Musik zum Leuchten bringen 

Cornelius Meister

Im Juni 2018 schloss Cornelius Meister seine Zeit als Chefdirigent des ORF Radio-Symphonieorchesters mit einem Konzert im Großen Musikvereinssaal ab. Es war ein strahlender Schlusspunkt nach acht erfolgreichen Jahren. Nun dirigiert er hier erstmals die Wiener Symphoniker. 

Aller guten Dinge sind drei: Wenn Cornelius Meister nun das erste Mal am Pult der Symphoniker steht, dann ist das nicht nur eine Rückkehr nach Wien und in den Großen Musikvereinssaal. Dann hat er, der hier acht Jahre als künstlerischer Leiter des RSO wirkte und ab 2012 mehrfach an der Staatsoper gastierte, auch mit allen drei großen Klangkörpern der Stadt musiziert. Ins Haus am Ring kehrt Meister, inzwischen zum Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart avanciert, in dieser Saison mehrfach zurück. Etwa mit einer „Fledermaus“-Serie. Und kommende Saison wird er dort auch Wagners „Lohengrin“ leiten. Das Programm mit den Symphonikern nennt der Dirigent, der großen Wert auf den inneren Aufbau und das dramatische Timing eines Abends legt, eine Herzensangelegenheit: Wagner, Bruch, Strauss. Musik, die das Orchester, wie Meister sagt, „in seinen Genen hat“. Ein Abend, der ganz leise beginnen soll, um finalerweise mit der symphonischen Dichtung „Also sprach Zarthustra“ ins „Heavy Metal der Klassik“ zu führen.

Höchste Gegenwärtigkeit

Leise, unfassbar leise, so, als wolle hier aus tiefster Stille heraus der Schöpfungsakt von Musik an sich mitvollzogen werden, tönte Meisters Beginn auch an seiner neuen Wirkungsstätte in Stuttgart. Ein „Lohengrin“-Vorspiel, in dem die Gralsschale aus einem sich dehnenden Crescendo zerbrechlicher Streicherklänge von größter Reinheit niederzuschweben schien, als der weitgespannte Bogen aus den Höhenlagen der achtfach geteilten Violinen in seinen Ausgang zurückstrebte. Eine Klangmagie, in der sich zugleich die ganze Geschichte zwischen Zauber und gewaltträchtigem Gottesurteil aufgefächert und gefasst zeigte. Was hier noch wie ein großes Versprechen wirken konnte, das hat sich längst als eine  Quelle fortdauernder Glückserfahrung erwiesen: Unter Meisters Stabführung folgen die Musiker einem so filigranen wie leidenschaftlichen Gestaltungswillen, dass sich im Erleben der Musik volle sensorische Aufmerksamkeit und emotionale Bereitschaft wie von alleine mit wacher Bewusstseinshelligkeit verbinden. Höchste Gegenwärtigkeit und Begeisterungsfähigkeit, die der Dirigent ganz greifbar verkörpert: Vor dem dritten Aufzug wendet sich Meister kurz dem Publikum zu. Nach gut drei Stunden Musik noch frisch wie der junge Morgen, mit dem noch immer fast jungenhaften Charme eines 39-Jährigen – und mit einem energiegeladenen Leuchten, das postwendend dem Orchester gilt und dieses zu neuerlicher Höchst-leistung animiert. 

Ein ganzes Leben

Dass Cornelius Meister nun zu den „erfolgreichsten jungen deutschen Dirigenten“ zählt, wundert so kaum. Als „Jungstar“ gehandelt zu werden, betrachtet er aber nur als Hinweis darauf, dass er das, was er mittlerweile schon sein ganzes Leben lang tue, „in immer größerem Umfang tun kann“. Ein „ganzes Leben“, das lässt sich fast wörtlich nehmen, denn Meister ist in einem „Musikelternhaus“ groß geworden, was er „ein großes Glück“ nennt: die Mutter Klavierlehrerin, der Vater Pianist und Klavierprofessor in Hannover, was wiederum eine großelterliche Basis in Tätigkeiten als Schriftsteller, Verleger und Pianisten hatte. Bis zu seinem Tod war Konrad Meister der Klavierlehrer seines Sohns Cornelius – als der Vater starb, war Cornelius Meister 21 Jahre alt. Das Erlernen von Noten und Buchstaben, das Lesen von Texten und Partituren gingen bei ihm schon früh Hand in Hand. Und wenn er beim Studium am Salzburger Mozarteum mal Pause hatte, ging er mit Taschenpartituren „hinaus in die Natur, auf eine Almwiese“ und las selbige „wie andere einen Krimi“. Was er übrigens als den Grundstock dafür betrachtet, dass er „später in relativ kurzer Folge das gesamtsymphonische Werk der wichtigsten Komponisten dirigieren konnte“. Beethoven, Schumann, Brahms, Bruckner, Tschaikowskij, Mahler, Sibelius.

Das Einzelne und das Gesamte

Ein enzyklopädischer Ansatz? Meisters Zugang ist ein anderer. „Der Ansatz ist vor allem, dass ich gemerkt habe: Wenn ich eine Beethoven-Symphonie kenne und die andern acht nicht so gut, wie wenn ich sie schon mehrfach dirigiert hätte, dann reicht es nicht, diese eine Symphonie noch so intensiv zu studieren. Ich muss das gesamte symphonische Werk wirklich dirigentisch erarbeitet haben. Und das, den Überblick zu haben, das hilft tatsächlich dann auch für die eine Symphonie.“ Eine Basis, die ihn schnell zu großen Orchestern um den halben Globus führte. Zum Yomiuri Nippon Symphony Orchestra etwa, nach Prag, London, Paris, Rom, Amsterdam oder München und an die Mailänder Scala. Nach Washington und an die New Yorker Met, wohin er diese Saison ebenfalls zurückkehrt, mit Mozarts „Le nozze di Figaro“. Mit 21 schon feierte er sein Debüt an der Hamburgischen Staatsoper, mit 24 war er in Heidelberg als GMD Deutschlands jüngster Musikchef. Stationen als Korrepetitor in Erfurt und Hannover waren dem vorausgegangen.

Prägende Jahre

Allüren sind Cornelius Meister fremd. Wenn er Auskunft gibt zu seiner Premiere mit den Symphonikern, dann findet das in einer Schulbank statt, denn gleich spricht er mit dem Musikzug der Schule über „Lohengrin“. Das repräsentative Zimmer des Musikchefs hat er in Stuttgart erst gar nicht bezogen, stattdessen einen kleinen Raum in der unmittelbaren Arbeitsatmosphäre von Intendanz, Dramaturgie und Betriebsbüro. Eingerichtet mit Mobiliar aus abgespielten Produktionen. Unter den an die Wände gepinnten Souvenirs ein Bild des Musikvereins. „Prägende Jahre“ nennt er seine Wiener Zeit als Chefdirigent und künstlerischer Leiter des ORF Radio-Symphonieorchesters. Speziell die Abonnementkonzerte im Musikverein: „Die Erfahrung, die ich in diesem Saal gemacht habe, mit seiner Aura, seiner besonderen Akustik, aber auch in dem Wissen, ich darf da musizieren, wo die Allergrößten schon ihren Schweiß vergossen haben, der in diesem Holz da drinsteckt. Und diese Ehrfurcht, die ich immer hatte, das alles hat mich als Musiker und auch als Mensch enorm weitergebracht. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Vollkommenheit statt Perfektion

Perfektion übrigens hält Meister für keine Kategorie, die es in der Kunst anzustreben gelte: „Im Gegensatz zu Vollkommenheit, die es jeden Tag und jede Minute neu anzustreben gilt“, wie er betont. Ihn treibe „diese ständige Sucht danach, einfach immer unglaublich erfüllende Musik um mich herum zu haben. Und daraus ergibt sich dann alles andere. Wenn in einer Gruppe von Musikern, egal ob Orchester oder Kammermusik, was ich auch sehr gerne und viel mache, nicht jeder Einzelne vollkommen für die Sache brennt, nicht das letzte Hemd dafür gibt, dann wird das Ergebnis eben weniger erfüllt sein. Deswegen freue ich mich, wenn ich umgeben bin von Musikerinnen und Musikern, die sich in diesem Augenblick nichts Schöneres vorstellen können, als Musik zu machen.“ Und zur Not stellt sich der passionierte Radfahrer nach einem Sturz auch mit gebrochenen Rippen vor sein Orchester. 

Alles in vielen Facetten

Auch instrumental sucht Meister „nach maximal vielen Möglichkeiten, Musik zu machen“. Vom Klavier aus mit einschlägigen Instrumentalkonzerten, bei Kammermusik, zuletzt mit Schuberts „Forellenquintett“. Oder als Klavierbegleiter mit dessen Liederzyklen. Und weil er neben Cembalo, Orgel und Horn auch Cello gelernt hat, war er beim letzten Stuttgarter Neujahrskonzert auch plötzlich in der Cellogruppe des Staatsorchesters zu finden. Die Musik also ist ihm alles. „Allerdings insofern“, ergänzt der Vater dreier heranwachsender Kinder, „als mir meine Familie auch alles ist. Oder die Natur und die Kunst allgemein. Auch die Kunstgeschichte, die in gewisser Weise für mich auch zu einer Vollkommenheit dazugehört. Im Rahmen dieser Dinge, die ich so vollmundig mit alles bezeichne, ist die Musik ebenfalls alles für mich.“ Und so leuchtet bei Cornelius Meister auch im Gespräch jene Hingabe und unbedingte Liebe zur Musik, mit der er diese am Pult mit seinen Musikern zum Leuchten bringt.

Georg Linsenmann 
Georg Linsenmann ist Journalist – mit Schwerpunkt Kultur – in Stuttgart.