Humanist, Komponist, Avantgardist 

Zum Tod von Iván Eröd (1936–2019)  

Avantgardist war er keiner. – Bald schon stand fest, dass der erste Satz dieser Erinnerungen an Iván Eröd nicht anders lauten könne.

Denn, so der gefasste Gedanke weiter, dieser vielfältig schaffende Komponist, ausübende Musiker und einflussreiche, beliebte Lehrer fühlte das entscheidende Movens eben nicht darin, die Tonkunst vorwärtszutreiben in bislang unbekannte künstlerische Territorien, mit neu ersonnenen Methoden in der Hand, nach denen der nächste Ton nach irgendwelchen ausgeklügelten mathematischen Gesetzen aus dem Bisherigen notwendig hervorgehen müsse. Stattdessen war er in seiner Musik (zumindest auch) beseelt vom Bestreben, Menschen zum Lächeln zu bringen, zum beseligten Lächeln angesichts einer Schönheit, die gewiss kein kühnes, hartes Spiegelbild der Realität darstellte. 

Aber sie war deshalb nicht geringer, vielleicht sogar weitaus wichtiger: Sie setzte sich mit ihrer sanften Kraft dem Dunkel entgegen. Einem Dunkel, dessen schwärzeste Nacht auch auf Eröds Familie gefallen war: Die Großeltern und sein Bruder Endre wurden von den Nazis ermordet. Empfand Eröd, dieser großmütige Humanist, es deshalb als seine Mission, mit seiner Musik ein Stückchen weit zu einem friedlicheren, fröhlicheren, schöneren Leben beizutragen? Das ist ihm und seiner Frau Marie-Luce auch mit den gemeinsamen Kindern und Enkeln gelungen, zu erleben etwa 2016 bei „Alles Eröd!“ im Gläsernen Saal des Musikvereins.

Es war einer meiner ersten Einsätze als Musikkritiker der „Presse“, über einen Auftritt von Adrian Eröd 1999 zu berichten, wo ich im Musikverein meinen Platz zufällig neben den Eltern fand – und damals mein professionelles Inkognito wahrte. Und es rührt mich heute noch mehr als 2018, dass mein stolzer Sitznachbar Iván Eröd im Theater an der Wien zum Dirigentenpult deutete und mir zuflüsterte: „Sie wissen schon, dass Raphael Schluesselberg mein Sohn ist?“ – Ja, ich wusste es. Schluesselberg war der ursprüngliche Name der Familie Eröd ...

Die „holde Kunst“, die in „wieviel grauen Stunden“ mit ihrer Kraft uns „in eine beß’re Welt entrückt“ hat: Eröd beschwor sie auch als gesuchter Liedpianist mit Schubert, nicht zuletzt im Musikverein. Da war er längst im Westen angekommen – nach ersten Studien in Budapest, der Flucht des noch nicht einmal 21-Jährigen nach Österreich im Zuge des gescheiterten ungarischen Volksaufstands 1956, dem Ausbüchsen aus dem Flüchtlingslager nach Wien, dem Studium an der dortigen Musikhochschule (ermöglicht durch ein US-Stipendium!), der Arbeit als Solokorrepetitor und Studienleiter an der Wiener Staatsoper. 

Mit „Viva la musica“, einem veritablen Klassiker zeitgenössischer Chormusik, hat Eröd der holden Kunst sein ureigenes Denkmal gesetzt: rhythmisch pikant, mit Verve, populär, aber alles andere als platt. Eine große Spielmusik im besten Sinne war zuletzt das im Großen Musikvereinssaal von „The Clarinotts“, den Wiener Philharmonikern und Andris Nelsons uraufgeführte Klarinetten-Tripelkonzert. Zugleich aber gab es immer auch den anderen, tiefsinnigen, ernsten Eröd: Die Liederzyklen „Über der Asche zu singen“ mit Klavier und „Schwarzerde“ mit Orchester machen auf besondere, unter die Haut gehende Weise den Schmerz zum Thema, bringen das Unsagbare angesichts des Unsäglichen zum Klingen. 

Avantgardist war er keiner? – Das kommt doch sehr auf die Perspektive an. „Als junger Avantgardist habe ich ...“: So höre ich den emeritierten Universitätsprofessor auf einem gar nicht so alten Interviewmitschnitt wieder reden. „Erlauben Sie mir eine Pfeife?“, hatte er kurz zuvor gefragt, unweit des Tischchens, auf dem die damals jüngste Scrabble-Partie mit Marie-Luce lag. Eröd hatte auf Betreiben seines Lehrers Karl Schiske früh schon an den Darmstädter Ferienkursen teilgenommen, in dieser Hochburg der Nachkriegsavantgarde Eindrücke gesammelt, im Ensemble „die reihe“ Klavier gespielt und künstlerisch seine Konsequenzen gezogen. Diese reichten von der Anwendung von Zwölftonmethode und Serialismus über die kreative Umwandlung dieser Systeme bis hin zu ihrer Überwindung und einer Art von Neuentdeckung verschiedener Grade und Spielarten der Tonalität. 

Der Komponist war ohne Weiteres fähig, die Töne waagrecht und senkrecht nach logisch-abstrakten Spielregeln so anzuordnen wie auf einem Scrabble-Brett, seien es nun alle zwölf chromatischen Tonstufen oder nur die sieben diatonischen. Und auch die Liebe zum Schüttelreim hat wohl ähnliche Wurzeln. Aber im Laufe der Zeit nahm Eröd sich immer stärker Giuseppe Verdi zum Vorbild, der meinte, Reflexion sei zwar gut, zu viel Reflexion aber ersticke die Inspiration. Die konnte überall herkommen, auch aus der Musikgeschichte – und zu dieser gehörten bei Eröd auch Jazz oder die Beatles. 

Ganz zu schweigen von weiteren gering Geschätzten. 1968 verblüffte der Pianist Eröd das Publikum im Brahms-Saal mit einem anspruchsvollen, kühnen Rezital: Rameau, Mozart und Mendelssohn’sche Lieder ohne Worte sowie das Rondo capriccioso wurden gefolgt von Stockhausens Klavierstücken VII und VIII, Nocturnes von Schwertsik und Prokofjews 7. Sonate! „In einer Kritik stand dann, Stockhausen sei ja selbstverständlich – aber Mendelssohn wäre sentimental und altmodisch. Die Neue Musik hatte sich also schon durchgesetzt, das Vorurteil gegen Mendelssohn aber bestand immer noch! Er war angeblich kein Erneuerer, kein Revolutionär. Dabei merkt man nur nicht, was neu ist.“ Wer wüsste heute schon zu sagen, was an Eröds Musik alles frisch, ungewöhnlich, richtungsweisend wäre?

Iván Eröd war ein Avantgardist. Am 24. Juni ist er uns vorausgegangen.

Walter Weidringer 
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.