Einfach nur singen

Peter Kellner

Der junge slowakische Bass Peter Kellner hat sich auf internationalen Opernbühnen bereits bestens etabliert. In der Reihe „Liedbühne“ präsentiert sich das Staatsopern-Ensemblemitglied dem Wiener Publikum nun auch als Liedsänger.

Zum Gespräch kommt Peter Kellner direkt aus der Staatsoper. Hier gehört er seit der vergangenen Saison dem Ensemble an und probt gerade für die Neuproduktion von Beethovens „Leonore“ – parallel zur aktuellen Aufführungsserie des „Don Giovanni“, in der er an der Seite von Ludovic Tézier den Leporello singt. Allein an diesem Haus hat der Dreißigjährige in kürzester Zeit zwölf Partien in Opern von Georg Friedrich Händel bis Gottfried von Einem gesungen. Und hier stand er auch im Festkonzert zum Jubiläum 150 Jahre Wiener Staatsoper auf der Bühne.

Mit zwei Händen ...

Ob sich der Großvater damals, daheim im kleinen slowakischen Dorf nahe der Stadt Poprad am Fuße der Hohen Tatra, hätte träumen lassen, dass sein Enkel dereinst als klassischer Sänger Karriere machen würde? Wohl kaum – wenngleich es sein Verdienst war, dass Peter Kellner schon im Volksschulalter Klavierunterricht an der Musikschule im Nachbarort erhielt und hier auch im Chor sang. „Mein Großvater wollte, dass ich in der Kirche Orgel spiele“, erinnert sich der junge Bass. „Und er meinte, das sei leicht verdientes Geld. Da kommt ein Musiker, spielt ein bisschen und bekommt hundert Kronen auf die Hand. Aber so einfach ist das natürlich nicht.“ Das Singen war präsent in der Familie („Mein Großvater hatte eine schöne Stimme, auch mein Vater und meine Mutter, die in einem Chor sang“) und überhaupt in seinem Umfeld. Volkslieder begleiteten das tägliche Dorfleben, Veranstaltungen, Hochzeitsvorbereitungen und -feste. Und das Singen, es klingt im Gespräch durch, bereitete Peter Kellner auch an der Musikschule mehr Freude als das Klavierspielen. „Wer will schon Czerny-Etüden üben“, stellt er die rhetorische Frage. „Alle diese Etüden und so (er singt eine Bach-Invention). Wenn man das eingeübt hat, macht es richtig Spaß. Aber bis man dahin kommt! Mit einer Hand ist es einfach, aber dann kommt noch die andere dazu ...“ 

... und einer Stimme

Da trifft es sich gut, dass der Mensch nur eine Stimme hat. Als es nach dem neunten Schuljahr zu entscheiden galt, in welche Richtung der weitere Ausbildungsweg führen sollte, empfahl die Klavierlehrerin ein Gesangsstudium am Konservatorium in Košice. „Ich hatte schon im Chor gesungen und an einigen Wettbewerben teilgenommen – an Volkswettbewerben und ,Superstar‘-Wettbewerben nach amerikanischem Vorbild. Einen davon habe ich gewonnen, da war ich zwölf, dreizehn Jahre alt. Ich habe Poplieder gesungen: slowakische, aber auch Robbie Williams und so.“ Die Tochter der Klavierlehrerin studierte in Košice am Konservatorium, und über deren Mitbewohnerin, eine Sängerin, wurde der Kontakt zu Michael Adamenko hergestellt, der am Konservatorium Gesang unterrichtete. „Ich wusste nicht, was klassischer Gesang ist“, sagt Peter Kellner schlicht. „Ich wollte Pop singen.“ Doch die Faszination, die von Adamenko ausging, war groß genug, die Neugier zu wecken: „Er hat mir etwas vorgesungen, und ich dachte mir: Das muss ich lernen!“ Nach einem Monat intensiver Vorbereitung in Privatstunden bestand Peter Kellner die Aufnahmeprüfung und begann das reguläre Studium bei Michael Adamenko. „Er war sehr streng mit uns, und er wollte nicht, dass etwas die Gesangstechnik stört“, erzählt Peter Kellner. Also kein Pop, kein Chor, was für ihn besonders schmerzhaft war – oder gewesen wäre, denn: „Natürlich hatte ich beides. Wir hatten eine Popgruppe, und ich habe auch in mehreren Chören gesungen.“ Als Aushilfe – oder besser: Verstärkung – führten ihn Chorreisen bis nach Italien.

Der Wunsch nach mehr

In Italien war es auch, wo Peter Kellner später objektive Bestätigung seines Könnens und einen gehörigen Motivationsschub erhielt. Nach der Matura hatte er noch zwei weitere Jahre am Konservatorium angehängt und das Diplom erlangt. Dann gewann er den Zweiten Preis bei einem Wettbewerb für Sakralmusik in Rom. „Danach wollte ich mehr“, erinnert er sich. Für ein Opernstudio fühlte er sich nach einem entsprechenden Vorsingen in Hamburg noch nicht bereit. Dafür machte er die Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen in München, Salzburg und Prag – und entschied sich für Salzburg, wo am Mozarteum Boris Bakow sein Lehrer wurde. Bereits während seiner letzten Studienjahre in Košice war Peter Kellner am dortigen Staatstheater wie auch an der Staatsoper Banská Bystrica engagiert gewesen und hatte unter anderem Antonio in „Le nozze di Figaro“ und Dulcamara in „L’elisir d’amore“ gesungen. Diese Erfahrung geriet in Salzburg zum Vorteil. Als Bachelor-Anwärter wurde er von Anfang an in universitätseigenen Opernproduktionen mit den Studierenden des Master-Studiengangs zusammengespannt und etwa als Bartolo in „Le nozze di Figaro“ und Leporello in „Don Giovanni“ eingesetzt. Auch an Aufführungen von „Bastien et Bastienne“ beim Macao International Music Festival und von „La clemenza di Tito“ am Teatro Romano in Fiesole war er beteiligt. „Ich war schon ein recht brauchbarer Sänger“, sagt Peter Kellner lachend und mit einem Hauch von berechtigtem Stolz.

In bester Gesellschaft

Auch während seiner Salzburger Studienjahre folgte Peter Kellner Einladungen in seine Heimat: immer wieder ans Staatstheater Košice und 2014 an die Slowakische Nationaloper Bratislava, an der er seinen ersten Colline in „La Bohème“ sang. Mit seiner Teilnahme am Young Singers Project der Salzburger Festspiele 2013 und 2014 verbindet Peter Kellner unvergessliche, prägende Erlebnisse: etwa die Arbeit mit so prominenten Partnern wie Jonas Kaufmann, Anja Harteros und Thomas Hampson in der „Don Carlo“-Produktion 2013 unter Sir Antonio Pappano, bei der er einen der Flandrischen Deputierten verkörperte. „Man lernt so viel von den großen, erfahrenen Sängern. Was sie machen, wie sie atmen, wie sie eine Linie halten – das alles ist eine Lebensschule!“, begeistert er sich. Schon nach zwei Jahren in Salzburg erhielt Peter Kellner sein erstes festes Engagement am Staatstheater Oldenburg. Es hielt ihn hier allerdings nur kurz. Er gastierte zwischenzeitlich am Stadttheater Klagenfurt und wurde 2015 fix an der Oper Graz verpflichtet, an der er Partien wie Mozarts Osmin und Figaro, Rossinis Basilio und Lord Sidney, Verdis Grenvil und Gounods Frère Laurent sang. Die Wiener Staatsoper wurde 2018 beim Mozarteum-Wettbewerb in Salzburg auf den Gewinner des Zweiten Preises namens Peter Kellner aufmerksam. Im Haus am Ring war noch die Partie des Panthée in der Produktion von Berlioz’ Monumentalwerk „Les Troyens“ zu besetzen. Ein Vorsingen brachte für den jungen Sänger nicht nur sein Staatsoperndebüt als Panthée, sondern gleich einen Festvertrag. 

Neugier aufs Lied

Peter Kellners Neugier auf den Liedgesang wurde während seines Grazer Engagements geweckt. „Ich habe mir immer gedacht, Liedsänger sind Leute, die nicht Oper singen können“, sagt er schelmisch. „Aber das ist natürlich nicht so. – Ich wollte weiterstudieren.“ Sein Liedpädagoge in Graz, Joseph Breinl, machte ihn mit dem ebenfalls jungen portugiesischen Pianisten Pedro Costa bekannt, mit dem er seither ein Lied-Duo bildet. Zielgerichtet entschlossen sich die beiden, 2017 am Wigmore-Hall-Liedwettbewerb teilzunehmen. „Ich sang in dieser Zeit große Partien in Graz: ,Le nozze di Figaro‘, ,Il viaggio a Reims‘ – mein Sohn war gerade zur Welt gekommen, und im Sommer habe ich bei der Oper Klosterneuburg in ,Le Comte Ory‘ mitgemacht“, erzählt er von dieser Zeit. Der Sprung ins Finale gelang dort zwar nicht, doch Peter Kellner wurde mit einem Stipendium ausgezeichnet, das er seither für sein Fortkommen im Liedgesang einsetzt wie etwa für Korrepetition oder auch Unterricht bei Julius Drake, einem der renommiertesten Liedpianisten. 

Restlose Begeisterung

Schon bald nach dem Gespräch für die „Musikfreunde“ und noch vor seinem Liederabend im Musikverein steht Peter Kellner als Liedsänger auf dem Podium der Wigmore Hall in London. Anschließend beginnen für ihn hier die Vorbereitungen auf Puccinis „La Bohème“ am Royal Opera House Covent Garden, an dem er im Vorjahr als Ratcliffe in Brittens „Billy Budd“ debütierte. Ob sich während dieses London-Aufenthalts die eine oder andere Unterrichtsstunde beim berühmten Kollegen Gerald Finley organisieren lässt, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. Ein Traum ist es für Peter Kellner allemal. Mittlerweile ist der Liedgesang neben der Oper und immer wieder auch Konzertprojekten zu einer großen Leidenschaft geworden. „Ich bin total begeistert vom Lied“, sagt er voller Euphorie. „Das ist so emotionell, man kann nichts maskieren. Kein Kostüm, keine Regie – man muss nur singen, einfach nur singen. Wir schaffen die Atmosphäre allein mit Stimme, Klavier und Worten.“

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.