Wie man die „nikoloische“ Energie bewahrt 

Der Concentus Musicus Wien 

Fünf Jahre ist es her, dass Nikolaus Harnoncourt jene legendäre Abschiedsbotschaft an „sein“ Musikvereinspublikum adressierte, in der er das Wort von der „glücklichen Entdeckergemeinschaft“ geprägt hat – verbunden mit der Bitte, dem Concentus Musicus auch künftig die Treue zu halten. Diesem Wunsch sind Wiens Musikfreunde begeistert nachgekommen, was dem Ensemble unter der neuen künstlerischen Leitung von Stefan Gottfried, Erich Höbarth und Andrea Bischof beruhigende Kontinuität in der Phase der Umorientierung ermöglichte. Wenn sich der Concentus heuer zum Dezember-Termin mit Beethovens Siebenter einstellt, ist ein erster Schritt in die Zukunft vollzogen.

Wir sind froh, dass sich die Situation so gut entwickelt hat. Es war ja nicht sicher, ob uns das Publikum auch ohne Nikolaus treu bleiben würde“, gibt sich das Leading Team bescheiden, glücklich über den gelungenen Neubeginn. Auch wenn man mit dem einen oder anderen Veranstalter enttäuschende Erfahrungen gemacht habe – die Präsenz im Konzertbetrieb hat sich nicht nur nicht verringert, sondern ist im Gegenteil sogar gewachsen: im Ausland nämlich, wo man sich – zumindest bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie – vermehrt präsentieren konnte. Denn in der Person von Maximilian Harnoncourt hat das Ensemble ja nun auch einen Manager, der diese Art von Engagements umsichtig betreibt. „Maxi ist wirklich ein Segen für uns“, sagt Erich Höbarth, „er ist zu hundert Prozent mit uns in einem Boot und engagiert sich auch in praktischen Fragen an vorderster Front, zum Beispiel bei den Corona-Tests, die wir jetzt ständig machen müssen.“ Der Concentus Musicus gastierte zuletzt etwa regelmäßig im neuen Kulturzentrum La Seine musicale in Paris und in der Londoner Wigmore Hall, aber auch in der Philharmonie Köln und in Lausanne. „Dort konnten wir mit dem Tölzer Knabenchor Bach-Kantaten und das Magnificat aufführen“, schwärmt Stefan Gottfried von diesem stimmigen Brückenschlag in Pionierzeiten. 

Berühmte Diskussionskultur

Substanziell wesentlich war freilich, dass die inhaltliche Arbeit, die sich das neue Leading Team vorgenommen hatte, seit 2016 erfolgreich verlaufen ist. Die Sorge, der Concentus Musicus könnte ohne Harnoncourt „in die Barock-Ecke geraten“, hat sich zum Glück als unbegründet erwiesen. Zwar wollten sich die Concenti gerade zum Neustart auf ihre „Wurzeln“ in der „alten Musik“ besinnen, doch zugleich hatten sie vor, deutlich über ihre bisherigen Repertoiregrenzen hinauszugehen. „Unsere erste Saison im Brahms-Saal, wo wir wieder in kleinen Besetzungen spielen konnten, war eine sehr schöne Erfahrung“, sagt Stefan Gottfried. Doch mit der Rückkehr in den Großen Saal wurde der stilistische Bogen weiter als üblich gespannt: von Händels „Solomon“ bis zu Mendelssohns „Elias“, von Bachs h-Moll-Messe bis zu Schuberts Spätwerk, das man mit „Lazarus“ bislang erst einmal behutsam angetippt hatte. Im April 2018 jedoch stand Schuberts „Unvollendete“ in der ergänzten Fassung von Benjamin-Gunnar Cohrs auf dem Programm; gewissermaßen ein Akt der künstlerischen Emanzipation, hatte Harnoncourt diesen Eingriff ins originale Werk doch kategorisch abgelehnt. Zusammen mit Schubert-Liedern in der Instrumentation von Anton Webern und Johannes Brahms ist die „Vollendete Unvollendete“ als erste Einspielung des „neuen“ Concentus auch auf CD dokumentiert. Alice Harnoncourt war in diese Unternehmung selbstverständlich eingebunden und hat die Entscheidung respektiert, ohne sich einzumischen. Sie weiß, dass die „Jungen“ ihren eigenen Weg finden müssen, und da sie selbst nicht mehr aktiv mitwirkt, hält sie sich mit eigenen Standpunkten zurück. – Ein exemplarischer Akt der berühmten Harnoncourt’schen Diskussionskultur, mit dem Ergebnis, dass der freundschaftlich-kollegiale Dialog, den man miteinander pflegt, über die Meinungsverschiedenheit hinweg lebendig blieb. 

Eine Krönung in der Staatsoper

In spieltechnischer Hinsicht bedeutete die Beschäftigung mit dem Repertoire der Frühromantik eine intensivere Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Instrumentarium, speziell bei Holz- und Blechbläsern. Was die Stimmung betrifft, so differenziert der Concentus wie immer exakt: Barockmusik erklingt auf 415 Hertz, Werke der Wiener Klassik auf 430 und Werke der Romantik auf 440 Hertz. Bei ihren weiträumig angelegten Streifzügen durch die Musikgeschichte sind die Concenti selbst immer wieder überrascht, dass sich in allen Epochen weiße Flecken im Repertoire finden: Stücke, die mit Harnoncourt nicht erarbeitet wurden, wie etwa der erwähnte „Solomon“, den sie im März, drei Tage vor dem Lockdown, erfolgreich aufs Podium hievten, oder die erste von Haydns Londoner Symphonien. Nicht zuletzt haben auch die Aktivitäten im Opernbetrieb deutlich zugenommen. Das Theater an der Wien bot dem Ensemble in den letzten Jahren eine Residenz mit zwei Produktionen pro Saison. Und im Mai 2021 soll der Concentus Musicus endlich auch an der Wiener Staatsoper Einzug halten: mit Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“. 

Bewahren im Verwandeln

Was hat sich im Innenverhältnis verändert, seit der große Inspirator nicht mehr am Pult steht? „Für das, was Nikolaus dargestellt hat, braucht es jetzt eben drei Leute“, schmunzelt Andrea Bischof, die eine neue Form von Gruppendynamik konstatiert: „Wenn man eine solche Ausnahmepersönlichkeit vor sich hat, werden viele Dinge überhaupt nicht hinterfragt. Das ist jetzt aufgebrochen. Vor allem am Anfang hatten wir viel mehr Diskussionen, nicht zuletzt organisatorischer Art. Dass jemand gefragt hätte, ob er eine Probe versäumen darf, wäre undenkbar gewesen!“ Für das künstlerische Ergebnis komme es darauf an, die gemeinsame Energie zu fokussieren, sekundiert Erich Höbarth. „Es darf nicht zerflattern. Stefan bringt als Dirigent natürlich seine eigene Philosophie mit, und wir unterstützen ihn. Daraus ergibt sich ganz von selbst eine Verlagerung. Es ist klar, dass wir die Grundsätze von Nikolaus immer im Hinterkopf haben, und wir legen großen Wert darauf, dass kein Bruch entsteht. Aber dieses Erbe muss sich in fruchtbarer Weise verwandeln. Das war ja auch seine Philosophie. Es ist ein kreativer Prozess, in dem wir sehr wach aufeinander reagieren.“ Mittlerweile gibt es fünf bis zehn Neuzugänge, die Harnoncourt persönlich nicht mehr erlebt haben. Der Nachwuchs rekrutiert sich in der Regel aus Studentinnen und Studenten der erfahrenen Concenti, damit es „stilistisch und vom Geist her passt“. 

Die Kunst der Weitergabe

Gerade im Bereich der Ausbildung kommt den Mitgliedern des Concentus Musicus auch eine Aufgabe und eine gewisse Verantwortung zu. Die Gefahr, dass Nikolaus Harnoncourt in seiner musikhistorischen Bedeutung nicht erkannt und von unbekümmert musizierendem Nachwuchs übergangen wird, sieht Erich Höbarth durchaus als gegeben: „Ich stelle fest, dass sehr viele junge Ensembles unterwegs sind, und dass die Impulse, die von Nikolaus ausgegangen sind, offenbar nicht mehr so wirksam sind. Ich selbst unterrichte in Leipzig, und meine Studenten kennen zwar den Namen Harnoncourt, aber dass er eine Jahrhundertfigur war, wissen sie nicht.“ In Wien, wo Nikolaus Harnoncourt umstritten war wie nirgends sonst, haben sich die Möglichkeiten, seine fundamentalen Erkenntnisse in der Lehre zu verankern, soeben stark verbessert. An der Universität für Musik und darstellende Kunst gibt es seit dem Wintersemester nämlich erstmals ein eigenes Institut für Alte Musik, das aus einer Unterabteilung am Haydn-Institut hervorgegangen ist. „Da war ich ein bisschen der Katalysator“, freut sich der frischgebackene Institutsleiter Stefan Gottfried. Hier können nun auch andere an der mdw lehrende Concenti ihr Spezialwissen einbringen, wie Andrea Bischof, Thomas Fheodoroff, Dorothea Schönwiese, der junge Cembalist Reinhard Führer – und Tenor Michael Schade. Andrea Bischof bringt es auf den Punkt: „Es ist uns ein Anliegen, dass Alice sich nicht mehr ärgern muss, wenn sie im Radio ‚nicht-sprechende‘ Interpretationen hört!“

Monika Mertl 
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).