If there are any rules - break them! 

Der Russian Gentlemen Club 

„Borschtsch und Spiele“ heißt das Programm, mit dem der Russian Gentlemen Club im Gläsernen Saal gastiert. Sabine M. Gruber traf die echten Wiener aus der ehemaligen Sowjetunion zum Gespräch.

Alle zur gleichen Zeit zu einem Gespräch einzuladen ist gar nicht leicht, sind die vier Gentlemen doch auch außerhalb ihres exklusiven Clubs vielbeschäftigte Musiker. Sie kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, leben in Wien, sind längst (ein)heimisch geworden und fühlen sich auch so: als echte Wiener. Roman Grinberg kommt sogar aus MoldaWIEN! Der Komponist, Pianist und Arrangeur konzertiert mit dem von ihm gegründeten, weltweit einzigartigen Wiener Klezmer Orchester und dem Wiener Jüdischen Chor; Georgij Mazakaria, Sänger und Gitarrist, tourt mit dem durch „Willkommen Österreich“ berühmt gewordenen Ensemble Russkaja; Alioscha Biz, der Geigenvirtuose, tritt mit dem nicht weniger bekannten, unkonventionellen Quartett Dobrek Bistro auf; und Alexander „Sascha“ Shevchenko, ein wahrer Meister auf dem Bajan (einer russischen Variante der Knopfharmonika), spielt mit einem polnischen Klarinettisten im Duo Klezmer reloaded. 

Zum Gespräch in einem steirischen Beisl im zweiten Bezirk treffe ich Georgij Mazakaria und Aliosha Biz, Roman Grinberg gesellt sich später dazu. 
Georgij: Sascha ist leider verhindert. Aliosha: Aber er redet ohnehin nicht viel, er ist der Stille von uns. Er wäre mit allem einverstanden. G.: Das ist er immer. 

Ist das für euch der erste Auftritt im Musikverein? 

G.: Für mich auf jeden Fall. Ich war bisher so ein bisschen der Rocker. Im Russian Gentlemen Club (RGC) kommt meine elegantere Seite zum Ausdruck. Das liegt mir! Mein Vater hat schon so gesungen und mein Großvater und mein Onkel auch. 

Hast du eine Gesangsausbildung? 
G.: Ja, bei einem Vocal Coach, Simon Baddi, der aus Georgien stammt und schon lange in Wien lebt – genau wie ich. A.: Er ist so etwas wie ein Guru – ich habe bei ihm Atemtechnik gelernt, das ist für einen Geiger sehr wichtig. 

Auf dem Video-Clip für eure Debüt-CD spielt ihr alle Akkordeon.
A.: Das ist aber nur ein Gag. 

Warum nicht vier Geigen? 
A.: Wir hatten nur meine zwei! Man würde sofort sehen, wenn jemand die Geige nicht richtig hält. 

Welche Geigen sind das? 
A.: Eine Pressburger Johannes-Leeb-Geige aus 1777, die habe ich zum Beispiel bei einem Projekt mit Elisabeth Kulman und Eduard Kutrowatz gespielt, „La femme, c’est moi“ – meine Rückkehr in die klassische Welt sozusagen. Und eine Geige von Roberto Bianchi, eine Kopie einer „Santo Serafin“ aus 1712. G.: Wie war das eigentlich beim Casting für den Paganini-Film? Waren da viele Bewerber? A.: Zwölf, glaube ich. David Garrett spielt ja den Paganini – und ich seinen Gegenspieler, den angefressenen Konkurrenten, Nicolas Mori. Er war der berühmteste Geigenvirtuose in Europa, bis Paganini auftauchte. 

Hast du im Film schon deinen berühmten „Kalaschnikow-Geigenbogen-Strich“ angewendet? 
Aliosha lacht: Ja, das ist ein sehr schnelles Ricochet und klingt irgendwie so ähnlich wie ein Maschinengewehr. 

Wie bist du überhaupt zur Geige gekommen? 
A.: Ganz wie man es sich vorstellt, in der Sowjetunion der 70er Jahre – der sechsjährige Bub wird zum Geigenunterricht gebracht, egal ob es ihm Spaß macht oder nicht. Pass auf, sagt man ihm, in diesem Land ist das Leben schwer, aber wenn du brav übst und besser wirst als viele andere, kommst du eines Tages raus. G.: Echt?? Das wurde dir so gesagt?? Na Servas! A.: Es trübt natürlich die Freude am Musizieren sehr. Zehn Jahre später bin ich tatsächlich aus dem Land rausgekommen, habe hier in Wien die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule gemacht und bei Professor Dora Schwarzberg studiert. In dieser wunderschönen westlichen Stadt habe ich entdeckt, wie viele wunderbare Möglichkeiten es gibt, Musik zu machen. G.: Alexander hat auch eine klassische Ausbildung – er hat ein Akkordeondiplom und Wettbewerbe gewonnen. Er ist erst später nach Wien gekommen – 1998. A.: Ja, Roman ist seit 1974 hier und wir beide seit 1989. 

Stammt deine Familie nicht ursprünglich aus Wien? 
A.: Stimmt, meine Großmutter ist gebürtige Wienerin. 

Gab es in der Sowjetunion westliche Schallplatten?
A.: Wenige. Ich erinnere mich genau, wie ich das erste Mal Harnoncourt gehört habe, 1987. Jemand hat eine LP mitgebracht, Gulda und Chick Corea mit Mozarts Doppelkonzert, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt. Ich legte diese Platte auf – ich war sechzehn – und sagte: So gehört Mozart! Mein Klingelton auf dem Handy ist übrigens ein Brandenburgisches Konzert mit Harnoncourt. Kannst du mich anrufen? (Georgij wählt seine Nummer.) A.: Super, oder? 



Wie seid ihr überhaupt zum Russian Gentlemen Club geworden?
A.: Georgij und ich, wir kennen uns, seit er einmal zu einem Konzert von Dobrek Bistro gekommen ist, vor gut 15 Jahren. Es war klar, dass wir irgendwann etwas zusammen machen. Eines Tages sehe ich in einem Programm „Zwei Russian Gentlemen“ – Georgij mit einem Gitarristen. Sofort ruf ich ihn an und sage: Was soll das, „ZWEI Russian Gentlemen“ – machen wir doch DREI! Und dann passierte Folgendes. Ein Live-Open-Air-Konzert am Michaelerplatz mit Dobrek Bistro. Am Vormittag desselben Tages sagt mein Kollege Dobrek ab – er ist krank und im Spital. Ich rufe Georgij an. Hast du Zeit? Kannst du am Nachmittag spielen? Wir müssen die Russian Gentlemen auferstehen lassen! Aber zu zweit? Weißt du was, wir rufen den Roman Grinberg an. Und so sind wir als „Three Russian Gentlemen“ aufgetreten, im Juni 2013. Der Auftritt war wahnsinnig erfolgreich, und dann haben wir einen vierten „Gentleman“ gesucht – das war Alexander Shevchenko am Akkordeon. Roman: Zum ersten Mal zu viert sind wir auf dem Geburtstag meiner Frau aufgetreten. Die Idee mit dem Club kam von Aliosha. A.: Wirklich? Okay. Also, es ist eine Hommage an die russische Variété-Bühne. Alle sind entsprechend gekleidet, im Smoking, leicht verrucht – aber elegant. G.: Was ist verrucht? A.: Mischung aus verraucht und verrückt.

Und wer macht die Arrangements?
G.: Roman ist unser großer Komponist und Arrangeur. Jeder bringt natürlich seine Vision ein – aber Roman hat sofort eine Vorstellung, wie das Stück aufgebaut und instrumentiert sein soll. R.: Früher habe ich alles gespielt – Klarinette, Saxophon, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Akkordeon. Das kommt mir heute zugute.


Wie kann man eure Musik charakterisieren?
R.: Es gibt viele Einflüsse. Wir kommen aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Genau genommen spielen wir sowjetische Musik. In der Sowjetunion haben mehr als hundert Nationen unter einem Dach gelebt – die Musik kann gar nicht puristisch sein. Es ist ein Schmelztiegel, und das versuchen wir mit unserer Musik umzusetzen. 

„Borschtsch und Spiele“ – ist der Titel auch Programm? Die berühmte Suppe kann man ja mit verschiedenen Zutaten raffiniert variieren, quasi damit spielen – und doch bleibt es immer Borschtsch.
A.: Genau. Es gibt viele Varianten, aber es ist immer rot. R.: Ursprünglich waren da gar keine roten Rüben drinnen! Die konnten sich arme Leute nicht leisten. Stattdessen nahm man Borschewik – Wiesen-Bärenklau, eigentlich ein Unkraut. Aber von diesem Kraut ist nur der Name geblieben. A.: Vielleicht könnten wir dem Publikum so etwas anbieten, im Foyer. G.: Das diskutieren wir noch.

Verratet ihr euer persönliches Borschtsch-Rezept?
G.: Also du kochst ein Stück gutes Suppenfleisch, etwa 40 Minuten. Inzwischen röstest du in einer Pfanne geriebene Karotten, klein gehackte Zwiebel und fein gehachelte rote Rüben. Dazu ein bisschen von diesem orientalischen Gewürz, Bacharat. A.: Oder das georgische. G.: Ja, Chmeli Suneli geht auch. Und ich gebe noch einen Schuss süße Sojasauce drüber. Wenn das Fleisch fertig gekocht ist, nimmst du es aus der Bouillon und kochst Kartoffeln drinnen. Nach ungefähr 15 Minuten gibst du fein gehacktes Kapusta dazu, wie sagt man? A.: Weißkraut. Das ist in fünf Minuten fertig – es muss noch al dente sein. G.: Genau. Dann mischt du die Suppe rasch mit dem gerösteten Gemüse. Es darf nicht mehr kochen. A.: Sonst verliert es die schöne rote Farbe. G.: Dann servierst du es mit dem Fleisch und, ganz wichtig!, Smetana, also Sauerrahm. Darauf frische Kräuter, Petersilie, Dille, Schnittlauch – mit dem Fleisch anrichten und servieren. 


Ihr habt bei eurer Debüt-CD Crowd-Funding eingesetzt – gab es da nicht auch ein Essen mit euch als Dankeschön? Gewissermaßen Kraut-Funding.
A.: Ja, wir haben uns sehr kreative Dankeschöns überlegt. Liebesbriefe aus Moskau, Essen mit dem RGC, Hauskonzerte ... 

Braucht man im Zeitalter von Downloads noch CDs? 
A.: Nicht um Geld zu verdienen, das wäre illusorisch. G.: Es ist eine Art Visitenkarte, die braucht man unbedingt. 

Ich finde, die Aufnahme ist toll geworden – und so vielfältig!
G.: Wir hatten das Glück, den genialen Georg Luksch als Produzent und Tonmeister zu haben. 

Wer moderiert das Programm? 
R.: Aliosha und ich. Es ist ein Ping-Pong-Spiel – einer wirft dem anderen den Ball zu. Funktioniert super. Vieles entsteht erst im Augenblick – wir studieren das nicht ein. Die Stücke und die Arrangements stehen natürlich fest. Doch wir gehen auf die Bühne, ohne zu wissen, was genau passieren wird. Ich spiele den Bass und das Harmonie-Instrument, also wenn mir plötzlich eine neue musikalische Wendung einfällt, gehen die Kollegen mit. Die Musik lebt! Wenn wir dann spüren, dass das Publikum mitgeht, wenn sich so ein Dreieck bildet – ein wunderschönes Gefühl. Deshalb freuen wir uns ganz besonders auf den Gläsernen Saal – weil da ein verständiges, aufmerksames Publikum sitzt, interessiert und offen. 

Hat der RGC so etwas wie eine Philosophie?
R.: Ich mag die meines Professors am Konservatorium, Roger Salander, ein sehr kluger Mann: „If there are any rules – break them.“

Sabine M. Gruber
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte u. a. das Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und zuletzt „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.