Ein Leben für die Musik  

Zum Tod von Helmuth Froschauer 

Sein freudiges Strahlen, wenn er als Mitglied des Senats in der Direktionsloge des Großen Musikvereinssaals saß, konnte aufmerksamen Konzertbesuchern nicht entgehen. Auch auf der Bühne war es spürbar. Ganz besonders dann, wenn der Chor sang, der ein Vierteljahrhundert auch „sein“ Chor war, der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Helmuth Froschauer, legendärer Chordirektor der Ära Karajan, starb am 18. August 2019 im Alter von 85 Jahren. 

Es war im Frühjahr 1970, als der Singverein einen Brief von Herbert von Karajan erhielt. „Unendlich glücklich“ sei er gewesen, schrieb Karajan, über die jüngsten gemeinsamen Konzerte bei den Salzburger Osterfestspielen. „Sie sind“, ließ er den Chor wissen, „zu einer Freiheit der Gestaltung gekommen, die einen vergessen lässt, dass man vor einem Klangkörper von so grossem Ausmasse steht, – man hat das Gefühl, man spiele auf einer Geige (einer sehr kostbaren Stradivarius). Mit meinem Dank und meiner Bewunderung verbinde ich die grösste Anerkennung für Ihren Chor-Direktor Froschauer. Er ist es, der den Geist, den ich Ihnen einsetzen durfte, weitererhält und weiterausbaut. Gedenken Sie, welch guten Erzieher Sie haben und seien Sie lieb zu ihm.“

Helmuth Froschauer war Karajans letzter Chordirektor beim Wiener Singverein. Schon 1964 war er Studienleiter geworden, ab 1966 war er dann offiziell Chordirektor, und noch 1989 bereitete er mit Karajan die Aufführung der h-Moll-Messe bei den Salzburger Festspielen vor, zu der es durch Karajans Tod nicht mehr kommen sollte. Ja, es war schon so: Helmuth Froschauer trug den Geist weiter, den Karajan dem Chor „eingesetzt“ hatte – schon in den späten 1940er Jahren war der Singverein Karajans Chor geworden. Ferdinand Grossmann und Reinhold Schmid waren die Chorleiter, die an seiner Seite am Wunderwerk Singverein bauten – Helmuth Froschauer trat in große Fußstapfen, als er die Leitung des Chors übernahm. Und er füllte sie, von Beginn an, zur höchsten Zufriedenheit. Karajan wurde zum „väterlichen Freund“ für den jungen Helmuth Froschauer. Er vertraute ihm Dirigate von Chorwerken im ersten Teil seiner Konzerte an, er übergab ihm auch symbolisch den Stab. Für sein Dirigierdebüt an der Wiener Volksoper erhielt Froschauer von Karajan einen seiner Dirigierstäbe als Glückbringer.

Dirigieren hatte er gelernt, wie man es nirgends auf der Welt besser konnte: bei Hans Swarowsky in der Dirigierklasse der Wiener Musikakademie. Nach einer musikalischen Kindheit und Jugend als Wiener Sängerknabe begann Helmuth Froschauer schon als 14-Jähriger sein Musikstudium in den Fächern Klavier, Horn, Komposition und Dirigieren. Nach dem Studienabschluss wurde er 1955 Kapellmeister der Wiener Sängerknaben, seit den frühen 1960er Jahren war er zusätzlich musikalischer Leiter der Walt Disney Productions in Wien und dirigierte die Wiener Symphoniker bei Musikfilmaufnahmen. Er war ein fantastischer Pianist, wurde 1966 Solokorrepetitor an der Staatsoper – und saß auch beim Singverein erst einmal am Flügel, bevor er die Chorleitung übernahm. 1971 engagierte ihn auch die Wiener Staatsoper als ihren Chordirektor. Zwanzig Jahre übte er diese Funktion aus, parallel dazu diente er auch den Bregenzer Festspielen und dann den Festspielen in Salzburg als Chordirektor.

„The Froschauer from Karajan“ – als solchen bezeichnete ihn scherzhaft ein amerikanischer Musikenthusiast. Aber so treffend es klang, so wenig erfasste es den vielseitigen Musiker, der Helmuth Froschauer war. Nach Karajans Tod entfaltete Froschauer seine Talente in Köln als Chefdirigent des WDR Rundfunkchors (1992–1998) und als Chefdirigent des WDR Funkhausorchesters (1997/98–2003), das ihn dann auch zum Ehrendirigenten ernannte. Die beglückende Zusammenarbeit mit diesem Orchester führte zu „wunderbaren Konzerterlebnissen“, wie der WDR in einem berührenden Nachruf schreibt, und zu zahlreichen preisgekrönten Einspielungen. 

„Ich war sehr glücklich!“, sagte Froschauer einmal im Gespräch über seine Zeit als Chordirektor Karajans. Was ihn dabei glücklich machte, war nicht die Position, sondern das Erleben: nicht die Nähe zum Meister, sondern die Nähe zur Musik, die er mit Karajan teilte. Das größte Glück liegt in der Musik selbst. Helmuth Froschauer empfand es so und strahlte es aus, bis zuletzt. Wiens Musikfreunde werden ihn schmerzlich vermissen. 

Joachim Reiber