„Mein einziges Kriterium ist Liebe“

Jewgenij Kissin 

Mit seinem aktuellen Soloprogramm, das er am 1. Dezember im Musikverein vorstellt, macht Jewgenij Kissin neugierig: recht Ungewohntes ist dabei, das Programmspektrum reicht von Alban Berg über Chopin bis Tichon Chrennikow und George Gershwin. Für die „Musikfreunde“ sprach Edith Jachimowicz mit dem Pianisten.

Jewgenij Igorewitsch, das Programm Ihres Wiener Solorecitals ist recht ungewöhnlich. Wie haben Sie dieses zusammengestellt, was war die Idee dahinter?
Ich fürchte, dass ich mich gar nicht daran erinnern kann, wie ich dieses Programm entworfen habe und was der Ausgangspunkt dabei war – wenn überhaupt einer! Ich gestalte meine Programme alle auf die gleiche Weise: Ich schaue mir Repertoire an, das ich entweder noch nie gespielt habe oder – was seltener der Fall ist – auf das ich zurückkommen möchte und bei dem ich mir überlege, welche Kombination von Stücken ein schönes Programm ergeben könnte.

Gibt es dabei vielleicht doch irgendein Konzept, eine Linie, die Sie verfolgen? 
Nein, keinesfalls. Ich habe den Eindruck, dass manche Leute in unserer Arbeit eine Art von geheimem Subtext vermuten, der aber überhaupt nicht existiert. Mein einziges Kriterium, wie ich mein Repertoire wähle, ist Liebe! Wenn ich für ein Stück keine Liebe empfinde, kann ich es nicht gut spielen. Glücklicherweise sind meine Vorlieben sehr breit gestreut. Ich hoffe nur, lange genug zu leben, um Zeit zu haben, alles das zu spielen, was ich möchte.

Sprechen wir über die vier in Ihrem Programm vertretenen Komponisten: Chopin gehört zu Ihrem Kernrepertoire. Können Sie ein wenig dazu sagen, was er für Sie persönlich bedeutet, wie Sie bei Ihrer Wahl aus seinen Werken vorgegangen sind? 
Je länger ich lebe, desto stärker fühle ich, dass Chopins Musik meinem Herzen am nächsten ist. Jedes Mal, wenn ich mich wieder Chopin widme, fühlt sich das an wie ein Zurückkommen zu mir selbst: ein Gefühl, das ich sehr gut kenne, in verschiedenen Lebenslagen. Was die Auswahl der Werke betrifft: Ich gehe einfach durch verschiedene Stücke  und überlege, welche gut zueinander klingen, als Programm für sich oder als Teil eines Ganzen.

Nun zu Alban Berg: Seine Sonate op. 1 hört man nicht sehr häufig im Konzert. Ich nehme an, Sie werden die revidierte Fassung von 1920 spielen. Haben Sie sich auch die Originalversion von 1907/08, noch aus Bergs Studentenzeit, angesehen? Wie sehen Sie überhaupt diesen Komponisten? 
Natürlich habe ich mir die Erstfassung angesehen. Es finden sich nur geringfügige Unterschiede. Sie enthält auch einige offensichtliche Fehler, die bei der Revision korrigiert wurden. Wenn ich eine konzise Charakteristik von Alban Berg geben soll, würde ich sagen: eine sehr empfindsame Seele. Sie klingt in seinem gesamten Werk durch, von der ersten Phrase der Klaviersonate bis zur Coda seines Violinkonzerts.

Tichon Chrennikow kannten Sie seit frühester Kindheit, Sie spielten für ihn als kleiner Bub in dessen Wohnung. Er war eine kontroversielle Persönlichkeit, heftig attackiert wegen seiner politischen Funktionen bis hinauf ins Politbüro während der Stalin-Ära, andererseits ein guter Musiker und Mentor für junge Talente. Sie werden in Wien frühe Stücke von ihm spielen, aber Sie haben auch schon eines seiner Klavierkonzerte aufgeführt.
Tichon Nikolajewitsch Chrennikow war nicht nur ein guter Musiker und Mentor junger Talente: Er war ein außergewöhnlich guter Mensch, der es liebte, anderen zu helfen. Indem er über viele Jahre die äußerst wichtige Position als Generalsekretär des sowjetischen Komponistenverbandes bekleidete, benützte er laufend seinen Einfluss für eine große Anzahl guter Taten für viele, die in Not waren. Außerdem galt es unter russischen Musikern als erwiesen, dass dank Chrennikow kein einziges Mitglied des Komponisten¬verbandes von Stalins Regime umgebracht wurde. Ich selbst kannte Komponisten und Musiker jüdischer Herkunft, die von Chrennikow während der bösartigen antisemitischen Kampagnen in Stalins letzten Jahren gerettet wurden. Sie waren ihm stets dafür dankbar. Zu Chrennikows politischem Standing muss man verstehen, dass, wenn man von einem totalitären Staat spricht, der politische Standpunkt von Personen nie nach ihren offiziellen Äußerungen beurteilt werden sollte, vor allem, wenn es sich um hochrangige Personen handelte, die regelmäßig politische Statements machen mussten. Man sollte die Menschen nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten beurteilen, vor allem solche, die unter einem totalitären Regime leben müssen. Sonst müssten wir ja Schostakowitsch für einen überzeugten Kommunisten halten: ein Fehler, der lange gemacht wurde, weil auch er gezwungen war, sich offiziell zu äußern – und manchmal auch einschlägige Musik zu schreiben, zur Unterstützung sowjetischer Kulturpolitik.

Was können Sie zum Komponisten Chrennikow sagen?
Chrennikows 2. Klavierkonzert spielte ich auf seinen Wunsch vor etlichen Jahren. Persönlich ziehe ich andere seiner Werke vor: Die frühen Klavierstücke, die 1. und 2. Symphonie, Theater- und Filmmusik und viele schöne Lieder – einige habe ich auf Jiddisch übertragen. Ich bin wirklich glücklich, seine Klavierstücke dem Wiener Publikum zu präsentieren. Und vielleicht wird es die Leser Ihrer Zeitschrift interessieren, dass Chrennikows 1. Symphonie von Größen wie Arturo Toscanini, Charles Munch, Leopold Stokowski und Eugene Ormandy dirigiert wurde. Vom großen russischen Dirigenten Jewgenij Swetlanow existieren Einspielungen beider Symphonien. Leider werden sie im Westen wegen all der Vorurteile nicht gespielt. Ich bin sehr froh, dass Gustavo Dudamel sich jetzt für diese Musik interessiert und sie dirigieren möchte. Vielleicht bekommt sie das Wiener Publikum auch einmal zu hören.

Chrennikows Antagonismus zu Schostakowitsch ist legendär. Aber finden sich nicht Einflüsse des Letzteren auch in Chrennikows Musik?
Der „Antagonismus“ zwischen den beiden ist ein Mythos, der aus dem zuvor von mir Erläuterten entstand, der extrem angespannten Lage. Ich kann das nur immer und immer wiederholen: Es war ein totalitäres Regime! Ich kannte Chrennikow persönlich sehr gut und habe von ihm nie ein einziges schlechtes Wort über Schostakowitsch gehört. 1994 schrieb er seine Memoiren, kein einziges negatives Statement zu Schostakowitsch, auch nicht in den Interviews, die ich las. Was Schostakowitschs Einfluss auf Chrennikows Musik anlangt – vielleicht. Schostakowitsch war so ein Gigant, so eine machtvolle Gestalt in der russischen Musik seiner Zeit, dass es vielleicht für andere schwierig war, sich seinem Einfluss zu entziehen. Und nicht nur für Zeitgenossen: Vor einigen Jahren schrieb ich ein Streichquartett – und ein Kritiker glaubte, einen Einfluss von Schostakowitsch darin zu entdecken! Chrennikow hatte jedenfalls seinen sehr eigenen Stil, er war sicherlich nicht epigonal.

Sie leben in Prag und New York, sind also mit der City des Swing vertraut. Und George Gershwin gehört zu ihr. Die drei Preludes von 1926, seine einzigen für Klavier solo, finden sich auch in Ihrem Programm: ein kontrastiver Akzent?
Erstens, ich lebe nicht in New York. Nur während der neunziger Jahre hatte ich eine Zeitlang dort meinen Wohnsitz. Ich habe immer noch ein Apartment, das ich nur für meine Nordamerika-Tourneen benütze. Zweitens: Meine Beziehung zu Gershwins Musik war nie von meinem Leben in New York beeinflusst. Ich lernte Gershwin kennen und lieben viele Jahre bevor ich selbst in diese Stadt kam. Während der Jahre, als ich in Moskau aufwuchs, hatten wir zu Hause einen Klavierauszug von „Porgy and Bess“. Ich spielte und sang das sehr gerne nur so für mich selbst. Aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, New York mit Gershwins Musik zusammenzubringen. Ich erinnere mich, als ich einmal allein an einem nicht sehr warmem Abend durch die dämmrigen Straßen von Manhattan wanderte, wie ich plötzlich in meinem Kopf Fragmente von Samuel Barbers Klaviersonate hörte. Gershwin – niemals ...

Sie komponieren derzeit an einem Musical. Wird darin der Geist der Stadt des Musicals spürbar werden?
Überhaupt nicht, weil es eine völlig andere Art von Musical ist und nichts mit Amerika zu tun hat. Es ist reine jüdische Musik. In meinem Musical geht es um die jiddische Sprache, alle Songs sind in Jiddisch.

Das Gespräch führte Edith Jachimowicz.
Dr. Edith Jachimowicz, die jahrelang auch in Moskau tätig war, lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.