Mit Ohren, Augen und Verstand

Pinchas Steinberg

Fast ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich Pinchas Steinberg als Chefdirigent des ORF RSO Wien verabschiedet hat. Im Großen Musikvereinssaal kommt es am 27. November zu einer ersten Wiederbegegnung. 

„Ein Triumph der Liebe – und des Dirigenten“ titelte die „Wiener Zeitung“ 2012 nach einer Aufführung von „Andrea Chénier“ an der Wiener Staatsoper. Der so hervorgehobene Maestro war Pinchas Steinberg, der mit diesem Dirigat ans Haus am Ring und überhaupt nach Wien zurückgekehrt war. Während seiner Jahre als Chefdirigent des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien, das damals noch den Namen ORF-Symphonieorchester trug, war er auch regelmäßig in der Oper am Pult gestanden. Und nun kommt es nach 23 Jahren erstmals wieder zur Zusammenarbeit Steinbergs mit seinem ehemaligen Orchester, von dem er sich 1996 im Großen Musikvereinssaal mit der Uraufführung von Iván Eröds Symphonie „Aus der Alten Welt“, umrankt von Dvořáks „Karneval-Ouvertüre“ und Smetanas „Ma Vlast“, verabschiedet hat. 

Der Mann der Stunde

Das Programm war durchaus ein typisches für die Ära Steinberg. Als er 1989 seine Position antrat, hatte das Orchester zwei Jahre der Führungslosigkeit hinter sich. „Es war“, erinnert sich der Dirigent mit klaren Worten, „damals nicht wirklich in einem guten Zustand.“  Steinberg – bekannt für seine außergewöhnliche Disziplin und seine genaue Vorbereitung, die er auch stets von seinen musikalischen Partnern verlangt – war der Mann der Stunde. „Wenn man eine Situation ändern will, geht das von beiden Seiten aus. Vom Dirigenten und vom Orchester. Die Musiker waren nicht gewohnt, in dieser Intensität zu arbeiten. Das war schwierig für sie, und für mich auch“, so Steinberg in der Rückschau. „Ich werde das nie vergessen: Nach zwei Proben war ich fix und fertig. Ich hatte mir damals in Wien eine Wohnung gemietet, und das Erste, das ich gemacht habe, als ich nach Hause kam, war: Ich habe mich ins Bett gelegt. Gegen 19.30 Uhr bin ich wieder aufgestanden und habe Abendessen gemacht.“

Die Nummer eins

Die gemeinsame Arbeit trug bald Früchte. Pinchas Steinberg nahm einige Änderungen und Erweiterungen im Repertoire vor. „Das RSO war ein Moderne-Musik-Orchester. Aber wenn man an Klang, an Ausdruck, Phrasierung und so weiter arbeiten möchte, dann funktioniert das meines Erachtens nicht mit moderner Musik. Das ist eine völlig andere Welt.“ So ging er in der Musikgeschichte einige Jahrzehnte zurück und setzte zunächst etwa Dvořák, Janáček, Martinů, Rimskij-Korsakow und Strawinsky aufs Programm, in weiterer Folge auch Liszt, Mahler, Strauss, die Wiener Klassiker, Rossinis „Petite Messe solennelle“ und Verdis „Messa da Requiem“. Wenn man so will, legte Pinchas Steinberg auch den Grundstein für die exzellente Aufführungstradition des ORF RSO Wien im Bereich Oper. Sein Debüt am Pult des Orchesters hatte er 1988 mit einer konzertanten Aufführung von Kreneks „Pallas Athene weint“ im Musikverein gegeben. Daran knüpfte er als Chefdirigent an: Konzertante Oper wurde zu einem wichtigen Grundpfeiler im Repertoire des Orchesters. Als Pinchas Steinberg weiterzog, hinterließ er ein Orchester von internationalem Rang, wie sich besonders bildhaft an der gemeinsamen Aufnahme von Wagners „Der fliegende Holländer“ zeigt. „Das ,Gramophone Magazine‘ in London schrieb damals: Wir haben geglaubt, es gibt nur ein Orchester in Wien. Aber wir haben nicht recht: Es gibt noch eines“, erzählt Steinberg. „Und man sagte mir damals, dass diese Aufnahme die Nummer eins in der New Yorker Verkaufsliste war.“ 

Das Erfolgsrezept

Nach seinen Wiener Jahren war Pinchas Steinberg bis 2005 drei Jahre lang dem Orchestre de la Suisse Romande als Generalmusikdirektor verbunden. Auch hier leistete der Maestro ganze Arbeit. „Als ich ankam, hieß es, die Konzerte in der Victoria Hall seien zu fünfzig Prozent voll – oder leer, ganz wie Sie das sehen möchten. Bei meiner ersten Pressekonferenz“, erinnert sich Steinberg, „wurde ich gefragt, was ich anders machen werde als meine Vorgänger. Ein Orchester, antwortete ich damals, ist für mich wie ein Restaurant. Wenn das Essen hervorragend ist, kommen die Leute wieder. Wenn beim Orchester das Programm hervorragend ist, kommen die Leute ebenso wieder. Niemand zwingt die Menschen, in ein bestimmtes Restaurant zu gehen, und niemand zwingt sie, ins Konzert zu gehen.“ In Genf genoss Steinberg völlig freie Hand in der Repertoiregestaltung und setzte ganz auf thematische Programme. „Ein jedes folgte einer durchgehenden Idee“, erzählt er. „Nur ein Beispiel: ,Nacht‘. Ich habe mit Schönbergs ,Verklärter Nacht‘ begonnen und danach den gesamten ,Sommernachtstraum‘ von Mendelssohn gemacht – mit Schauspielern, Damenchor und Solisten. Den Text dazu habe ich selber geschrieben. In nur einem Jahr haben wir es geschafft, den Saal zu füllen – und wir mussten sogar noch ein zusätzliches Abonnement auflegen, um alle unterzubringen.“   

Ganze Arbeit 

Bereits 2001 hatte Pinchas Steinberg sein Debüt beim Cleveland Orchestra in den USA gegeben, das er seither besonders schätzt. Viele Opernhäuser und Konzertveranstalter in aller Welt suchen die regelmäßige Zusammenarbeit mit ihm: von London bis San Francisco, von Paris bis Sydney und von Berlin bis Peking. In besonderer Häufigkeit führen seine Engagements in den vergangenen Jahren nach Italien: Mailand, Turin, Rom, Neapel ... Neben seiner Chefposition, die er 2014 in Ungarn beim Budapest Philharmonic Orchestra antrat, wurde zuletzt die Bayerische Staatsoper in München zu einer fixen Destination. Zum Zeitpunkt des Gesprächs ist Pinchas Steinberg gerade aus Australien zurückgekehrt. Am Sydney Opera House leitete er eine Produktion von Umberto Giordanos „Andrea Chénier“ mit Jonas Kaufmann, Eva-Maria Westbroek und Ludovic Tézier. Letzterer ist, wie so manche andere Musiker der jüngeren Generationen, durch die Schule Steinbergs gegangen. „Er hat seine Musikerlaufbahn mit mir begonnen“, so der Dirigent. „Ich habe vor Jahren ,Tannhäuser‘ in Toulouse gemacht – da kam dieser Junge. Ich habe jeden Tag mit ihm gearbeitet, ganz egal, ob er Regieproben hatte oder nicht. Er hat einen wunderbaren Wolfram gesungen. Wunderbar!“ 

Tränen im Saal

Die Schule, die Pinchas Steinberg selbst durchlaufen hat, war jene eines Geigers. In Israel geboren, studierte er bei Jascha Heifetz und Josef Gingold in den USA. Zu seinen Kammermusiklehrern zählte Gregor Piatigorski. Prägende Jahre, wie man sich denken kann. „Sie haben meine Ohren, meine Augen und meinen Verstand geöffnet“, fasst Steinberg das Essenzielle in knappe Worte – schwierig sei es, dies detailreich zu beschreiben. Ein Beispiel: „Ich habe eine Brahms-Sonate gespielt, mit Klavierbegleitung. Da rief Jascha Heifetz im ersten Satz plötzlich: ,Stopp! – Was haben Sie hier gedacht?‘ – Ich sagte so etwas wie: ,Ja, äh, Mr Heifetz, ähm ...‘ – Und er: ,Ja, das habe ich gehört.‘ Verstehen Sie? Was denkst du, wohin die Musik gehen soll? Was willst du erzählen mit deinem Spiel?“ Genau das ist es, was er heute bei vielen, auch bei namhaften Musikern vermisst. „Sie sprechen mich nicht an. Wenn ich ins Konzert oder in die Oper gehe, dann möchte ich etwas erleben. Warum gehe ich sonst dorthin?“ Und er erzählt von noch einer Begebenheit. Steinberg saß als Verstärkung im Orchester eines Konzerts, in dem Josef Gingold Solist war: „Er hat die ,Sérénade espagnole‘ von Lalo gespielt und dann die ,Sérénade mélancholique‘ von Tschaikowskij als Zugabe. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich schaue während des Spiels hoch, und ich sehe alle Leute weinen. Verstehen Sie? Erfahren Sie so etwas heute? Das war so was von – wow! Das war diese Generation.“ 

"Der Dirigent ist abhängig von anderen, von ihrer Erkenntnis, von ihrem Willen.“ Pinchas Steinberg

Aus heiterem Himmel

Pinchas Steinberg hatte als Geiger bereits gut Fuß gefasst. In Berlin, wo er auch Kompositionsunterricht bei Boris Blacher nahm, spielte er bei den Philharmonikern unter Herbert von Karajan. „Ich habe wahnsinnig viel von ihm gelernt“, schwärmt Steinberg. „Seine Einstellung überhaupt zur Arbeit, wie er mit dem Orchester gearbeitet hat, was er verlangt hat, wie er es verlangt hat.“ Das Dirigieren traf Pinchas Steinberg selbst dann gewissermaßen wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Er saß als Konzertmeister im Orchestergraben der Lyric Opera Chicago, als der Dirigent des Abends, Ferdinand Leitner, einen Schwächeanfall erlitt. Auf dem Spielplan und damit auf dem Spiel stand Mozarts „Don Giovanni“ – mit Ilva Ligabue, Alfredo Kraus und Tito Gobbi, der zugleich Regisseur dieser Produktion war. Es gab keine Zeit zu zögern. „Leitner hat so eine Bewegung gemacht: Komm!“, erinnert sich Steinberg. Er ließ sein Instrument auf dem Konzertmeistersessel zurück und übernahm den Taktstock. „In diesem Moment verlor Leitner das Bewusstsein. – Ich hatte nie zuvor in meinem Leben dirigiert.“   

Lockende Herausforderung

Das Feuer, das Pinchas Steinberg an jenem Abend gefangen hatte, ließ ihn nicht mehr los. „Wenn ich als Geiger aufgetreten bin, war das meine Art zu spielen, mein Ausdruck, mein Klang. Ich konnte mit der Geige sagen, was ich wollte. Das war ich“, sagt er. „Wenn ich mit dem Taktstock vor einem Orchester stehe, vor so vielen Leuten, die alle ihre eigene Meinung über Musik haben, ist das etwas völlig anderes. Der Dirigent ist abhängig von anderen, von ihrer Erkenntnis, von ihrem Willen.“ Diese Herausforderung lockte den brillanten Geiger. Der Erfolg des Chicagoer „Don Giovanni“ schlug Wellen bis nach Europa. Herbert von Karajan wurde aufmerksam und sorgte für Steinbergs Debüt mit dem RIAS-Symphonieorchester Berlin. Der Rest ist Geschichte. 

Kontraste und eine Fügung

Nun also kehrt Pinchas Steinberg zum ORF RSO Wien und in den Musikverein zurück. Er beginnt dieses Ereignis mit der Ouvertüre zu Dmitrij Kabalewskijs Oper „Colas Breugnon“. Viel zu selten werde Kabalewskij in den Konzertprogrammen dieser Welt berücksichtigt, ist er überzeugt. Er arbeitet daran, dies zu ändern, und hat schon damals, in den neunziger Jahren, am Pult des RSO im Musikverein die Zweite Symphonie dirigiert. Als Kontrast zu diesem „kurzen, brillanten – und lustigen“ Werk beendet er das Konzert mit Schostakowitschs Zehnter Symphonie.  Und dazwischen spielt Michael Barenboim den Solopart im Violinkonzert von Arnold Schönberg. Eine schöne Fügung: Es war Jascha Heifetz, Steinbergs berühmter Lehrer, der anno 1940 die Uraufführung hätte spielen sollen. In den Geschichtsbüchern heißt es, er habe dies „wegen Unspielbarkeit des Werkes“ abgelehnt. „Wer, wenn nicht Heifetz, hätte eine bessere Technik gehabt, um das Werk zu spielen, als Jascha Heifetz?“, stellt Steinberg die rhetorische Frage. „Meine persönliche Meinung ist: Er wollte das Werk nicht spielen. Das war eine musikalische Sprache, die ihm fremd war. Das einzige zeitgenössische Werk, das er uraufgeführt hat, war das Violinkonzert von Korngold. Er hat dieses Werk für Heifetz geschrieben.“ Und wie hält es Steinberg selbst heute mit der Geige? „Meine Enkelin spielt Geige“, erzählt der stolze Großvater. „Sie ist elf Jahre alt. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch nach Holland komme, nehme ich ein paar Tage vorher die Geige und übe. Ich möchte nicht zeigen, dass ich nicht mehr so gut bin.“ Als Dirigent ist er einer der Besten, die die Musikwelt derzeit zu bieten hat. 

Ulrike Lampert 
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.