Im Reich der Fantasie

„Ein Sommernachtstraum“ mit Marko Simsa

Der Dichter August Wilhelm Schlegel war in Silbennot, als er Shakespeares „Sommernachtstraum” ins Deutsche übertrug. „To each word a warbling note” – diese Zeile machte ihm Pein. Ein Apostroph musste her, um die Zeile metrisch gefügig zu machen. Und so wurde, der Not gehorchend, die Not’ daraus: „Wirbelt mir mit zarter Kunst/ Eine Not’ auf jedes Wort.” Dass die Noten der Musik gemeint sind, wird dem Hörenden erst in der nächsten Doppelzeile klar: „Hand in Hand, mit Feengunst/ Singt und segnet diesen Ort.” Ja, die Noten, die Not’ und die Not – sie kommen hier hübsch vieldeutig zusammen. Wirbeln wir die Worte ein wenig weiter, könnten wir sagen: Die Noten sind notwendig, wenn wir der Not des Notwendigen entkommen wollen. Darum geht’s im „Sommernachtstraum”.
Der „Sommernachtstraum” ist nichts für nüchterne Rationalisten. Sie sind überfordert mit diesem Stück, auch wenn sie sich für unterfordert halten. Das bekam auch Felix Mendelssohn Bartholdy zu spüren. „Wie schade”, sagte ihm 1843 ein sogenannter Kunst- kenner, „dass Sie Ihre wunder- schöne Musik an ein so dummes Stück verschwendet haben.” In Berlin wurde zu sehr auf märki- schen Sand und trügerischen Verstand gebaut, als dass man sich hätte willig verzaubern lassen. Preußens König  Friedrich Wilhelm IV. und sein Hoftheater- Dramaturg Ludwig Tieck kamen nicht allzu weit mit ihrer Shakes- peare-Liebe. Bei Mendelssohn freilich stießen sie auf offene Herzenstüren. Gern war er bereit, als Preußischer Generalmusik- direktor die Schauspielmusik für Tiecks Berliner „Sommernachts- traum”-Inszenierung zu schreiben. Dabei konnte er an ein Werk anknüpfen, das er schon siebzehn Jahre zuvor komponiert hatte: die Ouvertüre zum „Sommernachts- traum”, ein literarisch inspirierter Geniestreich, der ihm im zarten Alter von siebzehn gelang. „Der Mendelssohn, wie ihn die Welt besitzt und liebt, datiert von dieser Komposition”, meinte ein Freund Mendelssohns. Treffender kann man es nicht sagen.
Erst 17 Jahre alt war auch Ludwig Tieck, als er mit seinem Aufsatz „Shakespeares Behand- lung des Wunderbaren” einen der grundlegenden Texte der Früh- romantik schrieb. Tieck hob „die Kühnheit” hervor, mit der Shakespeare die gewöhnlichen Regeln des Dramas verletzt”. Doch nicht nur das. Es gelinge Shakes- peare, diese „Verstöße” gar nicht als solche spürbar werden zu lassen, weil er den Zuschauer in eine andere, dem rationalen Normenkram weit entrückte Sphäre hebe. Und genau dies, erklärte Tieck, sei „der Probier- stein des echten Genies”: dass er „die Phantasie … so spannt, dass wir die Regeln der Ästhetik mit allen Begriffen unseres aufge- klärten Jahrhunderts vergessen und uns ganz dem schönen Wahnsinn des Dichters überlassen …” Was aber wäre der „schöne Wahnsinn des Dichters” ohne die Musik? Die Musik verleiht den Worten Flügel und hebt sie vollends ins Reich der Fantasie und des Wunderbaren. „Wirbelt mir mit zarter Kunst/ Eine Not’ auf jedes Wort.” – „Haben wir  das  nötig?”,  fragen die Nüchternen. „Ja!”, antworten die poetisch Begeisterten. „Das Wunder”, so Ludwig  Tieck,  „ist kein außerordentlicher Zustand, es umgibt uns an allen Orten. Aber der Mensch ist stumpf geworden.”
Also gilt es, die Sinne zu schärfen und das Staunen nicht zu verlernen – und damit sind wir schon mitten- drin in der kommenden Aufführung des „Sommernachtstraums” bei den „Klassik-Hits” im Goldenen Saal, dem „Familienkonzert für alle von 11 bis 99”. Die Wiener Symphoniker spielen Mendelssohns gesamte Schau- spielmusik, Kirill  Karabits dirigiert, und Marko Simsa übernimmt die Moderation. Der Begriff freilich will nicht so ganz zu ihm passen, und schon gar nicht hat Marko Simsa etwas Modera- tes im Sinn. Nein, Simsa folgt als Erzähler dem „schönen Wahnsinn des Dichters”, stellt spannende Fragen zur Musik – und vor allem: Er kann noch immer staunen und sich überraschen lassen. So kennt man ihn beim Kinderzyklus „Allegretto”, so liebt man ihn bei den „Klassik-Hits im Goldenen Saal”. Der „Sommernachts- traum”, das wird an diesem Nachmittag zu erleben sein, braucht nicht den großen Thea- terapparat. Sondern nur viel Fantasie. Marko Simsa wird sie wecken. Wie heißt es doch im „Sommernachtstraum” so schön? „Es wird daraus ein Ganzes voll Bestand/ Doch seltsam immer noch und wundervoll.”

Joachim Reiber

"Das Wunder ist kein außerordentlicher Zustand, es umgibt uns an allen Orten." Ludwig Tieck, Dichter