Besonderes machen. Ich würde keinen Sinn darin sehen, dieselben Werke zu spielen, die landauf, landab das ganze Jahr über gespielt werden, sondern etwas, was ansonsten auf der Strecke bleibt. Ich möchte mich bemühen, in einem Jubiläumsjahr etwas für einen Komponisten zu tun, das nicht ohnehin passiert: Gattungen und Werke, die es im Repertoire aufgrund äußerer Voraussetzungen schwer haben. Daher spielen wir die englischen, schottischen und walisischen Liedbearbeitungen von Beethoven – jene von Haydn hört man übrigens praktisch auch nie! Diese Stücke passen nicht ins Raster und kommen unter die Räder, sind aber meiner Meinung nach für das Verständnis von Beethoven sehr wichtig. Sie mit modernen Instrumenten zu spielen hielte ich für schwierig: Mit einem Steinway und Streichern mit Stahlsaiten klingen sie viel zu gewichtig. Es ist eine ganz einfach gesetzte Musik, die mit unseren historischen Instrumenten wunderbar klingt.

Inwieweit benötigen die gängigen Beethoven-Erzählungen eine Korrektur?

Was so in Schlagworten über Beethoven erzählt wird – im Zusammenhang mit der Französischen Revolution und der Entwicklung des Bürgertums –, das stimmt alles so nicht. Kein Komponist hat sich das ganze Leben so an den Adel gehängt wie Beethoven – als Freischaffender ging es damals nicht anders, also hat er immer adelige Mäzene gesucht, was ja nichts Verwerfliches ist. Jede Symphonie ist einem Adeligen gewidmet, viele Werke sind über Aufträge von Adeligen entstanden. Da gibt es von ihm etwa Sonaten für Mandoline und Klavier für die Gräfin Clary-Aldringen, die als „Gelegenheitswerke“ fast niemand je zur Kenntnis genommen hat. Auch so etwas kann man im Konzertbetrieb kaum unterbringen. Für besondere Feinspitze: Wir haben eine Wiener Mandoline, die nicht den typischen Doppelschlag hat und ganz anders klingt! 

Das Volkstümliche und Populäre steht in diesem Konzert im Mittelpunkt. Welchen Stellenwert sehen Sie darin für Beethoven?

Wir spielen etwa die Variationen für Klaviertrio nach dem Lied „Ich bin der Schneider Kakadu“ von Wenzel Müller – eine volkstümliche Melodie, die damals jeder gesungen hat. Dieses Werk wird sonst kaum einmal gespielt, weil es üblicherweise heißt: Wenn schon Klaviertrio, dann ein „richtiges“! Genauso wenig Berücksichtigung finden normalerweise die Variationen für Cello und Klavier über ein Thema aus „Judas Maccabäus“. Händels Oratorium war damals ungeheuer populär, auch andere haben Variationen darüber geschrieben. Händel war für Beethoven der größte Komponist, der jemals gelebt hat. Von dem nimmt er ausgerechnet ein ganz einfaches Thema aus einem Oratorium, das damals politisch stark befrachtet war. Warum? Es ist eine Huldigung an Kaiser Franz. England befand sich im Krieg gegen Napoleon, Österreich war mit England verbündet – daher war das eine politische Botschaft der Verbündeten gegen Napoleon. In manchen Beethoven-Büchern steht, er habe damit Napoleon huldigen wollen – das ist in diesem Zusammenhang vollkommen widersinnig. Ich denke, solche Ansätze kann das Beethoven-Jahr als Denkanstoß gebrauchen!

Im Gläsernen Saal stehen sehr bekannte Werke wie die Siebte und Achte Symphonie sowie „Wellingtons Sieg“ in ungewöhnlicher Besetzung auf dem Programm. 

Ja, in zeitgenössischen Klaviertrio- und Streichquintettbearbeitungen, die unter Beethovens Augen oder mit seiner Zustimmung entstanden sind. Wie oft konnte man groß besetzte Werke damals hören? Nur ganz selten. Man kannte die Werke dennoch sehr gut, weil die eigentliche Rezeption über Bearbeitungen stattgefunden hat. Von der Zweiten Symphonie und vom Septett hat Beethoven noch selbst Bearbeitungen für Klaviertrio geschrieben, später hat er das andere machen lassen. So funktionierte die Popularisierung des großen Komponisten in allen Schichten. Auch der Fürst Lobkowitz hatte nicht ständig ein großes Orchester zur Verfügung und hat diese Werke ebenfalls in Kammermusikbearbeitungen gehört – oder selber auf der Geige mitgespielt. In der Heroengeschichtsschreibung und in der Rezeption hat seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das häusliche Musizieren überhaupt keinen Platz. Da ist das ursprünglich positiv verstandene Wort Dilettant bereits zum Schimpfwort und der Meister über alle anderen überhöht worden. 

Mit der Überhöhung des Meisters einher ging eine Überhöhung der Meisterwerke. Alles andere wird marginalisiert. 

Ja, da gilt nur noch das als gut, was für den Konzertsaal entstanden ist – und wird vergessen, dass auch die Streichquartette ursprünglich für das private Milieu entstanden sind, als Hausmusik. Erst Beethovens späte Quartette mussten überhaupt intensiv geprobt werden, früher konnte dieses Repertoire beim häuslichen Musizieren von guten Musikern vom Blatt gespielt werden. Es ist schon ganz gut, auf diese Entwicklung hinzuweisen. Ich habe übrigens manchmal ein Problem mit modernen Streichquartetten, weil alles so einstudiert wirkt: natürlich perfekt, aber ist das wirklich noch spontanes Musizieren? Ich weiß nicht so recht. 

Wie entstehen eigentlich Ihre Programme?

Welcher andere Konzertveranstalter kann schon aus dem eigenen Fundus auf wirklich historische Instrumente zurückgreifen, dazu auf musikalische Autographe und die Quellen zur Musik? Ich bemühe mich aber, nicht nur besondere Instrumente und ein einmaliges Klangerlebnis zu erzielen, sondern jedem Programm ein Motto zu geben. Der Ausgangspunkt sind immer die vorhandenen Instrumente, die auch spielbar sind. Ich freue mich immer, wenn ich eines restaurieren lassen kann. Manche sind aber Dokumente der Aufführungspraxis, bei denen man durch eine Restaurierung mehr zerstören als retten würde. Ich versuche bei jedem Konzert, auf Abwechslung und Vielfalt zu achten. Und dann schaue ich darauf, möglichst eine Brücke zum Fundus des Archivs zu schlagen: zu Autographen, frühen Drucken und anderen Dokumenten. Und ein schönes Thema suche ich auch immer. Wenn es gelingt, Leben hineinzubringen, und das, was mir Freude macht, anderen „rattenfängerartig“ auch näher zu bringen, dann ist das ideal. 

Benötigt der Umgang mit den alten Instrumenten nicht eine ungeheure Erfahrung und Sensibilität?

Es gibt da immer wieder Herausforderungen, zum Beispiel durch die unterschiedlichen historischen Stimmtonhöhen, die ja erst Ende des 19. Jahrhunderts vereinheitlicht wurden. Geigen kann man etwas anpassen, Blasinstrumente nicht. Wir haben auch schon versucht, eine Gambe mit Stimmhöhe 415 Hertz mit einer Flöte in der Höhe von 437 Hertz zusammenzuspannen – das ging einfach nicht. Bei der Gambe wäre der Klang unschön geworden, und es hätte die Gefahr bestanden, dass die Saiten reißen. Auf solche Dinge muss man auch immer Rücksicht nehmen. Unsere Instrumente sind auch viel schwieriger zu spielen als Nachbauten: Da haben die Trompeten zum Beispiel Grifflöcher, und alte Exemplare haben das nicht. Die Erwartungen der Hörer sind aber sehr hoch, und es braucht sehr hohen Einsatz der Musiker und sehr viel Idealismus. Wenn sie nach Stundensatz bezahlt würden, könnten wir das Projekt nicht machen. Belohnt wird man allerdings mit einem unerschöpflichen Klangreichtum: Es geht ja bei Musik bei weitem nicht nur um Tonfolgen und Harmonien, sondern um eine ganze Welt des Klangs!

Das Gespräch führte Daniel Ender.
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender verfasste Monographien über Richard Strauss und Beat Furrer und schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“. Seit 2015 arbeitet er für die Alban Berg Stiftung, seit 2018 als Generalsekretär.