Βoйна и мир – Krieg und Frieden 

Das Leben, ein Patchwork in Progress 

In der Reihe „Wort Musik“ liest Johannes Krisch aus Tolstois „Krieg und Frieden“. Seine Auswahl muss er aus 1.600 Seiten treffen. Tolstoi schuf einen der größten Romane der Weltliteratur. Einen Roman, der eigentlich gar kein Roman ist.

Die Geschichte ist – der neuen BBC-TV-Serie sei Dank – hoch aktuell. In sechs Teilen und mehr als acht Stunden Spielzeit entspinnt sie sich, zur Zeit der napoleonischen Kriege. Spannend, ausladend, atemberaubend schön, grausam, romantisch und erschütternd zugleich wirkt sie, die jüngste filmische Version des vielfach verarbeiteten, weltberühmten Romans „Krieg und Frieden“. Obwohl – wenn es nach seinem Schöpfer geht, dem im September 1828 geborenen Lew Nikolajewitsch Tolstoi, so ist der eintausendsechshundert Seiten starke Roman ja überhaupt kein Roman. Der Schriftsteller selbst nämlich bezeichnet sein faszinierendes Werk als einen: Nicht-Roman. Dieser trägt zu Beginn seines Entstehungsprozesses auch keineswegs den weltberühmten Titel, nein, die ersten Kapitel, die ab Jänner 1865 in der Zeitschrift „Russkij Wjestnik“ (Russischer Herold) erscheinen, heißen noch schlicht „1805“. Mehr kann Leo Tolstoi zu diesem Zeitpunkt nicht darüber sagen. Ob und in welcher Weise sich das fast noch namenlose Etwas zu dem uns heute bekannten monumentalen Opus entwickeln wird, davon hat der Schriftsteller nur eine leise Ahnung, und ähnlich mag es wohl auch dem Leser der Zeitschrift ergehen, der von Ausgabe zu Ausgabe gebannt auf die Fortsetzung wartet.

Wie das Leben

selbst Genau dieses Prinzip, nichts anderes als das Prinzip des Lebens selbst, legt Leo Tolstoi seinem Nicht-Roman zugrunde: das Noch-nicht-Wissen. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive einer Gegenwart, die ihre Zukunft nicht kennt, ja gar nicht kennen kann. Und so bildet die Sicht des Schriftstellers das Gegenstück zu der Sichtweise, die uns zur Gewohnheit geworden ist – die des Historikers, der die Geschichte naturgemäß historisch betrachtet. Also im Nachhinein. Als vollendete Tatsache. Aus der überlegenen Position des Wissens heraus ist er überzeugt, dass er genau weiß, was geschehen ist, und konstruiert kühn und lückenlos Kausalketten, schreibt Siege oder Niederlagen dem vorausschauenden, geplanten Handeln bestimmter historischer Persönlichkeiten zu, die den Lauf der Welt so und nicht anders bestimmen wollten. Natürlich glaubt er damit auch zu wissen, was sich wer dabei gedacht hat und warum und wozu das Ganze daher unweigerlich führen musste. Im Grunde hat der Historiker es leicht, wenn er vergangene Ereignisse im Wissen um das Ergebnis von hinten aufzäumt, um sie solcherart zu bewerten und sein Urteil zu fällen.

Die tektonischen Bewegungen der Welt

Wie viel schwerer ist es dagegen, vorbehaltlos in eine vergangene Gegenwart einzutauchen und sich dabei vorzustellen, all das, was man weiß, nicht zu wissen! Denn das ist eigentlich unmöglich. Etwas, das man einmal weiß, kann man nie wieder nicht wissen. Tolstoi beherrscht die hohe Kunst. Zu jeder Zeit bleibt für ihn alles offen. Er lässt seine Figuren im natürlichen Zustand der Unwissenheit um die Zukunft denken, fühlen und agieren, obwohl er selbst, als ihr Schöpfer, immer mehr weiß als sie. Viel mehr. Jeder ist in seiner Gegenwart gefangen, die sich mit der seiner Mitmenschen verknüpft, unvorhersehbar, und den großen tektonischen Bewegungen der Welt folgt, auf die er im Grunde kaum Einfluss nehmen kann. Zumindest nicht mit dem erwünschten, erwarteten, geplanten Ergebnis. Was geschehen wird, kann der Einzelne nur mutmaßen oder herbeiwünschen. Und wir, die Zuschauer, erleben hautnah und staunend, wie trotz sorgfältiger Planung meistens alles anders kommt. Ganz anders.

Ein Sieg, der keiner ist

Nehmen wir Napoleon. Er plant den großen Sieg über Russland, und anfangs scheint auch alles nach Plan zu laufen. Bis 130 Kilometer vor Moskau dringt die „Grande Armée“ unter seiner Führung vor, und hier, in Borodino, erringt sie ebenda am 7. September 1812 tatsächlich einen Sieg. So eine Art Sieg, denn es ist damit rein gar nichts gewonnen. Trotz enormer und unerwarteter Verluste in einer der blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts marschiert Napoleon weiter, siegesgewiss, um Moskau zu erobern. Doch hier, wo er seinen glorreichen Feldzug noch glorreicher zu beenden plant, macht er die Rechnung ohne den Oberbefehlshaber der russischen Armee, General Kutusow. Absolute Fehleinschätzung der Lage. Kutusow hat schon vor Borodino befohlen, die Stellung zu halten, anstatt die Franzosen anzugreifen. Man hätte sich womöglich viel Blutvergießen erspart – doch Zar Alexander hat seinen Plan durchkreuzt und den Befehl zum Angriff gegeben. Nachdem Napoleon in Moskau einmarschiert ist, setzt Kutusow seine Strategie durch. Er tut: nichts. Er wartet. Während Napoleon, der sich standesgemäß im Kreml einquartiert hat, gnädig der russischen Verhandlungsangebote harrt, rührt Kutusow keinen Finger. Den Franzosen, so seine Überzeugung, werden die Ressourcen ausgehen. Früher oder später. Es geschieht früher, weil im besetzten Moskau Brände ausbrechen, die weite Teile der Stadt samt Lebensmitteln zerstören. Und weil die französischen Soldaten in ihrer Warteposition außer Rand und Band geraten, weitere Brände legen, hemmungslos die von den russischen Einwohnern verlassenen Häuser nach Vorräten plündern, völlern und sich bis zur Bewusstlosigkeit mit Wodka besaufen. Am 13. Oktober gibt Napoleon auf. Er beschließt den Rückzug. Sein Sieg bei Borodino erweist sich nun als Pyrrhussieg.

Ein Werk wächst

Anfangs noch im Frieden und dann im Krieg verweben sich zwischen 1805 und 1812 die Schicksale dreier russischer Familien – der Bolkonksis, der Rostows und der Kuragins, und Leo Tolstoi breitet sie in meisterhafter Patchwork-Technik nach und nach vor dem Leser aus. Der Schriftsteller nimmt damit eine Romantechnik vorweg, die sich erst im 20. und 21. Jahrhundert entwickeln und größter Beliebtheit und Anerkennung erfreuen wird. Doch das kann Tolstoi, in seiner Gegenwart, die ihre Zukunft nicht kennt, ja nicht wissen. Deshalb bezeichnet er seinen Roman eben als Nicht-Roman. Von 1863 bis 1869 befindet sich nun Tolstois kriegerisch-friedliches Patchwork gewissermaßen in Progress. Das Patchwork ist auch sprachlich als solches zu verstehen: Tolstoi streut unbekümmert französische Dialoge und Passagen in den russischen Text ein, kurz oder auch sehr lang, ohne sie zu übersetzen, weil das Französische in der damaligen Gegenwart à la mode ist und très chic. Zwischen den Russen und den Franzosen besteht so etwas wie eine bewundernde Hassliebe. Mit dem Schreiben geht es mal schneller und mal langsamer voran, zuweilen gerät es ganz ins Stocken, wie wir heute unter anderem aus Leos Briefwechsel mit seiner sechzehn Jahre jüngeren Frau Sofia herauslesen können. Auch die Verhandlungen mit dem Verlag gestalten sich zäh. Vor allem die über das Honorar. Wie gut, dass Tolstoi aus einem sehr alten und sehr wohlhabenden russischen Adelsgeschlecht stammt und nicht allein auf seine literarischen Einkünfte angewiesen ist. Die meiste Zeit verbringt er mit seiner stetig wachsenden Familie auf seinem Landgut in Jasnaja Poljana bei Tula, südlich von Moskau. Hier siedelt er, neben Sankt Petersburg und Moskau und diversen Kriegsschauplätzen, einen guten Teil der Handlung an.

Anders als geplant

Die Familie Bolkonski lebt auf genau so einem Gut, zurückgezogen und asketisch. Ihr entstammt eine Hauptfigur, der ehren- und heldenhafte Andrej. Stets hält er sich streng an Regeln – und doch verläuft sein Leben so gar nicht nach Plan. Er verliebt sich in die entzückende Natascha aus der lebensfrohen, ewig in Geldnöten befindlichen Familie Rostow. Unsterblich. Unsterblich? Sein despotischer Vater verordnet ein Jahr geheime Verlobungszeit. Andrej zieht in den Krieg. Als er verwundet zurückkehrt, ist Natascha, die ihn eigentlich liebt, soeben von Anatol aus der dekadenten Familie Kuragin verführt worden. Es war nur ein Kuss, und dennoch: gekränkte Ehre, gefallenes Mädchen, aus der Traum. Andrej zieht trotzig in den Krieg und stirbt.  Des bösen Anatol Kuragins laszive Schwester Hélène hat indessen Pierre Besuchow zur Ehe verführt, mit List und Tücke. Obwohl Pierre eigentlich immer schon Natascha liebt. Pierre Besuchow ist die zentrale Hauptfigur. Er ist der uneheliche Sohn des reichen Grafen Besuchow und erbt, als dieser ohne legitime Nachkommen stirbt, ein riesiges Vermögen. Unerwartet! Eigentlich haben die nahe verwandten Kuragins schon fix mit dem Erbe gerechnet. Pierre, in Frankreich erzogen, ähnelt in vielem seinem Schöpfer Leo. Bebrillt, dicklich, tolpatschig, gutherzig und verschwenderisch stolpert er durch den Frieden wie auch durch den Krieg und hält das komplizierte Patchwork einigermaßen zusammen. Denn er ist mit den meisten anderen Figuren befreundet, bekannt, verwandt oder verheiratet oder sonst auf irgendeine Weise verbunden. Sogar mit Napoleon, den er allen Ernstes zu töten plant, vergeblich – wie der Historiker weiß. Pierre selbst weiß es nicht. Ebenso wenig ahnt er, dass seine untreue Ehefrau demnächst von ihrem Liebhaber ein Kind erwarten und an einer missglückten Abtreibung sterben wird. Was ihn unerwartet in die Lage versetzen wird, Natascha seine Liebe zu gestehen. Was sie wohl dazu sagen wird? 

Sabine M. Gruber   
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte neben Romanen und Erzählungen auch das in mehreren Auflagen erschienene Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“.