Wege ans Licht

Manfred Honeck 

Ende Oktober, Anfang November führt Manfred Honeck wieder sein Pittsburgh Symphony Orchestra in den Musikverein. Über die programmatischen Beziehungen dieses zweitägigen Gastspiels zur Jahreszeit sprach der Dirigent mit Katharina von Glasenapp. 

In schöner Regelmäßigkeit kehren das Pittsburgh Symphony Orchestra und sein österreichischer Music Director Manfred Honeck im Musikverein ein. Und wie stets tragen auch die Programme der diesjährigen Europa-Tournee die persönliche Handschrift des Dirigenten. Mit im Gepäck sind zwei Symphonien, die Fünfte von Schostakowitsch und die Neunte von Bruckner, die beide auf CD eingespielt wurden: Erstere Aufnahme erhielt im vergangenen Jahr mit dem Grammy eine der begehrtesten Auszeichnungen der Musikbranche; Letztere kam Ende August auf den Markt und ist erfüllt mit ebenso gewaltigen wie zart gewebten, verlöschenden Klängen. Wie immer legt Manfred Honeck seine Gedanken zu Werk und Interpretation in umfangreichen Booklet-Texten dar.  Eine Variante davon erlebte die Journalistin beim Gespräch im Gastgarten von Wolfegg unter alten Kastanienbäumen: Am vorangegangenen Wochenende hatte Honeck das 25-Jahre-Jubiläum als Künstlerischer Leiter der Internationalen Wolfegger Konzerte unter anderem mit einer bewegenden Aufführung von Beethovens „Missa solemnis“ gefeiert. Hier – in einem Dorf nahe seiner Vorarlberger Heimat – begeistert er jeweils am letzten Juni-Wochenende mit Konzerten in einem außergewöhnlichen Rittersaal und einer wunderschönen Barockkirche. So kommt es, dass, mit Beethoven noch im Ohr und begleitet von Vogelzwitschern und Sommerwindrauschen, auf Mason Bates, Schostakowitsch und Bruckner vorausgeblickt wird, dass Hornmotive gesummt und Rhythmen skandiert werden ... 

Neue Klänge für das Wesentliche

Manfred Honecks Verbindung mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra ist seit 2008 kontinuierlich gewachsen und wird nach mehreren Vertragsverlängerungen bis ins Jahr 2022 fortgesetzt. Eine Besonderheit in den gemeinsamen Programmen sind Auftragskompositionen, die oft einen spirituellen Hintergrund haben. Denn dass Honeck ein tiefreligiöser Mensch ist und sich dies in seinen Interpretationen nicht nur geistlicher Werke offenbart, ist kein Geheimnis.  Eines dieser Stücke, „Resurrexit“ des heute 42-jährigen Komponisten Mason Bates, hat das Pittsburgh Symphony Orchestra seinem Chefdirigenten zum 60. Geburtstag im vergangenen September geschenkt, es eröffnet das Konzert am 31. Oktober im Musikverein. Für den Amerikaner, der schon zweimal Composer in Residence beim Pittsburgh Symphony Orchestra war und der in seinen Werken sonst gerne elektronische Klänge verwendet, war der Auftrag eine Herausforderung, galt es doch, ausgehend von einem dunklen, mystischen Urgrund das Wunder der Auferstehung in Töne zu fassen. „Das Werk hat neue Klänge und drückt innerhalb von wenigen Minuten das Wesentliche, den Weg von der Dunkelheit ins Licht, aus. Dabei ist es genau durchdacht und rhythmisch pointiert“, ist Honeck begeistert.  Unter anderem setzt Bates ein außergewöhnliches Schlaginstrument ein, das Semantron: Zwei hölzerne Hämmer werden auf ein an Drahtseilen aufgehängtes Brett geschlagen. „Bates hat herausgefunden, dass die Mönche in den Klöstern damit früher zum Gebet gerufen wurden. Mich berührt das sehr, und unser Schlagzeuger ist gleich losgezogen, um ein klanglich passendes Brett zu finden.“ (Wer neugierig geworden ist, kann im Internet einen meisterhaft hämmernden orthodoxen Mönch entdecken.) 

Hinter den Noten

„Durch Nacht zum Licht“: Dieses Thema zieht sich auch durch Dmitrij Schostakowitschs Fünfte Symphonie, jenes Werk, das Totentanz und Triumph in sich zu vereinen scheint. „Bei dieser Symphonie will ich drei Aspekte besonders herausarbeiten: den politischen und den persönlichen Hintergrund und den Bezug zu Gustav Mahler“. Bekannt ist ja, dass Josef Stalin empört eine Aufführung der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ verließ und den Artikel „Chaos statt Musik“ veröffentlichen ließ. Der Komponist wurde einem „Scherbengericht“ unterzogen und präsentierte mit der Fünften Symphonie ein Werk, mit dem er sich, wie es schien, öffentlich entschuldigen wollte. „Politisches hören wir bei Schostakowitsch ja immer wieder, aber das Persönliche ist mir noch wichtiger. Er hat gelitten, hatte Angst vor der Verhaftung, schlief immer mit dem gepackten Koffer neben dem Bett.“ Zentral ist für Manfred Honeck der langsame dritte Satz und darin besonders die klagenden Holzbläsersoli von Oboe, Klarinette und Flöte: „Sie stehen vielleicht für drei enge Freunde Schostakowitschs, die er nicht mehr gesehen hat. Sie hatten den Mut, dem Kulturkomitee zu widersprechen, und wurden ins Straflager nach Sibirien geschickt. Hier gebe ich den Bläsersolisten sehr viel Freiheit in der Interpretation, es spiegelt die große Einsamkeit und Trauer. Dazu spielen die Streicher ein Tremolo sul ponticello, also am Steg. Das ergibt einen ganz weißen, eisigen Klang. Auch wenn die Hörer die Geschichte der drei Freunde nicht kennen, werden sie hier an Kälte und damit an Sibirien denken. Wie Schostakowitsch das in wenigen Takten eingefangen hat, ist großartig!“ 

Humor, Sarkasmus, Ironie

Und wie spielt Mahler da herein? Schostakowitsch hatte sich sehr für die Musik Gustav Mahlers begeistert und seine Partituren analysiert, obwohl es schwierig war, sie in Russland zu bekommen. Manfred Honeck sieht beispielsweise Parallelen in der zurückgenommenen Instrumentation des langsamen Satzes, im dreitönigen Streicherauftakt – beides erinnert an das berühmte Adagietto in Mahlers Fünfter Symphonie. „Im Trio des zweiten Satzes gibt es einen Ländler ganz im Stil von Mahler mit all den kleinen Verzögerungen und Auftakten.“ Nicht zuletzt stechen die Paukenschläge am Ende der Dritten Mahler-Symphonie und im Finale bei Schostakowitsch ins Auge. „Ich will ihm keineswegs unterstellen, dass er Mahler kopiert hat. Aber er nimmt gewisse Ideen von Mahler an und verschmilzt sie mit seiner eigenen Klangwelt. Ich glaube, das wird man in Wien sofort wahrnehmen und verstehen.“ Denn hintergründige Botschaften haben beide in ihre Kompositionen gelegt – Mahler mit Humor, Schostakowitsch mit Sarkasmus, gespenstischen Stimmungen und bitterer Ironie. 

Musikalisches Wunderwerk

Der zweite Konzertabend mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra ist ganz Anton Bruckner gewidmet: der Neunten Symphonie, die der Komponist nicht mehr vollenden konnte und auf die Honeck, wie von Bruckner vorgeschlagen, nach der Pause das festliche „Te Deum“ folgen lässt. Ein „Wunderwerk“ sei diese Symphonie, sagt der Dirigent, der viele Verbindungen zu Bruckners Leben und seinem intensiven Glauben herstellt.  Nicht nur das musikalische Vermächtnis mit dem weitgespannten Adagio-Schlusssatz bewegt Honeck, auch der erste Satz zieht Dirigenten, Orchester und Hörer ins musikalische Geschehen hinein. „Der Tod!“, scheinen Trompeten und Pauke in ihrer Auftaktfigur über dem kaum hörbaren Streichertremolo zu rufen. Der Grundton „D“ steht für „Deus“. Terzen und Quinten öffnen den Raum, die acht Hörner schwingen sich zu ihrem ersten Motiv auf: „Man spürt sofort diese mystische Stimmung, diese Leere und Erwartung. Bruckner war schon sehr krank, aber er wollte den vierten Satz und sogar noch eine Art Oper schreiben. Er hat seinen Tod noch nicht vorausgesehen. Trotzdem ist da eine große Ahnung, etwas, das über das Diesseits hinausführt. Die Harmonik führt ins 20. Jahrhundert. Diese Neunte Symphonie hatte eine unglaubliche Wirkung auf die nachfolgenden Komponisten!“ 

Eine wunderschöne Vorstellung

Nach dem dämonischen Scherzo mit seinen heftig wiederholten Schlägen und dem an die Geisterwelt Shakespeares erinnernden Trio tut sich mit dem Intervall der aufspringenden None und dem stufenweise geführten chromatischen Thema eine besondere Welt auf. Bruckners Gestaltung der Themen verbindet sich für Manfred Honeck mit den Textzeilen des „Agnus Dei“, dem letzten Teil einer Messe: „Ich habe keine Belege, aber wenn man die lateinischen Worte der Musik unterlegt, staunt man, wie gut der Text ,Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis‘ auf diese Motive passt. Später gibt es eine Stelle mit der wunderbarsten Harmonie Bruckners: Hier ist es, als würde eine Tür aufgehen, als sei die Bitte um Erbarmen, ,Miserere‘, erfüllt worden.“  Zum Schluss löst sich alles auf in Frieden – „Dona nobis pacem“. Seine Neunte Symphonie hat Bruckner ja keinem Geringeren als dem „lieben Gott“ gewidmet. „Dass der letzte vollendete Satz Bruckners ein „Agnus Dei“ sein kann, ist für mich eine wunderschöne Vorstellung. Ich bin überzeugt, dass Bruckner hier an das Leiden, an die Bitten um Erbarmen und Frieden gedacht hat. Vielleicht hört man es in unserer Interpretation, auch wenn man nicht katholisch ist. Man muss es ja nicht verstehen, aber man kann es emotionell erfahren.“  So spannen sich die beiden Konzerte von Manfred Honeck und dem Pittsburgh Symphony Orchestra von der Auferstehung zum Friedensgebet und münden schließlich in die strahlenden Fanfarenklänge des „Te Deum laudamus“. Dass diese musikalischen Höhenflüge in Wien gerade um das Fest Allerheiligen stattfinden, trifft sich besonders gut. 

Katharina von Glasenapp 
Katharina von Glasenapp ist als Musikjournalistin im Bodenseeraum tätig.