Romantischer Virtuose 

Maxim Vengerov

Liebenswürdig und charmant beim Interview, wild und leidenschaftlich auf der Bühne: Maxim Vengerov, russischer Weltstar, kosmopolitischer Geiger und stolzer Familienvater ist mit Mozart, Strauss und Enescu wieder einmal im Musikverein zu Gast.

Der Mann mit den starken Händen und den großen dunklen Augen ist der Verführer unter den Geigern, der wildromantische Virtuose. Nicht ohne Grund ist Maurice Ravels exaltierte „Tzigane“ mit all ihren Flageolett-Tönen, Doppelgriffen und Pizzicati eines seiner Lieblingsstücke. „Und selbstverständlich spiele ich das auch in Wien!“, lacht er, als wir uns in München zum Gespräch treffen. Am Abend wird er hier ein Konzert geben, bevor es dann auf eine kleine Tournee quer durch Europa geht. Acht Auftritte in 13 Tagen, zwischen London und Moskau, stehen dem 45-Jährigen bevor, in den berühmtesten Sälen und Häusern der Alten Welt. Eingeflogen ist er erst vor wenigen Stunden aus Nizza – er lebt seit 23 Jahren in Monte Carlo. „Genauer gesagt: Meine Familie und ich leben dort“, präzisiert er. Seine Frau Olga und seine beiden kleinen Mädchen. Es gibt schlimmere Orte als den sonnenverwöhnten Kleinstaat am Mittelmeer. Er lacht schon wieder. „In der Tat. Außerdem haben wir mit Frankreich und Italien zwei wunderbare Nachbarländer direkt vor der Tür.“

Wie eine menschliche Stimme

Was an diesem winterlich-kalten Nachmittag in einem feinen Bogenhauser Restaurant schnell klar wird: Maxim Vengerov ist ein herzlicher Gesprächspartner, der Smalltalk mit ihm ein großes Vergnügen. Deutlich anzumerken sind ihm die Freude und Liebe, wenn er von seinem Leben – und seinen Cello und Klavier spielenden Töchtern – erzählt („vielleicht werden wir ja mal ein Trio“). Doch als wir einen kleinen Schwenk in seine eigene Kindheit machen – geboren ist er in Nowosibirsk –, wird sein Ton ernster. Er gilt als typisches Sowjet-Wunderkind, hat 1979, im Alter von vier Jahren und acht Monaten mit dem Geigenspiel begonnen. Seine Eltern: beide Musiker. Die Mutter arbeitet als Chordirigentin, der Vater als Oboist eines renommierten Symphonieorchesters. Fünf Monate nachdem der kleine Maxim den ersten Ton auf seiner Geige gekratzt hatte, gab er sein erstes Konzert. „Meine Eltern haben mein Talent sofort gesehen“, erzählt er. Aber das bedeutete eben auch: üben, üben, üben. Sieben bis acht Stunden täglich, manchmal bis um Mitternacht, immer unter den wachsamen Augen der Mutter. Fordern und fördern, die alte russische Schule. Der Standardsatz seiner ersten Lehrerin: Ist er nicht gut genug, wirft sie ihn raus. „Es war anstrengend“, erinnert er sich heute. „Man musste immerzu Leistung bringen. Ich habe das Üben gehasst. Aber andererseits wollte ich dieses Instrument unbedingt beherrschen.“ Warum? „Die Geige klang wie eine menschliche Stimme, wenn sie singt. Das fand ich absolut faszinierend.“ Die Belohnung für den Drill und die Qual? Waren die Konzerte. „Die habe ich schon damals geliebt. Wenn ich auf der Bühne stehen und spielen konnte, war ich überglücklich.“ Hat er als Kind nichts vermisst? Er lächelt leicht. „Das können Sie vielleicht nicht nachvollziehen. Aber: Es war die Sowjetunion, es waren die Siebziger. Es gab ja nichts, was ich hätte vermissen können. Für die Kinder von heute sind die Ablenkungsmöglichkeiten doch ungleich höher.“

Ein Leben auf der Überholspur

Mit sieben Jahren kommt er nach Moskau in eine Begabtenschule, mit zehn siegt er beim Internationalen Wieniawski-Wettbewerb in Lublin, mit elf spielt er seine erste Schallplatte ein, mit zwölf sorgt er für Aufsehen, als er beim Moskauer Tschaikowskij-Wettbewerb nur im Eröffnungskonzert auftreten darf: weil er das Mindestalter für den offiziellen Wettbewerb noch nicht hat, aber bereits besser spielt als viele Teilnehmer. 1990, mit 15, gewinnt er den Carl-Flesch-Wettbewerb in London, bekommt den Preis für die besten Mozart-, Bach-, Beethoven- und Paganini-Interpretationen, den Presse- und den Publikumspreis und unterschreibt einen Exklusivvertag mit einer Plattenfirma. Ein Leben auf der Überholspur, von klein auf. 1988 wurde er Schüler von Zakhar Bron, einem der bedeutendsten Violinpädagogen der vergangenen Jahrzehnte. Einer seiner Mitschüler, drei Jahre älter und ähnlich begabt, war Vadim Repin; manchmal traten beide gemeinsam auf. Bron – erst in Nowosibirsk, dann in Lübeck – machte es den Jungen nicht leicht: „Seine Stunden waren wie Karate“, erinnert sich Vengerov. „Man musste durchkommen. Aber wenn man überlebt hatte, wurde man stark – und das ist ja ganz wichtig für unsere Existenz.“ Rückschläge? Gab es anfänglich keine. Der Kritiker Harald Eggebrecht schrieb 1994 über den damals 20-Jährigen anlässlich eines Konzerts im Münchner Herkulessaal: „Die Frische, das Feuer, die Artikulations- und Phrasierungs¬besessenheit dieses phantastischen Geigers, seine Fähigkeit und sein Wille, die Vielfalt der Musik nicht auf bloße Instrumentalbeherrschung zu reduzieren, machten ihn zu einem elementaren Ereignis.“

Eine 300-jährige Geliebte

1998 fand er das perfekte Instrument für sich, ersteigerte bei Christie’s die „ex Kreutzer“-Stradivari aus dem Jahr 1727. „Eine der zehn besten Geigen der Welt“, wie er sagt. Und eine der teuersten. Benannt ist sie nach ihrem ehemaligen Besitzer, dem Franzosen Rodolphe Kreutzer (1766–1831), dem Beethoven einst seine Violinsonate Nr. 9 A-Dur, op. 47, widmete. Als er von ihr erzählt, klingt es mehr nach einem – kapriziösen – Familienmitglied als nach einem Gegenstand. „In sieben Jahren wird sie 300 Jahre alt“, sagt er. Werden sie das feiern? Er nickt. Wie? „Das verrate ich doch jetzt noch nicht!“ 

Vier oder hundert Saiten

Vor 13 Jahren, 2007, dann doch ein Einbruch: Schmerzen im rechten Arm, Operationen, eine vierjährige Zwangspause folgte. Ärgerlich, aber sie hatte auch ihr Gutes: „Weil ich gezwungen war, eine Pause zu machen, habe ich verhindert, dass die Musik nur noch ein Job wird.“ Die Jahre ohne Instrument nutzt er, um sich neu zu orientieren: „Ich habe das Dirigieren erlernt.“ Auch hier kam der Erfolg schnell: Schon 2010 wurde er der erste Chefdirigent des Gstaad Festival Orchestra. Seitdem hat er zwischen Schanghai und Toronto mit den größten Klangkörpern musiziert. Aber ist das Löwenbändigertum am Pult nicht ein völlig anderer Beruf? „Ach wo, der Unterschied ist gar nicht so groß. Ein Geiger und ein Dirigent kommunizieren vielleicht in unterschiedlichen Dialekten, aber am Ende ist die Musik eine einzige Sprache. Spiele ich Geige, liegt die Musik in meinen Fingern und ich spreche direkt mit dem Publikum. Stehe ich vor einem Orchester, liegt die Musik in meinen Gesten und ich spreche mittels des Orchesters mit dem Publikum.“ Einmal habe er vier Saiten zur Verfügung, einmal hundert. Außerdem bereichere das eine Tun das andere: „Ich kann die Musik, die ich als Solist spiele, jetzt in einem zweiten Licht sehen.“ Die Fähigkeit, Orchesterpartituren jetzt noch genauer durchdringen zu können, befruchte auch sein Spiel als Geiger. 

Das eine wie das andere

Das Schönste für ihn mittlerweile: geteilte Abende, an denen er das eine wie das andere machen kann. Vor knapp zwei Jahren hat er dieses Prinzip für sich entdeckt. Allerdings bevorzugt er eine bestimmte Reihenfolge: „Erst geigen, dann Pause, dann dirigieren.“ Warum? „Das solistische Tun verlangt von mir Introvertiertheit. Um dahin zu kommen, brauche ich persönlich viel Ruhe und Zeit. Das Dirigieren hingegen erfordert Extrovertiertheit. An dem Punkt bin ich persönlich schneller. Von innen nach außen umzuschalten ist für mich leichter als umgekehrt.“ Also erst die intime Violinballade und dann die volltönende Brahms-Symphonie? Genau, nickt er. Doch damit nicht genug. Seit wenigen Monaten hat er, der schon immer leidenschaftlich gerne unterrichtete, am Salzburger Mozarteum eine Stiftungsprofessur inne – das heißt: eine zur Gänze extern finanzierte Stelle, in diesem Fall von den Mäzenen Stephan und Viktoria Schmidheiny. Bestens vorbereitet ist er dafür seit Jahrzehnten, hatte er seine erste Professur, damals in Saarbrücken, doch bereits vor knapp 20 Jahren angetreten. Acht Jahre blieb er, wurde danach für sieben Jahre Professor an der International Menuhin Music Academy in Gstaad, übernahm dann im Herbst 2016 eine Gastprofessur am Royal College of Music in London. Keine Sekunde habe er gezögert, als das Angebot aus der Mozartstadt gekommen sei, erzählt er: „Das Mozarteum ist legendär, und ich habe dort wunderbare Kollegen. Es ist eine Ehre, von ihnen gefragt zu werden.“

Das richtige Maß

Wie sein Leben heute aussieht? „Meine Frau meinte im vergangenen Jahr, ich mache zu viel“, antwortet er. Und gesteht ein, dass sie recht habe. Zudem die Mädchen jetzt in die Schule gehen, die Familie ihn also nicht mehr auf seinen Tourneen begleiten kann. 95 Konzerte seien es in der Saison 2018/19 gewesen, nicht gerechnet die An- und Abreisen oder die Probentage. Für dieses Jahr hat er die Anzahl auf 60 reduziert. Hinzu kommen zwar noch die Verpflichtungen in Salzburg, aber das sei okay. Muss er noch üben, so wie einst als Kind in Nowosibirsk? Er lacht. „Nein. Das ist vorbei. Gott sei Dank.“ Er müsse sich nur noch vor Konzerten aufwärmen, auch dem Körper klarmachen, dass er nun bereit zu sein habe – aber Tonleitern oder Etüden sind Vergangenheit. Neue Stücke lernt er schnell, alte vergisst er nicht. Nie? Nie. „Neulich fragte mich Cecilia Bartoli für die Salzburger Pfingstfestspiele nach dem Mendelssohn-Konzert. Ich zögerte erst, ich hatte es zuletzt vor 22 Jahren gespielt. Aber nach drei Tagen war es wieder da.“ Nicht nur im Kopf, auch im Körper. „It’s all in my muscle memory, you know“, sagt er. Ein freundlicher Händedruck noch, dann ist er weg. Vor der Tür wartet bereits der Wagen, der ihn und seine „Strad“ zum Konzertsaal im Gasteig bringen wird.

Margot Weber
Margot Weber arbeitet als freie Journalistin und Dramaturgin und lebt in München.