Jahrgang 1770 

Beethoven, Hegel und Hölderlin 

Das Beethoven-Jahr ist auch ein Hegel- und ein Hölderlin-Jahr. 1770 geboren, prägten die drei ein Zeitalter: aus der Dissonanz kommend und mit der Dissonanz lebend, strebten sie nach dem Absoluten. Rüdiger Görner skizziert Beethoven, Hegel und Hölderlin als Dreigestirn der Zeit- und Denkgenossen.

Als der junge, vom Wehrdienst aufgrund seiner starken Kurzsichtigkeit befreite Ernst Bloch mitten im Ersten Weltkrieg (1915) in Garmisch sein Urwerk „Geist der Utopie“ vorbereitete, geschah dies, wie der Philosoph im Rückblick schrieb, „mit viel Beethoven außer Hegel im Kopf, nicht ohne Berührung mit dem Expressionismus des Blauen Reiter“. In der Schweizer Emigration sollte Bloch dieses poetisch-musikalische Denkwerk dann 1917 abschließen, sofern sich ein utopischer Entwurf überhaupt je beenden lässt. Zu dem Zeitpunkt war der „blaue Reiter“ Franz Marc bereits gefallen wie auch Norbert von Hellingrath, der noch vor Ausbruch der Weltkatastrophe Hölderlins späte Hymnen und dessen Pindar-Übertragungen entdeckte und herausbringen konnte, mit denen sich auch Bloch sogleich vertraut gemacht hatte.

Lebensbahnen, Denkwege und Seinsweisen

So komplex die zeitgeschichtlichen und biographischen Umstände waren, die einen jungen Intellektuellen und Kriegsgegner dazu brachten, mit Beethoven, Hegel und Hölderlin Orientierung zu suchen, um dabei „ins Offene“, ein Grundwort Hölderlins, aufzubrechen, als so vielschichtig zeigten sich ihm deren Werke: die Syntax und Denkwege Hegels, die späten Quartette Beethovens, die theoretischen Entwürfe und hymnischen Perioden Hölderlins – sie sind aufs Engste miteinander verwandt. Nicht minder markant sind die Unterschiede zwischen ihnen in Temperament und Habitus, Lebenslauf und Wirkungsweise. Im Tübinger Stift, wo man Schillers „Ode an die Freude“ sang, bevor sie zum weltumspannenden Ruf nach Brüderlichkeit in der „Neunten“ musikalisch Ereignis wurde, wäre Beethoven zusammen mit Hölderlin und Hegel nicht vorstellbar gewesen; der fünf Jahre jüngere Wunderseminarist Schelling passte am Neckar da um einiges besser ins Bild. Man soll es ja nicht übertreiben mit dem einen Geburtsjahr, das drei in der europäischen Kulturlandschaft herausragende Größen teilen (hinzu käme noch der Urromantiker der Engländer, William Wordsworth). Nur sollte man sich auch ihre Sterbedaten vor Augen halten, denn es zählt natürlich erst, was die Betreffenden aus ihrer Geburt zu machen verstanden. Beethoven ging als Erster: im März 1827; Hegel folgte im November 1831; Hölderlin überlebte sie alle, dem sogenannten wirklichen Leben, wie man eben sagt, entrückt, und das bis zum Juni 1843.

Organisierter Widerspruchsgeist

Einen „organisierten Widerspruchsgeist“ hatte sich Hegel einmal im Gespräch mit Goethe genannt und sprach damit auch für seine beiden Altersgenossen. Mit dem Widerspruch, den Gegensätzen, dem tatsächlichen oder latenten Aufbegehren waren sie vertraut. Neunzehn Jahre zählten sie beim Sturm auf die Bastille, die in der Diktatur Robespierres endete. Von Napoleon waren sie mehr oder weniger fasziniert, zumindest solange er sich noch als Testamentsvollstrecker der Revolution und als Buonaparte annähernd volksnah gebärdete. Hegel sah sich von ihm als der „Weltseele zu Pferde“ enthusiasmiert, als dieser in Jena 1806 Einzug hielt. Napoleon habe sich auf den Kopf und damit die Gedanken gestellt, so Hegel, und die Wirklichkeit nach diesen „erbaut“. Beethoven dagegen entzog ihm den Heldenstatus und sprach diesen endgültig der Kunst zu, was sich in der „Missa solemnis“ ebenso ausdrückte wie in der „Neunten“ und den späten Quartetten. Als Napoleon in Jena einzog, das einmal auch Hölderlin zu seiner Stadt hatte erklären wollen (wie sehnte er sich zeitweise nach einer Professur an dieser Hochburg des romantischen Idealismus), wurde der Dichter der Dichter in die Autenriethsche Klinik in Tübingen eingeliefert, entgegen aller Legenden das „Fortgeschrittenste“, was es in deutschen Landen an Betreuung für psychisch Erkrankte gab, auch wenn die Behandlungsmethoden – überwacht übrigens von dem damals zwanzigjährigen Studenten der Medizin, Justinus Kerner, der später darüber in seinen „Reiseschatten“ reflektieren sollte – aus heutiger Sicht haarsträubend waren.

Die tiefere Entzweiung

Diese Kunst und dieses Denken fordern Deutungen heraus – bei Beethoven besonders das Spätwerk, bei Hölderlin alles, was er seit seinem Roman „Hyperion“ geschrieben hatte, dieser Geschichte eines hochgestimmten Desillusionierten, der konstatieren muss: „Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen“, der in sein Vaterland zurückkehrt und es als „Totengarten“ vorfindet; und bei Hegel ist jeder Satz interpretationsbedürftig. Machen wir die Probe: Sind wir bereit für einen Hegel-Satz, etwa aus seiner „Ästhetik“? „Die romantische Kunst nun war von Hause aus die tiefere Entzweiung der sich in sich befriedigenden Innerlichkeit, welche, da dem insichseienden Geiste überhaupt das Objektive nicht vollkommen entspricht, gebrochen oder gleichgültig gegen dasselbe blieb.“ Hegel spricht hier von einer grundlegenden Dissonanz in moderner Zeit, auch wenn sein Verständnis von „romantischer Kunst“ nicht unbedingt deckungsgleich mit dem landläufigen Epochenbegriff war. Es geht Hegel um einen Bruch im Bewusstsein, um das Nicht-mehr-Entsprechen-Können zu dem, was das Objektive, gar Absolute darstellt. Die in sich ruhende Innerlichkeit weiß sich aufgewühlt; das befriedigende, befriedigte und befriedete In-sich-Sein hat sich durch die fortschreitende Reflexion über das, was wir sind und was die Welt, das In-der-Welt-Sein, ist, verunmöglicht. Die Gebrochenheit drückt sich in der Dissonanz der Empfindungen und Ausdrucksformen aus.

Leben mit der Dissonanz

Die Dissonanz bei Beethoven – sie ist bereits zu Beginn der Ersten Symphonie Leitform, nicht anders in der „Eroica“, im Trauermarsch, der in den Dissonanzen der Reprise nahezu untergeht, und die Dissonanzen in der Coda des ersten Satzes von „Les Adieux“, der Klaviersonate Nr. 26, sie bezeichnen einen Kunstgriff und sind gleichzeitig auch Ausdruck einer Zeitstimmung. In der Vorrede zum „Hyperion“, dessen zweiter Band im Jahr von Beethovens Erster Symphonie erscheint, bezieht sich Hölderlin ausdrücklich auf das Dissonanzproblem und die Art, wie man mit ihm umgeht: „Die Auflösung der Dissonanzen in einem gewissen Charakter ist weder für das bloße Nachdenken, noch für die leere Lust.“ Weder noch – aber wofür steht sie dann ein, diese „Auflösung der Dissonanzen“? Hölderlin sagt es nicht, Beethoven führt sie – und sei es zum akustischen Schein – vor, Hegel aber begründet, weshalb es darauf wohl gar keine Antwort geben könne: Die Dissonanz ist zum ontologischen Phänomen geworden. 

Prinzip Hoffnung

Und dennoch: Der junge Ernst Bloch spürte im Lebensbejahenden selbst des verzweifelten Hölderlin, des ertaubenden Beethoven und des notorisch scheuen Hegel einen utopischen Impuls, der ihm nach einem gelebten Leben zum „Prinzip Hoffnung“ wurde, ein Hoffen wider alle Vernunft und kritische Einsicht, ein Hoffen, gerade weil er durch Hegel alle nur denkbaren Formen des Bewusstseins erkunden gelernt hatte. Spüren auch wir (noch) diesen Impuls?

Rüdiger Görner 
Univ-Prof. Dr. Rüdiger Görner ist Professor für neuere deutsche Literatur und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations am Queen Mary College, University of London. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher – u. a. über Hölderlin, Goethe, Nietzsche, Trakl, Rilke und Kokoschka.