Im Duell mit Beethoven  

Zur Wiederentdeckung Joseph Woelfls 

Konnten sie wirklich Kontrahenten auf Augenhöhe sein? Ludwig van Beethoven und Joseph Woelfl? Tatsächlich traten sie gegeneinander an. Luisa Imorde spürt pianistisch dem historischen „Klavierduell“ nach. Und Thomas Leibnitz stellt den heute kaum mehr bekannten Beethoven-Herausforderer vor.

Ziemlich unnachsichtig geht die Musikgeschichte – hier im Gleichschritt mit der allgemeinen Geschichtsschreibung – mit jenen Komponisten um, die es trotz aller Verdienste nicht schafften, sich im exklusiven Zirkel der „Überzeitlichen“, der gleichsam der Geschichte enthobenen Klassiker, zu etablieren. Sie ist nicht ungerecht, die Musikgeschichte, wenn sie uns bei der Frage nach dem musikalischen Wien des frühen 19. Jahrhunderts Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn und Franz Schubert als Repräsentanten einer ganzen Epoche in den Sinn kommen lässt. Ein geheimnisvolles, noch nicht ausreichend untersuchtes Zusammenspiel zwischen der Vox populi und dem Urteil von Experten hat zur Fokussierung auf die „großen Namen“ geführt, die sich – wer wollte es bestreiten – ihrer glanzvollen Sonderstellung als durchaus würdig erweisen. Und doch ein wenig den Blick auf die Wirklichkeit des Musiklebens dieser Zeit verstellen, in dem sie „vorkommen“, aber keineswegs die Szene in einer Weise beherrschen, die ihrer heutigen Alleinvertretung entspricht.   

Abseits der öffentlichen Wahrnehmung

Eine imaginäre Reise in das Wien des frühen 19. Jahrhunderts würde uns vorrangig mit Musiker- und Komponistennamen konfrontieren, die man allenfalls da oder dort gehört hat, ohne mit ihnen konkrete Assoziationen zu verbinden: Johann Georg Albrechtsberger, Joseph Mayseder, Johann Schenk, Anton Diabelli, Joseph Gelinek, Tobias Haslinger, um nur einige willkürlich herauszugreifen. Oder etwa Joseph Woelfl. Ein Musiker, dessen umfangreiches Werk und dessen zeitgenössische Erfolge tatsächlich die Frage aufwerfen können, wie es zu seinem weitgehenden Verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung kommen konnte.  Er wird nun wieder zur Diskussion gestellt; die Internationale Joseph-Woelfl-Gesellschaft widmet sich engagiert der Renaissance seines Werkes und stellt damit erneut die Frage nach der Berechtigung und nach den Chancen solcher Wiederentdeckungen. Aber vor der Diskussion dieses Aspekts sei ein Blick auf Woelfls durchaus bewegtes Leben geworfen, an dessen Beginn die Namen Haydn und Mozart stehen. 

Offensichtliche Begabung

Joseph Woelfl, am 24. Dezember 1773 als Sohn des fürstbischöflichen Verwaltungsjuristen Johann Paul Woelfl in Salzburg geboren, wächst in dem Haus auf, in dem auch der Salzburger Hoforganist Michael Haydn wohnt. Es ist unklar, ob er seine frühe musikalische Ausbildung beim jüngeren Haydn erhält oder bei Leopold Mozart, dem Vizekapellmeister der Hofkapelle, der nachweislich mit Woelfls Vater bekannt ist. Neue Forschungen legen nahe, dass er mit der Ausbildung auf Violine und Klavier bei Leopold Mozart beginnt. Bereits als siebenjähriger Knabe tritt er öffentlich als Violinvirtuose auf; seine offensichtliche musikalische Begabung führt zu seiner Aufnahme in das „Kapellhaus“, ein eigens für die Unterrichtung der Domsängerknaben errichtetes Internat – nun sind Michael Haydn und Leopold Mozart auch offiziell seine Lehrer.  Die religiös streng reglementierte Ausbildung umfasst neben dem Musikunterricht die Aneignung von naturwissenschaftlichem und sprachlichem Allgemeinwissen. 1786 scheidet Woelfl aus dem „Kapellhaus“ aus, nimmt aber weiter Privatunterricht bei Leopold Mozart bis zu dessen Tod 1787. Wahrscheinlich ist, dass er sich in dieser Zeit selbstständig zum Pianisten ausbildet, denn 1790 erscheint er in Wien bei W. A. Mozart als fertiger Klaviervirtuose; erhaltene Werke aus der Salzburger Zeit (Kirchenmusik, Harmoniemusiken, Tänze, Kanons) zeigen, dass er zudem ein Kompositionsstudium durchlaufen haben muss. 

Eine Empfehlung von Mozart

Mozart empfiehlt Woelfl dem Fürsten Michał Kleofas Ogiński in Warschau als Klavierlehrer. Zwei Jahre später etabliert sich der junge Musiker in Warschau und arbeitet hier bis zur 3. Polnischen Teilung im Jahr 1795 erfolgreich als Pianist und Klavierlehrer; hier entstehen bereits eine Symphonie, ein Klavierkonzert, Klaviervariationen und weitere Klavierwerke. Mit einem beträchtlichen Vermögen kann er nach Wien zurückkehren, wo er als Pianist und Komponist von Opern, Klavier- und Kammermusikwerken an die Öffentlichkeit tritt. Dem „Marketing“ zuliebe schreibt er seit seinem Aufenthalt in Warschau seinen Familiennamen nicht mehr mit Umlaut, sondern in der internationalen Schreibweise mit oe.  Für Emanuel Schikaneder und dessen Vorstadttheater, das Theater auf der Wieden, und die k.k. Hoftheater nächst der Burg und am Kärntnertor komponiert er in der Folgezeit einige Singspiele, die in Wien viel Erfolg haben, anderswo aber auf bloß mäßigen Enthusiasmus stoßen. In Leipzig etwa schreibt man über sein Singspiel „Der Kopf ohne Mann“ von 1798, es handle sich um „eines der ärgsten Marionettenspiele von einem der Wiener Vorstädtetheater“, das stellenweise „ekelhaft“ sei; immerhin sei an Woelfls Musik dazu „Mehreres sehr gut, und Einiges [...] wirklich schön.“ In Prag hingegen ist diese Oper so erfolgreich, dass sie am 14. April 1799 in tschechischer Übersetzung eine weitere Premiere erfährt.

Wettstreit auf Augenhöhe

Woelfls pianistische Fähigkeiten sind zu dieser Zeit bereits weithin bekannt. In den Wintermonaten 1798/99 kommt es in Wien im Hause des Freiherrn Raimund Wetzlar von Plankenstern zu einem bemerkenswerten „Piano-Duell“ mit dem drei Jahre älteren Ludwig van Beethoven, über dessen Ausgang keine klaren Zeugnisse vorliegen.  Der Zeitzeuge Ignaz von Seyfried, Kapellmeister in Schikaneders Theater auf der Wieden, berichtet: „Dort [in Wetzlars Haus] verschaffte der höchst interessante Wettstreit beider Athleten nicht selten der zahlreichen, durchaus gewählten Versammlung einen unbeschreiblichen Kunstgenuss; Jeder trug seine jüngsten Geistesproducte vor; bald liess der Eine oder der Andere den momentanen Eingebungen seiner glühenden Phantasie freien, ungezügelten Lauf; bald setzten sich Beide an zwei Pianoforte, improvisirten wechselweise über gegenseitig sich angegebene Themas und schufen also gar manches vierhändige Capriccio, welches, hätte es im Augenblick der Geburt zu Papier gebracht werden können, sicherlich der Vergänglichkeit getrotzt haben würde.“

Thema mit Variationen

Nun ein Schwenk in die Gegenwart. Das Haus des Freiherrn Wetzlar von Plankenstern steht noch; es ist vielen Wienern bekannt, die es aber wohl kaum mit dem Namen seines einstigen Besitzers verbinden. Die Villa steht am Meidlinger Eingang des Schlossparks von Schönbrunn und heißt mit der griechischen Aufschrift „XAIPE“ (Chaire, sei gegrüßt) ihre Besucher willkommen. Hier fand im Gedenken an das legendäre „Duell“ im Frühjahr 2019 ein Beethoven-Woelfl-Konzert der Pianistin Luisa Imorde statt.  Wie kann ein solcher Klavierwettbewerb mehr als zweihundert Jahre später „nachgestellt“ werden, wenn wir vom Spiel der beiden Konkurrenten nur vage, von subjektiven Eindrücken bestimmte Berichte besitzen? Luisa Imorde löste das Problem, indem sie nicht die Pianisten, sondern die Komponisten gegeneinander antreten ließ. Beide, Woelfl und Beethoven, schrieben Variationen über das Salieri-Thema „La stessa, la stessissima“; die Variationen erklangen „anonym“, und das Publikum durfte raten, von wem wohl welche Variationenfolge stamme. Interessantes Ergebnis: Das Publikum votierte einstimmig – und richtig. Beethovens Satzweise hat Qualitäten, die auch im „Blindversuch“ wahrgenommen werden können.

Gipfel in bewegter Landschaft

Damit sind wir wieder bei der eingangs gestellten Frage nach der Legitimität der „Wiederentdeckungen“ angelangt. Warum Komponisten ausgraben, über die die Geschichte ihr Urteil gesprochen hat? Doch abgesehen davon, dass oft in solche Renaissancebemühungen ein Höchstmaß an achtenswertem Engagement investiert wird, das Respekt verdient, reicht die Tatsache der Qualitätsunterschiede zu den Spitzenwerken der Musikgeschichte wohl nicht aus, den Wiederentdeckungen rundweg die Berechtigung abzusprechen. Immerhin geht es um Musik, die in ihrer Zeit vielfache Anerkennung erfuhr und das musikalische Panorama ihrer Epoche mitformte – ein Panorama, das von Gipfeln unterschiedlicher Höhe bestimmt war und in dieser Unterschiedlichkeit sein individuelles Profil fand.  Um bei dem Bild zu bleiben: Die Gipfel, die wir mit „Haydn“, „Beethoven“ oder „Schubert“ benennen, erhoben sich nicht als einsame Riesen im Flachland, sondern standen in einer bewegten Landschaft, deren Kenntnis uns auch die Individualität der „Großen“ in neuem Licht erscheinen lässt. Zu dieser Landschaft gehört Joseph Woelfl, einer der erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit. Nach seinem Tod 1812 in London wird in einem Nachruf festgestellt, dass es wohl in ganz England keinen Haushalt gebe, in dem nicht auf dem Klavier ein Werk Woelfls liege. Ein wenig Neugier auf das Werk des derart Vielgerühmten ist wohl sicherlich angebracht. 

Thomas Leibnitz 
Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien und korporatives Mitglied der Internationalen Joseph-Woelfl-Gesellschaft.