„Es marschiert eben jeder in irgendeine Richtung ...“ 

Kurt Schwertsik 

Mit einem Auftragswerk, das im April vom Altenberg Trio aus der Taufe gehoben wird, und einem weiteren Kammermusikprogramm im Mai feiert die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien den 85. Geburtstag von Kurt Schwertsik. Daniel Ender hat den Jubilar zum Gespräch getroffen.

Ihr musikalischer Weg wirkt im Rückblick je nach Blickwinkel mäandernd und umherschweifend, wenn man Sie genauer kennt, jedoch auch gleichzeitig sehr konsequent und immer auf der Suche. Wie haben Sie Ihre kompositorische Entwicklung selbst wahrgenommen: eher als schwankend oder als zielorientiertes Gehen?
So habe ich mir das noch gar nicht überlegt! Wie sagt Lao-Tse: „Der Weg ist sehr gerade, aber das Volk liebt die Umwege.“ Rückschauend habe ich als Komponist eigentlich immer genau das gemacht, was für mich gerade noch möglich war, und mich immer wieder auf alles eingelassen, das mich gerade am meisten interessiert hat. Als Student habe ich mich hauptsächlich auf die Moderne konzentriert, weil ich dachte, wenn ich Hornist werde, werde ich die überkommene Musik oft genug hören. Letzten Endes war es auch so. Es war im Rückblick aber sehr gut, dass ich mich damals mit Hindemith und Strawinsky beschäftigt habe – und nicht mit Beethoven, der mich in letzter Zeit immer wieder sehr beschäftigt hat: Wenn ich den damals schon verstanden hätte, hätte ich wahrscheinlich gar nicht weitergemacht.

Ihr Horizont war damals schon recht weit gespannt – auch abseits der sogenannten E-Musik.
Ja, ich habe mich zum Beispiel intensiv mit den Beatles beschäftigt. Damit habe ich eine ganze Portion an Musik langsam zu verstehen begonnen. Dann habe ich mich viel mit Burt Bacharach befasst, der über Jahrzehnte einen Schlager nach dem anderen geliefert hat – und zwar auf sehr interessante Art und Weise –, oder mit Stephen Sondheim. Das waren immer Dinge, die mich sehr interessiert haben und die mir auf meine Weise zugänglich geworden sind. Filmmusik interessiert mich bis heute sehr – die finde ich faszinierend! Eigentlich wäre ich gerne ein Unterhaltungsmusik-Komponist geworden, aber dazu bin ich nicht begabt.

Bei Ihrem Studium an der Wiener Musikakademie hatten Sie mit Joseph Marx und Karl Schiske zwei prägende Köpfe als Lehrer, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Heute sind Sie Präsident der Joseph-Marx-Gesellschaft. Wie sahen Sie diese beiden Persönlichkeiten?Zweifellos war Marx ein Traditionalist, aber auch ein unglaublich gebildeter Musiker. Da er auch Rezensionen geschrieben hat, hat er sich alles angehört. Er wollte ja auch Schönberg an die Akademie holen, und zweifellos hat er dessen „Gurre-Lieder“ sehr gemocht. Seine eigene Musik ist dem gar nicht so unähnlich! Schiske hat sich in seinen späteren Jahren – obwohl er nicht sehr alt geworden ist – ein bisschen merkwürdig ins Serielle hineingetigert. Meiner Meinung nach ist ihm das aber gar nicht besonders gelegen. Es marschiert eben jeder in irgendeine Richtung, und jeder macht das, das er für das Richtige hält.

In Ihrer frühen Zeit haben Sie intensiv die damalige Avantgarde studiert und auch kompositorisch erprobt. Wie haben Sie die berühmten Köpfe des Serialismus erlebt?
Ich bin sehr froh, dass ich diese Leute kennengelernt habe. Für Pierre Boulez habe ich einmal bei seinen Sonaten umgeblättert: Er hat mit einer wunderbaren Boshaftigkeit und Aggression gespielt. Von seinem musikalischen Zugriff war ich immer beeindruckt. Bei Karlheinz Stockhausen war das ähnlich: Der hatte alles drauf und alles im Kopf. Der größte Eindruck war für mich aber John Cage, als er in Darmstadt seine Vorträge gehalten hat.

Nach Ihrem Aufenthalt in Köln, einem damaligen Zentrum der Avantgarde, waren Sie in London und in Rom. War diese Phase für Sie ein Wendepunkt?
Ja, schon. Ich erinnere mich, wie ich in London bei einem Konzert der BBC aufmerksam Mozart gehört habe und mir dachte, dass es schon komisch sei, auf diese Art der Klänge zu verzichten und sie der „Unterhaltungsmusik“ zu überlassen. Damals hat man ja noch in solchen Kategorien gedacht. Eigentlich war es mein Jahr in Rom, wo ich viel über die Kölner Eindrücke nachgedacht habe und wo ich heraussuchen wollte, was ich eigentlich machen kann und will. Wo verorte ich mich in dem Ganzen, und was halte ich wirklich davon?

Worum ging es bei Ihrem Studium bei Josef Polnauer, dem Intimus der Wiener Schule, der mit Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern eng verbunden war?
Er fand immer meine Stücke zu kurz, deshalb wollte er mit mir Mahler-Symphonien durchgehen. Die haben wir schließlich aber gar nicht analysiert, sondern etwa Beethovens „Eroica“, und er hat mir gezeigt, woran das seiner Meinung nach liegt, dass das eine so ausgedehnte Form ist. Das war schon eindrucksvoll. Vor allem diese musikalische Bildung, die in ihm gesteckt ist. Theodor W. Adorno war ähnlich. Er hat 1955 über den jungen Schönberg Vorlesungen gehalten, und in den Pausen hat er immer aus dem Kopf aus der „Walküre“ oder der „Götterdämmerung“ gespielt. Das war eine andere Zeit: Diese tiefgehende Bildung war omnipräsent.

Was haben denn Sie als Lehrer Ihren Schülern geraten, was wichtig ist bei der Arbeit des Komponisten?
Da war ich eigentlich ratlos. Nur mit ganz wenigen meiner Schüler konnte ich solche Dinge besprechen. Ich habe eigentlich immer Stücke mitgebracht und sie mit ihnen besprochen, weil ich das Gefühl hatte, dass sie zu wenig kennen. Mit den meisten konnte ich mich weder über Boulez noch über Stockhausen unterhalten, nicht einmal über Schönberg. Das fand ich schon sehr schade! Immerhin gab es auch Leute, mit denen ich reden konnte. Der junge Ligeti war zwar nicht mein Schüler, aber er ist regelmäßig gekommen und war einfach immer up to date. Aber nur wenige waren derart informiert. Die meisten hofften wohl, dass sie von mir in konservativer Weise behandelt werden. Da gab es auch die eine oder andere Enttäuschung.

Was ist denn für Sie das Wichtigste beim Schreiben von Musik?
Ich versuche immer der Musik zuzuhören und herauszufinden, wohin sie will. Daher bleiben meine Stücke immer ziemlich kurz. Neulich habe ich von einem Kollegen ein Stück gehört, und es hat mir sehr gut gefallen – besser gesagt: Die ersten fünf Minuten haben mir gut gefallen. Dann ging es zwanzig Minuten weiter, dann eine halbe Stunde, und ich dachte mir: Jetzt ist mir aber schon lang fad! Ich glaube, viele Komponisten überschätzen sich, wie lange sie das Interesse aufrechterhalten können.

Was können Sie uns über die neueren Werke verraten, die demnächst im Musikverein erklingen?
Das neue Stück für das Altenberg Trio wird „Sonatine 2020“ heißen, hat am Beginn ein Intermezzo, das schon den ersten Satz vorwegnimmt, und endet mit einem Geschwindmarsch. Die „Kinder-Toten-Lieder“ habe ich 2000 für ein Konzert im Attergau geschrieben, später habe ich eine neue Fassung gemacht. Ein Trio heißt „Seinesgleichen geschieht“ – das ist eine sehr schöne Kapitelüberschrift in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Das ist eigentlich schon eine pessimistische Äußerung von mir – als das Stück entstanden ist, ist mir die Politik gerade sehr auf die Nerven gegangen. 

Das Gespräch führte Daniel Ender. 
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender schreibt regelmäßig für den „Standard“ und die „Neue Zürcher Zeitung“ und ist Generalsekretär der Alban Berg Stiftung.

Kurt Schwertsik 

wurde am 25. Juni 1935 in Wien geboren und studierte hier an der Musikakademie Komposition bei Joseph Marx und Karl Schiske sowie Horn bei Gottfried von Freiberg. Als Orchestermusiker spielte er im Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und später bei den Wiener Symphonikern. 1958 gründete er mit Friedrich Cerha das Ensemble „die reihe” zur Pflege der Neuen Musik. Er unterrichtete Komposition an der University of California in Riverside, am Konservatorium Wien und zuletzt als Ordinarius an der Musikuniversität Wien. In seinen Werken pflegt Schwertsik eine zugängliche Tonsprache und lässt stets auch Humor und Ironie einfließen. Er zählt zu den meistgespielten Komponisten des Landes und genießt international einen hervorragenden Ruf.