Offene Herzen

Zum Tod von Mariss Jansons

In Worten ist nur schwer zu sagen, was dieser Verlust für die Musikliebenden in aller Welt bedeutet. Mariss Jansons, den Musikfreunden Wiens auch als Ehrenmitglied verbunden, starb am 1. Dezember 2019 im Alter von 76 Jahren in St. Petersburg.

„Komm! ins Offene, Freund!“ Wie oft hat uns Mariss Jansons, als Freund, ins Offene geführt. Er, der Freundlichste unter den Dirigenten. Zugleich, in einem Atemzug und Herzschlag, auch der, der sich mit der innigsten Unablässigkeit auf die Mühen des Weges einließ. Es ist nicht der bequeme Pfad, der ins wahrhaft Offene führt. Es braucht, das war sein Credo, größtmögliche Anstrengung, Disziplin und Fleiß, um – vielleicht – das Tor zum Wesentlichen zu finden und die Seelen zu weiten für das Andere, das jenseits liegt.

„Darum hoff ich sogar“, heißt es bei Hölderlin, „es werde, wenn ... erst unsere Zunge gelöst,/ Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,/ Und von trunkener Stirne höher Besinnen entspringt./ Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,/ Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.“ Das Hölderlin-Wort hat eine besondere Resonanz, wenn man an Mariss Jansons denkt. Das Herz hat er uns aufgehen lassen. Und leuchtend, so darf man es mit dem Dichter sagen, zeigte sich offen der Himmel dem offenen Blick.

„Im Konzert“, erklärte Mariss Jansons selbst einmal, „muss man diese spirituelle Sehnsucht durchscheinen lassen.“ Er konnte, auch im Deutschen, feinsinnig über die tragenden Kräfte seines Musizierens sprechen, aber gerade auch deshalb wusste er um das Unzulängliche des Worts für seine Kunst. „Meine Erfahrung ist es“, sagte er dem Journalisten Axel Brüggemann, „dass weder die eigentliche Arbeit eines Interpreten noch der Sinn eines Musikstückes sich in einer andern Form als der Musik selbst vermitteln lassen. Ein bisschen kommt mir jedes Gespräch über die Geheimnisse der Musik vor wie ein Gespräch über die Frage, warum wir leben. Das sind Themen, die einfach zu groß für meine Möglichkeiten des Wortes sind.“

„Warum hast du gelebt? Warum hast du gelitten? Wir müssen diese Frage(n) auf irgendeine Weise lösen, wenn wir weiter leben sollen – ja sogar, wenn wir nur weiter sterben sollen!“ Das war das Wort Gustav Mahlers zu seiner Zweiten Symphonie. Und die Antwort, die Mahler hier gab, diese hymnische Auferstehenszuversicht, fand in Mariss Jansons den denkbar glühendsten Anwalt. Freilich: In seiner Neunten Symphonie, so Jansons, „beschreibt Mahler ziemlich klar, dass es so etwas wie den vollkommenen Tod durchaus geben könnte. Wenn wir das verstehen, wissen wir, dass ein Großteil der Musik selbst eine Art Glaubensfrage ist.“

Woran glaubte er? Die Musik, das war Jansons’ Überzeugung, ist die Sprache der Seele und damit auch eine Brücke zu Gott. „Ich persönlich glaube an Gott, und ich glaube, Gott entscheidet den Weg. Gott sitzt in deiner Seele.“ In einer Fernsehdokumentation, die 2011 in Österreich entstand, kann man Jansons diese Sätze sprechen hören – der Film bleibt uns als eines der kostbarsten Dokumente dieses wunderbaren Musikers und Menschen. „Und ich glaube“, sagt Mariss Jansons hier auch, „nur Gott weiß, was richtig ist, aber du selbst bist verantwortlich für dein Leben.“ Das war ein Schlüsselbegriff seines Daseins: Verantwortlichkeit. Jansons fühlte sich zutiefst verantwortlich – den Werken wie den Menschen gegenüber, die ihm anvertraut waren. Jede Anmaßung war ihm fremd, sein Maß war das Humane. Ehrlichkeit verband sich mit Ehrfurcht. Auch dafür wurde er verehrt, geschätzt und geliebt.

„Es gibt, so weit ich weiß, keinen Dirigenten, der je etwas Schlechtes über Mariss Jansons geäußert hätte“, sagt Musikvereinsintendant Dr. Thomas Angyan. „Und Mariss Jansons hat nie ein einziges schlechtes Wort über einen seiner Kollegen verloren.“ Seit Mitte der 1980er Jahren kannten sie einander – aus dem künstlerischen Kontakt wurde eine Freundschaft, die, wie Thomas Angyan sagt, „weit übers Berufliche hinausging“. Man traf sich regelmäßig im Urlaub und verbrachte lange Abende mit Gesprächen, in denen es wohl auch um Musik ging (wie hätte es anders sein können!), aber kaum ums Planerische. Das wurde bei anderer Gelegenheit vorangebracht, mit größter Intensität und schönster Konsequenz. In den vergangenen drei Jahrzehnten war Mariss Jansons, um es nüchtern zu sagen, einer der meistbeschäftigten Dirigenten im Wiener Musikverein. Aber wer würde es schon so sagen wollen? Er war einer der Meistgeliebten, ohne ein Publikumsliebling zu sein. Das Wort hätte nicht auf ihn gepasst. Die Liebe, die Mariss Jansons zu wecken wusste, ging weit über alles Lieblingshafte hinaus.

Im Musikverein war es schon 1978 zu seinem Debüt gekommen. Jewgenij Mrawsinkij, der legendäre Chefdirigent der Leningrader Philharmoniker, erkrankte während eines Wien-Gastspiels. Sein Assistent, der damals 35-jährige Mariss Jansons, sprang ein. 1979 wurde Jansons selbst Chefdirigent – in Oslo. Seine phänomenale Arbeit katapultierte ein vermeintliches Provinzorchester auf einen Spitzenrang im internationalen Konzertleben. Mitte der achtziger Jahre brach das junge Dream-Team erstmals nach Wien auf. Die etablierten Konzertveranstalter trauten sich noch nicht so recht – so war der damalige Jeunesse-Generalsekretär Thomas Angyan zur Stelle und engagierte Jansons und das Oslo Philharmonic Orchestra für ein Jeunesse-Konzert im Musikverein. 1989 – Angyan war inzwischen Intendant des Musikvereins geworden – spielten die Osloer unter Jansons erstmals in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde, und sie kehrten von nun an nicht nur regelmäßig wieder, sondern gestalteten 1997 auch die erste jener großangelegten Orchesterresidenzen, wie sie für Angyans Ära im Musikverein prägend werden sollten. Fünf Konzerte en suite waren das, gekrönt von Aufführungen des Verdi-Requiems und der Zweiten Symphonie von Gustav Mahler, jeweils mit dem Wiener Singverein. Sternstunden auch für den Chor! Die Beziehung des Dirigenten zum Haus blieb eng und intensiv, auch als Jansons Chefdirigent in Pittsburgh, Amsterdam und München wurde. Er kehrte wieder mit all seinen Orchestern – und es waren, ohne Einschränkung, seine Orchester, Herzensgemeinschaften der ihm Zugetanen. Dazu gehörten bald auch die Wiener Philharmoniker.

Ihre Wertschätzung, ihre Liebe zu Jansons zeigten sie auch, als sie Jansons ans Pult ihres Neujahrskonzerts baten. 2006, 2012 und 2016 begann das neue Jahr in Wien mit der tiefgründigsten Leichtigkeit und fundiertesten Eleganz, die sich denken lässt. Auf sein erstes Neujahrskonzert bereitete sich Jansons mit nahezu sagenhafter Akribie vor. 800 Werke der Strauß-Dynastie sollen es gewesen sein, die er studierte, um auch den Kontext zu kennen, drei Monate lang, heißt es, ging er zwölf Stunden täglich Partituren durch und hörte Aufnahmen von Kollegen – wie er ja überhaupt gern Proben anderer besuchte, einfach um zu lernen und zu lernen. Sein Ethos verbot ihm jede Art von Stillstand und Selbstgenügsamkeit. Der Große Musikvereinssaal mochte vor Jubel beben nach seinen Konzerten – doch als Jansons im Beifallsorkan vom Podium ging und am Intendanten vorbei durch die Bühnentür kam, fragte er ihn fast jedes Mal: „Thomas, war es gut?“

Dass es gut sei, so gut wie möglich und immer besser werde mit jedem Mal – das war und blieb sein Anspruch. Begonnen hatte sein Künstlerleben mit dem Streben, ja mit dem Druck, dass er gut sein müsse. Mariss Jansons war der Sohn eines berühmten Vaters. Arvid Jansons, nach einem Wettbewerbserfolg als Zweiter Dirigent zur Leningrader Philharmonie berufen, zählte zu den bedeutendsten Musiker¬persönlichkeiten der Sowjetunion. Der Junge, der in seine Fußstapfen trat, wurde an ihm gemessen. Die frühen Jahre des Mariss Jansons standen auch unter der Frage, ob er so gut sei wie er. Hinaus, ins Offenere, kam er nach einem Meisterkurs, den Herbert von Karajan 1968 in Leningrad leitete. Karajan wurde auf den jungen Jansons aufmerksam. Er tat das Seine, um Jansons im Jahr darauf nach Österreich zu bringen, wo er in Wien bei Hans Swarowsky studieren und bei Karajan in Salzburg assistieren konnte. „Es waren“, erinnerte sich Jansons, „die glücklichsten Jahre meiner Jugend.“ Und dieses Wien, die Musikstadt mit dem Musikverein inmitten, wurde eine große Liebe für ihn. Es sind, auch bei den Orten, die Jugendlieben, die ein ganzes Leben prägen.

„Komm! ins Offene, Freund!“ Dass Mariss Jansons die Herzen so weit öffnen konnte, mag auch zu tun haben mit den Engen, denen er entkam. Das System der Sowjetunion, in dem er aufwuchs, bot wohl ein Nonplusultra an Ausbildung für den Hochbegabten, aber Diktatur und Totalitarismus weckten die Sehnsucht nach dem Entkommen. Noch tiefer war der Schatten, der über seiner Geburt in Riga lag. Mariss Jansons kam am 14. Jänner 1943 in einem Versteck zur Welt. Seine Mutter, eine Jüdin, hielt sich darin verborgen – ihr Vater und ihr Bruder waren von deutschen Besatzern ermordet worden. Aus all dem heraus fand Mariss Jansons einen Weg der tiefmenschlichen Wärme und Güte. Er könne seinen Eltern nur dankbar sein, sagt Mariss Jansons in dem erwähnten Filmportrait. Am Strand nahe seines Elternhauses in St. Petersburg sitzt er da, vor dem weiten Meer unterm bewölkten Himmel. „Sie haben mich, ohne Druck, in diese Richtung gebracht. Es ist wie ein Sonnenstrahl, der dir zeigt: Geh du diesen Weg!“

„Ich glaube, man muss nach Vollkommenheit streben“, davon war Mariss Jansons überzeugt. „Das ist, glaube ich, überhaupt die Aufgabe für uns Menschen – auch wenn wir sie vielleicht nie erreichen.“ Was bleibt, ist das Offene. Und die Hoffnung, dass die Vollendung in einem Ende liegen könnte, das kein Ende ist. Gustav Mahler lässt davon singen und klingen in seiner Zweiten Symphonie. „O glaube! Mein Herz, o glaube: Es geht dir nichts verloren!“ Keiner hat uns die Herzen dafür so geöffnet wie Mariss Jansons.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.