Klassische Freiheit 

Buchbinder und Beethoven

Mit dem ersten Konzert des Buchbinder-Beethoven-Zyklus geht der Musikverein markant aufs Beethoven-Jahr 2020 zu. Auch sonst ist Rudolf Buchbinder hier und weltweit eine prägende Figur für den immer wieder neuen Zugang zu Beethoven. Beethoven, sagt Buchbinder, weist uns den Weg zu Ausdruck und Freiheit. 

 „Espressivo!“ Ein Gespräch mit Rudolf Buchbinder über Ludwig van Beethoven steuert unweigerlich auf das Wort zu. Warum und in welchem Kontext es gesagt wird, ist dabei nicht weniger spannend als das Wie: nämlich espressivo, con espressione! „Schauen Sie einmal“, erklärt Buchbinder leidenschaftlich, „wie oft Beethoven allein im langsamen Satz der Hammerklaviersonate ,espressivo‘ schreibt, ,con espressione‘ oder ,con grand’ espressione‘! Wieder und immer wieder. Und dann – den Fall gibt’s so ja nur bei Beethoven – lässt er in der 109 zweimal aufs ,espressivo‘ die Anweisung ,a tempo‘ folgen. Das heißt: Das ,espressivo‘ war bei Beethoven nicht im Tempo.“ Daraus folgen ganz wesentliche Einsichten, ja Bekenntnisse: „Für Beethoven war das Allerwichtigste: der Ausdruck!“, sagt Buchbinder, sempre con espressione, und dieser Ausdruck ist ohne Freiheit nicht zu haben. Man kann es sich denken, man muss es fühlen. Aber man kann es auch nachlesen. „Der Beethoven-Schüler Carl Czerny hat ein wunderbares Buch über die Beethoven-Interpretation geschrieben“, erläutert Buchbinder, „und hier berichtet er, dass Beethoven selbst im kurzen langsamen Satz der Sonate Opus 90 mindestens sieben-, achtmal das Tempo gewechselt hat. Das sind Dinge, die wir uns heute kaum getrauen. Wir sind da viel zu puritanisch. Wir erlauben uns keine Freiheiten mehr.“ 

„Jetzt bist du frei!“

Wir? „Aber Sie“, fragt man Rudolf Buchbinder, „Sie trauen es sich doch!?“ „Je älter ich werde, ja!“ Er verdanke da, sagt Buchbinder, auch einiges dem Musikkritiker und Klavierexperten Joachim Kaiser, der ihn überredet habe, es nicht bei einer schon lange zurückliegenden Gesamteinspielung der Beethoven-Sonaten zu belassen. „Jetzt bist du frei! Jetzt musst du sie nochmals aufnehmen!“ Kaisers Wort in Buchbinders Ohr bewegte viel. „Denn es stimmt: Ich habe heute einen ganz anderen Zugang zu den Beethoven-Sonaten als vor 40, 50 Jahren.“ Freier, ja, auf jeden Fall! Aber wie stets, wenn es um Freiheit geht, braucht es auch die Einschränkung, um sie vor Willkür zu schützen. „Man hat“, so beschreibt es Rudolf Buchbinder, „zum Glück eine gewisse Bremse im Hinterkopf, die genau dann gezogen wird, wenn man zu weit ginge mit dem Rubato. Es gibt eine gewisse Schwelle: So weit kann ich gehen mit meiner Freiheit, aber nicht weiter. Allerdings“, und das ist jetzt wieder solch ein Espressivo-Satz: „Es ist schon erstaunlich, wie viel man sich leisten kann, bis es zu dieser Bremsung kommt.“  

Der romantischste Komponist

Was war es eigentlich, das einem früher die Freiheit genommen hat? „Früher“, antwortet Buchbinder, „hat man ganz genau gespielt. Ge – nau – im – Takt – nach – Vor – schrift“, sagt er und betont die Silben so parodistisch taktgemäß, dass man exakt spürt, was man damals für vorschriftsmäßig hielt. Damals, das war noch zu Buchbinders Studienzeiten. „Ich werde nie vergessen, wie wir als Studenten die Bach-Solosuiten, gespielt von Pablo Casals, hörten und wie entsetzt wir waren: Wie kann man das so frei spielen? Heute verstehe ich das. Auch Bach war ein Romantiker. Es gibt keinen großen Komponisten, der nicht Romantiker gewesen wäre.“ Und erst recht Beethoven. „Er ist“, sagt Rudolf Buchbinder, „der romantischste!“ Das Wort „Wiener Klassik“ sei demgemäß höchst problematisch, ja eigentlich, Buchbinder wird im Espressivo noch deutlicher, „eine der schlimmsten Erfindungen! Haydn, Mozart, Beethoven – die armen Teufel konnten ja nicht wissen, dass sie ,Wiener Klassiker‘ sein sollten, das wurde ihnen erst hundert Jahre später übergestülpt.“ Und damit kamen mehr und mehr auch die Vorschriften auf, sie im angeblich klassischen Ebenmaß gezähmt zu halten.  

Espressivo, ein Leben lang

Diese Art von Klassik wird es nicht geben, wenn Rudolf Buchbinder wieder als Beethoven-Interpret in den Musikverein kommt. Dabei scheint es ja, oberflächlich betrachtet, nichts „Klassischeres“ in der Welt der Musik zu geben als einen Buchbinder-Beethoven-Zyklus im Wiener Musikverein. Das Haus für klassische Musik schlechthin, der klassische Pianist für Beethoven, ein Publikumsliebling der Klassikfreunde in Wien mit unerreichten 237 Auftritten im Goldenen Saal, an seiner Seite fünf klassische Orchester vom Feinsten, für jedes der fünf Klavierkonzerte eines mit einem Dirigenten von Weltrang – das verheißt pures Klassikglück. Aber, und darauf zielt Buchbinder ab: Es geht nicht ums Gesicherte, sondern um stets neue Erkundungen im unfassbar großen Beethoven-Kosmos, Explorationen in einem Reich voll Unwägbarkeiten. Je mehr man weiß, umso näher mag man den Geheimnissen kommen, doch an ein Ende gelangt man nie. Im Gegenteil. Türen, die gefunden werden, öffnen neue Wege. Und die beschreitet Buchbinder mit einer Freiheit, die eine Frucht des Wissens und der Erfahrung ist. Und, ja, auch der Leidenschaft, die ihn von Kind an mit diesem Ludwig van Beethoven verbunden hat. Rudolf Buchbinder war gerade einmal elf, als er zum ersten Mal Beethovens Erstes Klavierkonzert im Großen Musikvereinssaal spielte. 

Wunschpartner für Beethoven

Jetzt, mehr als 61 Jahre später, eröffnet er seinen Buchbinder-Beethoven-Zyklus mit ebendiesem Klavierkonzert, begleitet vom Gewandhausorchester Leipzig unter Andris Nelsons. Doch halt! Dieses Wort sollte keinesfalls hier stehen: „begleiten“. „Ich will nicht ,begleitet‘ werden“, sagt Buchbinder entschieden, „ich habe auch noch nie einen Sänger ,begleitet‘. Auf der Bühne, im Konzert braucht man Partner.“ In der Musik ist es ja nicht anders als sonst im Leben: Harmonie allein reicht nicht aus, um Partnerschaft glücken zu lassen. Es braucht dazu schon auch den konstruktiven Widerpart, Partner, um wieder aufs Musikalische zu kommen, die das Konzertieren als „concertare“ lieben, als ein Geben und Nehmen im beherzten Spiel. Buchbinder freut sich, dass der Musikverein traumhafte Partner für diesen Beethoven-Zyklus engagiert hat: neben dem Gewandhausorchester und Nelsons auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Mariss Jansons, die Münchner Philharmoniker und Valery Gergiev, die Wiener Philharmoniker und Riccardo Muti sowie die Sächsische Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann. „Nur Zubin Mehta fehlt“, ergänzt Buchbinder lachend, und noch manch anderer unter den musikalischen Freunden und Partnern wäre wohl zu nennen. Für einen wie Buchbinder hat Beethoven einfach zu wenig Konzerte geschrieben.

Diabelli 2020

Das Beethoven-Jahr im Musikverein prägt Buchbinder denn auch nicht allein mit seinem Zyklus der fünf Beethoven-Konzerte. Er spielt mit Nikolaj Szeps-Znaider noch Beethovens Sonaten für Klavier und Violine und setzt im März 2020 einen Akzent, der zu den stärksten im Beethoven-Jahr weltweit zählen wird. „Diabelli 2020“ heißt das aufsehenerregende Projekt, das Buchbinder zu Beethovens 250. Geburtstag initiiert hat und das er im Musikverein zur Uraufführung bringt: als Teil eines Klavierabends, an dessen Ende selbstverständlich Beethovens Diabelli-Variationen op. 120 stehen.  Beim Heurigen, erzählt Buchbinder, sei ihm der Gedanke gekommen, die kreative Initiative des Verlegers Anton Diabelli ins 21. Jahrhundert zu übersetzen und zeitgenössische Komponisten zum Schreiben von Variationen anzuregen. Genau das hatte ja der alte Diabelli gemacht: Mit einem selbst fabrizierten Walzer wurde er bei Dutzenden Komponisten vorstellig, um je eine Variation von ihnen zu erbitten. Die clevere Marketing-Idee brachte nicht weniger als 52 Variationen ein und ergab, auch darauf hatte es Diabelli abgesehen, ein Who’s who der „vaterländischen Künstler“. Nur einer verweigerte sich demonstrativ: Ludwig van Beethoven. Er wollte sich nicht einreihen ins Serienspiel des Dutzendwerks, sondern ganz er selbst sein. Dem Verleger entlockte er 80 Dukaten, um dann in „33 Veränderungen“ zu zeigen, wo Gott wohnt. 

Freudig ins Offene

„Dieses letzte große Klavierwerk Beethovens ist ein Mikrokosmos des ganzen Beethoven“, sagt Rudolf Buchbinder, der sich – wie sollte es anders sein? – auch mit diesem Werk Jahrzehnte hindurch beschäftigt hat. 1973 schon machte Buchbinder eine Aufnahme sämtlicher Diabelli-Variationen und schloss so Bekanntschaft mit allen 52 vom „Vaterländischen Künstlerverein“, 1976 folgten dann Beethovens Diabelli-Variationen noch in einer weitern Aufnahme. Und nun ist Rudolf Buchbinder Initiator und Interpret eines faszinierenden Remakes. Der Musikverein war als einer der Auftraggeber mit dabei, als der Pianist seine Charmeoffensive startete und prominente Komponisten per Handschreiben („Ich schreibe alle meine Briefe mit der Hand!“) zu „Diabelli 2020“ einlud. Lera Auerbach, Brett Dean, Toshio Hosokawa, Brad Lubman, Philippe Manoury, Krzysztof Penderecki, Max Richter, Rodion Schtschedrin, Johannes Maria Staud, Tan Dun und Jörg Widmann – sie alle komponieren nun für Buchbinder neue Diabelli-Variationen.  Elf Auftragswerke auf Termin, das allein hat schon viel Prickelndes. Werden sie rechtzeitig fertig? Wie fallen sie aus? Weiß der Interpret schon, was im Einzelnen auf ihn zukommt? Rudolf Buchbinder ist souverän genug, sich überraschen zu lassen. Freudig wagt er sich ins Offene. Denn genau das lehrt ja Beethoven: Große Kunst braucht ihre Freiheit.

Joachim Reiber   
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.