Totale Verschmelzung  

Die Klarinettistin Sharon Kam 

Wenn Sharon Kam Klarinette spielt, wird sie völlig eins mit ihrem Instrument. Unmöglich, von ihrem hochemotionalen Spiel nicht gefesselt zu sein. Am  24. Oktober ist die Weltbürgerin, die seit 24 Jahren in Hannover lebt, mit dem Artis-Quartett wieder einmal im Musikverein zu hören. 

Ach, die Beziehung zu Wien sei eine ganz besondere, erzählt Sharon Kam. „Meine mittlere Tochter lebt in Wien, und ich sage ihr immer: Du lebst meinen Traum!“ Obwohl sie selbst, was die Großeltern betrifft, zu drei Vierteln russisch und zu einem Viertel polnisch sei, habe sie sich in Wien immer zu Hause gefühlt. „Ich mag die Mischung der Kulturen, die Einflüsse von überall her.“ Außerdem sei die Donaumetropole natürlich für eine Musikerin die Stadt der Städte: „In Wien spricht jeder über Musik, sie gehört dort zum Leben einfach dazu. Dort wird Musik nicht nur wahrgenommen, sie wird ernst genommen.“ 

Woher die Kraft kommt

Es ist beinahe unmöglich, von Sharon Kam nicht sofort hingerissen zu sein. Als Musikerin sowieso. Sie ist eine der besten Klarinettistinnen der Welt. Eine, die sich in der klassischen Musik genauso souverän bewegt wie in der Moderne oder dem Jazz. Eine, die gleichzeitig hochemotional und handwerklich perfekt musiziert – mit dem Effekt, dass der Klang, den sie ihrem Instrument entlockt, bisweilen zu Tränen rührt. Und als Mensch von so einer großen Lebendigkeit und Energie, dass man sich fragt, woher sich diese Kraft speist. Im Gespräch mit ihr wird dann die Antwort darauf klar: aus ihrer Familie. Mutter, Bruder, Mann, Kinder. Die Mutter, die im Israel Philharmonic Orchestra Bratsche spielt. Der jüngere Bruder Ori, ebenfalls Bratscher, der auch schon einige Zeit bei den Berliner Philharmonikern engagiert war, nun aber als Solokünstler und Kammermusiker arbeitet. Ihr Ehemann Gregor Bühl, ein Dirigent, der zwischen Oslo und Lissabon schon an fast allen Opernpulten gestanden ist – und noch steht. Und die drei gemeinsamen Kinder – von denen allerdings nur noch die Kleinste, die Zehnjährige, daheim bei den Eltern lebt. 

Verankert und verwurzelt

Und „daheim“ – das meint welchen Ort? Die 1971 in Israel geborene Sharon, der ihr Land schon früh zu klein war und die deshalb sofort nach der Schule nach New York umzog – Sharon also, die Kosmopolitin, muss selber ein bisschen lachen: „Wir wohnen in Hannover.“ Tatsächlich nicht gerade eine Stadt, in der man einen Menschen wie sie vermuten würde. Warum sie nicht in London oder Tel Aviv lebt? „Der Liebe wegen“, sagt sie. Als sie Anfang der 1990er Jahre ihren Mann kennenlernte, bekam dieser, nach seiner Assistenzzeit bei Gerd Albrecht in Hamburg, ein Engagement als Dirigent an der Staatsoper der niedersächsischen Landeshauptstadt. „Also sind wir 1995 dorthin gezogen.“  Als die beiden dann auch bald Eltern wurden, haben sie beschlossen, dort zu bleiben. Ein Wanderleben? Auf keinen Fall. Weder für die Kinder („Alle paar Jahre eine neue Schule – das wollten wir ihnen nicht antun!“) noch für sich: „Wir sind Künstler, wir brauchen unsere Kraft für die Arbeit, nicht fürs ständige Immer-wieder-neu-irgendwo-eingewöhnen-Müssen“, sagt sie. Und wie fühlt sich das Leben am Maschsee nach 24 Jahren so an? Schön. „Hannover ist komplett unser Zuhause geworden. Wir sind hier verankert. Wir haben hier tiefe Wurzeln geschlagen.“ 

Der Klang des Fin de Siècle

Sie ist offenbar eine treue Seele. Auch die Musiker des Artis-Quartetts, mit denen sie nun im Musikverein zu hören ist, kennt sie schon seit mehr als zwanzig Jahren. Die erste Begegnung habe in Japan stattgefunden, erzählt Sharon Kam. Mit Mozart auf dem Konzertprogramm. „Ohnehin haben wir meistens Mozart miteinander gespielt.“ Erwachsen ist daraus im Laufe der Zeit eine Beziehung, wie sie unter den reisenden Weltstars der Klassik mittlerweile üblich ist: Man kennt sich, man vertraut sich, man trifft sich ein paarmal im Jahr an immer unterschiedlichen Orten, um miteinander zu musizieren. Für Sharon Kam ein großer Grund zur Freude. „Ist das für Musiker nicht die schönste Form der Beziehung, die es geben kann?“ Klarinettisten, so erzählt sie dann, hätten ja ein überschaubares Kammermusikrepertoire, innerhalb dessen es eigentlich nur zwei Meisterwerke gebe: das Mozart-Quintett in A-Dur, KV 581, sowie das Brahms-Quintett in h-Moll, op. 115. Letzteres bringen die fünf auch am 24. Oktober zu Gehör. Ein spätes Werk, entstanden 1891, sechs Jahre vor dem Tod des Komponisten. In ihm manifestiert sich der traurig-schöne Klang des Fin de Siècle – inklusive eines resignierten Zusammenbruchs am Ende.  „Wenig von Brahms geht so tief in die Seele“, sagt die 48-Jährige. Für sie sei es eines der Meisterwerke schlechthin. Weshalb es gute Musiker benötige – und weshalb sie es ausschließlich mit Menschen spielen könne, die sie gut kennt. Die Klarinette sei so sehr verwoben mit den anderen Instrumenten – „wenn man da kein erprobtes gemeinsames grundmusikalisches Verständnis hat, geht eine Aufführung mit Sicherheit schief“. 

Liebe auf den ersten Blick

Dass aus ihr einmal ein Weltstar werden würde, war trotz einer Berufsmusikerin als Mutter nicht abzusehen. „Ich habe erst mit zwölf Jahren die Klarinette entdeckt“, erzählt Sharon Kam. Für eine Hobbymusikerin absolut in Ordnung, aber für einen künftigen Profi etwas spät. Aber sie habe vorher immerhin schon Klavier und Blockflöte gespielt – „und eine Klarinette ist doch praktisch so etwas wie eine Blockflöte mit Klappen“, lacht sie. Und? „Es war Liebe auf den ersten Blick. Das war einfach mein Ding.“  Gut für ihren späteren Weg war zudem, dass ihre Eltern von Anfang an alles richtig machten. Sie vor allem mit sehr guten Lehrern zusammenbrachten, die genau die richtige Art von Förderung für den begabten Teenager bereithielten – nämlich eine, die sich an ihren individuellen Bedürfnissen ausrichtete statt an fixen Lehrplänen. Und die ihre Tochter nicht antrieben, sondern machen ließen. „Meine Mutter war da entspannt. Sie fand es jedoch wichtig, dass wir von ihrer Welt etwas kennenlernen.“ 

Der Drang auf die Bühne

Schon drei Jahre später öffnete sich die erste große Tür: Die 15-jährige Sharon trat als Solistin mit dem Mozart-Klarinettenkonzert und dem Israel Philharmonic Orchestra auf. Wie kann so etwas sein? Höchstbegabung? Genialität? Wieder einmal muss Sharon Kam lachen. Und sagt trocken: „Wissen Sie, ich konnte nach drei Jahren natürlich noch nicht Klarinette spielen – aber ich konnte Mozart spielen.“ Sie habe bestimmte Stücke spielen wollen, sie habe auf die Bühne gewollt („Ich war so ein Bühnentier!“), und so habe sie sich weder in Etüden noch in Tonleitern vergraben, sondern ausschließlich in konkrete Werke. „Mit einer Geige oder einem Cello wäre das nicht möglich gewesen“, sagt sie. „Aber mit der Klarinette geht das.“  Was allerdings während des Studiums unliebsame Folgen hatte: „Da musste ich dann auf einmal sehr, sehr viel üben.“ Und zwar die Technik – also genau das, um das sie sich als Teenager herumgemogelt hatte. Doch als sie die Juilliard School verließ, ließ sie auch die Fingerübungen wieder sein. Das hat sich bis heute nicht großartig geändert. Wie lange sie übt? Weniger als man denkt. „Maximal ein bis drei Stunden am Tag“, antwortet sie. Und zwar wirklich niemals mehr. „Ich werde dann nicht nur körperlich müde – ich bin dann auch seelisch am Ende.“   

„Das Wichtigste ist, dass man sich selber noch zuhören kann.“ Sharon Kam

Grenzen erkennen, Grenzen setzen

Sie kann gut auf sich aufpassen, auch das wird schnell klar. Sie weiß genau, was der Profimusikerin in ihr gut tut – und das sind ziemlich exakt 50 Konzerte im Jahr. „Das ist der goldene Schnitt. Sind es weniger, habe ich Langeweile, sind es mehr, bin ich erschöpft.“ Sie zähle da ganz genau mit, sagt sie, und lehne alles ab, was darüber hinausgeht. Denn mit der Dreiviertelstunde Konzertauftritt ist es ja nicht getan. Findet der beispielsweise in Philadelphia statt, kommen Flüge, Jetlag und Nächte in Hotels dazu. „So viel Selbstschutz muss sein.“ Knapp 30 Jahre ist sie jetzt schon im Geschäft. Ihr Leben als Profi begann mit dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs 1992. Eine staunenswerte Dauer. Wie schafft man es, da nicht auszubrennen? Oder auch einfach nur, die Lust nicht zu verlieren? „Indem man sich Grenzen setzt“, antwortet sie. „Das Wichtigste ist, dass man sich selber noch zuhören kann.“ Und dafür braucht sie – früher wie heute – ausreichend Zeit für sich selbst. „Zeit, in der ich mich regenerieren kann.“ Die Klarinette wichtig nehmen, sie aber nicht als das Wichtigste im Leben sehen. „Je älter ich werde, desto mehr Menschen lerne ich kennen, die es verpasst haben, noch etwas anderes im Leben zu haben.“ Nämlich Kinder, nämlich Familie. „Und ich bin sehr glücklich darüber, dass mein Mann das genauso sieht.“ 

Glückliche Zufälle

„Was aus der Kleinen wird, werden wir sehen“, sagt sie. Aber die beiden Großen werden keine Musiker. Auch, weil sie bei den Eltern erleben, wie hart das Künstlerleben trotz großer Erfolge ist. „Mein Mann und ich – wir haben beide sehr gekämpft um das, was wir sind.“ Die Kinder bekamen daheim das Angebot, Musik zu machen, haben gesungen, Geige gespielt, Klavier, Horn, haben sich in der Musik intensiv ausprobiert. „Aber am Ende steht dann ja die Frage: Bin ich wirklich so ein Ausnahmetalent? Bin ich hartnäckig genug, Rückschläge, Niederlagen oder Erfolglosigkeit wegzustecken? Außerdem geht es ja nicht nur darum, glücklich zu sein – man muss ja auch seinen Lebensunterhalt verdienen!“ Aber sie selber hat es ja doch geschafft. Ja, nickt Sharon Kam. Doch schränkt sie im nächsten Satz sofort ein: „Das lag aber auch daran, dass in meinem Leben viele glückliche Zufälle passiert sind. Ich war 19, als ich zufällig Kurt Masur begegnet bin. 20, als ich erstmals mit ihm zusammen aufgetreten bin. Beides noch vor dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs. Ich bin zufällig Isaac Stern begegnet. Und zufällig hat Peter Ruzicka mein ARD-Konzert gehört. Natürlich musste ich etwas können, natürlich musste ich Top-Leistungen bringen – aber viele Kontakte kamen einfach so in mein Leben. Wo wäre ich heute, wenn ich all diese Unterstützer nicht getroffen hätte?“ „Wer nicht danken kann, kann auch nicht lieben“, heißt es schon bei Jeremias Gotthelf. Insofern also: Alles gut im Leben von Sharon Kam.   

Margot Weber 
Margot Weber lebt als Journalistin in München.