Zwischen Welten

Die Mezzosopranistin Rachel Frenkel 

Bei der Uraufführung von Johannes Maria Stauds Oper „Die Weiden“ stand Rachel Frenkel kürzlich als gefeierte Protagonistin auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Nun gibt sie im Zyklus „Lied.Bühne“ ihr Musikvereinsdebüt. Sabine M. Gruber traf sie zum Gespräch. 

Das Programm Ihres ersten Wiener Liederabends kommt mir spanisch vor – sogar die Lieder von Hugo Wolf. Sie haben zwar deutsche Texte, aber … 
… aber die Musik ist so spanisch! Mich fasziniert die Dramatik und Leidenschaft in diesen kurzen Liedern aus dem „Spanischen Liederbuch“ und überhaupt die „Wolf-Methode“: Hugo Wolf hatte die Gabe, so viel in so wenige Noten zu packen! Ein Konzentrat – ein intensiver Wirkstoff in einer winzigen Kapsel. Wolf-Lieder haben es in sich! Sie wirklich gut zu machen ist eine echte Herausforderung, auch der Klavierpart ist extrem anspruchsvoll. Ich habe zum Glück Cécilie Restier als Partnerin – eine fantastische Pianistin. Mit ihr dieses Programm zu singen macht mir ungeheuren Spaß.  

Das Spanische an Ihrem Programm hat auch mit Ihrer Biographie zu tun, oder? 
Ja, Spanisch ist die Sprache meines Vaters, er hat in Argentinien gelebt, bevor er mit meiner Mutter in einen Kibbuz nach Israel gegangen ist; meine Mutter stammt aus Brasilien. Obwohl ich Spanisch gar nicht fließend spreche, kann ich es fließend singen. Mit mir haben meine Eltern nämlich nur Hebräisch gesprochen, untereinan- der aber nur Spanisch. Deshalb habe ich  Spanisch – und überhaupt alle romanischen Sprachen – im Ohr. Später habe ich Italienisch studiert, das hat mein Spanisch quasi überlagert. Aber es zu singen fühlt sich für mich total natürlich an. Es berührt mein Innerstes, es verbindet mich mit meiner Familie, mit meinem Vater – er freut sich total, wenn er mir dabei helfen kann und mich in seiner Muttersprache singen hört. 

Sie sind in Israel geboren und aufgewachsen – und Ihre Eltern leben nach wie vor dort. 
Ja, meine Eltern, meine Geschwister, meine ganze Familie. Nur mein Mann und meine Kinder leben mit mir in Europa. Begonnen haben Sie Ihre Laufbahn an der Berliner Staatsoper. Ja, in einem Förderprogramm für junge Künst- ler. Von Berlin aus habe ich viele freie Engage- ments gehabt – doch am Ende bin ich kaum noch in Berlin aufgetreten, fast nur mehr in Österreich. Ich mochte Berlin, aber es ist gut, dort zu leben, wo man hauptsächlich singt.  

Wann war Ihr erster Auftritt an der Wiener Staatsoper? 
Das war 2011. Einige Jahre bin ich zwischen Berlin und Wien gependelt. Doch als mein zweites Kind zur Welt kam, vor zwei Jahren, habe ich mir mehr Stabilität in meinem Leben und für meine Familie gewünscht. Da habe ich mich um einen fixen Vertrag im Ensemble der Wiener Staatsoper bemüht – und ihn auch bekommen. Seither leben wir in Wien. 

Wie alt sind Ihre Kinder jetzt? 
Meine Tochter ist acht, und mein Sohn ist zwei. Meine Tochter geht in eine nichtkonfessionelle jüdische Schule. Sie hat den ganz normalen österreichischen Lehrplan und lernt zusätzlich Hebräisch, das ist uns sehr wichtig – innerhalb der Familie sprechen wir nur Hebräisch. Sie kann mittlerweile beide Sprachen auf sehr hohem Niveau lesen und schreiben, das ist super. Mein Sohn ist in einem ganz normalen Kindergarten– so wie meine Tochter, als sie klein war. Zunächst scheint es mir wichtig, dass meine Kinder verschiedenste Kulturen und Nationen kennenlernen. Erst ab der Volksschule finde ich es gut, dass sie mit der jüdischen Kultur in Kontakt kommen und Hebräisch lernen. Erst dann kommt das Thema: Woher komme ich, wo sind meine Wurzeln, meine Kultur. 

Ihr Mann und Ihre Kinder – machen sie auch Musik? 
Meine Tochter ist ein sehr musisches Kind. Im Moment lernt sie Klavier, weil ich finde, Klavier ist ein unglaublich nützliches Instrument – was immer man später macht. Ich bedaure bis heute, dass ich nicht Klavier spielen kann. Beim Einstudieren bin ich immer auf jemanden angewiesen – Gott sei Dank habe ich großartige Korrepetitoren an der Staatsoper. Mein Sohn ist zwar erst zwei, doch er singt! Unentwegt. Sogar im Kindergarten. Mein Mann hatte früher in Israel seine eigene Band, und er komponiert immer noch, für Werbefilme zum Beispiel, aber Musik ist für ihn heute mehr ein Hobby, hauptberuflich ist er Web-Designer. Das ist perfekt, weil er an jedem Ort arbeiten kann. 

Mögen Sie Wien? 
Wien ist eine fantastische Stadt – in jeder Hinsicht. Ich fühle mich hier willkommen, das Leben ist gut, es gibt unglaublich viel Kultur. Und vor allem: Die Staatsoper ist ein so lebendiges und zeitgemäßes Haus. Ich stand kürzlich bei der Uraufführung einer Oper auf der Bühne, „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud auf einen Text von Durs Grünbein, ein Auftragswerk. Es war ausverkauft! Ich konnte es gar nicht glauben. Eine zeitgenössische Oper – sehr schwer und sehr anspruchsvoll –, und der Zuschauer- raum ist bis auf den letzten Platz gefüllt! Wo sonst auf der Welt ist so etwas möglich? 

Wien hat eine Tradition für zeitgenössische Musik – deshalb wohl auch ein gewisses Potenzial für interessierte Zuhörer. 
Ja, aber ich hatte keine Ahnung, dass es so viele sind! Ich schätze mich jedenfalls glücklich, Teil dieser Musikkultur zu sein.

Singen Sie häufig Liederabende? 
Nicht so viele, doch sie sind enorm wichtig für mich. Liederabende zu singen lässt mich besondere Facetten meiner Stimme in mir entdecken und entwickeln. Ich hoffe, es gelingt mir, es mit jedem Mal besser zu machen. Die Vorbereitung erfordert sehr ernsthaftes und intensives Arbeiten – fast noch mehr als das Einstudieren einer großen Opernrolle. Anders als in der Oper ist die Aufmerksamkeit des Publikums den ganzen Abend nur auf mich fokussiert. Ich kann mich nicht hinter einer Rolle verstecken, ich erzähle eine sehr persönliche Geschichte. In der Oper kann man mit einer schönen Stimme und zwei spektakulären Arien durch- kommen, ohne etwas von sich preiszugeben. Obwohl es auch hier natürlich besser ist, authentisch zu sein. Doch bei einem Liederabend MUSS man authentisch sein, denn wer hört schon gerne neunzig Minuten einem maskierten „Ego“ zu?

Das Persönliche beginnt mit der Auswahl der Lieder. Wie gehen Sie an dieses „Komponieren“ eines Liederabends heran? 
Mir ist es wichtig, dass Cécilie genauso zur Geltung kommt wie ich. Dass ich ihr bei manchen Stücken die Bühne überlasse. In diesem Programm zum Beispiel spielt sie bei der „Habanera“ von Maurice Ravel oder bei einigen von den „Tonadillos“ von Enrique Granados die Hauptrolle. Es muss ausbalanciert sein, finde ich. Wir arbeiten schon bei der Auswahl der Stücke eng zusammen. Ich bin auch schon gespannt auf die anderen Musiker, mit denen ich noch nie zusammengearbeitet habe. Ich finde es toll, dass der Musikverein uns das ermöglicht – so bekommt das Programm etwas Kammermusikalisches.

Zu Beginn Ihrer Karriere waren Sie noch Sopran.  
Das stimmt – fast. Eigentlich hat meine Karriere begonnen, nachdem ich ins Mezzo-Fach gewechselt bin. Ich habe eine sehr hohe und helle Stimme – trotzdem war ich als Sopran nie ganz in meinem Element. Dann entschied ich mich, für hohe Mezzo-Rollen vorzusingen – und plötzlich ging alles ganz leicht, wie von selbst öffneten sich mir alle Türen. Ich hätte im Sopranfach bleiben können, aber ich bin glücklich, dass ich es nicht getan habe. Ich bin von meinem Wesen her ein Mezzo, es war die absolut richtige Entscheidung. Manche Rollen sind aber beides – vom Charakter Mezzo, von der Lage Sopran, zum Beispiel Idamante, den ich gerade singe, in Mozarts „Idomeneo“. Da kommt mir meine Sopran- Vergangenheit zugute. 

Ich habe sehr gute Kritiken davon gelesen. 
Das freut mich! Aber ich selbst lese keine Kritiken mehr – oder ich versuche es zumindest. Kritiken lenken mich beim Singen ab, egal ob sie gut sind oder nicht so gut. Gibt es eine Rolle, die Sie besonders gern singen – oder eine Gattung von Musik? Eine meiner Lieblingsrollen ist der Nicklausse, die Muse, in „Hoffmanns Erzählungen“ – überhaupt singe ich sehr gern auf Französisch, meine Stimme fühlt sich wohl in dieser Sprache. Und ich liebe Barockmusik. Ich würde wahnsinnig gern mehr davon singen, Hosenrollen in Händel-Opern zum Beispiel. Am liebsten mit voller Stimme – für mich macht das die besondere Energie und Anziehungskraft von barocken Opern aus. 

Haben Sie manchmal Heimweh – trotz Ihrer tollen Karriere hier in Europa? 
Jeder, der das Singen zu seinem Beruf gemacht hat und wirklich gut darin ist, hat in Europa einfach die besten Möglichkeiten. Aber für mich, tief in meinem Herzen, kann Erfolg niemals die Geborgenheit ersetzen, die Heimat und eine große Familie bedeutet. Besonders für meine Kinder würde ich mir wünschen, dass ihre Großeltern in der Nähe wären. Deshalb ist Wien eine sehr gute Wahl für mich. Von Wien nach Tel Aviv sind es mit dem Flugzeug nur dreieinhalb Stunden, ich kann meine Familie hierher bringen, wenn ich sie brauche, und wir können sie oft besuchen. Ich lebe wirklich gern hier – gleichzeitig habe ich jeden Tag meines Lebens Heimweh. Besonders im Winter vermisse ich die Sonne und die Wärme. Wenn ich morgens aufwache, denke ich daran, nach Israel zurückzukehren, jeden einzelnen Tag, seit zwölf Jahren. Das ist mein Geheimnis – aber ich verrate es jedem.  

Das Gespräch führte Sabine M. Gruber

Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte u. a. das in mehreren   Auflagen erschienene Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und zuletzt „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.