Aus der Luft geholt 

Carolina Eyck und das Geheimnis des Theremin

Es ist das einzige Instrument, das ohne Berührung gespielt wird. Und doch kann es, von magischer Hand, berührende Musik hervorbringen – besonders dann, wenn es von Carolina Eyck gespielt wird. Sie ist die Meisterin des Theremin. 

Klangen so die Sirenen? Jene bärtigen Mischwesen der griechischen Mythologie, die – halb Frau, halb Vogel – mit ihren verführerischen Stimmen, auf ihrer Insel hockend, Seemänner anlockten und in den Tod rissen? Ja, sie könnten so geklungen haben: wie das Theremin, mit seinem säuselnden, melancholischen Gesang, seinen schimmernden Klangfarben und seinem merkwürdigen Ausdruckscharakter. Nicht so ganz von dieser Welt, manchmal fragil, unheimlich, geisterhaft. Eine Mischung aus menschlicher Stimme, Streichinstrument und Weltraumraunen. Mysteriös, befremdlich und doch irgendwie vertraut.

Töne für die Gänsehaut

Das Theremin ist eines der ersten elektronischen Instrumente der Musikgeschichte. 1919 hat es der russische Physiker Lew Termen erfunden, der sich später, in den USA, Leon Theremin nannte (und dann spurlos verschwand, weil er für längere Zeit in die Fänge des KGB geriet). In den 1950er-Jahren entdeckte der US-Amerikaner Robert Moog das Theremin für sich, tüftelte daran in seiner Garage, entwickelte es weiter. In den Sechzigerjahren kam es im experimentellen Pop zum Einsatz. Moog kreierte aus dem Theremin bald die ersten Synthesizer, die wiederum das Theremin aus dem Pop verdrängten, weil sie klanglich vielseitiger waren. Moog gilt heute als Sound-Revolutionär, ohne ihn würde die Popmusik anders klingen. Er könnte aber auch „Mister Theremin“ heißen – wäre das Nischeninstrument populärer geworden. Denn wer heute ein Theremin spielt, tut dies so gut wie immer auf einem von Moog. Die mysteriöse, geheimnisvolle Stimme des Theremins wurde von jeher gerne im Film eingesetzt – mit Vorliebe an unheimlichen, gruseligen, gänsehautauslösenden Stellen in Spuk-, Krimi- und Science-Fiction-Filmen: wenn’s blutrünstig, übernatürlich, bedrohlich außerirdisch, spacig oder psychopathisch wird. Wir kennen seinen unverwechselbaren Sound aus der Krimiserie „Inspector Barnaby“, wo er sich schon als Titelmelodie in die Ohren brennt, aus Alfred Hitchcocks Thriller „Spellbound“ (1945) oder aus Tim Burtons Science-Fiction-Komödie „Mars attacks!“ (1996) – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Aber auch in der Neuen Musik, die immer nach exotischen Klangfarben lechzt – wurde und wird es immer wieder gerne verwendet: Bohuslav Martinů und Edgar Varèse haben fürs Theremin komponiert, Olga Neuwirth setzte es in ihrer Oper „Bählamms Fest“ (2002) ein und Lera Auerbach in John Neumeiers Ballett „Die kleine Meerjungfrau“ (2009). 

Minimalistisches Wunderwerk

Vereinfacht erklärt, funktioniert das akustische Wunderwerk so: Rechts am kleinen, meist kastenförmigen Korpus, den ansonsten nur ein paar Drehknöpfe zum Stimmen sowie zum Lautstärke- und Klangfarbenregeln schmücken, ist eine hochstehende Antenne angebracht, links eine flachgelegte, in Henkelform gebogene. Zwischen den beiden Antennen baut sich unter Strom ein elektromagnetisches Feld auf. Stört man das Magnetfeld mit der Hand, so entsteht ein Ton – hörbar gemacht über einen Verstärker und einen Lautsprecher. (Kein Wunder, dass Leon Theremin nebenher auch Alarmanlagen baute.) Die rechte Hand ist dabei für die Tonhöhe zuständig: Je näher sie der hochstehenden Antenne ist, desto höher der Ton. Die linke Hand sorgt für die Dynamik, Artikulation und Phrasierung. Sie regelt die Lautstärke durch Auf- und Abbewegungen über der Henkelantenne.  Die Spielweise dieses minimalistischen Instruments, auf dem man ohne zusätzliche Effektgeräte nur einen Ton gleichzeitig erzeugen kann, ist optisch geradezu magisch und spektakulär. Denn das Theremin ist das einzige Instrument, das ohne Berührung gespielt wird. Die Hände bewegen sich ausschließlich in der Luft. Weil es keine mechanischen Begrenzungen wie Saiten oder Tasten gibt, kann der Ton kontinuierlich verändert und unendlich fein variiert werden. Zudem kann er unendlich lange gehalten werden. Das alles macht den typischen Sound des Theremins aus, bringt jenen fremdartigen Glissando-Ton hervor, der zudem mit viel Vibrato versehen werden kann. 

Big Briar is touching you

Andererseits ist es schwierig, auf dem Theremin ungebundene Töne zu spielen. Eine spezielle Fingertechnik ermöglicht es zwar, glissandofrei zu spielen. Je kürzer der Ton sein soll, desto schwieriger wird es aber. Überhaupt ist es allein schon eine haarige Sache, einen Ton sauber hinzubekommen. Zu vage, zu offen ist der Spielraum, um problemlos den genauen Ton zu treffen. Da braucht es sehr viel Übung, weswegen es weltweit nur sehr wenige Menschen gibt, die das Theremin derart virtuos beherrschen wie die in Leipzig lebende deutsch-sorbische Thereministin Carolina Eyck. Sie wurde 1987 just in die Theremin-Renaissance hineingeboren.  Zwar ist das Theremin ein absolutes Nischeninstrument, aber seit den neunziger Jahren tritt es doch vermehrt in Erscheinung. Elektronische Musik verbreitete sich immer mehr – ob in der Pop- oder E-Musik –, und sie begann sich zu entkörpern, weil sie immer häufiger vom Laptop aus generiert wurde. Da kam das Theremin dem Bedürfnis der Menschen entgegen, einen Zusammenhang zwischen den Bewegungen der Musizierenden und der erzeugten Musik zu erkennen. Zurück zu den Wurzeln also. Und Robert Moog schenkte dem Theremin noch einmal ein paar Innovationen.  Carolina Eyck begann schon mit sieben Jahren, das Theremin zu spielen. Ihre Eltern, selbst versiert in der elektronischen Musik, schenkten ihr ein „Big Briar 91A Moog“, einen noch recht großen Kasten, der aussah wie ein Rednerpult und nicht höhenverstellbar war. „Ich musste auf einer Fußbank stehen, um das Theremin zu spielen“, erzählt sie, „und mit jedem Zentimeter, den ich wuchs, wurden die vier Füße der Fußbank kürzer.“ Ihren ersten Unterricht bekam sie von Lydia Kavina, der Großnichte von Leon Theremin. 

Ohne Angst auf die Bühne

Was reizte sie an dem Instrument? „Es funktioniert anders als alle anderen Instrumente“, erklärt Eyck, die zuvor schon mit dem Geigen- und Klavierunterricht begonnen hatte und später Bratsche studierte (weil es einen Studiengang Theremin an Musikhochschulen nicht gibt). „Ich hab mich auf dem Theremin freier gefühlt als auf den anderen Instrumenten, weil es nicht so viele Leute gab, die mein Spiel beurteilen konnten. Sie waren fasziniert, dass ich die Hände in der Luft bewegte und dann ein Ton rauskommt. Da war es egal, dass es am Anfang, als ich noch klein war, noch sehr schief klang. Da konnte ich eigentlich nichts falsch machen. Das hat mir eine Freiheit gegeben, Selbstbewusstsein und das Gefühl, ohne Angst auf die Bühne gehen zu können.“  Als Eyck dann ein brandneues Instrument bekam, nämlich ein „Etherwave Pro“, das letzte Instrument, das Robert Moog, der 2005 verstarb, auf den Markt gebracht hatte, waren die Weichen für die Zukunft gestellt, die Entscheidung fürs Theremin endgültig. „Da hatte sich technisch einiges geändert“, sagt sie, „erst jetzt konnte ich so spielen, dass ich wirklich mit dem Ergebnis zufrieden war. Vorher war es so wie bei der Geige: je höher der Ton, desto enger die Abstände zwischen den Tönen. Bei dem neuen Instrument blieben die Abstände relativ gleich, wie bei der Klaviertastatur, wodurch es einfacher wurde, die Töne zu finden. Durch diese technische Neuerung kamen mir ein paar Ideen, wie ich mein Spiel noch präziser gestalten könnte.“   

Elefant in Grün

Eyck, damals gerade einmal 15 Jahre alt, begann, eine neue Grifftechnik zu entwickeln. „Vier oder fünf bestimmte Hand- und Fingerpositionen zum Tönegreifen gab es zwar vorher auch“, erklärt sie, „aber sie waren nicht so präzise definiert. Zudem hat man das Instrument nicht auf die Positionen gestimmt. Die Töne konnten irgendwo liegen.“ Und erst, wenn man sie hörte, konnte man sich sicher sein, dass man die richtigen getroffen hatte. Eyck erfand eine Grifftechnik, bei der die rechte Hand in der Luft als genaues Maßband fungiert. Kein Wunder, dass sich Eycks neue Spieltechnik in der Theremin-Szene schnell verbreitet hat. „Ich hab damals darüber auch ein Buch geschrieben – nebenbei in der Schule, heimlich während des Geschichtsunterrichts“, lacht sie, „und im Verlag meiner Eltern wurde es dann gedruckt.“  Carolina Eyck, die Farben sieht, wenn sie Töne hört, liebt das Theremin, weil es unter den elektronischen Instrumenten das ausdrucksvollste und lebendigste sei. Selbstverständlich kann man alle Stilrichtungen darauf spielen: ob Jazz-Standards, Klassik-Adaptionen, Filmmusik, Schnulzen oder Neue Musik. Eyck ist da offen: „Die Musik muss mich berühren, oder sie muss einen Groove haben.“ Natürlich schreiben Komponisten für die Virtuosin, wie etwa Régis Campo. Auch in seinem Stück „Dancefloor with Pulsing“ für Theremin und Orchester kann Eyck immer wieder zeigen, welche klangliche Vielfalt ihr Instrument jenseits des melancholischen Gesangs besitzt. Klar: Eyck spielt auch gerne einmal Saint-Saëns’ „Schwan“. Aber ihr Markenzeichen sind doch ihre eigenen Solo-Kompositionen für das Theremin, die immer aus der Improvisation heraus entstehen. Darin bringt sie ihr Instrument mit ihrem eigenen Gesang zusammen. In so schönen Stücken wie „Elefant in Grün“, in dem ihr Theremin dank Effektgeräten und Loops auch einmal mehrstimmig erklingt. Einen Text braucht sie nicht. Sie singt in ihrer eigenen Fantasiesprache, Silben, die im Jetzt entstehen. „Ich empfinde meine Stimme als Instrument. Meine Musikerkollegen sagen immer: ‚Du klingst, wie du Theremin spielst‘“, erklärt sie lachend.

Verena Großkreutz 
Verena Großkreutz studierte Musikwissenschaft und Germanistik und lebt als freie Kulturjournalistin in Stuttgart.