Wondratscheks russisches Klavier

Begegnung mit einem Dichter

Kann man eigentlich „über“ Musik schreiben? Oder eher „von“ Musik? Im besten Fall schafft es die Dichtung, selbst ein Stück Musik zu werden. Wolf Wondratschek zeigt es in seinem neuen Roman „Selbstbild mit russischem Klavier“. Joachim Reiber traf Wondratschek – nach schöner Wiener Tradition – zum Gespräch beim Kaffee.

Im Kaffeehaus. Alle Tische besetzt. Alle Witze erzählt. Alle Zeitungen gelesen. Fremde und einheimische. Die Kellner tanzen. Die Luft eine brennende Zigarre. An meinem Tisch ein Russe, ein Klavierspieler in jungen Jahren, eine vergessene Berühmtheit. Er hat sich abgefunden. Moskau, London, Wien. Alle Entfernungen zusammengefasst in der Zeile eines Gedichts, alle Räume eingeschmolzen in Rätsel.“  So beginnt Wolf Wondratscheks neuer Roman „Selbstbild mit russischem Klavier“. Und schon durch die ersten, starken Sätze dringt und klingt, was dieses Buch so fesselnd macht. Sein Grundton ist die Melancholie von Endzeit. Aber es bleibt, im scheinbar schon Abgeschlossenen, Platz fürs Tanzen. Bewegung über die Barrieren der Lebens-und-Sterbens-Prosa hinweg, möglich durch Poesie, durch die Zeile eines Gedichts. Wondratschek legt mit 75 keinen neuen Gedichtband vor, sondern einen Roman. Aber in ihm wirkt, aus der Prosa heraus umso stärker, die Kraft zum Gedicht. Mag der Raum auch, wenn’s aufs Ende zugeht, eng und enger werden – es gibt, zeigt Wondratschek, ein Offenes, das aufgestoßen werden kann durchs treffende Wort, durch Poesie, durch Musik. 

 Auf eine Melange

Im Kaffeehaus. Ob alle Tische besetzt waren, weiß ich nicht mehr. Aber es war ziemlich voll, als ich Wolf Wondratschek zum ersten Mal traf. Und fast, erinnere ich mich, hätte ich die Begegnung vermasselt. Es muss Ende 2005 gewesen sein – wir planten die „Musikfreunde“-Ausgabe zu Mozarts 250. Geburtstag, die etwas ganz Besonderes werden sollte, gestaltet mit Beiträgen von Dichtern und Denkern. Höflich dezent suchten wir Kontakt. Ein Schreiben ging so auch an das deutsche Verlagshaus, das „Mozarts Friseur“, diesen verwirbelt-köstlichen Wondratschek-Text, herausgebracht hatte. Zu hoffen war, im besten Fall, auf eine Nachricht der Presseabteilung. Die kam nicht. Irgendwann aber klingelte das Telefon. Keine Rufnummer auf dem Display. Markante Stimme. Aber den Namen hatte ich nicht verstanden. Wondratschek. Es dauerte lang, viel zu lang, bis meine Leitung hergestellt war. Fast hätte der andere, schon verdrossen, den Hörer aufgelegt.  Doch dann verabredeten wir uns. Im Kaffeehaus. Wir sprachen über den Mozart-Text für die „Musikfreunde“ und über „Mara“, in dem Wondratschek ein Stradivari-Cello zum Erzählen bringt. Wir redeten, worüber man in einem Wiener Kaffeehaus eben so redet: über Gott und die Welt, über das große Ganze und die winzig-witzigen Details. Es wurde, auch das ist Wien, eine schöne Tradition daraus. Seither treffen wir einander immer wieder – es können Monate dazwischenliegen und ganze Bücher – auf eine Melange. 

Das Lauschen in der Sprache

Jetzt sprechen wir, natürlich, über Wondratscheks neuen Roman, „Selbstbild mit russischem Klavier“. Ein Buch über Musik ...? Doch, Moment, passt überhaupt das „über“? Stimmt die Präposition? Oder ist sie nicht doch, mit ihrem Über-Drüber und Von-oben-Herab, Ausdruck einer Präpotenz: als dürfe das Wort, wenn eins zum anderen kommt, sich über die Musik stellen. „Über Musik schreiben“, sagt Wondratschek, „nein, das geht nicht. Was könnte man stattdessen sagen? Man kann von Musik sprechen. Aber auch da bewegt man sich im Ungefähren. Also bleibt nur das, was eigentlich Literatur ausmacht, das heißt: das Detail! Also: ein Musiker.“  Wondratschek hat ihn ersonnen: Suvorin, russischer Meisterpianist, einst weltberühmt, nun einsam, alt und kaum noch beachtet in Wien, der Stadt, in der er seit langem lebt. „Ich bin, teilte er mir mit, ein Mann, der zu langsam stirbt. Ich habe, was ich haben wollte, gehabt und, was mich hätte umbringen können, überlebt.“ So zeichnet es sein Gegenüber auf, der Ich-Erzähler in diesem Roman. Er hat Suvorin in einem Kaffeehaus kennengelernt. Nun verabredet er sich mit ihm – nicht um wirklich mit ihm zu reden, nein, um ihm zuzuhören beim rhapsodischen Monolog. Schreibend folgt er dem selbstverlorenen Abkadenzieren eines großen alten Musikers.  „Suvorin wurde mit einem Mal nachdenklich, drehte den Kopf hin und her, als lauschte er den Tönen nach, die er damals gespielt hatte. Was für eine schöne Sprache das Deutsche sein kann, wenn man es nicht brüllt. Lauschen! Was für ein Wort! Da ist alles drin, die einen Menschen ganz erfüllende Aufmerksamkeit, das Intime, man ist mit dem, was man hört, allein.“ Wer sagt das nun so wundervoll? Suvorin? Der Ich-Erzähler? Wolf Wondratschek, in jedem Fall. Es sind solche Stellen – und es gibt viele davon in diesem Buch –, an denen man innehält und spürt: Wer von Musik schreiben will, der muss, wie Wondratschek, das Lauschen in der Sprache kennen. 

Wozu Publikum?

So bleibt im Dialog der Todgeweihten, Suvorin und Schiff, genug Platz fürs kristallin Kritische. „Wer gefallen will, hat auf einem Konzertpodium nichts verloren“, sagt dieser Heinrich Schiff. „Und wer dem Publikum gegenüber nicht wenigstens eine Andeutung darüber macht, dass es stört, auch nicht.“ Suvorin kann da nur zustimmen. In seiner großen Zeit, erzählt der Roman, sei er berühmt dafür gewesen, seine Klavierabende mit einer Geste zu beschließen, die nichts anderes zu besagen hatte, als dass er sich Beifall verbiete: diese lärmende Kundgebung eines Publikums, das – auch so steht’s im Roman – „auf Beute aus ist“.  Aber, frage ich Wolf Wondratschek, ist es nicht auch Aufgabe des Musikers, dem Hörenden zu dienen, die Musik einem Publikum zu vermitteln? „Ich habe“, sagt Wondratschek, „daran nie geglaubt. Und Gleiches gilt meiner Ansicht nach für die Literatur. Wenn einer sagt: ,Ich schreibe für Leser‘, dann weiß ich: Dieses Buch taugt nicht viel.“

Stille und Geheimnis

Worauf Suvorin aus ist, wenn er den Beifall zu unterbinden sucht, ist: die Stille. Ist sie nicht überhaupt die Essenz von Musik? Und wo wäre sie tiefer spürbar, diese Stille, als in der Musik von Schubert? Studierenden, die Aufnahme in seine Klavierklasse begehren, damals, in Charkow, pflegt Suvorin den Schubert’schen Kupelwieser-Walzer zum Blattspiel vorzulegen. Mehr will er nicht hören: keine Bravourstücke, keine Glanznummern, nein, diese eineinhalb Minuten tänzerisches Schweigen. Stille, wie sie sich an Regentagen über die Welt lagen kann – man muss nur lauschen wollen, so wie Wondratscheks Suvorin es tut an den Regentagen seiner Kindheit. „Es hätte keiner gewagt, auch nur ein Wort zu sagen. Eine heilige Stille, wie ich sie nur in der Musik wiedergefunden habe, später, sehr viel später, als ich anfing, die Musik zu lieben. Ich sage nicht, als ich anfing, die Musik zu verstehen. Ich habe, glaube ich, bis heute keine Ahnung, was Musik ist. Ich sitze am Klavier, ich spiele, ich liebe, was ich spiele, aber ich verstehe nichts.“  So öffnet sich dieser Roman selbst der Stille und lässt Raum für das, was Musik im Innersten ausmacht: das Geheimnis.   

Kaffee auf der Zunge

Das Schwebend-Offene prägt und trägt Wondratscheks Text bis zur überraschenden wie stimmigen Volte des Schlusses. Suvorin taucht nicht mehr auf. Ist er gestorben? Ist er verschwunden? Oder war er, fragt sich der Erzähler, vielleicht ein Geist, ein Phantom „von jenem ersten Moment an schon, als ich ihm im Kaffeehaus begegnet bin“? Wondratschek lässt die Frage offen, aber er führt den Lesenden, als wär’s ein Stück Musik, zurück an den Beginn. Ein Kaffeehaus. In Wien. Und darin, ganz konkret, ein sensueller Kontrapunkt zu all dem Schwebenden zuvor. „Der Roman“, sagt Wolf Wondratschek, „endet sozusagen mikroskopisch: mit dem Geschmack von Kaffee auf der Zunge.“   Inzwischen ist auch unser Kaffee getrunken. Wer weiß, wie viel Zeit wir verstreichen lassen bis zum nächsten gemeinsamen, wie viele Gedichte, wie viele Texte später?  Bis dahin bleibt erst einmal dieses Buch mit seiner verführerischen Kraft, es wieder und wieder zur Hand zu nehmen. Was mich angeht, so habe ich mir beim zweiten Lesen etliche Stellen angestrichen – so auch, nehmen wir nur ein Beispiel, diesen Wondratschek-Dreisatz: „Alles schläft im Holz, sagt die Musik. Alles Empfinden sind Gleichungen, sagt die Mathematik. Seid alle mal still, sagt die Poesie.“   

Joachim Reiber 
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.