Was ein Haus erzählen kann 

Die Ausstellung zum 150-Jahr-Jubiläum des Musikvereins 

„Der Tonkunst geweiht. 150 Jahre Musikverein“. Der Titel der Jubiläumsausstellung, die ab 21. April 2020 gezeigt wird, sagt viel, aber lange nicht alles. Denn dieses Haus, der Tonkunst geweiht, wurde nicht nur ein Herzstück des internationalen Musiklebens. Es hatte auch Raum für noch weit mehr und überraschend anderes. Welche Geschichten es erzählen kann, das zeigt diese Schau in faszinierend vielfältiger Weise.

Man kann es sich leicht machen und statt einer Auflistung von Namen mit stolzgeschwellter Brust erklären: Kaum einen großen Komponisten aus der Musikgeschichte der letzten 150 Jahre gibt es, von dem hier nicht auch ein Werk ur- oder erstaufgeführt wurde, der im Musikverein nicht dirigiert hat oder wenigstens einmal als Zuhörer im Saal war. Es fehlen nur wenige. Dasselbe gilt für die Dirigenten- und Solistennamen. Manche Außenseiter könnte man noch nennen – wie den thailändischen König Bhumibohl, der im Großen Saal das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich dirigiert und im Archiv zusammen mit Friedrich Gulda Jazz gespielt hat, oder den britischen Premierminister Edward Heath, der die Orgel im Großen Saal gespielt und im Archiv Handschriften zu seinen liebsten Repertoirestücken als Organist wie Dirigent studiert hat. Aber genug davon, die nicht-berufsmusikalischen Berühmtheiten, die im Haus einmal musiziert haben, sollen nicht detailreicher erwähnt werden als die Künstler von Profession ...

Die Tonkunst und noch mehr

An der Fassade des Musikvereins stehen drei Figuren, die die komponierende und ausübende Musik sowie die Dichtkunst darstellen. Auch für die Literatur war und ist der Musikverein Heimstatt. Es gab hier szenische Theaterproduktionen (nebstbei auch szenische Opernproduktionen), Dichterlesungen in einem weiten Spannungsfeld von Peter Rosegger zu Karl Kraus sowie in der Gegenwart bis zu Michael Köhlmeier und Rezitationsabende der höchsten Schauspielerriege. Dass sich auch Politik und Kirche immer wieder hier eingefunden haben, wenn sie einen festlichen Rahmen benötigten, ja dass die Israelitische Kulturgemeinde hier jährlich – 1937 zum letzten Mal – die Gottesdienste zu Jom Kippur und den nachfolgenden Festtagen gefeiert hat, auch daran ist in dieser Ausstellung zu erinnern: „Der Tonkunst geweiht. 150 Jahre Musikverein“. Selbstverständlich, dies war die erste Priorität: Das Haus wurde der Tonkunst geweiht – auch der Lehre und dem Studium der Musik im Konservatorium und in Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde, Abteilungen, die schon ein Vierteljahr vor der Eröffnung vom alten in das neue Haus übersiedelt sind. Auch um Pantomime und Tanz zu erleben, ging man in den Musikverein. Und für die musikalischen Veranstaltungen standen – lange vor dem Bau der Neuen Säle – nicht nur Großer und Kleiner Musikvereinssaal zur Verfügung, intimere Musikveranstaltungen gab es auch im dafür immer eigens adaptierten Foyer oder rund um die Orgel auf der Orgelgalerie, später auch in dem dafür eingerichteten Kammersaal (heute: Gottfried-von-Einem-Saal und Pausenraum). Auch musikalische Wettbewerbe fanden hier regelmäßig statt.

Ein Riese im Großen Saal

Bälle hat es von der Eröffnung des Hauses an gegeben; Philharmonikerball und Techniker-Cercle sind heute nur mehr Reste der einstmals regen Ballkultur im Haus. Künstlerische Veranstaltungen besonderer Art waren die von Zauberkünstlern, welche die Säle ebenfalls gemietet haben. Groß war auch die Zahl der eingemieteten ganz und gar nicht-musikalischen und nicht-künstlerischen Veranstaltungen. Fast als ob man sich dafür geschämt hätte, wurde von diesen nichts im Archiv hinterlegt. Die betreffenden Schriftwechsel oder Mietverträge wurden nicht aufbewahrt. (Das war übrigens im alten Musikvereinsgebäude in den Tuchlauben auch schon so.) Der Musikverein bot so auch Raum für Kongresse, für Produktenausstellungen wie die „Wiener Kosttage“, bei denen Lebensmittel gezeigt und prämiert wurden, oder für Ereignisse, die geradezu Jahrmarktsnummern waren: wenn zum Beispiel ein „Riese“, also ein besonders groß gewachsener Mensch, im Großen Musikvereinssaal bestaunt werden konnte. 

Nöte und Not, die erfinderisch macht

Der NS-Zeit, in der die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien nicht existierte, ist ein eigener Abschnitt gewidmet, denn das Musikvereinsgebäude wurde auch in diesen Jahren bespielt, freilich von einer Berliner NS-Behörde geleitet. Der Granatenbeschuss in den letzten Kriegstagen darf in einer solchen Dokumentation nicht fehlen – auch nicht, Not macht erfinderisch, die Erdäpfel, die auf dem Blechdach des Hauses in Holzkistchen gezogen wurden. Dass in den wiedererstarkten Jahren der Nachkriegszeit ernsthaft der Plan erwogen wurde, den Großen Saal und damit das ganze Gebäude durch Verlängerung zu vergrößern, ist eines der gar nicht wenigen Kuriosa in der Hausgeschichte. 

Ein genervter Herzog

Auch die Umgebung des Musikvereins gehört zu seiner Geschichte. Ursprünglich idyllisch am Ufer des Wienflusses gelegen, steht er heute an einer Verkehrsader. Ursprünglich mit dem Künstlerhaus eine ideelle Einheit bildend – dort stellten bildende Künstler ihre aktuellen Kunstwerke aus, hier wurden alte und neue Kunstwerke der Musik und die Künste der Musiker gepflegt, im weiteren auch die der Literatur und der Literaten –, wird er bald wieder Nachbar eines Museums für die Kunst der Gegenwart sein. Und der Verkehr! Die zahlreichen zu den Konzerten kommenden, sich anstellenden, in die Einfahrt einfahrenden und bei der Ausfahrt daraus das Haus wieder umrundenden Pferdekutschen waren für den nebenan sein Palais besitzenden Herzog von Württemberg so enervierend, dass er sein Palais verkaufte, worauf es zum Hotel wurde.

Tradition und Wandel

Die Geschichte des Gebäudes in diesem selbst nachzuvollziehen, heute Vertrautes im historischen Wandel zu sehen, heute Gewohntes auf seine Tradition hin zu überprüfen, das ist die große Verlockung, diese Ausstellung zu besuchen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Der Musikverein ist so vielen so lieb geworden, weil er immer mit der Zeit gegangen ist, sich seiner Tradition immer bewusst war und seine Identität immer bewahrt hat. Eine Kunst, die den in Vergangenheit und Gegenwart für ihn Verantwortlichen immer gelungen ist. 

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.