Romantiker in klassischer Gestalt

Mariss Jansons 

München im Glück. Mariss Jansons, Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks seit 2003, wird nach einer weiteren Vertragsverlängerung bis mindestens 2024 in München bleiben. Eine Erfolgsgeschichte setzt sich fort, in der sich musikalische und menschliche Qualitäten spiegeln. Sie sind nicht zu trennen – schon gar nicht bei Mariss Jansons.

Angst war der dunkle Schatten auf dem Leben des jungen Mariss Jansons, der sich heute einen glücklichen Menschen nennt. Das aber war ihm nicht in die Wiege gelegt, als er am 14. Januar 1943 – als Sproß einer lettischen Musikerfamilie – in Riga geboren wurde. Sein Vater Arvid Jansons war Dirigent, seine Mutter Iraida Sängerin an der Oper in Riga. Sie entstammte einer jüdischen Familie und musste ihren Sohn in einem Versteck zur Welt bringen, waren doch ihr Vater und Bruder im Rigaer Ghetto umgekommen. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung Lettlands – 90 Prozent – wurde während der nationalsozialistischen Besatzung ermordet. Die Rückeroberung Lettlands durch die Sowjetunion am Ende des Zweiten Weltkriegs bescherte der Bevölkerung indessen kaum ein besseres Los. Nach dem Tode Stalins besserten sich die Verhältnisse, aber der Druck des sowjetischen Systems lastete weiterhin auch auf der Kultur. Musik als größtes „Stimulanz des Lebens“ im Sinne Nietzsches war hier nicht gefragt. Mariss Jansons bekam den Kaderdrill der sowjetischen Musikausbildung besonders zu spüren, denn er wurde stets an seinem Vater gemessen. Und er selber forderte von sich oft mehr, als ihm gesundheitlich zuträglich war. Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein bilden bis heute die moralische Basis seines Künstlertums. 

Eine zweite Vaterfigur

Mariss Jansons wuchs quasi im Opernhaus auf. Die Eltern nahmen ihn vom frühesten Alter an dorthin mit. Er hat die Oper buchstäblich mit der Muttermilch aufgesogen. Um so erstaunlicher, dass sie in seiner Dirigentenlaufbahn deutlich in den Schatten seiner Konzerttätigkeit geraten wird. Als Mariss Jansons gerade dreizehn Jahre alt ist, verlässt der Vater Riga und wechselt als zweiter Dirigent neben Jewgenij Mrawinskij ans Pult der Leningrader Philharmonie. Leningrad, das seit 1991 wieder Sankt Petersburg heißen soll, wird seine zweite Heimatstadt neben Riga. Dort hat er bis heute seinen Hauptwohnsitz. Nur hier fühlt er sich wirklich zu Hause. Bei einem Meisterkurs in Leningrad 1968 wird Herbert von Karajan auf Jansons aufmerksam. Und so gelingt ihm das Unglaubliche: Er darf 1969 die Sowjetunion verlassen, um in Wien bei dem epochemachenden Dirigierlehrer Hans Swarowsky zu studieren und Assistent von Herbert von Karajan in Salzburg zu werden. Der Preisträger beim Berliner Karajan-Wettbewerb 1971 wird schließlich – in den Spuren seines Vaters – Assistent von Jewgenij Mrawinskij bei den Leningrader Philharmonikern. Dieser ist für ihn eine zweite Vaterfigur geworden. Jansons’ Interpretationen der russischen Musik sind durch Mrawinskijs Dirigate vor allem der Symphonien von Tschaikowskij – die er in seiner asketischen Strenge von aller Sentimentalität und allem Bombast befreite – und Schostakowitsch entscheidend inspiriert worden.

Oslo und der Rest der Welt

Jansons war kein frühreifes Pultgenie, gelangte erst mit rund vierzig Jahren zu Weltruhm. 1979 wurde er neben seiner Tätigkeit bei den Leningrader Philharmonikern Chefdirigent eines Provinzorchesters: der Osloer Philharmoniker. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich dieses Orchester unter Jansons’ erzieherischer Leitung zu einem der besten Klangkörper Europas. Fast wäre seine Karriere jedoch 1996 in Oslo jäh beendet worden, als der sich ständig Überfordernde beim Dirigieren der letzten Partiturseiten von „La Bohème“ einen lebensbedrohlichen Herzanfall auf dem Podium erleidet – und noch im Fallen weiterdirigiert. Erschreckende Nähe erneut zu seinem Vater: Dieser war in einem Konzert des Hallé Orchestra in Manchester am 21. November 1984 beim Dirigieren zusammengebrochen und wenige Tage später verstorben. 1992 bis 1997 wurde Jansons Erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra, 1997 bis 2004 als Nachfolger von Lorin Maazel Music Director des Pittsburgh Symphony Orchestra. Und wiederum löste er Maazel 2003 als Chefdirigent von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks ab. Die gleiche Position nahm er seit 2004 beim Koninklijk Concertgebouworkest in Amsterdam ein. Dass er sie 2015 zugunsten des BR-Symphonieorchesters aufgab, hat die Musikwelt Münchens mit besonderem Stolz erfüllt. Mit seinem Münchner Orchester hat er inzwischen alle Musikzentren der Welt erobert, die bedeutendsten Auszeichnungen und Preise sind Jansons verliehen worden. Und auch das Adelsprädikat für Dirigenten wurde ihm zuteil: Dreimal haben ihm die Wiener Philharmoniker ihr Neujahrskonzert übertragen. Ein, wenn nicht der Höhepunkt aller Ehrungen war die Verleihung des Ernst-von-Siemens-Musikpreises an ihn im Münchner Prinzregententheater 2013, der ihn in eine Reihe mit Dirigenten wie Claudio Abbado, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan stellte. 

Was München noch fehlt

Unter den internationalen Musikstädten, so hat er gestanden, sei München seine Lieblingsstadt – wenn sie seinem Herzen auch nicht so nahe stehen kann wie seine Heimatstädte Riga und Petersburg. Worunter er in München freilich bis heute zu leiden hat, ist das Fehlen eines akustisch wirklich angemessenen großen Konzertsaals, der dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks endlich eine Heimat bieten könnte. So war und ist sein Hauptziel für München ein Konzertsaal, der wie der Wiener Musikvereinssaal oder das Amsterdamer Concertgebouw Musik wirklich so erklingen lässt, wie sie von Dirigent und Orchester erzeugt wird. Ob der geplante Konzertsaal im Münchner Werksviertel dieses Ideal erfüllen wird, ist noch in den Sternen geschrieben. 

Goldener Mittelweg

Spätestens seit seiner Osloer Zeit gilt Jansons nicht nur als einer der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit, sondern als begnadeter Orchestererzieher. Der Dirigent darf ein Orchester nicht beherrschen, so die Grundüberzeugung von Jansons, sondern er muss dem jeweiligen Orchester dienen, seinen Schwer¬punkten nahekommen, Respekt vor seiner Individualität haben. Die Erfahrung mit der drakonischen Strenge der sowjetischen Musikerziehung hat ihn deren Licht- wie Schattenseiten einsehen gelehrt und auf einen goldenen Mittelweg geführt: das heißt sachliche Autorität auszuüben, ohne je als Herrscher vor das Orchester zu treten, von den Musikern Unterordnung unter ein Gesamtkonzept zu erwarten und ihnen doch Raum zum freien Atmen und Phrasieren zu gönnen. Jansons insistiert auf intensiver und extensiver Probenarbeit, aber im Moment der Aufführung muss sie vergessen sein und das musikalische Geschehen spontan erzeugt scheinen.

Die Sprache unserer Seele

So ist Jansons zum Liebling der Spitzenorchester geworden: Sie lieben und bewundern seine absolute Metiersicherheit, seinen präzisen Schlag, die Bestimmtheit seiner musikalischen Anweisungen, die doch frei von Arroganz, in liebenswürdigem Ton vorgetragen werden – dem humanen Ethos des Dirigenten entsprechend, dem die Erfahrung von Totalitarismus und Diktatur alles despotische Gebaren auch in der Kunst zutiefst verdächtig gemacht hat. Obwohl Jansons von allem Pult-Magiertum nichts wissen will und auf das kapellmeisterliche Handwerk pocht, dessen Geheimnis für ihn darin besteht, eben kein Geheimnis zu haben, ist ihm doch die Übertragung von Energien auf das Orchester das A und O des Dirigierens. Am Pult erscheint er oft als existenziell Getriebener, als „Verrückter“, wie Musiker zärtlich-respektvoll von ihm sagen, wenn es ihn „überkommt“. Da setzt sich das Freud’sche Es gegen das Über-Ich durch, dessen Normengefüge Jansons’ Leben so sehr diktiert hat. Musik ist ihm – er wird nicht müde, das zu wiederholen – „Sprache unserer Seele“, Ausdruck des „Herzens“ – das, was ihm Freunde und Verehrer als russische „Seelenwärme“ zugute halten. Die Partitur soll Jansons immer dazu dienen, geistige Zusammenhänge in und hinter den Noten zu kommunizieren. Bezeichnenderweise zeichneten sich Dirigenten wie Swarowsky und Mrawinskij, denen er so viel verdankt, durch hohe Bildung und Geistigkeit aus. Mrawinskij, so berichtet Jansons, habe stundenlang dasitzen können, um über die Musik nachzudenken und in ihre Tiefe einzudringen. Nicht nur Sprache des menschlichen Herzens ist ihm die Musik, sondern auch des Herzens der Dinge, sie hat für ihn eine metaphysische Dimension. Jansons ist ein durchaus religiöser Mensch, der unverstellt bekennt, dass er an Gott glaubt. 

Dionysiker im apollinischen Gewand

So breitgefächert sein Repertoire ist, lässt sich doch nicht verkennen, dass sein Kernrepertoire der Spätromantik und beginnenden Moderne gehört. Hier sind vor allem Brahms und Bruckner, Strauss und Mahler seine Favoriten – und natürlich die Russen: Tschaikowskij, Strawinsky, Schostakowitsch, dieser vor allem, sein unbestrittener Lieblingskomponist, den er noch persönlich kennengelernt hat. 2005 hat er die Gesamteinspielung aller Schostakowitsch-Symphonien abgeschlossen, mit verschiedenen Orchestern, vollendet vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Jansons ist der wichtigste Erbe der großen Schostakowitsch-Tradition von Mrawinskij und Kondraschin bis Roschdestwenskij. So sehr er Gefühlsmusiker ist, hat er doch einen ausgeprägten Sinn für die schaurigen Kältezonen, die bizarren Momente bei Schostakowitsch, für die scharfen Akzente, die oft grellen Kontraste, die musikalisch hinter der Fassade der Stalin-Ära das Leben als Groteske erscheinen lassen. Von seinem Repertoire her ist Jansons eher ein Romantiker als ein Klassiker. Und doch hat er sich in jüngster Zeit mehr und mehr dem Werk der Wiener Klassik zugewandt, besonders Joseph Haydn und Beethoven. Aber es ist bezeichnend, dass er dessen Klassizität – auf andere Weise, aber doch mit verwandter Intensität wie Leonard Bernstein – im Untergrund brodeln läßt: glühende Klassizität. Und umgekehrt liegt ihm daran, die enthusiastischen oder orgiastischen Momente der romantischen Musiktradition nicht über alle Ufer treten zu lassen, sondern immer in klare Formen zu bannen. Ein Romantiker in klassischer Gestalt, ein Dionysiker in apollinischem Gewand.  

Dieter Borchmeyer
Prof. Dr. Dr. h. c. Dieter Borchmeyer war Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und bis zu seiner Emeritierung Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Heidelberg. Er veröffentlichte Bücher u. a. über Mozart, Wagner, Nietzsche, Schiller und Goethe und zuletzt „Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst“.