In Klängen schweben

Zubin Mehta

Es ist eine der schönsten Nachrichten dieses Herbstes: Im Dezember ist Zubin Mehta zurück im Großen Musikvereinssaal. Mit den Wiener Philharmonikern und der finnischen Sopranistin Camilla Nylund gestaltet er einen Abend, der ganz im Zeichen von Anton Webern und Richard Strauss steht. Margot Weber traf den Maestro für ein Gespräch in Mailand an.

Wer hat schon damit gerechnet, dass Zubin Mehta in diesem Jahr eine fünfmonatige Auszeit haben würde? Er selbst mit Sicherheit am wenigsten. Da hatte er vor zwei Jahren einen Nierentumor überlebt – „ein Wunder“, so die Ärzte damals – und konnte infolgedessen damals acht Monate lang nicht am Pult stehen. Auch eine Tournee mit seinen geliebten Wiener Philharmonikern fiel deshalb aus. „Aber da war ich krank“, erzählt er, inzwischen wieder genesen. „In den vergangenen Monaten war ich gesund. Und habe trotzdem nicht dirigieren können.“ Er, der leidenschaftliche Workaholic. Bis heute hat der 84-Jährige ein mehr als einschüchterndes Arbeitsethos. Seine Tage verbringt er – seit mehr als sechs Jahrzehnten, elf Monate im Jahr – immer gleich: mit dem Lesen von Partituren, mit Vormittagsproben, dem Lesen von Partituren, schließlich mit Abendproben oder Vorstellungen. Dann, nach ein paar Tagen oder Wochen, steht eine Reise in eine andere Stadt an – und dort beginnt alles wieder von vorn. Aber natürlich will er es genau so.

Zeit – viel Zeit

Eigentlich hatte das Jahr 2020 für ihn ziemlich erfreulich angefangen: Mehta verbrachte die Monate Jänner und Februar in Berlin, stand in der Staatsoper Unter den Linden bei einer „Rosenkavalier“-Neuinszenierung André Hellers am Pult. Doch dann kam Corona. Und was dann im Frühjahr nicht mehr kam, waren: ein neuer „Otello“ in Florenz. Ein „Fidelio“ in Florenz. Ein neuer „Maskenball“ in Mailand. Ein „Falstaff“ an der Wiener Staatsoper. Alles abgesagt. Als die Opernhäuser und Philharmonien schlossen, flog Zubin Mehta zurück in die Staaten und verbrachte,  gemeinsam mit seiner Frau Nancy, die folgenden fünf Monate in seinem Haus in Los Angeles. „Das Haus ist groß, und wir haben es sehr schön. Aber natürlich haben wir uns isoliert. Wir sind nicht hinausgegangen, wir waren nicht einmal essen“, erzählt er. „Plötzlich hatte ich Zeit – viel Zeit. So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Was er getan hat? „Partituren studiert. Und sonst ...“ – jetzt muss er selbst ein wenig lachen – „... stellen Sie sich vor: Ich habe Bücher gelesen. Vier Bücher! Ich lese ja sonst nur Noten. Und es waren dicke Bücher!“ Aber nach einer Phase des Eingewöhnens habe er die ruhigen Monate dann sogar genießen können.

Was Hoffnung gibt

Doch er wird auch schnell wieder ernst. So wie im Laufe der kommenden sechzig Minuten unsere Stimmung stetig hin und her schwankt: Mal lacht er heiter, mal schmunzelt er selbstironisch – aber immer wieder ist er auch nachdenklich und in sich gekehrt. In wenigen Stunden, am Abend, wird er in der Scala am Pult stehen, zum ersten Mal wieder seit Beginn der Pandemie. 600 Zuhörer dürfen in das Mailänder 2.030-Plätze-Haus. Eine Rückkehr nach schweren Zeiten. „Sie wissen, wie sehr die Lombardei gelitten hat? Wie schlimm die Situation besonders hier in Mailand war? Ich habe aus Los Angeles jeden Tag mit Italien telefoniert, mich hat das alles sehr beunruhigt.“ „Das Virus hat die ganze Welt verändert“, sagt er. Eine Prognose wagt er nicht: „Ich weiß nicht, wann es wieder so sein wird wie zuvor. Vielleicht nie.“ Was ihm Hoffnung gibt: „Die Menschen brauchen die Musik.“ Das lasse ihn optimistisch sein. „Obwohl wir alle sehr vorsichtig bleiben müssen. Ich nehme das Virus sehr, sehr ernst.“ Doch die Sorge wird nicht geringer: „In Indien geht es ja weiter. Es ist zum Weinen.“ Mag Mehta auch seit mehr als einem halben Jahrhundert in den Vereinigten Staaten leben – im Herzen wird er immer ein Bombayite bleiben, ein Mann aus Bombay. Wir sprechen über Dharavi, den größten Slum seiner Heimatstadt, vermutlich sogar den größten Asiens. Dharavi hat die höchste Bevölkerungsdichte der Welt – schätzungsweise eine Million Menschen leben dort. Die Dächer und Wände der Ein-Zimmer-Häuser sind häufig aus Blech oder Plastik, offene Abwasserrinnen durchziehen die engen, stinkenden Gassen. Toiletten gibt es kaum. „Die Menschen leben zu siebt oder acht in einem Raum, eng beieinander. Sie wissen nicht, was diese Krankheit für Folgen haben kann, sie wissen nicht, wie man sich schützen kann – und selbst wenn sie es wüssten, könnten sie es trotzdem nicht tun. Das ist alles sehr, sehr schlimm.“ Krankheiten wie Typhus, Dengue-Fieber, Tuberkulose oder HIV sind ohnehin weit verbreitet – Corona kommt jetzt noch hinzu.

Geste des Trostes

Als Mehta schließlich nach Italien zurückflog, gab er seine ersten Konzerte in Florenz, gemeinsam mit dem Chor und dem Orchester des Maggio Musicale. „Wir haben, unter anderem, auch zweimal das Verdi-Requiem gespielt, für die Ärzte und Angehörigen der Opfer der Pandemie. Für all diese Menschen, die fast ihr Leben verloren hätten.“ Musik als Trost. Und als Geste des Dankes. Dann folgte Mailand. Zunächst fünfmal eine konzertante „Traviata“ – mit dem Orchester auf der Bühne – im September. „Nach diesen furchtbaren Monaten genießen die Menschen die Musik so sehr“, sagt er. Und nun, heute Abend, mit der Filarmonica della Scala, ein teilweise ähnliches Programm wie jenes, mit dem er im Dezember im Großen Musikvereinssaal gastieren wird. So werden auch heute Abend die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss erklingen. Was empfindet er in diesen Tagen? „Freude“, antwortet er. „Große Freude.“ Und wie verliefen die Proben hier in Mailand? „Wir waren alle so glücklich, wieder Musik machen zu dürfen. So bewegt.“ Das Orchester habe nach jedem Lied applaudiert. Aber wie schafft man es da, sich emotional nicht wegtragen zu lassen? Das sei schwer, antwortet Mehta. „Ich schwebe am Pult. Diese Lieder sind so poetisch und so ergreifend. Am liebsten würde ich manchmal aufhören zu dirigieren und nur noch zuhören.“ Das letzte Lied, „Im Abendrot“ – es sei ein Abschied vom Leben. „Und am Schluss hören wir in den Streichern das Hauptmotiv aus ‚Tod und Verklärung‘.“ Sein Gefühl während dieser Takte? „Es bricht einem das Herz.“

„Der schönste Klang der Welt“

Mehta, der „Wahlwiener“, wie er immer wieder sagt, kam 1954 zum Studium an die Donau. Über sechzig Jahre sind seitdem vergangen, doch die Liebe zum deutschen Kunstlied und zu Richard Strauss ist geblieben. „Wissen Sie, ich hatte zu Beginn meiner Laufbahn sieben Jahre in Wien, da habe ich alles in mich eingesaugt. Den Stil für Richard Strauss, die Spielart – all das habe ich damals in Wien gelernt. In Bombay hatte ich ja nur Schallplatten.“ Amüsiert erinnert er sich an den Gefühlsaufruhr, der ihn als Student beim ersten Konzertbesuch im Goldenen Saal überkam: „Dieser herrliche Klang! Der schönste Klang der Welt! So etwas hatte ich noch nie zuvor gehört.“ Auch die Orchesterstücke Anton Weberns, entstanden 1909, begleiten ihn seit dieser Zeit. Erstmals habe er sie in den sechziger Jahren dirigiert – „kleine Juwelen“ nennt er sie. „Entstanden sind sie nach dem Tod seiner Mutter“, erzählt Mehta, „und davon tief beeinflusst.“ Ein Hinweis darauf: das vierte Stück, das in der ersten Fassung noch explizit als „Marcia funebre“ überschrieben sei, also als Trauermarsch – eine Bezeichnung, die Webern bei seiner Überarbeitung zwanzig Jahre später tilgte. Eine Musik voller Tragik und tragischer Motive – die tiefen Glocken deutet Mehta als Kirchenglocken –, und dabei zugleich äußerst reduziert: „Alles ist sichtbar, wie unter einem musikalischen Mikroskop. Man muss sich jedem einzelnen Takt ganz genau widmen, muss jeden einzelnen Takt interpretieren, sonst misslingt es in der Gänze.“ Was da gefordert sei: „Ernsthaftigkeit. Und Tiefe.“ Und so endet dieses Gespräch genau so, wie es begonnen hat: ruhig und nachdenklich. Aber vielleicht ist das diesen Zeiten einfach angemessen.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.