Brücken der Musik

26. April bis 22. Juni 2019

Der Musikverein als Schaltstelle für den Kulturtransfer. Zum 150-Jahr-Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und Österreich dokumentiert eine Ausstellung des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde, welche Brücken der  Musikverein  zwischen den Ländern baute.  Archivdirektor Otto Biba stellt sie vor. 

Im Jahr 2008 haben wir die faszinierende Ausstellung „450 Jahre europäisch-japanische Musikbeziehungen“ gezeigt. Im Anschluss daran wurden wir gebeten, sie für das japanische Publikum entsprechend adaptiert und auch erweitert in Tokio zu zeigen. In einer großartigen Ausstellungsarchitektur wurde sie in der Suntory Hall präsentiert, wo sie die bis dahin bestbesuchte Ausstellung war und bis heute geblieben ist. Vor 150 Jahren wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und Österreich aufgenommen, ein Jubiläum, das in Japan mit viel Aufmerksamkeit wirklich gefeiert wird. Wir wurden gebeten, deshalb im Herbst 2019 eine Ausstellung nach Tokio zu bringen, die die Musikbeziehungen zwischen Österreich und Japan seit 1869 dokumentiert. Das ließ uns wieder daran denken, die Frühjahrsausstellung 2019 in unserem Ausstellungssaal diesem Thema zu widmen, freilich für das Wiener Publikum ganz anders aufbereitet, als es für das japanische Publikum notwendig ist. Kulturhistorische Ausstellungen sind ja nicht so zu transferieren, wie dies mit Kunstausstellungen möglich ist. Auch wenn dasselbe Thema hier wie dort als interessant empfunden wird, sind die Voraussetzungen und Erwartungshaltungen andere, weshalb auch das Thema anders aufbereitet werden muss.

Geheimnisvolles fernes Land

Was wir dem Wiener Publikum zeigen wollen: wie österreichische Musik nach Japan kam und dort aufgenommen wurde, wie Österreich Japan in der Musik rezipiert hat und wie japanische Musik ihren Weg nach Österreich gefunden hat. All das soll nicht über die letzten 150 Jahre dokumentiert werden, sondern im Blick auf die Anfänge – sie sind das Faszinierende. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kamen die ersten Österreicher nach Japan, ein Weltreisender und ein Missionar. Die Missionare brachten Musik mit – das lässt sich vielfach belegen. Als das Christentum in Japan verboten und ab 1637 auch alle Kontakte mit Europa unterbunden wurden, begann eine gut zweihundert- jährige Abschottung Japans, das so zu einem geheimnisvollen fernen Land wurde, das in der Barockoper und im Schultheater der Jesuiten, Benediktiner und Piaristen präsent war. 1853 wurde Japan auf amerikanischen Druck zur Öffnung gegenüber der westlichen Welt gezwungen; das Christentum wurde bald wieder erlaubt. 1868 begann mit der Regentschaft des „Meijitenno“ eine Epoche unzähliger Reformen, mit denen sich das japanische Kaiserreich nach dem Westen und der westlichen Kultur orientierte. Im Jahr darauf begannen die diplomatischen Beziehungen mit dem Kaiser- und Königreich Österreich-Ungarn.

Anlaufstelle für Musikkontakte

Bald konzertierten österreichische Musiker in Japan; unter den ersten war der mit Brahms befreundete Geiger Eduard Reményi. Umgekehrt wurden in Wien japanische Volkslieder in Klavierbearbeitungen publiziert. Johannes Brahms interessierte sich so sehr dafür, dass er sich von der Gattin eines japanischen Gesandten in Wien diese im Original auf dem Koto vorspielen ließ. Die Gesellschaft der Musik- freunde – eine Anlaufstelle für Musikkontakte – wurde in dieser Zeit auch mit dem Anliegen konfrontiert, dass man 1888 aus Wien einen artistischen Direktor für das Kaiserliche Musikkonservatorium in Tokio gewinnen wollte. Vermittelt wurde Rudolf Dittrich, der am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde u. a. bei Anton Bruckner studiert hatte. Der war entsetzt, dass sein Schüler nach Japan gehen wolle, und beruhigte sich etwas, als ihm Dittrich versicherte, dass es dort auch katholische Kirchen und Priester gebe. Dittrichs Frau starb in Tokio und wurde dort auf einem christlichen Friedhof bestattet. Schließlich vermählte sich Dittrich im üblichen japanischen Zeremoniell mit einer Einheimischen, mit der er einen Sohn hatte. Er dachte nicht an eine Rückkehr nach Wien, musste aber 1894 im Ersten japanisch-chinesischen Krieg wie alle Ausländer Japan verlassen. Frau und Kind blieben zurück. Sein Enkel, Jun Negami, war im Übrigen ein prominenter Schauspieler; 1996 besuchte er den Musikverein und folgte im Archiv den Spuren seines Großvaters. In Wien blieb Dittrich mit seiner japanischen Frau in Briefkontakt, seine musikalische Karriere setzte er hier fort, um es schließlich bis zum Hoforganisten zu bringen. Nach seiner Rückkehr publizierte er japanische Musik in Klavierbearbeitungen, die in Wien und Leipzig verlegt wurden.

Eine erste Studentin aus Japan

Die erste japanische Studentin am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien war eine Geigerin. Sie hieß Koda Nobu und kam 1890 als Zwanzigjährige nach Wien, um bei Josef Hellmesberger d. J. zu studieren. Komposition studierte sie bei Robert Fuchs (bei dem auch Mahler studiert hatte) und Klavier im Nebenfach bei dem mit Tschaikowskij befreundeten Anton Door. Einer ihrer Kommilitonen war George Enescu. Koda Nobu blieb sechs Jahre in Wien; sie lernte gut Deutsch, hatte eine Wohnung im Neunten Bezirk und muss sehr viel von der Wiener Musikszene aufgenommen haben. Das konnte sie nach ihrer Rückkehr nach Tokio bestens verwerten; zeitlebens war sie dort eine hoch angesehene Musikerin. Eine Violinsonate, die sie in Wien zu komponieren begann – die Arbeit daran setzte sie in Tokio fort –, liegt in mehreren CD-Einspielungen und in einer praktischen Neuausgabe vor.

Vorbild Wien

1887 haben die ersten drei japanischen Wissenschaftler unser Archiv, unsere Bibliothek und unsere Sammlungen besucht, nicht um zu studieren, sondern um zu erfahren, wie derartige Bestände aufbewahrt, inventarisiert und zugänglich gehalten werden. Damals wurde im Archiv auch schon Japan als Thema wahrgenommen: Japanische Musikpublikationen, bildliche Darstellungen japanischen Musizierens, japanische Musikinstrumente und die von Wien ausgehenden europäischen Ausgaben japanischer Musik wurden gesammelt. Der damalige Archivdirektor Eusebius Mandyczewski, auch ein bemerkenswerter Komponist, zählt zu den ersten in Japan aufgeführten österreichischen Komponisten. Auch für musikalische Aufführungsstätten, die in Tokio errichtet werden sollten, war Wien Vorbild. 1883 wurde das „Rokumeikan“-Gebäude in Tokio eröffnet, in dem es, ganz nach Wiener Vorbild, ein Restaurant und Musikdarbietungen von einer eigens dort engagierten Kapelle sowie Ballveranstaltungen gab. Es erinnerte stark an den Kursalon im Wiener Stadtpark. Dass Johann Strauß und seine Kapelle dorthin eingeladen waren, ist oder war ein Gerücht; nach Tokio gereist ist er jedenfalls nicht. Der älteste als solcher erbaute Konzertsaal Tokios ist noch er-halten und steht im Ueno-Park. Er war für das Kaiserliche Musikkonservatorium bestimmt; Rudolf Dittrich trat darin auf. Ein seltsames Gefühl, wenn man an der Fassade Dekorteile sieht, die man vom Wiener Musikvereinsgebäude kennt …

Pendler zwischen Welten

Das alles sind Fakten und Aspekte, die in der Ausstellung aufbereitet werden und ein lebendiges Bild der vielfältigen Musikbeziehungen liefern. Zu diesen gehört schließlich auch der Maler und Pantomime Erwin Dominik Osen, der mit einigen Bildern in der Ausstellung präsent ist. Er wurde 1891 in Wien als Sohn eines japanischen Vaters und einer Nachfahrin Adalbert Stifters geboren; die Mutter starb bei der Geburt, der Vater kurz vor der Geburt. Das Waisenkind kam in die Ballettschule der Wiener Hofoper, wurde von Gustav Mahler gefördert und von diesem Alfred Roller und Gustav Klimt vorgestellt. Zeitlebens pendelte Dominik Osen, der seine japanischen Wurzeln sehr betonte und sich später Dom-Osen oder Dom O-Sen nannte, zwischen Pantomime, Malerei und Musik. Zu seinem Kreis zählte auch der Komponist Joseph Marx, dessen wohl bekannteste Komposition das „Japanische Regenlied“ war.

Otto Biba

Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.