Spezialistin für Vielseitigkeit

Agnes Palmisano 

Agnes Palmisano ist die Star-Interpretin des Wiener Dudlers und setzt starke eigene Akzente beim Wienerlied. An der Seite von Michael Köhlmeier kommt sie für ein sehr wienerisches Programm in den Musikverein.

Auf Ihrer CD „In mein Heazz“ präsentieren Sie das Genre Wienerlied in seiner ganzen unglaublichen Vielfalt. Wie ist das heute mit CDs? Junge Menschen haben zum Teil gar keine CD-Player mehr und moderne Autos oder Computer oft keine Abspielmöglicheiten. Ich bin da ein wenig altmodisch. Das Publikum in klassischen Konzerten – und dazu zählt auch meines – möchte nach wie vor CDs. Man kann sie signieren lassen oder jemandem zum Geburtstag schenken – das Physische ist schon von Bedeutung. Ich persönlich finde es schön, jemandem etwas in die Hand drücken zu können und zu sagen: Das ist von mir. Das bin ich.

Der Trend geht wohl dahin, dass alle alles mit dem Handy aufnehmen.  
Genau, wenn ich zum Beispiel einen Dudel-Jodel-Workshop mache. Ist auch verständlich, man will das Gelernte ja zu Hause üben. Doch da gab’s einen solchen Wildwuchs an Aufnahmen, dass ich mich entschlossen habe, einen Grundkurs in der Kunst des Wiener Dudelns auf CD zu produzieren, mit Begleitheft und Noten – „Nur fest Dudeln!“

Stört es Sie, wenn jemand im Publikum Sie filmt? 
Das hab ich mir noch nie so überlegt. Einer meiner Musiker ist da sehr empfindlich und verbietet es ausdrücklich – und eigentlich hat er recht. 

Ist es nicht auch eine Möglichkeit, die eigene Kunst zu verbreiten?
Die Frage ist, will man das selbst steuern können, oder passiert es einfach. Obwohl – ich glaube nicht, dass von mir etwas total Desastreuses existiert, dazu bin ich viel zu kontrolliert. Andererseits – was kann man schon planen!  

Ihre Karriere in der Wiener Volksmusik war ja so auch nicht geplant.
Nein, überhaupt nicht. Niemals hätte ich mein Leben so konzipiert, wenn ich’s mir wirklich ausgesucht hätte.

Wie hätte Ihr Leben dann ausgesehen?
Tja – ich hätte eine steile Opernkarriere hingelegt! 

Welches Fach? Und welche Stimmlage?
Das war genau das Thema in meinem Gesangsstudium – ich war nicht so klar einordenbar. Mehr in Richtung Sopran auf jeden Fall, ein Hosenrollensopran. Im klassischen Betrieb herrscht ja dieses strikte Fach-Denken, und es gibt mehr als genug Sängerinnen und Sänger, die diesen Kategorien tadellos entsprechen. Aber ich – ich hab da nicht hineingepasst. Und ich habe mich auch in keiner dieser Kategorien ganz wohlgefühlt, bei keiner Rolle habe ich gedacht: Das sitzt wie angegossen! Von außen betrachtet war es vermutlich sehr gut, aber in mir drinnen hat sich diese totale Stimmigkeit nicht eingestellt. Was dazukommt, ist, dass ich extrem empfindlich darauf reagiere, bewertet und verglichen zu werden. Wenn ich zum Beispiel im Schwimmbad meine Längen schwimme und jemand ist schneller und zieht an mir vorbei, da kriege ich Stress. Andere Menschen lieben das. Ich nicht. Wenn es beim Vorsingen darum geht, wer lauter oder höher singt – dieses Wettbewerbsding ist einfach nicht meins. Das war mein Problem auf der Musikuniversität. Und dann ist mir zum Glück das mit der Volksmusik einfach so passiert. Ich habe dieses Pflichtseminar besucht, Roland Neuwirth hat es geleitet, und am Ende gab es ein Konzert. Keine große Sache, dachte ich. Doch wir sind gleich vom Wiener Volksliedwerk für ein Konzert engagiert worden – und plötzlich hatte ich meinen ersten Zeitungsbericht im „Standard“! Bis dahin gab’s beim Dudeln nur die Trude Mally, mehr oder weniger, und die war schon weit über siebzig. Und dann kommt da eine Gesangstudentin mit jugendlich naiver Frische und macht es einfach. Eines Tages ruft mich der Gerhard Bronner an und will sich mit mir treffen, weil ihm das gefällt, was ich mache. Und so habe ich ein paar Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Auch mit Karl Hodina und Trude Mally. Auf diese Weise habe ich Dinge gelernt, die ich aus keinem Buch hätte lernen können.

Was fasziniert Sie so am Dudeln oder am Wienerlied überhaupt?
Dass das Individuelle erlaubt ist. Man hört einen einzigen Ton von einer Sängerin oder einem Sänger und weiß sofort, wer es ist. Das ist mir sehr entgegengekommen. Herauszufinden, was ich bin und wie meine Stimme klingt. Sein zu dürfen, wie ich bin. Im Gegensatz zum Gesangsunterricht auf der Uni, der mir vermittelt hat: So nicht! Und so auch nicht! Immer war ich mit dem konfrontiert, was nicht in Ordnung war. Die vielen Dinge, die an meiner Stimme zweifellos immer schon gut waren, die waren offenbar selbstverständlich und wurden gar nicht erwähnt. Es war eine sehr belastende Zeit für mich.

Gibt es auch eine Kehrseite Ihres Erfolgs?
Na ja – dass ich nicht jeden Tag drei Stunden Mozart gesungen habe. Mozart fasziniert mich nach wie vor unendlich.

Nicht nur Mozart, vermutlich.
Natürlich nicht, aber Mozart ganz besonders, weil er für Stimmen perfekt komponiert hat. Meine Eltern haben sich in Saalfelden in einem Chor kennengelernt, den gibt’s immer noch, und wenn die zu Weihnachten und zu Ostern eine Messe aufführen, dann rührt mich das so, dass ich sofort weinen muss. Es gibt so viel schöne Musik, man kann nicht alles machen. Wir leben in einem Zeitalter des extremen Spezialistentums, leider.

Jeder muss eine Marke sein.
Genau. Ich bin eben die Marke „Wiener Dudler und Wienerlied“. Das ist super! Schade ist nur, dass es schwer ist, außerhalb dieser Marke etwas zu machen. Diesen Sommer habe ich wieder einmal Operette gespielt – ich liebe es! Schauspiel, Oper, Operette, Musiktheater, das ist so eine andere Welt. Ich hoffe, dass sich in dieser Richtung etwas entwickelt. Ich habe in der Wiener Musik eine Heimat gefunden. Aber man kann ja unterschiedliche Dinge gern machen und gut können. Michael Köhlmeier hat mich zum ersten Mal gehört, als ich die Sterbearie der Dido aus Purcells „Dido and Aeneas“ gesungen habe, und nicht einen Wiener Dudler.

Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Michael Köhlmeier?
Ich kenne ihn schon seit Ewigkeiten, denn wer kennt ihn nicht! Er arbeitet viel mit Paul Gulda zusammen und ich auch. So ergab es sich, dass ich 2016 bei der „Aeneis“ mit Köhlmeier und Gulda im Musikverein die Arie aus Purcells „Dido“ gesungen habe – als Überraschung. Seither wollte er etwas mit mir machen. Michael Köhlmeier ist ja auch so ein Vieles-Könner. In Vorarlberg kennt jeder die Lieder, die er in seiner Jugendzeit mit dem Bilgeri zusammen geschrieben hat, und es ist derselbe Michael Köhlmeier, der Bücher schreibt und Geschichten erzählt. Ich freu mich jedenfalls sehr auf das Projekt mit den Wiener Sagen. Es wird ein rein wienerisches Programm, also sind keine Ausflüge in die Oper vorgesehen oder neu geschriebene Lieder. 

Was ist älter, das Wienerlied oder die Wiener Sage?
Das lässt sich kaum feststellen. Manche Dudler sind irgendwann aus dem alpenländischen Raum nach Wien gekommen. Es gibt da wie bei den echten Wienern einen Migrationshintergrund. Andere Wienerlieder sind komponiert. Also es gibt da alles, von sehr alten Dudlern, die eigentlich gesungene Instrumentalweisen mit großem Tonumfang sind, über volkstümliche Lieder, wo es mehr um die Geschichte geht, bis zu Liedern, die von Theaterkomponisten geschrieben wurden, zum Teil fast arienhaft, oder aber Couplets und Kabarettlieder. Diese Vielfalt hat mich in diesem Genre gehalten. Was weltweit als typisches Wienerlied gilt, also „Wien, Wien nur du allein“ – darum mache ich einen Bogen, das ist in der Wienerlied-Szene derzeit total verpönt. Es ist erstaunlich. Die Nische ist so klein, und trotzdem gibt es echte Glaubenskriege. Einerseits ist da der volkstümliche Schlager mit seiner Community, und auf der anderen Seite das alte Liedgut, das bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreicht. Da tendiere ich hin.

Was ist für Sie wichtiger: eine Geschichte zu erzählen, die berührt, oder so zu singen, dass alle sagen: Wow, singt die gut!
Natürlich möchte ich, dass die Leute sagen: Wow, singt die gut! Aber es darf nie Selbstzweck sein. Man darf eine große Stimme nicht so vor sich hertragen, man muss die Intimität des Genres würdigen. Sobald sich so etwas wie Technik dazwischenschiebt, ist das Wienerlied tot. Sänger sollten ihr Instrument so beherrschen dürfen, dass sie die Art ihres Vibratos und die Art der Tongebung in verschiedenen Stilen steuern können. Aber sehr oft werden Sänger nur für eine Art ausgebildet und alles andere wird abtrainiert. Das ist schade.

Welche Pläne haben Sie in der näheren Zukunft?
Ich habe Lieder von John Dowland ins Wienerische übersetzt, das wird mein neues Programm. Dowland und Wien – das funktioniert wunderbar. Das Wienerische spricht und singt sich ja viel poetischer als Hochdeutsch, vor allem, weil die Vokale so anders gefärbt sind.

Schön, dass es in Wien so viel Platz für so viel verschiedene Musik gibt! 
Ja, und es fasziniert mich, dass ich hier, wo doch so wahnsinnig viel stattfindet, auf dem Spielplan stehe, und dass Leute zu meinen Konzerten kommen. Natürlich würde ich gern mehr Oper oder Operette singen, aber soll ich in Melancholie verfallen, weil ich im Gläsernen Saal so etwas Wunderbares wie „Wiener Sagen“ mit Michael Köhlmeier machen darf?

Agnes Palmisano wurde in Wien geboren und absolvierte nach der Matura vorerst die Ausbildung zur Sonderschullehrerin. 1997 bis 2005 studierte sie Gesang an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. 2002 kam es zu ihrer ersten Begegnung mit dem „Wiener Dudler”, einer im 19. Jahrhundert entstandenen Mischform von Jodler und Koloraturgesang, als dessen führende Interpretin und Expertin sie heute gilt. Ihre intensive künstlerische Auseinandersetzung mit „Wiener Musik” im Grenzbereich zwischen „Kunst” und „Unterhaltung” führte zu zahlreichen – auch international höchst erfolgreichen – Konzert- und Schallplattenprojekten. Bis 2011 leitete Agnes Palmisano den Musikschwerpunkt einer Schule für geistig schwerstbehinderte Kinder in Wien und war Lehrbeauftragte der Musikuniversität Wien für integrative Musikschularbeit. Seit 2018 unterrichtet sie an der Pädagogischen Hochschule Baden.   

Das Gespräch führte Sabine M. Gruber. 
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte neben Romanen und Erzählungen auch das Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und zuletzt „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.