„Irgendwie bin ich ja auch ein Wiener!“

August Zirner   

August Zirner, populär aus Film und Fernsehen, Protagonist an ersten Theaterhäusern in Wien und München, gastiert im Gläsernen Saal als Flötist und Rezitator. Im Duo mit dem Bassisten Kai Struwe schildert er die Erlebnisse des „Kleinen Prinzen“ nach Antoine de Saint-Exupéry. 

Seine Verbindung mit dem Wiener Musikverein sei geradezu „schicksalhaft“, erzählt August Zirner. „Mein Debüt hier am Haus hatte ich in der deutschsprachigen Erstaufführung von Leonard Bernsteins ‚Kaddish‘-Symphonie, und als ich auf die Bühne ging mit den Worten ‚Mein Vater ...‘, da sah ich die goldenen Karyatiden und den vollbesetzten Saal und dachte: Einer fehlt – nämlich mein Vater.“ Dieser, der Wiener Pianist Ludwig Zirner, war im Musikverein selbstverständlich ein- und ausgegangen – ehe er emigrieren musste, sich eine neue Existenz als Opernregisseur und Klavierprofessor an der Universität von Urbana, Illinois, aufbaute, wo er 1948 auch eine Opernschule gründete. „Er hat mit Bernstein später in Tanglewood noch zusammengearbeitet, da war ich fünf oder sechs, und so habe auch ich Bernstein kennengelernt.“ 

Familiengeschichte, leid- und wechselvoll

Schon sind wir mittendrin in der leid- und wechselvollen Geschichte jener großbürgerlich-jüdischen Familie, in die August Zirner 1956 als einziges Kind hineingeboren wurde. Ohne diese Geschichte lässt sich kein Gespräch mit dem Schauspieler führen; sie ist so sehr mit seinem Tun verwoben, dass sie an jedem Punkt der Unterhaltung aufpoppt, elementare Zusammenhänge und überraschende Perspektiven zutage treten lässt. Die Familie verfügte einst über wirtschaftliches und künstlerisches Vermögen gleichermaßen. Augusts Großmutter Ella Zirner-Zwieback war Pianistin, ausgebildet bei Franz Schmidt, und Eigentümerin des legendären Modehauses „Maison Zwieback“ auf der Kärntnerstraße.  Zirners Mutter, die Kostümbildnerin Laura Beata Wärndorfer, mit der sich Ludwig Zirner 1942 in New York verheiratete, entstammte demselben Milieu. „Die Wärndorfers waren eine große Industriellenfamilie, sie haben die Wiener Werkstätten mitbegründet“, erläutert August Zirner. „Meine Mutter war ursprünglich Graphikerin und hat am Bauhaus-Institut in Chicago unterrichtet, ehe sie mit meinem Vater nach Illinois ging. Dort hat sie an der Opernschule Kostüme und Bühnenbilder entworfen.“ Der Vater wurde nur 64 Jahre alt und sah seine Heimat nicht wieder. Der Mutter hingegen war noch eine Rückkehr vergönnt: „Sie hat die letzten acht Jahre vor ihrem Tod 1984 in Wien gelebt.“   

About Schmidt

Von Verfolgung, Demütigung und Enteignung seiner Vorfahren erfuhr das Kind August Zirner im Mittleren Westen Amerikas sehr wenig. „Meine Eltern haben darüber kaum gesprochen, und ich war erst vierzehn, als mein Vater starb.“ Zu dessen Lebzeiten hatte es nur einmal ein Ereignis gegeben, das die Wurzeln empfindlich berührte: als Pianist Friedrich Wührer und seine Frau 1961 zu Besuch weilten, um ein sorgfältig gehütetes biographisches Geheimnis zu lüften. „Bei dieser Gelegenheit haben sie meinem Vater eröffnet, dass er der Sohn von Franz Schmidt ist. Meine Großmutter hat mit ihrem Professor ja auch vierhändig musiziert, dabei ist offenbar mein Vater entstanden.“  Ella Zwieback war eine emanzipierte Frau, die ihr Leben in die Hand nahm. Sie heiratete den Juwelier Alexander Zirner, und das von ihrem Vater ererbte Kaufhaus avancierte unter ihrer Leitung ab 1906 zur nobelsten Adresse für Damenmode und Accessoires. 1910 ließ sie die Räumlichkeiten vom Architekten Friedrich Ohmann neu gestalten und um ein Café in der Weihburggasse erweitern. Im März 1938 wurde ihr gesamter Besitz zwangsarisiert, 1939 flüchtete sie mit ihrem Sohn nach Amerika; sie starb 91-jährig in New York City. Das Lokal, das sie 1933 verpachtet hatte, existierte bis in die jüngste Vergangenheit als Restaurant „Zu den drei Husaren“; seit kurzem befindet sich darin die Konditorei Sluka.   

Der Fall Furtwängler

1973 kam August Zirner nach Wien, weil er unbedingt Schauspieler werden wollte – und weil seine Mutter der Ansicht war, dass für diese Ausbildung nur das Reinhardt-Seminar in Frage komme. Er habe überhaupt erst lernen müssen, sich als Europäer zu fühlen, sagt er. Dennoch: Er wurde am Seminar sofort aufgenommen, machte zügig sein Diplom, und Gustav Manker engagierte ihn ans Volkstheater, wo er 1976 debütierte – in August Strindbergs Märchenspiel „Schwanenweiß“. Seine Bühnenkarriere führte ihn über Wiesbaden und Hannover an die Münchner Kammerspiele und ans Burgtheater, später auch ans Theater in der Josefstadt, wo er 1997 in Ronald Harwoods „Der Fall Furtwängler“ besetzt wurde. Der amerikanische Major Steve Arnold, der mit Furtwängler ein hartes Verhör über seine Laufbahn im Dritten Reich führt, wurde gewissermaßen die Rolle seines Lebens. „Da war ich zum ersten Mal wirklich mit diesem Thema konfrontiert. Ich war vierzig, da ging das los. Ich bin sehr spät aufgewacht, aber seither bin ich dabei, die Geschichte meiner Familie aufzuarbeiten.“   

Eigentlich ein großes Glück

War der Beruf dabei eine Hilfe? „Der Beruf war ein Katalysator. Nach dem ‚Fall Furtwängler‘ wollte mich István Szabó in seinem Film ‚Taking Sides‘ dabeihaben, und es kamen ständig Angebote, die mich in dieser Richtung weitergehen ließen. Das Thema flog dauernd auf mich zu, das hält an bis zum heutigen Tag, und das ist eigentlich ein großes Glück – wenn man’s aushält ... (im breiten Wiener Dialekt) Dass de Leit net red’n woin, das muss man aushalten. Aber ich möchte gern einladen, darüber zu reden.“  In diesem Sinn freue er sich ganz besonders über die Möglichkeit, den „Kleinen Prinz“ im Musikverein zu präsentieren: „Das hat eine große versöhnliche Bedeutung für mich. Es ist ja ein philosophisches Märchen, das einer Nahtod-Erfahrung von Saint-Exupéry entsprang, es handelt von Liebe, Freundschaft und Vertrauen.“ 

Erschwerte Trauerarbeit

Die „Trauerarbeit“ sei ihm in Wien bisher schwer gemacht worden, deswegen gibt es jetzt ein Buchprojekt, das er gemeinsam mit seiner Tochter Ana realisiert: „Es soll von ihrer und meiner Großmutter handeln: von Laura Wärndorfer und Ella Zwieback. Ich will über die Enteignung schreiben, aber auch über die komplizierte Beschaffenheit dieser Beziehung zwischen einer hochbegabten jüdischen Pianistin und diesem katholisch-konservativen Komponisten Franz Schmidt. Dieser ganze Komplex interessiert mich, mitsamt der Schwerfälligkeit und Verlogenheit im Umgang mit dem Dritten Reich, die ich in Wien festgestellt habe.“  Damit bekam August Zirner zu tun, als er beschloss, mit jener Immobilienfirma ins Gespräch zu kommen, die das Lokal 2016 übernommen hat und renovieren ließ. „Mir ging es nicht um Restitution, mir ging’s nur um Vergangenheitsbewältigung, um eine aufrichtige, humorvolle und traurige Vergangenheitsbewältigung.“ Auf den Wiener Humor, den Zirner so liebt, war in diesem Fall allerdings kein Verlass. „Der Mann sagte mir, er habe ein Geschäft zu führen, er habe keine Zeit für diese alten Geschichten. Er hatte Angst vor mir! Und dass man im Jahr 2019 in Wien noch auf dem Standpunkt steht: ,Bitte weiter! Nur nicht zurückschauen!‘, das verstehe ich nicht. Da wurde ich sehr enttäuscht.“ Um sich Luft zu machen, verfasste Zirner einen umfangreichen, durchaus von Humor durchwirkten Text. Dass die Existenz seiner Großmutter, der man die Konzession abgepresst hatte, heute totgeschwiegen wird, dass ihre Geschichte im gegenwärtigen Betrieb ausgelöscht ist, wo man doch mit Respekt an sie hätte erinnern können, will er nicht hinnehmen. „Auf die Publikation dieses Texts hat in Wien kein Mensch reagiert“, sagt Zirner.   

„Die beiden Texte schienen mir in einer menschlichen Dimension auf merkwürdige Weise verwandt." Kai Struwe

Musik im Leben

Für das Buch, das im Sommer 2021 erscheinen soll, beschäftigt er sich intensiv auch mit dem Werk von Franz Schmidt. „Ich will Musik immer in einem biographischen Zusammenhang verstehen.“ Die Vierte Symphonie mit ihrem einsamen Trompetensolo geht ihm am meisten nahe. „Sie entstand ja anlässlich des Todes seiner Tochter Emma; das war gewissermaßen meine Halbtante.“  Er selbst hat seit seiner Kindheit ganz selbstverständlich immer auch musiziert. Als Kindersopran stand er in Operninszenierungen seines Vaters auf der Bühne, er lernte Geige, Klavier und Querflöte, später kam noch das Saxophon hinzu. Allerdings hat Zirner beschlossen, sich als Musiker nur noch auf die Flöte zu konzentrieren – und auch täglich zu üben. „Das ist wie Meditation für mich, das muss sein.“ Seine Leidenschaft für Rock und Jazzrock lebt er seit 25 Jahren als Mitglied des „Spardosen-Terzetts“ aus, mit dem er Alben wie „Diagnose Jazz“ und „Frankenstein“ aufgenommen hat; in diesem Kontext hat sich auch die Zusammenarbeit mit dem Kontrabassisten Kai Struwe entwickelt.   

Nathan und die Flötenweise

„Der kleine Prinz“ ist sein viertes „musikalisch-textliches“ Programm. Als er 2015 mit Christian Stückl am Münchner Volkstheater Lessings „Nathan“ probte – die Aufführung ist immer noch auf dem Spielplan –, sei das Buch von Antoine de Saint-Exupéry irgendwie bei ihm aufgetaucht, erzählt er. „Die beiden Texte schienen mir in einer menschlichen Dimension auf merkwürdige Weise verwandt. Ich habe dann ein Hörbuch gemacht, mit einer neuen Übersetzung. Und der Verlag wünschte sich zwischen den einzelnen Abschnitten Musik. Also habe ich im Studio meine Flöte ausgepackt und zu improvisieren begonnen.“ Aus den Jingles für das Hörbuch entstanden Kompositionen, und so kristallisierte sich das Projekt heraus, mit dem Zirner und Struwe seit 2017 mehr als zwanzig Mal aufgetreten sind: eine flexible, knapp 90 Minuten lange Miniatur, die vor allem vom Klang der Stimme und der beiden Instrumente lebt. „Es ist nur die Fabel geblieben, ich erzähle alle Episoden der Geschichte, aber die Moralitäten, die der Text enthält, sind durch Musik ersetzt.“ Als szenische Komponente gibt es die Projektion der Originalzeichnungen des Autors „und ein bisschen Licht. Meine Mutter ist für mich ein Vorbild, wie man mit bescheidenen Mitteln sehr viel machen kann.“   Zuhause ist der gebürtige Amerikaner, der auch einen österreichischen Pass besitzt, am Chiemsee, in Bayern – das ist nicht Deutschland und auch nicht Österreich ... „Da hab ich mich sicher positioniert“, lacht er. Vielleicht hat es seine guten Gründe, dass er sich nie in Wien niedergelassen hat, obwohl er beteuert, die Stadt über alles zu lieben. „Irgendwie bin ich ja auch ein Wiener!“ 

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort). Ihr Harnoncourt-Buch erscheint im August 2019 in einer vierten, ergänzten Auflage.