Die Botschaft überbringen

Marin Alsop

Marin Alsop tritt erstmals in ihrer Funktion als Chefdirigentin des ORF RSO Wien ans Pult des Großen Musikvereinssaals und interpretiert Musik von Hans Werner Henze und Robert Schumann, betrachtet durch die Brille Gustav Mahlers. 

Musik der Gegenwart, etwa von so unterschiedlichen Komponistinnen wie Lera Auerbach und Clara Iannotta; Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Friedrich Cerha oder Luciano Berio; „Sancta Susanna“, ein bald hundert Jahre alter, vernachlässigter Geniestreich Paul Hindemiths, dazu noch das klassisch-romantische Repertoire in ungewöhnlichen Facetten: Bereits mit ihren ersten Konzerten zu Saisonbeginn, darunter die Eröffnung des Festivals Wien Modern, hat die aus New York stammende Marin Alsop als neue Chefdirigentin des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien das ohnehin klare Profil dieses fulminanten Klangkörpers bekräftigt und in charaktervollen Aufführungen mit neuer Intensität erfüllt. „Wenn wir am Pult stehen, gehört es zu unseren Aufgaben, sich für jedes Stück so vollständig wie möglich zu begeistern“, ist sie überzeugt. „Bei manchen ist die Beziehung sofort da, bei anderen fällt es vielleicht schwerer. Aber ich versuche, an jedes Werk mit offenen Ohren, offenem Herzen und wachem Geist heranzugehen und den Willen des Komponisten so gut wie möglich zu verstehen und zu vermitteln. Wie jeder Mensch habe auch ich meine Vorlieben, aber ich bemühe mich, sie nicht zu sehr in meine Repertoirewahl einfließen zu lassen.“ Noch aus ihrer Anfangszeit als Geigerin – Alsop hat unter anderem an der renommierten Juilliard School Violine studiert – weiß sie, dass Musikerinnen und Musiker sich dann am meisten anstrengen, wenn sie wissen oder zumindest ahnen, dass es sich am Ende lohnt. In diesem Sinne sagt sie: „Für mich ist die größte Musik die, die ich mit der Zeit immer mehr zu schätzen lerne und bei der ich bei jeder Begegnung etwas Neues entdecke.“ Bei neuen Werken kann das freilich etwas dauern. Aber gerade aus solche Erfahrungen hat Alsop längst eine Lehre gezogen: „Kein vorschnelles Urteil zu fällen: Das versuche ich nicht nur in der Musik, sondern auch im Leben.“

Instinkt und Wissen

Die Begegnung mit Komponistinnen und Komponisten der Gegenwart hat auch auf Marin Alsops Interpretation der Musik vergangener Zeiten Einfluss genommen und ihr wichtige Einsichten beschert. „Zum Beispiel fasziniert mich, wie viel am Komponieren manchmal vom Instinkt gesteuert ist. Deshalb fällt es Komponistinnen und Komponisten oft schwer, gewisse Entscheidungen zu begründen. Also habe ich damit aufgehört, tausende Fragen zu stellen, sondern versuche lieber, das Thema der Musik herauszufinden, die Geschichte hinter ihr: Was hat die Musik inspiriert, welche Botschaft soll vermittelt werden, geht es ums eigene Seelenleben, geht es um eine Stellungnahme zur Welt? Denn meine Rolle als Dirigentin ist es, diese Botschaft zu überbringen.“ Und wie funktioniert Marin Alsops eigene Musikalität, basiert sie mehr auf Instinkt oder auf gründlicher Recherche? „Mein Ziel ist es, eine gesunde Kombination aus beidem zu finden“, antwortet sie. „Nach eingehendem Studium kann ich nicht nur qualifizierte Entscheidungen im Sinne des Komponisten treffen, sondern auch instinktiv reagieren – als Musikerin, als Mensch. Ich hoffe, dass mein Zugang immer auf gewissenhaftem Studium geboren ist, aber nicht einseitig zerebral bleibt. Beide Dimensionen sollten zusammenwirken.“ 

Im Taxi durch Wien 

Das Zusammenwirken verschiedener Welten und Dimensionen, Marin Alsop lebt und erlebt es längst in Chefpositionen auf mehreren Kontinenten: Von 2002 bis 2008 beim Bournemouth Symphony Orchestra in England, seit 2007 beim Baltimore Symphony Orchestra in den USA, bis 2019 beim Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo in Brasilien, wo sie zum Abschied zur Ehrendirigentin ernannt wurde. Und nun also Wien. „Die Unterschiede beginnen angesichts der Globalisierung zu verschwinden“, stellt sie fest. „Aber was ich in Wien so hoch schätze, sind der Respekt und das Verständnis, die der Musik und ihrer Bedeutung vom Publikum und auch der Politik entgegengebracht werden. Die Institutionen werden zu einem großen Teil von der öffentlichen Hand mitgetragen, aber auch die Musiker werden in einem Ausmaß respektiert, geschätzt und gefeiert, das in den Vereinigten Staaten nicht vorhanden ist. Dort müssen ständig Sponsoren aufgetrieben werden, bis man das Gefühl bekommt, es drehe sich alles nur ums Geld.“ Da ist Österreich doch noch ein anderes Pflaster. „Als in Wien mein Taxifahrer herausgefunden hatte, dass ich Dirigentin bin, fragte er nach dem Programm, und ich erwähnte den Namen Hindemith. Und er rief sofort: ‚Ah, Paul Hindemith! Kenn’ ich, ich hab’ mal Geige gelernt ...‘ – Ich meine, in wie vielen Städten ist so eine Szene überhaupt vorstellbar? Für mich bedeutet das eine große Freude.“ 

Mahlers Blick auf Schumann

Das gilt natürlich und in besonderem Maße auch für Alsops erstes Konzert im Wiener Musikverein, das sie – nach ihrem Hausdebüt 2012 – nun mit dem RSO Wien als dessen Chefdirigentin hier bestreitet. Dazu hat sie sich Schumanns Symphonien Nr. 1 und 2 ausgesucht – aber mit den zahllosen Retuschen von Gustav Mahler. „Mich fasziniert der Blick auf Schumanns Musik durch die Brille eines anderen Komponisten und Dirigenten, der noch dazu so eng mit Wien in Verbindung steht“, schwärmt sie. „Es wird klar, wie sehr Mahler Schumanns Musik geliebt hat, aber auch, wie sehr er sie verdeutlichen, interpretieren wollte. Seine Änderungen verleihen der Musik ein ‚modernes‘ Profil, das Ganze wird zu einer Wiedererschaffung in der Echtzeit des Fin de Siècle.“ Vom RSO-Intendanten Christoph Becher kam die Idee der Verbindung mit der Musik Hans Werner Henzes: „Ich bin ihm dafür sehr dankbar, denn das kam mir nicht nur spontan richtig vor, sondern ich fühlte auch eine persönliche Verbindung.“ Denn Alsop hat Henze seinerzeit persönlich kennengelernt, als er in Tanglewood unterrichtet hat – dort, wo sie als junge Dirigentin mit dem Koussevitzky-Preis ausgezeichnet worden ist und in Leonard Bernstein ihren Mentor finden sollte. 

Henze, Mahler, Bernstein

„Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich empfinde eine starke Affinität zwischen Henze und Schumann. Da geht es auch um Struktur, um Form. Henzes Zugang zum Komponieren ist in vielen Facetten sehr traditionell.“ Die atmosphärischen „Nachtstücke und Arien nach Gedichten von Ingeborg Bachmann“ mit Juliane Banse als Solistin bilden für Alsop den Auftakt einer Reihe von Henze-Wiederbegegnungen, die auch im Aufnahmestudio ihr Echo finden werden. Dass Alsop mit dem RSO dann im Mai auch zum Mahler-Zyklus des Musikvereins mit der Ersten Symphonie in Kombination mit Musik von Zemlinsky und Zeisl ihren Beitrag leisten wird, bringt das Gespräch zuletzt natürlich auf Bernstein, der maßgeblich an der Mahler-Renaissance des 20. Jahrhunderts beteiligt war. „Seine Sicht auf Mahler war, wie eigentlich bei jedem Komponisten, nicht statisch, sondern hat sich entwickelt und verändert“, erinnert sich Alsop. „Wenn er zu einer Symphonie zurückkehrte, wollte er es immer mit neuen Augen und Ohren tun. Aber Mahler als Person hat Bernstein extrem beeinflusst, mit keinem Komponisten hat er sich so stark identifiziert wie mit ihm. Bernstein hatte dasselbe Lebensthema, zwischen der Rolle als Komponist und der Rolle als Dirigent gespalten zu sein und diese Begabungen irgendwie auszubalancieren. Und beide wurden in Konflikte hineingeboren, mussten damit umgehen, jüdisch zu sein in einer Welt, die sich für Juden nicht oder nur eingeschränkt empfänglich zeigte. Er verstand auch das Problem der Maßlosigkeit, das Mahler beschäftigte. Das gehörte sowohl zu dessen Zeit, aber auch zu Lenny, war Teil von ihm. Er war kein Mann der Mäßigung. Deshalb hat er, glaube ich, auch an Mahler das Ausschweifende so betont. Manchmal waren die Tempi so langsam oder gab es so viel Rubato, dass es mir als Musikerin zu viel war – aber für ihn war es authentisch! Das habe ich an ihm geliebt. Er war ehrlich. Er hat das vermittelt, was er für das Wichtigste am Komponisten hielt. Das hat er uns beigebracht, oder zumindest habe ich das so mitgenommen: dass es meine Aufgabe ist, diese Botschaft zu meiner eigenen zu machen.“

Per aspera ad astra

In einen Konflikt hineingeboren zu sein: Beschreibt das nicht auch das Leben und die Karriere von Marin Alsop, die als Dirigentin gegen viele Widerstände anzukämpfen hatte und in vielen Fällen und an vielen Orten als erste Frau ans Pult getreten ist? „Ich glaube, Konflikte zu erleben ist keine schlimme Sache – solange es nicht alles lähmt wie etwa beim armen Schumann. Aber sich einen eigenen Weg durch solche regelmäßigen Spannungen zu bahnen ist charakterbildend, führt sowohl zu echtem Selbstbewusstsein als auch zu Mitgefühl und Empathie“, ist Alsop überzeugt – auch wenn sie sich, wie sie lachend hinzufügt, „an manchen Tagen durchaus weniger Konflikte gewünscht hätte“. Bei Bernstein müsse man in diesem Zusammenhang einen historischen Blick zurückwerfen, sagt sie. Bernstein habe 1966 für die Dirigierwettbewerbsgewinnerin Sylvia Caduff eine Statutenänderung bei den New Yorker Philharmonikern durchgesetzt, um sie zu seiner Assistentin machen zu können. „Bis dahin waren Frauen dort grundsätzlich ausgeschlossen gewesen! Ich würde Bernstein vielleicht nicht als Feministen beschreiben – obwohl er möglicherweise doch einer war. Ohne Frage glaubte er an die Menschheit, an Menschlichkeit. Es war egal, welche Hautfarbe du hattest und auch, welches Geschlecht – obwohl ich zugeben muss, dass es ihn ein bisschen verwirrt und herausgefordert hat. Er sagte schon Sachen wie: ‚Wenn ich die Augen zumache, wenn du dirigierst, merke ich gar nicht, dass du eine Frau bist.‘ Und ich sagte darauf: ‚Listen, Maestro, kommen Sie doch einfach zu meinen Konzerten und halten Sie die Augen geschlossen, das macht mir gar nichts aus!‘ Dann lachten wir beide. Für ihn war es immer noch eigenartig, an so etwas war er nicht gewöhnt. Aber das hat ihn nie davon abgehalten, mich zu fördern und an mich zu glauben.“ 

Walter Weidringer

Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.