Musik mit Energie und Puls 

Der Komponist Bernd Richard Deutsch

Am 10. Oktober dirigiert Jakub Hrůša am Pult des ORF RSO Wien das neue Konzert für Akkordeon und Orchester von Bernd Richard Deutsch. Für die „Musikfreunde“ gibt der österreichische Komponist Einblick in seinen Schaffensprozess und in seine farbenfrohen Skizzenbücher. 

Breitere Anerkennung ist ihm erst in den vergangenen Jahren zuteil geworden. Insidern ist er schon seit seiner Studienzeit an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien ein Begriff. In Neue-Musik-Kreisen wirkte damals noch ein gewisser Vorbehalt gegenüber scheinbar allzu vertrauten Formen und Klängen nach. Bernd Richard Deutsch, Jahrgang 1977, fühlte sich einigen musikalischen Grund¬voraus¬setzungen, die andere radikal in Frage gestellt hatten, immer zu sehr verbunden, um sie beiseite zu lassen: assoziative Bedeutungen, emotionale Wirkungen, konzertierende, spielerische, heiter-ironische Elemente, fassliche Formen im Großen und Kleinen. Die Frische und der Witz, mit denen Deutsch dies alles versieht, erschließt sich oft beim ersten Hören, die Komplexität der Strukturen dahinter erst beim mehrmaligen. 

Internationale Reputation 

Seit einigen Jahren ist Deutsch ganz in der „Szene“, die inzwischen deutlich offener agiert, angekommen. Seit er 2011 den Zweiten Preis beim Toru Takemitsu Composition Award erhalten hat, hält seine Karriere ihren Schwung: 2013 wurde ihm ein Porträt bei Wien Modern gewidmet und erhielt er den Erste-Bank-Kompositionspreis, 2014 den Hindemith-Preis. Seit etwa derselben Zeit ist er auch in den großen Konzerthäusern präsent: 2017 widmete ihm etwa das Philharmonia Orchestra ein Porträtkonzert in London. Im Musikverein wurde bereits 2014 Deutschs Tripelkonzert für Trompete, Posaune, Tuba und Orchester vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich uraufgeführt. Sein Orgelkonzert „Okeanos“ war im Jahr darauf im Goldenen Saal zu hören – jenes Werk, das im Frühjahr dieses Jahres in Cleveland vom dortigen Orchester und Franz Welser-Möst viermal aufs Programm gesetzt wurde. Als Composer in Residence wird Deutsch für diese Saison auch ein neues Werk für das Cleveland Orchestra komponieren. „Phaenomena“, sein Konzert für die chinesische Mundorgel Sheng und Orchester, wurde im Mai von der Basel Sinfonietta und dem Sheng-Virtuosen Wu Wei aus der Taufe gehoben und auch bereits vom Seoul Philharmonic Orchestra in Korea erstaufgeführt.  

Einem Urknall gleich 

Dieses Stück ist auch der Ausgangspunkt für jenes Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, das nun mit dem ORF RSO Wien unter der Leitung von Jakub Hrůša zur Uraufführung gelangt: das Konzert für Akkordeon und Orchester mit Solistin Fanny Vicens. „Es beginnt mit einer Art Urknall“, erzählt der Komponist, „einem Streichercluster mit dem ganzen chromatischen Total einer Oktave, und man hört das Tonmaterial aus Dreiton- und Viertongruppen, die im ganzen Stück wichtig werden. Dann kommt das Soloinstrument, das sich mit Varianten dieses Materials präsentiert, und nach mehreren Anläufen steigt das ganze Orchester ein: Vorhang auf! Der erste Abschnitt – ich nenne ihn ,Erscheinung‘ – ist sehr atmosphärisch, unaufgeregt, aber expressiv und kantabel. Nach einer kurzen Accelerando-Überleitung beginnt dann plötzlich etwas Dramatisches: Das Orchester spielt einen Moll-Akkord, in den das Blech mit Störtönen hineinfährt. Das ist für mich der Schreck- oder Überraschungsakkord, und der kommt vier Mal im Stück ein bisschen anders vor und markiert als formale Klammer die vier großen Abschnitte. Im zweiten Abschnitt – der ,Jagd‘ heißt – kommt ein Konflikt, eine gehetzte Stimmung. Man könnte sagen, der Solist wird vom Orchester in Sechzehntel¬ketten verfolgt, es kommt zu abrupten Wechseln und schroffen Kontrasten, der Solist versucht, sich gegen das massive Orchester zu stellen und sich zu behaupten. Natürlich endet das in einer fast schon triumphierenden Übermacht und geht in den dritten Teil ,Canto‘ über, der sich dem gesanglichen Aspekt, des Soloinstruments und überhaupt, widmet. Das ist viel intimer, zarter, mit Dialogen, mit kurzen Interaktionen zwischen Solist und Orchester. Eine Kadenz des Solisten leitet zu einem großen Orchestercrescendo und zum Schlussteil, der von einer durchgehenden Achtelrepetition in sehr schnellem Tempo gekennzeichnet ist. Dieser Teil ist eher tänzerisch, ausgelassen und heiter – eine sehr rhythmusbetonte Musik.“  

Die richtige Balance

Was in den Worten von Bernd Richard Deutsch beinahe wie die Beschreibung einer Programmmusik klingt, sollte freilich nicht als gezielte Tonmalerei verstanden werden. Zwar sind für den Komponisten seine Werke stets mit teils sehr konkreten semantischen Aspekten versehen, jedoch nicht unbedingt von vornherein mit außermusikalischen Vorstellungen verbunden: „Vieles von dem, was ich mir vorstelle, kommt eigentlich aus den klanglichen Aspekten des Instruments. Beim Akkordeon muss man schon sehr vorsichtig sein, dass es auch durchkommt. Wir werden es vermutlich verstärken. Das ist heutzutage absolut legitim und auch notwendig, weil das Instrument einfach gewisse dynamische Beschränkungen aufweist. Sein Klang hat manchmal etwas Schwammartiges, ein wenig Orgelhaftes. Deshalb muss man sehr aufpassen, wie man es einsetzt, und gut auf die Balance achten. Es gibt auch Situationen, wo das Akkordeon das Orchester eher begleitet und ihm eine Klangfarbe gibt. Das Besondere am Akkordeon ist ja, dass es sehr schwebende Klänge bilden kann und etwas fast Irreales ausstrahlt. Es kann sehr viel dynamisch machen, sehr schöne Linien bilden, ein Kontinuum erzeugen, aber auch sehr schroffe Akzente setzen – und natürlich Akkorde realisieren, wie der Name schon sagt. Das spielt eine große Rolle in dem Stück. Die Titel, die ich dann verwende, kommen eher aus der Musik und sind freie Assoziationen dazu. Das heißt: Nicht ich schildere die Jagd, sondern ich denke mir: Das, was ich geschrieben habe, hat etwas von einer Jagd!“  

Starke Kontraste 

Die abrupten Wendungen, die sich praktisch in allen Werken von Bernd Richard Deutsch finden, sind vielfach als karikaturhaft, witzig und humorvoll beschrieben worden, auch vom Komponisten selbst: „Ich mag Musik, die Energie und einen Puls hat, auch mit Unregelmäßigkeiten. Humorvolle Musik ist aber schwer zu schreiben und zu beschreiben, braucht immer etwas Unerwartetes. Das hat immer mit einer Balance zwischen Erwartungs¬haltung und Überraschung zu tun. Wenn immer nur etwas Unerwartetes kommt, wird es unüberraschend, weil es sich abnutzt. Ich muss zunächst in eine bestimmte Logik hineinkommen, und dann erwarte ich mir etwas. Und das wird entweder ad infinitum bestätigt, dann wird es vorhersehbar. Oder es wird in einem gewissen Ausmaß dagegen gearbeitet, dann werde ich überrascht sein.“ Wie sein Werkkatalog insgesamt zeigt, ist die Gattung des Konzerts für Deutsch ganz zentral. Dabei finden sich vielfache Konstellationen zwischen Einzelnem und Kollektiv oder auch zwischen Solistengruppen und Tutti, bis hin zu „Murales“ für Ensemble und Orchester, das 2018 beim Musikprotokoll im Steirischen Herbst vom Klangforum Wien und dem ORF RSO Wien vorgestellt wurde. Deutsch: „Meiner Denkweise kommt das Konzertante sehr entgegen. Bei mir gibt es oft starke Kontraste und wechselnde Situationen. Ich bin nicht jemand, der eine Idee auf zwanzig Minuten ausdehnt, sondern es gibt bei mir immer viele Ideen und eine relativ komplexe formale Architektur. Dadurch ist das Konzertante irgendwie schon enthalten, und dass ich Gruppen einander gegenüberstelle, mache ich auch schon innerhalb des Orchesters sehr gerne.“  

Farbenreiche Gedächtnisstützen 

Zum Gespräch ins Foyer des Musikvereins hat der Komponist seine Skizzenbücher mitgebracht, die sehr farbige Aufzeichnungen enthalten und von graphischen Elementen durchzogen sind. Deutsch erklärt dies so: „Wenn ich Ideen habe, geht es darum, sie möglichst schnell aufzuschreiben – als Gedächtnisstütze. Da ist es oft nicht möglich, Details im Sinne von Noten festzuhalten, und es ist oft im Moment gar nicht so wichtig. Daher muss ich mich ins Graphische retten, damit es wirklich schnell geht. In dieser schnellen Schrift wird vieles nur angedeutet, mit Linien oder Zeichen. Die Farben sind für mich eher ein Unterscheidungsmerkmal und haben vor allem die Funktion der Orientierung – damit ich erkenne, was zusammengehört. Denn ich bin kein Komponist, der von A nach Z schreibt. Es baut sich eher mosaikartig auf. Es ist schon vorgekommen, dass ich den Schluss am Anfang geschrieben habe und den Anfang erst ganz am Ende. Die Ideen kommen oft spontan, werden aufgeschrieben und bleiben dann lange Zeit unbeachtet liegen, bis ich wieder auf sie zurückkomme. Das kann manchmal erst Jahre später sein.“  

Daniel Ender
Der Musikwissenschaftler und journalist Dr. Daniel Ender verfasste Monographien über Richard Strauss und Beat Furrer und schreibt regelmäßig für den Standard sowie die „Neue Zürcher Zeitung“. Seit 2015 arbeitet er für die Alban Berg Stiftung, seit 2018 als Generalsekretär.