Die Symphonie in Zeiten des Klimawandels  

Dieter Schnebels „Sinfonie X“  

Das ORF RSO Wien bringt im Großen Musikvereinssaal ein wahres Mammutwerk der jüngeren Musikgeschichte zum Klingen: Im Claudio-Abbado-Konzert des Festivals Wien Modern setzt es Dieter Schnebels „Sinfonie X“ aufs Programm. Rainer Lepuschitz gibt Einblicke in diesen „prophetischen Gesang von der geschundenen Erde“. 

„Wachstum“ als Thema des diesjährigen Festivals Wien Modern legt nahe, die wahrscheinlich ausgewachsenste, längste Symphonie der Musikgeschichte aufzuführen: Dieter Schnebels „Sinfonie X“. Doch das in seiner ursprünglichen Fassung zwei Teile, sechs Sätze und 15 Zusatzstücke umfassende, zweieinhalb Stunden dauernde Werk ist gleichzeitig auch die größte Warnung vor bestimmten, in der Menschenwelt gezüchteten Arten von Wachstum und stellt lange Phasen von notwendigem Stillstand dagegen. Die „Sinfonie X“, die 1992 in Donaueschingen uraufgeführt wurde und nun im Musikverein zur österreichischen Erstaufführung gelangt, ist ein prophetischer Gesang von der Erde, die vom menschengemachten Klimawandel geschunden wird.   

Eine unbekannte Größe

Als der deutsche Komponist und Theologe Dieter Schnebel in den Jahren 1987 bis 1992 die „Sinfonie X“ komponierte, war von saurem Regen, Waldsterben und anderen sichtbaren Zeichen der Umweltzerstörung die Rede, nicht aber von einem globalen Klimawandel, wie er heute als Folge eines die Natur als Grundlage allen Lebens zerstörenden „Wachstums“ die Erde bedroht. Schnebels nicht nur den Konzertsaal erfüllende, sondern auch das Draußen der verkehrsüberlasteten Urbanität sowie des bedrohten natürlichen Lebensraumes des Waldes einbeziehende Symphonie wurde vom Komponisten als „eine Art ökologischer Musik“ bezeichnet. Das „X“ steht nicht etwa für „zehn“. Schnebel hat ausschließlich diese eine Symphonie komponiert. Das „X“ steht für eine unbekannte Größe, die im musikalischen Wachstumsprozess mit Bedeutung erfüllt wird. Hatten 200 Jahre zuvor Ludwig van Beethoven und 100 Jahre zuvor Gustav Mahler die Natur und ihren Klang noch als idyllische oder unheimliche Klänge und als melodische und rhythmische Schwingungen in Symphonien einbezogen, so hört man der Natur in Schnebels „Sinfonie X“ ihre sukzessive Zerstörung an. Die Erde leidet, klagt, ächzt, stöhnt in dieser Komposition, deren häufigstes Intervall wohl nicht zufällig der Halbton ist, seit den Anfängen der abendländischen Musik das Symbol für Klage schlechthin und zudem Auslöser von Dissonanz gegenüber den Naturintervallen der Oktav und Quint, von denen viele Sequenzen und Episoden in Schnebels Symphonie ausgehen oder in die sie zurücksinken.   

Die Welt, der Mensch, der Tod

Seine Symphonie, so Schnebel, handle „von unserer Welt und von uns Menschen“. An konkreten Natur- und Elementarklängen gibt es im Verlauf des Werks Vogelrufe und andere Tierstimmen sowie rauschendes Wasser, wehenden Wind, knisterndes Feuer, aneinander reibende oder aufschlagende Steine. Bei der Erzeugung dieser Klänge ist hauptsächlich die große Perkussionsabteilung des Orchesters in Aktion. Die unnatürlichen Geräusche der Menschenwelt hingegen werden entweder durch elektronische Zuspielungen oder entsprechende Geräte erzeugt: Autohupen, Sirenen, Schiffshörner, Hämmer, Ketten. Von sinnbildlicher Kraft erscheint das Schleifen einer Sense. Damit tritt schon im ersten Hauptsatz Gevatter Tod in die Symphonie und beginnt langsam, aber stetig, seines Amtes auf der Erde zu walten. 

Mehr als pure Musik

Noch bevor das riesig besetzte ORF RSO Wien, inklusive vier den Saal umgebende Bläsergruppen, den ersten symphonischen Hauptsatz im Großen Musikvereinssaal zu spielen beginnt, hört das Publikum auf dem Weg durch das Foyer Fanfaren von Blechbläsern und Verkehrslärm von einer Tonbandzuspielung. In den Fanfaren sind schon Motive und Thementeile der kommenden Symphonie enthalten – Aufrufe zur Teilnahme am musikalischen Geschehen schon vor seinem eigentlichen Beginn. Die Tonbandzuspielung wiederum macht von Anfang an klar, dass es um mehr als pure Musik geht, dass hier eine Symphonie in den arg bedrohten Lebensraum gestellt wird. Dieter Schnebel war ein Avantgardist der ersten Stunde im Musikleben der Nachkriegszeit, ein Erneuerer mit seriellen und experimentellen Kompositionstechniken in den Neue-Musik-Zentren Donaueschingen und Darmstadt. Doch in späterer Schaffenszeit wandte er sich vermehrt in einer dialektischen Auseinandersetzung des Neuen auch traditionellen Formen und Anknüpfungspunkten zu – wie einer Messe, geistlichen Liedern, einem Oratorium, einem Magnificat und sogenannten „Momenten“ über Komponisten der Vergangenheit wie Mozart, Schumann, Verdi, Mahler und Janáček. Und dann eben der Symphonie.   

Einsame Hilferufe

Seine „Sinfonie X“ enthält sechs große symphonische Sätze wie Mahlers Dritte, die von der Natur, von Tieren, Pflanzen, Engeln, Menschen und der Liebe erzählt. In einer langen Einleitung des ersten Satzes „con moto“ erklingt in Schnebels Werk aber ein eindeutiges Erinnerungsklangbild an den Beginn von Mahlers Erster Symphonie mit deren naturhaften, liegenden, leisen Streicherakkorden aus reinen Quinten und Oktaven und dem immer wieder erklingenden Vogelgezwitscher.  Allerdings tirilieren die Vögel bei Schnebel, anders als bei Mahler, gar nicht keck, sondern sie singen hauptsächlich Halbtöne. Die Natur erwacht nicht, sondern klagt schon über ihren bemitleidenswerten Zustand. Das sind einsame Hilferufe aus dem Wald. So entwickelt sich die ins Schreiten übergehende Musik zu einem Trauermarsch, der Anklänge an die orchestrale Gestik von Kompositionen Mahlers und Janáčeks enthält. Manchmal steigert sich der Satz in Eruptionen wie im „Tanz der Erde“ von Strawinskys „Frühlingsopfer“.   

Die einzige Rettung

Aber solche dynamischen Ausbrüche sind die Ausnahmen in einer Symphonie, die in der Sprache ihres sanftmütigen, besonnenen, zartfühlenden, humanistischen, bedachtsam verantwortungs- und sendungsbewussten Schöpfers spricht. Der erste Satz wirkt wie ein großer Stillstand. Dieser wäre auch die einzige Rettung für die Erde; ein sofortiger, wirklicher Stillstand des Wachstumswahnsinns der Großmächte und Großkonzerne der Menschheit, von dem sich zu kurieren die Erde dann immer noch eine halbe Ewigkeit bräuchte.  Direkt an den ersten Satz schließt sich ein wie sich um seine eigene Achse drehendes Scherzo an, so wie die Erde nicht aus ihrer Umlaufbahn herauskommt und nicht vor ihrer eigenen Atmosphäre flüchten kann. Umgeben werden diese beiden Symphoniesätze des ersten Teils von zwei „Klangräumen“ unter den Titeln „Entstehungen“ und „Kreisen (Monodie)“ und zwei Zeitstücken, die wie strukturiertes Innehalten klingen und in denen ausschließlich Schlagwerkinstrumente spielen. Besinnungsmomente. 

Die singende Erde schwankt. In Zeiten des menschengemachten Klimawandels ist die Symphonie ein fragiles Gebilde geworden, das der Komponist Schnebel durch seine sensitive musikalische Behandlung vor der völligen Zerstörung bewahrte.

Die Kraft der Schöpfung

Nach einer Pause für das Publikum zieht sich die „Sinfonie X“ am Beginn ihres zweiten Teils zunächst zurück, verschwindet mit einem langen Decrescendo in der Lautlosigkeit, aus der umso wirkungsvoller der dritte Symphoniesatz, betitelt als Hymnus, hervortritt. In diesem an die Harmonik Olivier Messiaens erinnernden und von Schnebel diesem Komponisten auch gewidmeten Satz kommt auf naturgegebene Weise ein spiritueller Raum zum Klingen. Dieser Hymnus ist nicht von Menschen, hat nichts Feierliches, Pathetisches an sich, sondern klingt aus sich selbst heraus, in erstaunlichen, überraschenden Rhythmen, Tonfiguren und Akkordfolgen. Das ist die Musik einer viel größeren und heilenden Kraft der Schöpfung als die Zerstörungskraft der im Wachstumsdelirium taumelnden Menschheit.  „Evolutionen – Involutionen“ enthält der nächste Klangraum, der zum vierten Satz führt: eine Valse, die an Maurice Ravels „La Valse“ anknüpft. Schilderte der Franzose in seinem gewaltigen Orchester-Crescendo, wie die Menschheit zu den Klängen des „Kaiserwalzers“ besinnungslos in den Ersten Weltkrieg tanzt, so bezeichnete Schnebel seine Symphonie-Valse als „ein Bild der Menschheit heute, die sich um sich selbst dreht und keinen Ausweg mehr findet. Es geht nichts mehr von der Stelle. Marcuse hat einmal vom ,Tanz auf dem Vulkan‘ gesprochen. Auf jeden Fall ist Valse eine Katastrophenmusik.“ Ein Totentanz im klanglich auf die Pauken skelettierten Dreier-Rhythmus, der zwischendurch in einen Fünfer-Rhythmus wechselt und dann an den kriegerisch stampfenden „Mars“-Satz aus Gustav Holsts symphonischem Zyklus „Die Planeten“ erinnert. 

Gefährdung und Showdown

Im fünften Satz, dem Adagio, komponierte Schnebel eine in langsamen kreisenden Bewegungen durch das Weltall schwebende Erde. Doch sie ist gefährdet. Die tiefen und hohen Blasinstrumente spielen ebenso spannungsreiche Halbtonfolgen wie der warme Streicherchor – bis nur mehr ein Sinuston im Akkordeon übrig bleibt. Doch das Leben auf der Erde geht weiter, glockenartige Klavierklänge und ein kindlich-unschuldiger Piccolo-Marsch machen eine gewisse Hoffnung. Demgegenüber stimmt die Viola einen Klagegesang an, den die erstmals in der Symphonie einsetzende menschliche Altstimme übernimmt. Sie singt keine Worte, sondern Wehschreie.  Im Finale „alla marcia“ wirbelt die kleine Trommel den Showdown ein. Die Blasinstrumente bringen nur mehr tonlose Atemgeräusche heraus, die in verfolgtem Rhythmus ausgestoßen werden. Das Klavier setzt Morsezeichen ab. Der Alt stimmt wie ein „orientalisches Klageweib“ (Schnebel) ein Lamento an. Die Tonrufe der Blechbläser klingen manchmal wie vom jüdischen Widderhorn Schofar, das zur Anerkennung Gottes als Beschützer und zur Aufrüttelung einer gedankenlosen Lebensweise geblasen wird.  Am Ende seiner Symphonie schuf Schnebel eine biblisch archaische Situation. In den großen Quintausklang mischt sich Donnerrollen. Die singende Erde schwankt. In Zeiten des menschengemachten Klimawandels ist die Symphonie ein fragiles Gebilde geworden, das der Komponist Schnebel durch seine sensitive musikalische Behandlung vor der völligen Zerstörung bewahrte. Je ein „Environment“ genanntes „Stille-Stück“ steht am Anfang, in der Mitte und am Ende der Symphonie. Das letzte trägt den Titel „Natur“. 

Im Kontext des Gedenkens

Die Aufführung der „Sinfonie X“ im Musikverein steht unter mehrfachem Gedenken. Ihr Komponist Dieter Schnebel ist im Mai vergangenen Jahres gestorben. Der Dirigent ihrer Uraufführung 1992, Michael Gielen, ist heuer im März gestorben. Die nunmehrige Aufführung der „Sinfonie X“ im 2016 ins Leben gerufenen und jährlich bei Wien Modern wiederkehrenden Claudio-Abbado-Konzert im Musikverein erinnert an jenen Musiker, der durch die mutige Gründung dieses Festivals 1988 wesentlich dazu beigetragen hat, dass große Neue Musik von Nebenschauplätzen in die großen Wiener Konzertsäle gelangt. 

Rainer Lepuschitz 
Rainer Lepuschitz ist Musikdramaturg und schreibt für Musikveranstalter u. a. in Innsbruck, Salzburg, Wien, Grafenegg und Krems.