Der Freigeist 

Igor Levit 

Fantasien, Fugen, Variationen: Igor Levit sucht in einem spannenden Soloprogramm die Freiräume, die sich aus dem scheinbar Festgelegten ergeben können. Ende Oktober kehrt er als Solist in Mozarts Es-Dur-Konzert, KV 482, erneut nach Wien zurück.

An seinen ersten Klavierabend im Großen Saal des Wiener Musikvereins kann er sich noch gut erinnern. 2013 war das, Igor Levit sollte für Maurizio Pollini einspringen. Fünf Stunden vorher habe man ihn angerufen in Hannover, eine Dreiviertelstunde vor Konzertbeginn landete Levits Flugzeug in Wien. Pollini, damals 71 Jahre alt, hätte Chopin und Schumann gespielt. Levit, damals 26 Jahre alt, spielte nicht Chopin und Schumann. Von Chopin hat Levit vor kurzem in einem Interview gesagt, dass er sich „wie ein Idiot“ vorkomme, wenn er sich daran versuche. Vielleicht denken das von dem einen oder anderen romantischen Klavierkomponisten ob der exorbitanten Bekanntheit und Fallhöhe andere Pianisten genauso – Levit allerdings sagt es auch, frei heraus. Dass er – bisher – nicht frei atmen könne bei Chopin. Levit bezieht sein körperliches Gefühl, wie stets so auch hier, bei der Repertoirewahl mit ein. In Wien spielte Igor Levit damals zwei späte Beethoven-Sonaten und Frederic Rzewskis 36 Klaviervariationen „The People United Will Never Be Defeated“ über ein chilenisches Revolutionslied, komponiert 1975. Ein monströses Stück Neue Musik, ein Koloss der jüngsten Klavierliteratur, an den sich nicht viele je gewagt haben. Igor Levit war sich bewusst, dass dies als Teil eines Klavierabends in Wien nichts Selbstverständliches war. Es habe während des Konzerts auch Gegenwind gegeben. „Es gab aber vor allem eine Welle der Unterstützung. Es ist ja auch ein tolles Stück.“

Was macht der Atem?

Ein monströses Werk eigentlich. In der Wut über die Beteiligung der USA an der Installation Augusto Pinochets als Militärherrscher in Chile 1975 lässt Rzewski seine Pianisten den Flügel fast zerhauen, zumindest in Clustern und Grummeln bringt er ihn beängstigend zum Beben. Igor Levit, der Künstler, der von der internationalen Musikkritik so oft für die Kultiviertheit seines Anschlags bewundert wird, zählt ausgerechnet Rzewskis brachiale Revolutionsvariationen zu seinen Lieblingsstücken. Die Körperlichkeit ist offenbar eines, was Levit bei der Repertoirewahl berücksichtigt – die Politik ist ein anderes. Aber Igor Levits Liebe zu diesem Stück passt eben auch zu der konkreten Körperlichkeit, mittels derer er selbst sich und andere als Musiker beurteilt – längst nicht alle Pianisten denken so unmittelbar über ihren Körper nach. „Ich beschäftige mich sehr mit körperlichen Abläufen beim Spielen. Manchmal muss ich auch etwas ändern.“ Vor allem eine Lebensphase um 2012 herum, als Levit ein starkes Übergewicht, 30 Kilo fast, abbaute, hat sich ihm auch als Musiker eingeschrieben. „Ich musste meinen Körper neu kennenlernen. Was macht der Atem? Wie bewegt sich ein Arm?“ 

Körperlichkeit und Klang

Gut sieht er jetzt aus. Schlank, natürlich gebräunt, ohne darauf augenscheinlich besonderen Wert zu legen. Die weiten Flugreisen über Kontinente, das viele Üben in fremden, lichtlosen Sälen sieht man ihm nicht an. Auch nicht den endlosen Abhörmarathon in einem Stuttgarter Tonstudio vor kurzer Zeit. Levit hat 27 von 32 Beethoven-Klaviersonaten am Stück aufgenommen – die letzten, die schwersten, zählten bisher bereits zu Levits raren Aufnahmen. „Ich habe festgestellt, es ist doch ein Unterschied, ob man zwei Stunden Musik abhört oder dreizehn.“ Igor Levit wirkt trotzdem erholt. Der 32-Jährige spielt nicht nur Klavier, er ist auch sonst ständig von Musik umgeben. Er konsumiert sie wie in seiner Generation üblich, über Streams, über Youtube. Doch er zieht besondere Schlüsse daraus – Schlüsse, die zum Beispiel auf den Körper bezogen sind. Man solle sich mal das Video von Pletnev und Abbado anschauen, wie sie einst mit den Berliner Philharmonikern Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ aufführten. „Da sitzt einer am Klavier, der bewegt sich mit dem Blick nach vorne wie eine unaufhaltsame Walze. Und hat gleichzeitig diese Wärme und Eleganz. Was mich dabei fasziniert, ist diese Mischung aus Körperlichkeit und Klang.“ Übrigens stammen Levits wirklich große Musikidole – und das will bei seinem Hörpensum etwas heißen – aus der Welt des Jazz. Sein großes Vorbild ist kein klassischer Pianist, sondern der Jazzer Thelonious Monk. Igor Levit äußert sich gerne intelligent und ist nicht auf den Mund gefallen. Was er allerdings im Jazz gegenüber der klassischen Konzertszene vorzieht, ist nicht zuletzt der Verzicht auf zu viele Worte. „Dieses Reden, dieses Reden alleine vermisse ich gar nicht.“ 

Mitten in Berlin

Mit Verdikten ist Levit jedoch selbst schnell, und er macht sich damit sicher nicht nur Freunde. „Ich schreibe auch Sachen auf, und dann schaue ich, was die Worte machen.“ Igor Levit ist begeistert auf Twitter unterwegs und fürchtet sich nicht vor Shitstorms für seine linken Ansichten. Über rechtspopulistische Parteien. Über das Klima. „Viele fragen sich, ob ich eine Strategie hätte in den sozialen Medien. Vielleicht wäre es gut, wenn ich eine hätte. Ich haue raus und schaue dann, was passiert. Ich mache das aus so einer Dringlichkeit heraus.“ Aus dem Empfinden der grotesken Momente im modernen Leben vielleicht. Denn sein Lebensumfeld findet Igor Levit teilweise nicht weniger grotesk als das Korsett der Termine, in das er als Künstler eingezwängt ist. Igor Levit musste gerade aus seiner Wohnung raus, aber er ist nur vier Straßen weitergezogen. Er liebt diese Mitte Berlins nun einmal, trotz der weiter explodierenden Mietpreise, vierzig Euro pro Quadratmeter sollen es mittlerweile öfters sein. „Ich möchte nicht in dieses typische Mitte-Bashing abgleiten“, sagt er und deutet aus dem Fenster des Cafés, aus welchem er eben noch einer jungen Mutter auf dem gegenüberliegenden Spielplatz gewinkt hat. Allerdings wiederholt Levit den Satz „Ich bleibe dabei“ bei diesem Thema auffällig oft: „In diesem Stadtteil, wenn man sich mit Immobilien beschäftigt und nicht zum Kommunisten mutiert, hat man die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Da ist sie wieder – diese Mischung aus apodiktischen politischen Aussagen und Ironie. Bei den politischen Themen hält sich Levit im Gespräch lange auf. Igor Levit spendet, besorgt Anwälte für Geflüchtete, holt sie mit finanzieller Hilfe aus Flüchtlingsheimen heraus, weil er von schweren persönlichen Schicksalen erfährt. Mittellos nach Deutschland zu kommen, das hat er selbst früh in seinem Leben kennengelernt. 

Die Crux der Planung

Igor Levit schaut aus dem Café im Berliner Stadtteil Mitte. Er kennt viele Leute hier, obwohl er eher selten da ist. Man kann sich das gut vorstellen. Levit ist einer, der unkompliziert mit Unbekannten ins Gespräch kommen dürfte. Jetzt ist er einmal vier Tage in seiner Berliner Wohnung, jetzt hat er gerade mal zwischen Besuchen alter Freunde Zeit dafür. Allerdings ist Levit auch gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen, er hat Bachs „Goldberg-Variationen“ in Antwerpen gespielt, zum letzten Mal für längere Zeit. Für Igor Levit ist das Stück das barocke Analogon zu Rzewskis bizarrer Fluxus-Partitur. „Es ist ein sehr enger Zeitplan. Aber es ist mein Leben und meine Entscheidung.“ Was ihn stört, sind nicht die vielen Termine, sondern dass man sie drei Jahre im Voraus planen muss. Aber dies wiederum ist ihm vor allem aus künstlerischen Gründen zuwider: „Es wird gesagt, Künstler sind Freigeister. Aber die Realität ist, dass ich zwei Jahre im Voraus nicht nur einen Termin bestätigen, sondern auch sagen muss, was ich spielen werde.“ Und Levit wisse keineswegs, mit welchem Komponisten er sich in zwei Jahren beschäftigen werde. Levits Interesse wandert und bricht dann eruptiv bei einem Gegenstand aus. Ein Planer, nein, das ist er nicht. 

Intensiv und spontan

Als Achtjähriger kam Igor Levit mit seinen Eltern und seiner sechs Jahre älteren Schwester aus dem russischen Gorki nach Hannover. Aus dieser Zeit stammen seine ersten eigenen musikalischen Erinnerungen. Und schon damals scheint er in seiner Informationsbeschaffung so intensiv wie spontan gewesen zu sein. Einer, der alles aufsaugt, und einer, der nicht wissen kann, was ihn morgen oder übermorgen vielleicht auch noch interessiert. Mit Ballett und Oper wuchs Levit auf, als Kind seiner klavierspielenden Mutter lauschend, die sich auf Korrepetitionsstunden mit Sängern und Dirigenten vorbereitete und Auszüge aus Balletten und Opern spielte. „Als ich größer wurde, habe ich einfach einen Opernauszug aus dem Schrank geholt, einfach so, vollkommen planlos. Diese Art von Anarchie, die ist mir immer noch sehr nahe.“ Wie soll so jemand Genuss dabei empfinden, die Programme für seine Klavierabende drei Jahre im Voraus festzulegen? Levit will beobachten, wie sich Dinge entwickeln. Im Konzertsaal, im Internet, im restlichen Leben.

Matthias Nöther 
Dr. Matthias Nöther, Musikjournalist in Berlin, arbeitet für verschiedene deutsche Rundfunkanstalten und die „Berliner Morgenpost“.