Sehnsüchtiger Blick ins Leben 

Christian Gerhaher und Schuberts „Winterreise“  

Wenn Christian Gerhaher sich auf die „Winterreise“ einlässt, vermeidet er Wege, die die andren Wandrer gehn. Er bleibt, als Singender, ein Suchender. Von welchen Gedanken er sich dabei leiten lässt, erläutert er im Gespräch mit Monika Mertl. 

Spricht man mit Christian Gerhaher über seinen Zugang zu den Schlüsselwerken des Repertoires, kann man verlässlich damit rechnen, dass er mit überraschenden Aspekten aufwartet. Zu Recht gilt der bayerische Bariton, der 2019 seinen 50. Geburtstag feiert, einem großen Publikum als einer der intensivsten und überzeugendsten Liedinterpreten unserer Zeit. Seine Überzeugungskraft beruht nicht zuletzt auf der Redlichkeit, mit der er sich selbst als Suchenden in seine Interpretation einbringt. Er macht sich sehr eigenständige Gedanken, nicht nur über die Musik, sondern ganz entschieden auch über die Texte, deren Vertonung er vorträgt. Und was die beiden berühmten Schubert-Zyklen betrifft, pflegt er dabei als leidenschaftlicher Anwalt des notorisch unterschätzten Dichters Wilhelm Müller aufzutreten. So hat er etwa „Die schöne Müllerin“ in einer eigenen Fassung präsentiert, in der er auch drei von Schubert weggelassene Gedichte rezitierte. Dementsprechend fein differenziert und bei aller Liebe stets kritisch ist Gerhahers Blick auf die „Winterreise“. In einem ausführlichen, mit großer Dringlichkeit und Offenheit geführten Telefoninterview verhehlt er nicht die Skrupel und Vorbehalte, die seine Auseinandersetzung mit dem vermeintlich vertrauten Werk prägen; eine Auseinandersetzung, die sich unter seinem persönlichen kategorischen Imperativ vollzieht, der da lautet: Nur keine Gefühlsduselei! 

 
Herr Gerhaher, die „Winterreise“ ist seit jeher ein fixer Bestandteil Ihres Repertoires. Wie ist Ihre Interpretation durch die Jahre gewachsen, wie hat sich Ihre Sicht auf das Werk gewandelt? 

Ich hoffe, ich enttäusche Sie nicht, vielleicht müssen wir das Gespräch ja gleich wieder abbrechen. Mein Zugang ist nämlich von Zweifeln geprägt. Ich habe mich mit dem Zyklus natürlich schon als Student beschäftigt und habe ihn damals mit all der ungebrochenen Begeisterung gesungen, die diesem Werk angemessen ist. Aber seit Fischer-Dieskau aufgehört hat und seine Interpretation vielleicht ein wenig unmodern geworden ist, hat sich die Aufführungstradition in meinen Augen geändert. Seine Art, das Werk eher nüchtern, ja intellektuell zu betrachten und die Emotionalität beim Vortrag stark unter Kontrolle zu halten, wurde aufgegeben.   

Und das ist für Sie ein Problem? 

Es hat meine Einstellung zu dem Werk stark verändert. Die „Winterreise“ wurde mir problematisch. Es gibt dafür fast ein Spezialpublikum, das sich ein ganz bestimmtes Erlebnis erwartet: so einen existenziellen Schauer. Und ich mache die Beobachtung, dass die Interpretationsansätze teilweise sehr naturalistisch geworden sind, um dieses Publikum mit seinen angenommenen Erwartungen nicht zu enttäuschen. Da steht zunehmend die Darstellung von Extremen auf der Agenda, mit Seufzern und Tempoverschleppungen. Die Gefühlslage steigert sich gelegentlich fast ins Hysterische. Mir persönlich ist das unangenehm. Das kann ich nicht. Für mich ist bei diesem Werk eine große Contenance wichtig. Die Musik ist so fein und rein, und die Tempi sind so klar kalkuliert! Ich kann nicht verstehen, dass man als Interpret da noch extra auf die Tube drücken möchte.

Worum geht es für Sie in der „Winterreise“? 

Da liegt die Schwierigkeit: Es geht natürlich um die Annäherung an den Tod, der mit vielen Metaphern beschworen wird, aber das ist ein fast kokettes Spiel. Es irritiert mich, wenn das so stark für bare Münze genommen wird. Denn die fortwährende Rede vom Tod charakterisiert ja gerade die Prätention des Protagonisten – ich glaube nicht, dass er wirklich sterben möchte. Ich glaube, dass er nicht den Tod sucht und am Ende auch nicht stirbt. Die Person, die in der „Winterreise“ spricht, geht durch eine tiefe, schwere Krise, aber der Lebenswille ist meines Erachtens ungebrochen. Und wenn der Wanderer am Ende auf den Leiermann trifft, ist das für ihn der Anstoß, sich aus der Krise zu erheben, weil er erkennt, dass der Leiermann der eigentliche Typus des Outcast ist! Und da sagt er sich: Ich habe den Tiefpunkt hinter mir gelassen, und es entsteht eine neue Perspektive. 

Wie verstehen Sie die „Winterreise“ in Relation zur „Schönen Müllerin“? 

Die „Müllerin“ ist etwas völlig anderes. Erstens ist die Dichtung viel geschlossener, schon dadurch, dass es einen Prolog und einen Epilog gibt. Und zweitens wird ein chronologischer Erzählstrang episch ausgebreitet. Die „Winterreise“ besteht dagegen aus Stationen, die zwischen dem ersten und dem letzten Lied die geistige und seelische Verfasstheit des Protagonisten schildern. Der Ausgangspunkt ist eine tiefe Enttäuschung, die er erlebt hat, und davon schickt er sich nun an zu berichten. Die finale Begegnung mit dem Leiermann, der auf der sozialen Leiter noch tiefer steht als er selbst, eröffnet dann den Ausblick in eine neue Richtung. Die 22 Lieder dazwischen halte ich für Stationen, die relativ austauschbar sind.   

Die Reihenfolge der Lieder spielt also keine spezielle Rolle? Gegenüber der Druckausgabe von Müllers Gedichten gibt es bei Schubert ja ein paar signifikante Änderungen. 

Schubert hat die Gedichte von Wilhelm Müller in zwei verschiedenen Veröffentlichungen kennengelernt und in der Reihenfolge dieses Erscheinens vertont. Aber die Reihenfolge ist nicht so wesentlich. Es ist für mich eine Art freies Psychogramm, das sich in Bildern äußert, wie die Stationen eines Kreuzwegs. Es gibt keine nachvollziehbare Entwicklung wie in der „Schönen Müllerin“, es sind verschiedene Aspekte ein- und derselben Situation. Was der Protagonist erlebt, ist insgesamt die Reaktion auf ein vorhergegangenes Ereignis. – Der Begriff „Liederzyklus“ ist sowieso recht schwierig. Er wird häufig als eine Form verstanden, die „eine Geschichte erzählt“, aber das ist nur eine eher seltene von mehreren Möglichkeiten dieses Genres.   Bei der „Schönen Müllerin“ sind Sie der Meinung, Schubert wäre mit seiner Vertonung den Intentionen von Wilhelm Müllers Dichtung nicht ganz gerecht geworden. Trifft das auch für die „Winterreise“ zu?  Schubert ist Wilhelm Müller hier sehr gerecht geworden – eben weil die „Winterreise“ kein erzählender Zyklus ist. Insofern ist hier in zyklischer Form der lyrische Charakter des Liedes, das Schubert ja praktisch „erfunden“ hat, geradezu ideal erfüllt. Das Gedicht ist die literarische Entsprechung des Kunstlieds, es erzählt im Allgemeinen keine Geschichte, sondern hat einen eher offenen Inhalt, und wenn sich das in der Musik so widerspiegelt wie bei Schubert, findet in meinen Augen die größtmögliche Entsprechung statt.   

Die „Winterreise“ von Wilhelm Müller hat einen konkreten biographischen Hintergrund. Er war als Soldat in den Befreiungskriegen gegen Napoleon in Brüssel stationiert und wurde, weil er sich in eine jüdische Kaufmannsgattin verliebt hatte, unehrenhaft entlassen ... 

Genau. Daraufhin ging Müller im Winter zu Fuß von Brüssel zurück nach Berlin, mit zerstörten Hoffnungen. Ich gestehe mir biographistische Interpretationsansätze nur selten zu, aber in diesem Fall ist der Kontext schon von einigem Interesse – auch in der Hinsicht, dass Müller sehr ehrgeizig war. Sein eigener Charakter entspricht doch dem Naturell des Protagonisten! Das ist nicht einer, der sich dem Tod ergeben möchte, sondern ein Mensch in einer starken Krise, aus der er aber wieder herauswill. Als ein Schlüssel-Lied im Sinne dieser Argumentation empfinde ich das Lied „Im Dorfe“. Der hier spricht, ist doch so voll Geifer gegen diese „schnarchenden“ Menschen in ihren Betten, wie es im Original heißt! Der ist nicht so cool wie der Leiermann, der in dieses Dorf gar nicht reinwollen würde. Der Winterreisende hingegen empfindet es als schreiendes Unrecht, dass er dort nicht auch schlafen kann!   

In der „Winterreise“ dominieren die Molltonarten, aber acht der 24 Lieder, also genau ein Drittel, stehen in Dur, zum Beispiel der „Frühlingstraum“, das „Wirtshaus“ oder die ominösen „Nebensonnen“. Welche Wirkungen oder Aussagen ergeben sich aus der Verwendung der Durtonarten? 

Die Lieder wechseln aber natürlich auch ständig ihr Tonartengeschlecht, der „Frühlingstraum“ endet in Moll. Für die „Nebensonnen“ trifft es der Begriff Dur allerdings recht genau, wenn ich ihn wörtlich nehme und ihn ableite vom Lateinischen: durus – hart. In diesem Lied wird der ständig auftauchende Todeswunsch fast explizit formuliert. Das Leben in seiner Qual und Härte soll vorbei sein. Es wird aber dadurch das Leben, nicht der Tod charakterisiert! Im „Wirtshaus“ zeigt sich klar, dass dieser Todeswunsch eine Prätention des Erzählers ist. Er geht auf diesen Gottesacker, er macht dort vielleicht einen Suizidversuch, aber er macht ihn quasi vor dem Haupteingang der Notaufnahme. Er kokettiert mit dem Tod, er nähert sich ihm nicht ernsthaft an. Dafür ist die „Winterreise“ insgesamt für mein Empfinden emotional viel zu laut. Dafür gibt es in der Liedliteratur ganz andere Beispiele, nehmen Sie „In der Ferne“, das sechste Lied des „Schwanengesangs“, oder Schumanns „Kerner-Lieder“.

"Für mich ist bei diesem Werk eine große Contenance wichtig. Die Musik ist so fein und rein, und die Tempi sind so klar kalkuliert!" Christian Gerhaher

   

Wir wissen allerdings, dass Menschen in schweren Krisen immer wieder sehr spektakulär auf ihre Situation aufmerksam machen, ehe sie vielleicht tatsächlich Selbstmord begehen. Ihre Gefühle sind dabei aber authentisch! 

Etwas anderes habe ich eigentlich nicht sagen wollen. Nur eine Interpretation dieser Gefühlslage hin zum konkreten Tod entspricht für mich nicht dem Authentischen. Suizid ist ein komplexes Phänomen, das sich in sehr unterschiedlichen Formen präsentiert. Die „Winterreise“ ist für mich die ungemein differenzierte Darstellung einer psychischen Krise, sie ist aber nicht radikal im existenziellen Sinn. Das Werk ist keine Abrechnung mit dem Leben, ich empfinde es nicht als Reise in den Tod. Es vermittelt keine radikale Weltsicht eines Menschen, der am Rande steht, sondern im Gegenteil einen starken, sehnsüchtigen Blick in diese Welt hinein! 

Monika Mertl   
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).