Wissende Leidenschaft 

Semyon Bychkov und die Tschechische Philharmonie 

Mit immenser Intensität haben sich Semyon Bychkov und die Tschechische Philharmonie über Jahre mit dem Orchesterwerk und Konzerten von Peter Iljitsch Tschaikowskij beschäftigt. Die Früchte ihres Tschaikowskij-Projekts präsentieren sie nun auch im Musikverein.

Stille. Kein Räuspern war im Saal, kein Rascheln – es war diese magische Stille, wie sie sich in raren Momenten nach Konzerten einstellen kann. In den Applaus fällt man ein – was wäre zu sagen gegen die lärmende Übereinkunft? In der Stille aber sammelt man sich. Für Sekunden, in denen sich etwas von Ewigkeit spiegelt, finden sich alle im inwendigen Nachklang zusammen: die, die soeben noch musiziert haben, die, die gerade noch Zuhörende waren. Der lauteste Jubel reicht nicht heran an diese lautlose Innigkeit. Im Prager Rudolfinum war es so, vor wenigen Tagen erst, nach dem letzten Akkord von Tschaikowskijs „Manfred“, gespielt von der Tschechischen Philharmonie unter Semyon Bychkov. So intensiv, so ergreifend war die Interpretation von Tschaikowskijs Byron-Symphonie, dass sich das Publikum des Prager Dvořák-Festivals erst einmal im Schweigen sammelte. Magische Stille. Dann: Standing Ovations.

Alles hergeben

Für viele im Saal war es eine echte Entdeckung. „Manfred“, dieses Herzens- und Schmerzenskind des Komponisten, zählt bis heute nicht zum Standardrepertoire. Tschaikowskijs Zeitgenossen verschlossen sich ihm. Tief verunsichert spielte der Komponist sogar mit dem Gedanken, von den vier Sätzen drei zu verbrennen – dabei hatte er selbst während der Arbeit das Gefühl, die beste Musik seines Lebens zu schreiben. „Und wenn ein Komponist das selbst sagt“, merkt Semyon Bychkov an, „dann mag man ihm glauben. Allerdings: Die Schwierigkeiten dieses Stücks für die Interpreten, den Dirigenten wie alle beteiligten Musiker, sind so enorm, dass es nur gelingen kann, wenn man alles von sich selbst hergibt.“ Und genau das tut Bychkov. „Invest all of yourself“, mit dieser Hingabe hat er auch die Tschechische Philharmonie für sich gewonnen, die nun ein Herz und eine Seele mit ihm ist. „The Tchaikovsky Project“, das 2015 lanciert wurde, nun auf sieben CDs dokumentiert ist und Orchester und Dirigent jetzt zu Konzerten nach Tokio, Paris und in den Wiener Musikverein führt – dieses Projekt markiert den Beginn der Herzensbeziehung zwischen Bychkov und Tschechiens First-Class-Orchester. Seit 2018/19 ist Bychkov Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie. Die Nachfolge des früh verstorbenen Jiří Bělohlávek wurde ihm auch deshalb angetragen, weil das Tschaikowskij-Projekt so fulminant begonnen hatte. Schon die erste CD, die 2016 mit einer Aufnahme der „Pathétique“ und der „Romeo und Julia“-Fantasie herauskam, erntete international begeisterte Kritiken. 

Zwischen Ost und West

„Als ich 2013 gefragt wurde, ob ich mir dieses Projekt mit der Tschechischen Philharmonie vorstellen könnte“, sagt Bychkov, „hat es mich kaum mehr als 30 Sekunden gekostet, um zu spüren, dass das ein hochinteressantes Vorhaben sein könnte – spannend vor allem durch die kulturelle Identität der Tschechischen Philharmonie, diese Position zwischen Ost und West. Denn genau dies korrespondiert ja mit Tschaikowskijs eigener Identität, die von dieser Ambiguität geprägt ist. Tschaikowskij wurde geliebt von den Seinen, weil er so russisch sei, er wurde gehasst von den Seinen, weil er nicht genug Russisches habe und sich dem Westen zuwende! Diese Polarität durchzieht sein ganzes Leben und Schaffen.“ Für welches Russland steht nun also dieser Peter Iljitsch Tschaikowskij? Die Antwort von Bychkov fällt pointiert aus. „Er repräsentiert Russland, so wie es ist. Denn dieses Russland kann sich bis heute nicht entscheiden, wohin es gehört. Zum Westen? Zum Osten? Die Auseinandersetzung darüber“, sagt der aus St. Petersburg stammende Dirigent, „steckt in der DNA der Russen.“

Was meint die „Pathétique“?

Mit zwingender Logik skizziert Bychkov die historischen Argumente, angefangen von der Szenerie bei Tschaikowskijs gigantischem Begräbnis in St. Petersburg. Tausende waren auf den Straßen und defilierten am offenen Sarg vorbei. Die, die dem Verstorbenen näherstanden, küssten ihm die Stirn. Macht man das bei einem Cholera-Toten? Und überhaupt: Ist Cholera nicht eine epidemisch auftretende Erkrankung? Dann wäre dieser Tote ein kurioser Einzelfall. Viel plausibler, findet Bychkov, sei da die Vermutung einer Selbsttötung. Hintergrund: Die drohende Enthüllung einer homosexuell konnotierten Beziehung zu einem jungen Mann im Umkreis der Zarenfamilie. Vor die Alternative gestellt, den Rufmord durch Kompromittierung zu erleiden oder selbst in Ehren aus dem Leben zu scheiden, habe sich Tschaikowskij für Letzteres entschieden. Das ist die Hypothese, gestützt auf die historischen Anhaltspunkte. Was aber – und das ist für den Dirigenten natürlich die entscheidende Frage – sagt die Musik? Bychkovs Überlegungen basieren auf den Tempo- und Charakterangaben im Finalsatz. „Adagio“ und „Andante“ sind die zwei prägenden Elemente, jeweils mit Metronomangaben versehen. Was das Adagio zum Ausdruck bringt, scheint evident: das Leiden des Individuums. Aber was meint das Andante? „Es ist“, sagt Bychkov, „eine komplett andere Idee, die hier artikuliert wird, eine fließende Melodie, fast, könnte man sagen, tanzähnlich. Es liegt etwas von Hoffnung darin, der Nachhall von etwas Schönem.“ Und dann, nach dem Einbruch, dem Choral der Posaunen, folgt die Coda genau im Tempo dieses Andante! „Harsche Sforzati“ fahren hinein, „Sforanzdo in Fortissimo, Sforzando in Forte, Sforanzando in Mezzoforte, dann noch Akzente, der Herzschlag stoppt. Und das“, sagt Bychkov, „legt mir die Idee nahe, dass der Schluss nicht Einverständnis mit dem Tod bedeutet, sondern Protest dagegen.“ 

Romantischer Geist, klassische Mittel

„Eine Programmsymphonie, deren Programm aber für alle ein Rätsel bleiben soll“: Das Rätsel, das Tschaikowskij mit seiner „Pathétique“ aufgeben wollte, bleibt. Aber es erfährt durch Bychkovs fundierte Lesart eine faszinierend stringente Deutung. Es geht nicht um Spekulationen. Und so wichtig historisches Hintergrundwissen auch sein mag – entscheidend ist, was in den Noten steht. Genau da, sagt Bychkov, ergibt sich denn auch ein ungemein differenziertes Bild. Je weiter Tschaikowskij in seiner Meisterschaft voranschreite, desto penibler unterscheide er seine Anweisungen. „Er wollte, dass wir seine Ausdrucksmittel in den feinsten Modifizierungen kennen. Es ist fast wie bei Mahler! Nehmen wir nur den langsamen Satz der Fünften Symphonie – unglaublich, wie viele Nuancen sich in Tschaikowskijs Vorgaben finden. Dies alles genau umzusetzen und dabei die Balance des Ganzen zu finden, das ist eine unglaubliche Herausforderung.“  Ja, die Mahler-Nähe, sie war auch zu spüren in der Wiedergabe des „Manfred“: Akribie als Ferment des leidenschaftlichsten Ausdrucks. Bei Tschaikowskij – zwanzig Jahre älter als Mahler – ergibt sich freilich ein etwas anderes Gesamtbild. „Er ist ein Komponist“, sagt Bychkov, „dessen Musik tiefromantisch im Geist ist, aber sehr klassisch in den Mitteln, diese romantische Sicht zu vermitteln. Und das muss man ins Gleichgewicht bringen. Wenn man nur die romantische Seite herauskehrt, kann diese Musik schwer, schwülstig, hysterisch werden – das wäre schwer erträglich für jemanden wie mich –, aber wenn man zu sehr auf der klassischen Seite bleibt, berührt sie nicht und verfehlt ihren Sinn.“ In Tschaikowskijs Partituren steckt ein immenses Ausdrucksverlangen, existenziell begründet. „Bei ihm“, sagt Bychkov, „spiegelt die Musik den Menschen.“ 

Ein Credo im Dialog

Von Gustav Mahler ließe sich fraglos dasselbe sagen. Dass auf das große, über Jahre gehende Tschaikowskij-Projekt nun ein Mahler-Projekt der Tschechischen Philharmonie folgt, erscheint da nur folgerichtig. Auch bei diesem Unternehmen wird das Orchester übrigens auf ganz besondere Weise einbezogen. Takes aus den Aufnahmesitzungen werden dem ganzen Orchesterkollektiv vorgeführt und zur Diskussion gestellt, Orchestermitglieder haben die Möglichkeit, selbst Vorschläge für Nachaufnahmen zu machen. Seine Autorität als einer der weltbesten Dirigenten bringt Semyon Bychkov im Dialog ein. Das ist sein Stil, dahinter steckt sein Credo. „Sie sind es, die spielen. Es ist unser Projekt.“ Wie das bei Mahler klingt, konnte man schon 2018 im Musikverein erleben. Beim ersten Gastspiel, das die Tschechische Philharmonie unter ihrem neuen Chefdirigenten gab, stand auch Mahlers Zweite auf dem Programm. Die Aufführung war von solcher Eindringlichkeit, dass das Wiener Publikum ganz unerwartet reagierte. „Ich hatte“, sagt Bychkov, „das bei einer Zweiten Mahler bislang noch nie erlebt.“ Auf die hymnische Apotheose des Schlusses folgte nicht der sofortige Jubelausbruch, sondern Stille. Ein magischer Moment tiefer Berührtheit.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

Semyon Bychkov
© Michal Sváček / Decca

Semyon Bychkov 

Tschechische Philharmonie

Semyon Bychkov, Dirigent
Kirill Gerstein, Klavier

Peter Iljitsch Tschaikowskij
Konzert für Klavier und 
Orchester Nr. 1 b-Moll, op. 23
(Fassung 1879)
Manfred. Symphonie h-Moll, op. 58


Montag, 18. November 2019, 19.30 Uhr

Renaud Capucon
© Paolo Roversi

Renaud Capucon 

Tschechische Philharmonie

Semyon Bychkov, Dirigent
Renaud Capuçon, Violine

Peter Iljitsch Tschaikowskij
Konzert für Violine und Orchester D-Dur, op. 35
Symphonie Nr. 6 h-Moll, op. 74, „Pathétique“

Dienstag, 19. November 2019, 19.30 Uhr

Semyon Bychkov
© Michal Sváček / Decca

Semyon Bychkov 

Tschechische Philharmonie

Semyon Bychkov, Dirigent 
Gautier Capuçon, Violoncello

Peter Iljitsch Tschaikowskij
Serenade für Streichorchester
C-Dur, op. 48
Variationen über ein Rokoko-Thema
für Violoncello und Orchester, op. 33
Symphonie Nr. 5 e-Moll, op. 64

Mittwoch, 20. November 2019, 19.30 Uhr