Lasst singen und seid froh!

Weihnachtskonzerte im Musikverein 

„Nun singet und seid froh, in dulci jubilo ...“ Weihnachten 2020. Müssen wir in diesem Jahr unsere Lieder vergessen und das Singen verbannen? Die Epidemologen mahnen dazu: Nun schweiget, es ist besser so. Doch was wäre Weihnachten ohne Gesang? Im Musikverein soll gesungen werden, auch chorisch. Ermöglicht durch minuziöse Präventionskonzepte, an die sich die Singenden penibel halten, heißt es fürs Publikum: Lasst singen und seid froh! 

Was hat dieses Jahr mit uns gemacht? Wie sehr hat Corona schon unser Denken und Empfinden verändert? Ein Blick in die Zeitung zeigt es. Headlines wie die folgende sind nun normal, Chefs vom Dienst winken sie locker durch: „Warum man jetzt schon vor Weihnachten warnen müsste“. Wenn „die Zahlen“ steigen, schrumpft das Hochfest der Christenheit zum Risikofall. Vor Weihnachten wird gewarnt! Warum? Weil, so ein Experte, hier alles zusammenkomme, „was nur zusammenkommen kann: Die Generationen treffen aufeinander, es wird gesungen, auswärts gegessen, gereist ...“ Weihnachten 2020, so scheint es, gehört mehr den Epidemo- als den Theologen. Tags darauf las man in derselben Zeitung eine Konzertkritik: „Jubel im Musikverein für den Singverein und die Symphoniker unter ihrem neuen Chefdirigenten.“ Das Singen hatte sich seinen Platz erkämpft. Ein Gefühl wie Weihnachten.

Fülle des Lebens 

„Eine alternative Welt ohne gefährliche Viren“, schrieb Walter Weidringer in seiner Rezension, „das wünschen sich Musikfreundinnen und -freunde derzeit rund um den Globus – und können zumindest in Wien gerade die ,Schöpfung‘ nicht ohne Rührung vernehmen.“ Wie ein Jungbrunnen wirke das Werk, wecke es doch Erinnerungen an packende Konzerterlebnisse aus Kindheit und Jugend. „Das potenziert sich in Coronazeiten noch, zumal dann, wenn nach gefühlten Ewigkeiten der Wiener Singverein aufs Podium zurückkehrt, der in den Chören der himmlischen Heerscharen ekstatischen Jubel entzündet.“ Ja, es sind die himmlischen Heerscharen, denen der Chor da seine Stimmen leiht. Aber es sind auch wir Menschen, die singen müssen. Es gibt keinen besseren, keinen stärkeren, keinen stimmigeren Ausdruck für den Überschwang des Gefühls in der Fülle des Lebens: „Singt dem Herren alle Stimmen!/ Dankt ihm alle seine Werke!“ Haydns Schlusschor beglaubigt strahlend, was das ganze Werk durchzieht. Die „Schöpfung“ ist des Singens voll – und so soll, so muss es mit Haydn auch ohne Anführungsstriche gesagt sein: Die Schöpfung vollendet sich im Singen, im Dank, der sich singend verströmt.  

Gegen den Lockdown der Seelen 

Auch wenn einem der Glauben fehlen mochte: Die Botschaft hörte man wohl. Es ging „nicht ohne Rührung“ ab bei diesem Antrittskonzert von Andrés Orozco-Estrada, es war ein tiefberührendes Erlebnis – auch für die Singenden. Erlauben Sie, werte Leserin, werter Leser, dass ich an dieser Stelle ganz persönlich werde? Ich habe selbst mitgesungen, als Mitglied des Wiener Singvereins. Und bekennen möchte ich, dass diese „Schöpfung“ zu den bewegendsten Erfahrungen gehört, die ich in mehr als zweihundert Konzerten mit diesem wunderbaren Chor machen durfte. Warum war das so? Wohl auch deshalb, weil die befreiende Kraft des Singens nach dem Lockdown so ganz besonders spürbar wurde. Es war ein Singen gegen den Lockdown der Seelen. Ein Befreiungsakt von Körper, Geist und Seele gegen all die Enge, in die uns das Virus auch psychisch zwingen will. Dagegen wurde angesungen: mit aller Macht und Pracht.  

Federspiel
© Maria Frodl

Federspiel 

Bläserensemble Federspiel

Academy Singers
Bernhard Höchtel, Leitung 

„Von der langsamen Zeit“

Freitag, 04. Dezember 2020, 20.00 Uhr

Chorus sine nomine
© Natalie Paloma Photographie

Chorus sine nomine 

Orchester Wiener Akademie

Chorus sine nomine
Martin Haselböck, Dirigent 
Theodora Raftis, Sopran 
Patricia Nolz, Alt 
Daniel Johannsen, Tenor
Christoph Filler, Bass 

Georg Friedrich Händel
Messiah, HWV 56 (Teil I)
Johann Sebastian Bach
Magnificat D-Dur, BWV 243

Sonntag, 06. Dezember 2020, 11.00 Uhr

Familien Zyklus
© Dieter Nagl

Familien Zyklus 

Capella Leopoldina

Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Johannes Prinz, Dirigent
Cornelia Horak, Sopran
Wiebke Lehmkuhl, Alt
Werner Güra, Tenor
Florian Boesch, Bass

Johann Sebastian Bach
Weihnachtsoratorium, BWV 248 (Kantaten I–III)

Montag, 21. Dezember 2020, 19.00 Uhr

Singende Überzeugungstäter 

Enorm viel wurde und wird getan, um sich von diesem Virus nicht zum Schweigen bringen zu lassen. Der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien probt seit September nach einem detailgenau ausgearbeiteten Präventionskonzept. Es gibt regelmäßige Covid-19-Testungen aller Sängerinnen und Sänger, gearbeitet wird in geteilten Gruppen, zwischen den Singenden werden bei den Proben und im Konzert klar definierte Sicherheitsabstände eingehalten, die Wege im Haus folgen einem speziellen Leitsystem, in jeder Probe wird fotografisch festgehalten, wer wo saß und sang und ... und ... und. Das Leitungsgremium des Singvereins und Chordirektor Johannes Prinz bewältigen – gemeinsam mit dem Musikverein – ein unglaubliches Pensum an Aufgaben, um sich vom Virus nicht kleinkriegen zu lassen. Es soll, es muss gesungen werden, wenn es irgend geht. Die Mitglieder in diesem Chor sind Überzeugungstäter: Singen, das ist ihre Maxime, gehört einfach zum Leben, ganz elementar, ganz essenziell. Und so darf es auch nicht fehlen, wenn es um den Ursprung des Lebens geht, die Geburt eines Kindes, das unser aller Leben verändern kann: Weihnachten. 

Mit herrlichen Chören! 

Bachs „Weihnachtsoratorium“. Hat man sich schon einmal klargemacht, wie viel da vom Singen gesungen wird? Wie viel an Bekenntnis zum Singen in diesen Kantaten steckt? Wenn es ums Höchste und Tiefste geht, ums Stärkste und Innigste, dann muss gesungen werden, und so sagt es singend schon der Eingangschor: „Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören!“ Zärtlich darf dieses Singen sein – „So singet ihm bei seiner Wiegen/ Aus einem süßen Ton/ Und mit gesamtem Chor/ Das Lied zur Ruhe vor!“ – und dann natürlich wieder volltönend, als Ausdruck des Glücksgefühls in der Fülle des Gelingens, das immer auch ein Geschenk ist. „So recht, ihr Engel, jauchzt und singet/ Dass es uns heut so schön gelinget ...“ Mit diesem Bass-Rezitativ leitet Bach über zum leuchtenden Schlusschoral der zweiten Kantate: „Wir singen dir in deinem Heer/ Aus aller Kraft Lob, Preis und Ehr ...“ Die Gabe des Singens, will uns Bach wie Haydn sagen, ist ein Gottesgeschenk, das zur Ehre Gottes eingesetzt werden will. Und so sagt es auch Händel, wenn er in seinem „Messiah“ von den Wundern erzählt, die der Erlöser, soeben in der Stadt Davids geboren, den Menschen bringen kann: „and the tongue of the dumb shall sing“. Mit dem Orchester Wiener Akademie und Martin Haselböck wird es am 6. Dezember zu hören sein, dieses Lob des Singens im ersten Teil des „Messiah“, verbunden mit Bachs „Magnificat“. Es singt der Chorus sine nomine. Weihnachten geht nicht ohne Gesang. 

Entschleunigung, diesmal anders 

Das fand auch Federspiel, das im Musikverein vielgehörte und international vielgepriesene Bläserensemble. Zwar verstehen sich die jungen Herren an Trompete, Posaune, Tuba und Klarinette auch aufs instrumentale Singenkönnen – Sanglichkeit ist schlichtweg ein Teil ihrer federspielleichten Virtuosität. Aber zu Weihnachten darf es ein bisschen mehr sein. Federspiel hat sich deshalb für sein Musikvereins-Weihnachtskonzert auch noch die Academy Singers aus Oberösterreich eingeladen. „Von der langsamen Zeit“ heißt das Programm, entworfen noch zu Zeiten, in denen „Corona“ nur eine Vokabel aus dem Lateinbuch war und die Weihnachtszeit als hektische Jahresschlussphase schon gedanklich für erhöhte Adrenalinspiegel sorgte. „Entschleunigung“ wäre dazu das Gegenprogramm, eine „langsame Zeit“ das Heilmittel gegen die übliche Dezember-Hektik. Nun, kurz vor Weihnachten 2020, schaut es etwas anders aus. Das Jahr hat uns mit Bremsmanövern sonderzahl zugesetzt, Entschleunigung ist kein Thema für all die sorgenvoll Gehemmten, Heruntergefahrenen und Gedownlockten. Aber die Sehnsucht nach „der langsamen Zeit“ meldet sich trotzdem, nur anders: als Wunsch, aus dem bedrängenden Mix der Emotionen herauszufinden und das Gefühlsdurcheinander von Angst, Frust, Trotz, Hilflosigkeit und was auch immer hinter sich zu lassen. Federspiel öffnet dazu den Weg: mit besinnlichen Weihnachts- und Winterstücken aus verschiedensten Traditionen, mit Turmbläser-Klassikern, Volksliedern und spanischen „Navideños“. Und eben: mit Gesang! Vor Weihnachten wird gewarnt. Nicht so im Musikverein. 

Joachim Reiber  
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Sänger im Wiener Singverein.