Liebe zum Lied 

Der Bariton Samuel Hasselhorn 

Wiens Musikfreunden ist Samuel Hasselhorn als herausragendes Ensemblemitglied an der Staatsoper bekannt. Seine Sporen verdiente sich der junge Deutsche jedoch als Liedsänger. Mit einem Liederabend gibt er nun auch sein Musikvereinsdebüt.

Ein kleines Dorf nahe Göttingen. Hier ist Samuel Hasselhorn aufgewachsen. Seine Eltern sind keine Musiker, doch sie sangen in einem Chor und legten größten Wert auf die musikalische Ausbildung ihrer Kinder. So wie seine drei älteren Brüder wurde auch Samuel, der Jüngste, früh Mitglied im örtlichen Kinderchor, den ein Freund der Eltern leitete, und lernte später zusätzlich ein Orchesterinstrument: Fagott. Beides gefiel ihm – das Chorsingen ganz besonders. „Wir haben viel A-cappella-Musik gemacht, einfach weil der Chor sehr klein war. Aber ich habe auch in Auswahlchören gesungen, und da haben wir das Brahms-Requiem gesungen, Brahms’ ,Fest- und Gedenksprüche‘ – wahnsinnig schöne Musik! Ich finde es fast ein bisschen schade, dass ich das heute nicht mehr singe.“ Auch Schönbergs „Friede auf Erden“: „Das fühlt sich ein bisschen an wie Orchesterspielen, nur dass alle singen. Und ich glaube auch, dass Chorsingen eine ganz bedeutende soziale Komponente hat.“

Vom Lied gepackt

Mit dem Sologesang begann Samuel Hasselhorn als Sechzehnjähriger. „Meine erste Gesangslehrerin“, erinnert er sich, „hat mir zwei CDs gegeben von Bryn Terfel und Malcolm Martineau, mit dem ich im Musikverein auftreten werde: Die eine Aufnahme war eine Schubert-CD und die andere eine mit den ,Songs of Travel‘ von Vaughan Williams und Shakespeare-Liedern von Gerald Finzi. Das hat mich einfach gepackt.“ Vorgezeichnet oder herbeigesehnt war eine (Opern-)Sängerlaufbahn für Samuel Hasselhorn nicht, obwohl nach dem Abitur für ihn feststand, dass er mit Musik weitermachen wollte, und er an die Musikhochschule Hannover ging. „Musik war das Einzige, das mir wirklich Spaß gemacht hat“, erzählt er. „Ich habe mich auch für Lehramt beworben. Aber eigentlich wollte ich schon ganz gern singen. Nur hatte ich nicht diesen Berufswunsch Opernsänger. Diesen Drang, unbedingt auf die Bühne zu müssen, wie ihn andere haben, den hatte ich nicht.“ Bei Kollegen habe ihn dieser Drang stets ein wenig abgeschreckt. „Mir ging es immer um die Musik.“ Er stürzte sich daher nicht gleich auf die großen Opernpartien, konzentrierte sich auf Lied- und Konzertgesang, Oratorium. „Man muss nicht gleich an die dicken Klopper ran.“

Glückliche Entscheidung

Nach vier Jahren Studium fasste Samuel Hasselhorn den Gedanken an ein Auslandsjahr – nach Möglichkeit bei einem männlichen Lehrer. „Ich hatte bis dahin immer Frauen als Gesangslehrer. Da dachte ich, ich brauch mal was anderes.“ Seine Wahl fiel auf das Pariser Conservatoire, an dem er von dem Amerikaner Malcolm Walker unterrichtet wurde. Eine glückliche Entscheidung, wie sich zeigen sollte. „In Paris habe ich angefangen, wirklich Singen zu lernen, und verstanden, was Singen wirklich heißt“, sagt er. Alles spielte zusammen und griff ineinander – so hat Samuel Hasselhorn es erlebt –, die Stadt, der Zeitpunkt, sein Alter, die Art des Unterrichts. In Paris habe er erst einmal seine Stimme „hervorgeholt“ und gelernt, Technik und Interpretation zu trennen – um sie schließlich durch die ihm gegebene Musikalität wieder zusammenzufügen. Insgesamt, resümiert er, sei sein Respekt vor der Stimme und vor der Musik an sich während seines Paris-Aufenthalts viel größer geworden.   

Eine geöffnete Tür

Kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland nahm Samuel Hasselhorn im September 2013 am Internationalen Schubert-Wettbewerb in Dortmund teil – und gewann. „Ich hatte zuvor schon ein paar Wettbewerbe gemacht und es immer relativ weit geschafft. Aber außer einem Förderpreis habe ich nie etwas gewonnen. Nach diesem Sieg dachte ich nur: Das ist eigentlich interessant. Wir Deutschen denken, wir wissen, wie Lied geht – aber ich habe das in Frankreich von einem Amerikaner gelernt. Die wissen das viel besser“, sagt er schmunzelnd, nicht ohne hinzuzufügen: „Das kann man so natürlich nicht sagen. Aber ich brauchte diese Schule ganz einfach. Mir war immer klar: Musikalisch könnte ich alle diese Wettbewerbe gewinnen. Aber ich konnte es stimmlich nicht. Paris hat mir eine Tür aufgemacht.“ Keine Frage, dass weitere Preise folgten, etwa beim Wigmore-Hall-Wettbewerb 2015 in London und beim Hugo-Wolf-Wettbewerb 2016 in Stuttgart. Außerdem gewann er im Jahr darauf den von Thomas Quasthoff ins Leben gerufenen Wettbewerb „Das Lied“ in Heidelberg und 2018 den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel sowie den Emmerich-Smola-Preis „SWR Junge Opernstars“.

Doppelte „Winterreise“

Der junge Bariton, der so kontinuierlich von sich reden machte, konnte der Wiener Staatsoper nicht verborgen bleiben. Mit Beginn der vergangenen Spielzeit wurde er hier ins Ensemble aufgenommen. Dass Samuel Hasselhorn zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht allzu viel Opernerfahrung vorzuweisen hatte, spielte keine Rolle. Sein Debüt im Haus am Ring gab er dann gleich Anfang September als Ottokar in Webers „Freischütz“. In acht weiteren Partien war er mittlerweile zu erleben, so auch als Belcore in „L’elisir d’amore“, als Figaro in „Il barbiere di Siviglia“ und jüngst als Don Fernando in der Neuproduktion von Beethovens „Fidelio“-Urfassung. Im März gibt er den Tusenbach in Péter Eötvös’ „Tri Sestri“ und im Mai den Conte di Almaviva in Mozarts „Le nozze di Figaro“. Zeit für seine Leidenschaft Lied findet Samuel Hasselhorn auch zwischen seinen vielen Aufgaben an der Staatsoper. Zwei Lied-CDs hat er bereits veröffentlicht: vor sechs Jahren schon das Album „Nachtblicke“ und zu Beginn seines Wien-Engagements das Album „Dichterliebe“. Eine dritte Aufnahme wird demnächst folgen.

Der komplette Sänger

Schuberts „Winterreise“ hat er gerade erst Anfang des Jahres wieder gesungen – gleich zweimal an einem Tag. „Das war die härteste Sache, die ich je gemacht habe“, gesteht Samuel Hasselhorn offenherzig. „Wir haben uns hinterher gefühlt, als wären wir einen Marathon gelaufen“, sagt er. Malcolm Martineau, seinem geeichten Partner am Klavier auch bei diesen Aufführungen, ging es da nicht anders. Seine allererste „Winterreise“ liegt für den noch nicht ganz dreißigjährigen Bariton bereits einige Jahre zurück. Es war eine szenische Produktion mit Kammerorchester, in der er den Gesangspart mit zwei anderen Sängern, einer Kollegin und einem älteren Kollegen, teilte. Eine spannende Erfahrung – obwohl Samuel Hasselhorn an sich eher für den Liedgesang in Reinkultur zu haben ist. Stimme und Klavier, Wort und Musik. Inszenierung gibt es in der Oper, beim Lied „braucht es das nicht. Dafür wurden die Lieder nicht geschrieben“, sagt Samuel Hasselhorn. Als Opern- und Liedsänger kennt und schätzt er beides, und er weiß: „Das eine befruchtet das andere, und es muss auch beides sein, um ein kompletter Sänger zu sein.“

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.