Vivaldis Stimme

Cecilia Bartoli

Cecilia Bartoli kommt mit betörend schönen Arien erneut in den Großen Saal des Wiener Musikvereins – einen Ort, an dem sie Triumphe feierte und das Publikum zu Begeisterungsstürmen animierte. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Leid und Glück in Antonio Vivaldis Musik führt sie mit feinster Klinge. Wahre Entdeckungen aus dessen über neunzig Opern bieten hierfür den vokalen Fundus  

Neugierigen Spaziergängern ist es vermutlich schon längst und wiederholt aufgefallen. Unweit des Wiener Musikvereins, schräg vis-a-vis, Adresse Karlsplatz 13, erinnert eine Gedenktafel an Vivaldis Ende in Wien. „An dieser Stelle befand sich bis 1789 der Bürgerspitals- oder Armensünder-Gottesacker / Antonio Vivaldi / geboren am 4. März 1678 in Venedig wurde hier am 28. Juli 1741 begraben.“ 62-jährig hatte der Star von einst sein berufliches Glück in Wien gesucht – der einst so strahlende Stern des berühmten Venezianers war schon zehn Jahre zuvor zunehmend verblasst. Die Zeit legte ihre Schatten auf ihn. Der musikalische Geschmack, die Ästhetik des Ansprechenden hatten sich verändert. Der frühe wie unerwartete Tod Kaiser Karls VI. (1740), auf dessen Fürsprache und Unterstützung Vivaldi in Wien hoffte, tat sein Übriges. Antonio Vivaldis „Fünfte Jahreszeit“ brach an, und bis auf die immergrünen „Vier Jahreszeiten“ schienen seine prächtigen Werke vergessen.

Reise zu Vivaldi

Einen wichtigen Impuls der Vivaldi-Opern-Renaissance setzte Cecilia Bartoli, und das schon mit ihrem ersten „Vivaldi-Album“, das zahlreiche Weltersteinspielungen umschließt – aufgenommen 1999 im Grazer Stephaniensaal mit dem Arnold Schoenberg Chor und Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Der Erfolg dieses Konzeptalbums wirkte bahnbrechend! Die Akribie musikwissenschaftlicher Arbeit in der Universitätsbibliothek in Turin, wo die Manuskripte Vivaldis – einem Kriminalroman gleich – landeten, wurde weltweit hörbar. Der Bann war gebrochen. Und so schrieb Cecilia Bartoli vor gut zwanzig Jahren: „Wenn wir von einer aufregenden Reise heimkehren, wollen wir normalerweise unsere Erfahrungen mit unseren Freunden teilen: Wir zeigen ihnen die Fotografien der schönsten Orte, die wir besucht haben, und erzählen ihnen begeistert alles, was wir erlebt haben. In gleicher Weise will diese Aufnahme von meiner faszinierenden Entdeckungsreise durch Vivaldis Opernmanuskripte berichten, die in der Biblioteca Nazionale in Turin aufbewahrt werden, und von dem Auffinden vieler Meisterwerke, die viel zu lange unbekannt geblieben sind.“

Kluge Konzepte, spannende Wege

Mit diesem ersten Vivaldi-Album war auch die Idee geboren, weiterhin sogenannte Konzeptalben vorzulegen. Aufwendig und mit viel Liebe zum Detail produziert. Eine Fundgrube für Bartoli-Fans und generell neugierige Ohren. Ihr stimmliches wie überschäumend kommunikatives Charisma trägt die Projekte sowohl am Tonträgermarkt als auch in den Konzertsälen. Bartoli präsentierte mit Furor Christoph Willibald Glucks „Italienische Arien“, ebenso das „Salieri- Album“, widmete sich der römischen „Opera proibita“ und gestaltete mit „Maria“ eine Hommage an die legendäre Mezzosopranistin Maria Malibran. Mit „Sacrificium“ folgte sie den Bravour-Arien für die damaligen Superstars unter den Kastraten; mit „Mission“ würdigte sie den vielseitigen bis ominösen Komponisten, Diplomaten und Titularbischof Agostino Steffani. „St. Petersburg“ brachte Schätze von Komponisten, die in die russische Kulturmetropole „importiert“ worden waren. Schließlich „Dolce Duello“ mit der argentinischen Cellistin Sol Gabetta. Das gemeinsame Konzert der beiden im Dezember 2017 im Goldenen Saal „endete“ mit gleich fünf Zugaben. Letztes Jahr widmete sich Cecilia Bartoli mit Jean-Christophe Spinosi und seinem Ensemble Matheus dann erneut Arien von Antonio Vivaldi. Es gibt wohl wenige klassische Künstlerinnen, die sich eine Hommage an ein eigenes Album erlauben können. Liegen doch 20 Jahre zwischen den beiden Aufnahmen. Zwei Jahrzehnte voll kluger Erkundungen im Belcanto- Fach, einer Norma, einer Maria in „West Side Story“ und vielem mehr.

Vokalraketen und innige Momente

So kommt die Intendantin der Salzburger Pfingstfest- spiele und mittlerweile Gründerin eines eigenen Orchesters, Les Musiciens du Prince – Monaco, mit ebendiesem Orchester und ihrem neuen Vivaldi-Programm wieder nach Wien: in eine Akustik, wie geschaffen für Bartolis Gestaltungs- und Ausdrucksakrobatik. Die Römerin mit Schweizer Pass und einer stupenden Technik, „um Musik und nicht Karriere zu machen“, was sie in Interviews immer wieder betont. Nach ihren Mozart- und Rossini-Erfolgen stieß sie bei ihrem ersten Aufeinandertreffen mit Arien von Antonio Vivaldi durchaus an Grenzen. Es war ihr Start mit Barock-, noch dazu italienischer Barockmusik – und nun legt sie den einstigen, bravourös gemeisterten „Vokalraketen“ ganz besondere intime Momente nach. Wer solche gleißenden Ruhepole im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins erlebt hat, freut sich auf ein nächstes Mal. Musikalische Sternstunden, die eine leidenschaftliche Zuhörerin behutsam in Erinnerung behält.

Unter die Haut und ins Herz

Cecilia Bartoli würzt ihre Konzerttour mit Höhepunkten aus  einer  schon  zwanzig  Jahre dauernden „Liebesbeziehung“ zur Musik Antonio Vivaldis. Ein vokaler Parcours an Virtuosität sowie hochsensiblen stillen wie gefühlvollen Momenten. Sie vermag die Genialität dieser Musik mit ihrem wunderbaren Instrument, ihrer Stimme, uns Hörenden unter die Haut und ins Herz zu singen. In der Arie „Quell’augelin che canta“ aus dem „Dramma pastorale“ „La Silvia“, uraufgeführt in Mailand 1721 zum Geburtstag der österreichischen Kaisergattin Elisabeth Christine, der Mutter Maria Theresias, wetteifert die Sopranstimme glücklich wie seufzend mit der obligaten Solovioline. Unter dem Dach einer Buche, die Schutz wie Freiheit spendet, entfaltet sich in „Non ti lusinghi la crudeltade“ ein Wechselspiel von Stimme und Solo-Oboe. Entnommen der reich besetzten Oper „Tito Manlio“, uraufgeführt zur Karnevalszeit 1719 in Mantua. Der in Vitellia verliebte latinische Ritter Lucio bittet ihren Vater um Mitgefühl. Gänzlicher Emotionswechsel in „Gelosia, tu già rendi l’alma mia“ aus Vivaldis erster Oper „Ottone in Villa“, uraufgeführt 1713 in Vicenza. Die kurze wie heftige Streichereinleitung zündet  ein eifersüchtiges  Feuerwerk an Koloraturen – im verinnerlichten Mittelteil restlos in sich versinkend. Eines jener „Geschoße“, die Cecilia Bartoli mit größter gesanglicher Lust und Freude in die Luft zwirbelt.

Berührend verführend

Sie kann es einfach. Und dieses „einfach“ evoziert im Publikum schwingende Empathie mit jenen inneren Stürmen, die Vivaldi für „seine Seelen“ auf der Bühne komponierte: „Ich sehe zu meiner Freude/ meiner Seele Seele/ das Herz meines Herzens,/ höchst beglückt/ und wenn ich der Geliebten fernbleiben muss,/ werde ich unter Seufzern jeden Moment leiden.“ Kaiser Anastasios von Byzanz kann sich im ersten Akt der Oper „Il Giustino“, uraufgeführt 1724 im römischen Teatro Capranico, nur sehr schwer von seiner Gemahlin Arianna trennen. Gleich zwei Kostproben bietet Cecilia Bartoli aus dem Dramma per musica „Orlando furioso“, welches nach dem beliebten Stoff „Der rasende Roland“ von Ludovico Ariosto 1727 im Teatro Sant’Angelo in Venedig uraufgeführt wurde. Im berührend verführenden Wechselspiel zwischen Soloflöte und Singstimme schlüpft Bartoli in die Rolle des durch einen Zaubertrank Alcinas in die Zauberin verliebten Ruggiero. Eine Arie, die sie als Zugabe mit dem Flötisten Jean- Marc Goujon und Les Musiciens du Prince dem Musikvereinspublikum nach einem reinen Händel-Programm vor drei Jahren schon einmal schenkte. Auch Astolfo ist in Liebe zu Alcina entbrannt. Die ihn allerdings nicht erhört, was in „Ah fuggi rapido“ Fluchtgedanken hervorruft.

Sie vermag die Genialität dieser Musik mit ihrem wunderbaren Instrument, ihrer Stimme, uns Hörenden unter die Haut und ins Herz zu singen.

Vivaldi lebt

Vivaldis Oper „Agrippo“ führt 1730 nach Wien und Prag. Zanaida, die Tochter des Moguls Tisifaro hadert zu Beginn der Oper mit allen verfügbaren vokalen Kräften, denn „sollte der Blitz zu langsam sein“ und ihre „Kränkung nicht rächen, wird der Schändliche ein Opfer“ ihres „gerechten Zorns – „Se lento ancora il fulmine“. Sieben Jahre zuvor brachte Vivaldi in Rom „Ercole su’l termodonte“ heraus, indem er dirigierte und gleichzeitig die Solovioline spielte. Darin verwendet er eine dreiteilige Arie, in der zwei Solo-Violinen das Echo zur Stimme spielen, Natur- laute und menschliche Gefühle verstärken: „Liebe, murmelt der Fluss/ Liebe, flüstert der Wind/ Liebe, pfeift die kleine Schwalbe/ Liebe, singt das Hirtenmädchen …“ „Der Winter“ aus den „Jahreszeiten“ fährt wiederum zu Beginn der Arie „Gelido in ogni vena“ in die Glieder Farnaces, der vermeintlich am Grabe seines Sohnes steht. Das Blut des Protagonisten aus der gleichnamigen Opera seria, uraufgeführt 1727 in Venedig, erstarrt zu Eiseskälte. Und schließlich Julius Cäsars wallende Gefühlswelten aus „Catone in Utica“, uraufgeführt 1728 in Rom, samt „heißen Seufzern des Getreuen“ in der berührenden Szene „Se mai senti spirati sul volto“. Bartoli singt, und Vivaldi lebt!

Ursula Magnes

Mag. Ursula Magnes leitet die Musikredaktion von Radio Klassik Stephansdom.