The Lied

Englands Faible für den Liedgesang

Man spricht in England ausdrücklich von „The Lied“, um das deutsche Kunstlied zu bezeichnen – besonders gilt das Faible „The Romantic Lied“. In einer großen Tradition stehen so auch zwei Wiener Recitals mit Sängern aus England und ihren britischen Duopartnern: Sir Simon Keenlyside und Graham Johnson gastieren im Zyklus Liederabende, als „Rising Star“ präsentiert sich der gepriesene Newcomer James Newby, ebenfalls Bariton, mit dem Pianisten Joseph Middleton.  

Deutsch-britische Synergien im Blick auf „The Lied“ lassen sich zumindest zurückverfolgen bis in die Brahms-Zeit, denn ohne diese spezielle deutsch-romantische Gefühlswelt wollte die englische Kultur nicht sein, auch wenn sie eine eigene grandiose poetische Romantik besitzt, die allerdings in ihren dichterischen Blüten musikalisch am schönsten wieder im deutschen wie österreichischen „Lied“ erscheint – man denke nur an Lord Byron und Schumann, Mendelssohn, Loewe bis zu Wolf oder gar an Schubert und Walter Scott, um nur einige zu nennen. 

Sir George aus Schlesien 

Für einen wesentlichen Schub im Transport dessen, was deutsche Liedromantik für Britannien bedeutet, dürfte ein schlesischer Sänger vorbildlich sein, der in England und Schottland Schule machte als Sir George Henschel (1850–1934). Eng befreundet mit Brahms, wurde er zum initialen Muster für deutsch-britische Romantik in gegenseitiger Befruchtung: Sänger, Gesangspädagoge, Pianist und Komponist, aber auch Dirigent und Orchestergründer in England, Schottland wie den Staaten, wo er der erste Chef des neugegründeten Boston Symphony Orchestra war. Stilbildend zumal als Sänger: legendär die Liedaufnahmen des reifen Siebzigers aus den zwanziger Jahren, stimmlich ungebrochen, sich selbst nobel am Klavier begleitend, noch einem klassischen Liedstil bei aller romantisch-expressiven Textur verpflichtet – diskret sanglich, weniger deklamatorisch. 

Medialer Aufwind 

Ungemein gesteigert werden die Synergien in Sachen „Lied“ durch das Aufkommen und die Perfektionierung der Aufnahmetechnik, deren Mekka in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts London wurde mit seinen berühmten Abbey Road Studios und den Anfängen der HMV Recording Industry, die von echten Sound-Pionieren geschaffen wurde wie dem Amerikaner in England Fred Gaisberg und dann zu ungemeiner Blüte entwickelt von Walter Legge, dem auf Grund seiner musikalischen Kenntnisse souveränen britischen Musikmanager – Gatte übrigens einer Sängerin, ohne die subtile moderne Liedinterpretation nicht mehr zu denken ist: Elisabeth Schwarzkopf. Alles, was wirkliche Größe besaß an musikalischer Interpretation, wurde in Aufnahmen verewigt, nicht zuletzt die Belcanto-geprägten Wunderstimmen der jeweiligen Zeit, und das nicht nur in der populäreren Opernbranche, sondern speziell bezogen auf „The Lied“. 

Songs, Ballads, Lieder 

Und so gab es kaum einen bedeutenden englischen Sänger, der nicht das deutsche Lied in seiner Entwicklung gebraucht hätte neben den heimischen „Songs“, die eine eigene volksmusikalisch verankerte Tradition besitzen. Dafür mag hier die unvergessene Kathleen Ferrier stehen, deren Aufnahmen englischer Folk Songs nach dem Zweiten Weltkrieg um die gebeutelte Welt gingen und fast jedem ans Herz: „Blow the wind southerly“ – sozusagen eine Art Erkennungsmelodie britischer Wesensart. Nur zu vergleichen mit den ebenso weltberühmt gewordenen „Irish Songs and Ballads“ („Danny Boy“, „Last rose of summer“), die John McCormack in legendären Aufnahme seit Beginn des letzten Jahrhunderts um die Welt schickte. Nach seiner grandiosen Opernkarriere bestand er die Feuertaufe als klassischer Liedsänger mit „deutschem Lied“ und verband es ideal mit den populären „Songs“ durch seine unerhörte tenorale Meisterschaft – man höre nur, wie er „Waldeseinsamkeit“ von Brahms singt, als sei er selbst die Nachtigall, von der das Lied spricht ...  

Auf englischen Flügeln des Gesanges 

Die großen Londoner Zeiten des deutschen Liedes blühten bis in die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts, denn die kostbarsten Sänger machten sich gleichsam eine „Lied-Heimat“ in London und wurden magisch angezogen von jenem Mann am Klavier, der das deutsche Lied auf englischen Flügeln des Gesanges getragen hat: Gerald Moore (1899–1987). Der „Begleiter an sich“, gleichsam das englische Herz des deutschen Liedes, leistete im Verein mit Dietrich Fischer-Dieskau die enorme Nachkriegsmission, das nach dem Weltkrieg verstörte deutsche Gemüt im Lied wieder aufzurichten – bei den Deutschen bald Glaubenssache, in England, weniger pathetisch, einfach höchste Kunst. Wer Gerald Moores berühmten Londoner Abschiedsabend, als er sich vom Podium 1967 zurückzog, erlebt hat, weiß, zu welcher Vollkommenheit Liedgesang aufsteigen kann mit Hilfe von Moore und seinen letzten Lieblingspartnern: Schwarzkopf, de los Angeles, Fischer-Dieskau.  

Gelebte Tradition 

Für dieses legendäre Niveau gibt es auch heute noch Garanten. Der britische Bariton Sir Simon Keenlyside, ein Superstar mittlerweile der Oper, hat sich bezeichnenderweise durch das deutsche romantische Lied überhaupt erst an die Oper herangesungen und nicht zuletzt deshalb dort den sublimeren Zugriff auf das Metier entwickelt. Als Vermittler des deutschen romantischen Liedes war er trainiert, die Liedästhetik nicht durch Darstellung zu verstören: „never ever overdone“ – ein durchaus britisches Ideal. Dass an Sir Simons Seite Graham Johnson nach Wien kommt, bietet uns diesen aufgeklärten Stil in Hochform. Johnson ist es, der die Tradition nicht nur des Gerald Moore, bei dem er lernte, repräsentiert, sondern zudem geprägt ist von einer weiteren „Begleiter“-Legende: Benjamin Britten, dem Komponisten, der als Liedinterpret am Klavier geradezu zum Monument wurde – kaum je hat man ein Lied so „begleitet“ gehört, als würde es im Augenblick seiner Realisation erst entstehen unter den Händen des genuinen Komponisten.  

Neuentdeckte Liedromantik 

Peter Pears und Britten, die Dioskuren des Liedgesanges in England, haben seit 1945 zur Neuentdeckung der Liedromantik beigetragen wie nur wenige. Und es war grandios, wenn Fischer-Dieskau, nunmehr Bannerträger des deutschen Liedes, sich in Konzerten zu ihnen gesellte und symbiotisch sich mit Brittens Stil verband. Auf dieser Höhe hat Graham Johnson angesetzt und mit seinem Wissen um das Liedgut mental wie musikalisch-praktisch Jahrzehnte nach Fischer-Dieskaus Gesamtaufnahme aller Schubert-Lieder mit Moore seine Schubert-Liededition aufgebaut, die mit verschiedensten Stimmen versucht, sich dem Liedwunder Schubert nach heutiger Einsicht zu nähern – und nicht nur Schubert, in Folge auch Schumann und anderen Liedmeistern. 

Wiener Heilige der Spätzeit 

Wunderbar zeigt das Wiener Programm die Art der musikalischen Reflexion dieses Duos. Keenlyside und Johnson favorisieren „Wiener Heilige“ der Spätzeit und nehmen den Visionär Mahler, Brahms, den „Progressiven“, und seinen Antipoden Wolf ins Visier. Die Auswahl der einzelnen Lieder ist dramaturgisch höchst konzis – bei Brahms etwa so komponiert, dass seine Tragik des „Vorbeiseins“ in sechs Liedern signalhaft inkarniert scheint. Nicht anders die Zeichen, die in den Mahler- und Wolf-Gruppen gesetzt sind: Entfremdung bis zum Umschlag ins Groteske, um den „hoffnungslosen Kummer“ nachzuvollziehen. Da wirken dann Ravels „Histoires naturelles“ wie ein französisches Aperçu, aber eben ein höchst spirituelles ganz anderer Geistesart voll zärtlichen Humors: Kontrast zum deutschen Gefühlsgewicht – selbst wenn britisch vermittelt. 

Aktualisierte Romantik 

Sind diese beiden Künstler noch direkt verankert in der britischen Pflege des deutschen Liedes aus dem vergangenen Jahrhundert, schließt sich nun ein junges Duo an und macht sich auf, neue Leuchtzeichen in Sachen Lied zu setzen. Als „Rising Star“, nominiert vom Barbican Centre London, kommt der junge Bariton James Newby nach Wien, begleitet von James Middleton. Medien wollen in Newby gar einen neuen Fischer-Dieskau entdeckt haben – doch darum geht es hier nicht, denn dieses Duo stellt mit seinem Programm prägnante inhaltliche Fragen – etwa: Wie kommen die sublimen Werte deutscher, zumeist romantischer Lyrik „übersetzt“ in unsere heutige Zukunft? So steht der Abend konsequent unter englischem Thema: „From a Distant Beloved“ – um so im Konnex Beethovens Zyklus „An die ferne Geliebte“ zum spirituellen Mittelpunkt zu machen. Das britisch-deutsche Band wird von Newby und Middleton bewusst dadurch geknüpft, dass zwei Gesänge Benjamin Brittens das Programm umschließen, und zwar zwei subtile Versionen von Folk Songs – im Anfangsstück sogar die Bearbeitung eines „Christmas Carol“: womit die Verschmelzung von „Song“ und „Lied“ evoziert ist. Dann wird der immer utopische Beethoven thematisiert, um über Mahler endlich im romantischen Liebesverlust anzukommen: bei Schubert, versteht sich, mit einer Liedgruppe um den berühmten „Wanderer“.

Lockdown und schwere Herzen 

Dass Newby und Middleton in dieses Programmkonstrukt auch die Erstaufführung eines nagelneuen englischen Werkes aus der kritischen Feder der 1952 geborenen Komponistin und Sängerin Judith Bingham platzieren mit dem Titel „Casanova in Lockdown“, verrät ihre Intention einer Aktualisierung, die man gespannt erwarten darf. Mit ihrem thematisierten Programm übersetzen Newby und Middleton romantische Sehnsucht in die Gegenwart, offenbaren im Gesang unser aller verstecktes ‚schweres Herz‘ von gestern wie heute. Mit Schumanns „Hebräischem Gesang“ lässt es sich am schönsten sagen, mit  jenen ins Deutsche übersetzten Versen des Lord Byron: „Denn sieh! Vom Kummer war’s genähret,/ Mit stummem Wachen trug es lang,/ Und jetzt, vom Äußersten belehret,/ Da brech es oder heil im Sang.“ 

Georg-Albrecht Eckle  
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.