Gelebte Kammermusik  

Ein Konzertprojekt zwischen Wien und London  

Unter dem Titel „Zweimal vier“ teilen sich zwei junge Streichquartette der Royal Academy of Music London und der Musikuniversität Wien das Podium des Gläsernen Saals. Die „Musikfreunde“ werfen gemeinsam mit Johannes Meissl, dem Spiritus rector dieses außergewöhnlichen Projekts, einen Blick auf die vielfältigen Ebenen des Kammermusizierens. 

Die gezielte Förderung des musikalischen Nachwuchses ist seit ihrer Gründung vor mehr als zweihundert Jahren wichtiges Anliegen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Zu ihrer ambitionierten Zielsetzung, der „Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“, zählte explizit auch die Einrichtung eines Konservatoriums, das 1817 seine Unterrichtstätigkeit aufnahm und knapp hundert Jahre lang – als private Institution – die wichtigste musikalische Ausbildungsstätte des Habsburgerreiches war, ehe sie 1909 in staatliche Obhut übergeben wurde.  Klangvolle Beispiele für die aktuelle Jugendförderung des Musikvereins sind seit einigen Jahren Kooperationsprojekte, die die Gesellschaft der Musikfreunde mit der Nachfolge-Institution ihres Konservatoriums, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, wie auch mit der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien pflegt. In den zwei „High.Class“-Konzertreihen stellen Studierende der beiden Talenteschmieden den hohen Level ihres Könnens unter Beweis. 

Über Ländergrenzen hinweg

In diesem Kontext steht nun auch ein Konzert im Gläsernen Saal am 28. Jänner, in dem ein Streichquartett der Musikuniversität Wien (das Selini Quartett) und eines der Royal Academy of Music London (das Echéa Quartet) gemeinsam das Mendelssohn-Oktett musizieren und sich einzeln in Werken von Haydn und Schostakowitsch präsentieren. Die intensiv gepflegten Kontakte der Musikuniversität mit anderen führenden Institutionen Europas und in Übersee machen neben langfristigen Kooperationen auch „spontane“ Projekte möglich.  Spontan wurde die Idee zu dieser außergewöhnlichen Zusammenarbeit geboren. Ein gutes Gespräch unter Kollegen aus Wien und London genügte. So reisen nun die Wiener zunächst nach London, wo den acht jungen Streicherinnen einige Tage zur Verfügung stehen, in denen sie sich kennenlernen, austauschen und, unterstützt von ihren Professoren, ihre gemeinsame Mendelssohn-Interpretation erarbeiten können. Nach einem ersten Konzert in London geht es dann nach Wien in den Musikverein. 

Hochqualitative Alternative

Wien, genauer: die Musikuniversität Wien gilt mittlerweile international als „das Paradies“ in Sachen Kammermusik, sagt, mit berechtigtem Stolz, Johannes Meissl, der von Wiener Seite hinter dem Gemeinschaftsprojekt steht. Er war um die Jahrtausendwende Teil einer engagierten Initiativgruppe, die darauf abzielte, der Kammermusik in der Ausbildung mehr Gewicht zu verleihen. Im Zuge der Neuorganisation der Musikhochschule als Universität wurde schließlich ein eigenes Institut für Kammermusik eingerichtet, dessen Vorstand Meissl seither ist.  „Es geht hier um eine Alternative zum Konzertfachstudium – auf mindestens gleichem Qualitätsniveau“, erläutert Johannes Meissl einen der Grundgedanken. Die flexible Struktur, in der Master- und postgradual Master-Studierende gemeinsam mit Konzertfachstudierenden mit Pflichtfach Kammermusik betreut werden, hat sich bestens bewährt. „Diese Mittelstufe zwischen dem Spielen allein und im Orchester ist eine wichtige Erfahrung und auch eine wunderbare Form, die jungen Musiker aus dem Einzeltunnel herauszubringen“, weiß er aus Erfahrung. „Gleichzeitig sind die Qualitäten, was Ensembledenken, -spüren und -fähigkeit insgesamt anbetrifft, gestiegen. Das bewirkt auch ein viel besseres Spielen in einem großen Kollektiv.“ Nicht zuletzt deshalb hat das Institut für Kammermusik (in das jüngst auch Alte und Neue Musik integriert wurden) auch hausintern höchste Wertschätzung erlangt: „weil die Qualität des Orchesters dermaßen gestiegen ist“.   

Was den Musiker ausmacht

Der Kammermusikunterricht ist stark auf Eigenständigkeit der jungen Musiker ausgelegt. Sie sollen lernen, „wie man das macht, wenn man zu dritt, zu viert, zu fünft an ein Stück herangeht, dass zum Schluss etwas entsteht, das man mit Fug und Recht eine Interpretation nennen kann – und nicht etwas, das sich so ergeben hat, weil man es länger geübt hat“, bringt Johannes Meissl das Kernanliegen auf den Punkt. Wie er das als Pädagoge angeht? Da führt er ins Treffen, dass er, der zunächst als Assistent und in der Folge als Gastprofessor Geigenklassen betreute, froh darüber ist, dass sich seine Laufbahn wesentlich auf die Kammermusik ausgerichtet hat. Denn: „In der Kammermusik ist man viel näher an der Musik. Die Arbeit mit Kammermusikensembles ist wenig dazu verleitend, etwas anzubieten, das man nachahmen kann. Ich kann einem Quartett nicht vorspielen, wie es klingen soll. Mit einem Ensemble kann ich in die Tiefen einer musikalischen Struktur oder Aussage gehen. Natürlich kann ich durch mein Wissen und meine Erfahrung viele Hilfestellungen geben und Wege zeigen. Aber letztlich geht es darum, dass aus den Kräften der Ensemblemusiker heraus ein Stück neu lebendig wird. Das müssen sie selbst entwickeln und zum Erblühen bringen. Das ist eine Arbeit, die so nah an dem dran ist, was uns Musiker ausmacht.“ 

Komplex und volatil

Diese Arbeit beschreibt Johannes Meissl als äußerst komplex, wie die Kammermusik überhaupt ein komplexes System sei: „Komplex in dem Sinn, dass die Signale, die man aussendet und empfängt, nicht nur hin und her gehen. Als Kammermusiker verändere ich mich sofort, wenn ich etwas aufnehme, das von den anderen kommt, und sende daher nicht das ab, was ich ursprünglich vorgehabt habe, sondern etwas, das darauf reagiert, was ich soeben empfangen habe.“ Dies verlangt ein ordentliches Maß an Offenheit, einer Offenheit, „an der man ständig arbeiten muss. Gemeint ist: offen sein für Eindrücke und Botschaften, die von außen auf einen zukommen; und auch: bereit sein, sich selbst zu öffnen und etwas von sich herzugeben.“ Hinzu kommt – unabdingbar  – die Notwendigkeit solistischer Qualifikation. „Die muss man immer aufrechterhalten, während man sich genauso in ständig wechselnden funktionalen Hierarchien einordnen, kurzfristige Gruppen bilden und wieder wechseln muss. Das ist eine quasi volatile Struktur. Wenn man daran nicht gewöhnt ist, kann das sehr irritierend sein, auch für hervorragende Spieler. Das eine ist: zuhören; das andere: es selber machen. Die Herausforderung aber ist, beides gleichzeitig zu tun. Wenn es gelingt, sich darauf einzulassen, ist es unvergleichlich mehr Spaß, als allein zu geigen“, sagt Johannes Meissl. 

Spannungen als Chance

Er weiß, wovon er spricht. Seit 36 Jahren ist er Mitglied des Artis-Quartetts Wien, das in all den Jahren in gleicher Besetzung spielt und seit drei Jahrzehnten einen eigenen Konzertzyklus bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gestaltet. Wie eine so enge Zusammenarbeit künstlerisch und menschlich über einen so langen Zeitraum hinweg möglich ist? Johannes Meissls Erklärung ist klar und knapp: „Wir mögen einander, wir schätzen einander, und wir halten einander aus.“ Denn eines ist klar: „Man kann nicht jahrzehntelang ununterbrochen alles großartig finden, was die jeweils anderen tun. Das ist wie in jeder anderen Beziehung auch.“ Die zwischenmenschliche Komponente ist nicht zu unterschätzen und freilich ungemein wichtig. „Spannungen liegen in der Natur der Sache, wenn Menschen aufeinandertreffen und etwas gemeinsam tun“, sagt Johanne Meissl. „Spannungen sind aber auch die einzige Chance, damit etwas entstehen kann. Natürlich gibt es das Potenzial, dass diese Spannungen zu unproduktiven Konflikten führen. Die Frage ist immer, wie man es gemeinsam schafft, Spannungen in produktive, positive Energie zu verwandeln.“ 

"Letztlich geht es darum, dass aus den Kräften der Ensemblemusiker heraus ein Stück neu lebendig wird. Das müssen sie selbst entwickeln und zum Erblühen bringen. Das ist eine Arbeit, die so nah an dem dran ist, was uns Musiker ausmacht.“ Johannes Meissl

Wecken und entdecken

Daraus erklärt sich auch, dass die Arbeit Johannes Meissls mit seinen Studierenden sich nicht auf rein Künstlerisches beschränken kann. Erfahrung, Wissen und ein feines Sensorium fließen selbstverständlich in seinen Unterricht oder sein „Coaching“, wie er es gerne nennt, mit ein. Und wie ein Ensemble funktioniert, hängt auch stark von den einzelnen Persönlichkeiten ab und zum Teil auch davon, woher sie kommen. In dieser Hinsicht ist er besonders vorsichtig in der Wortwahl, denn nichts läge ihm ferner als Generalisierung. „Gerade bei Menschen aus Kulturräumen, die eher noch hierarchisch geprägt sind und in denen das Artikulieren einer eigenen Meinung nicht im Vordergrund der Erziehung steht, dauert es ein bisschen länger, bis ein multipler Dialog entstehen kann. Aber man sieht sofort: Fast alle haben Freude daran, dass diese Seite von ihnen überhaupt gefordert und geweckt wird.“ 

Starkes Lebenszeichen

Das Selini Quartett zeigt aufs Schönste, wie Johannes Meissls Arbeit und das mit Bedacht entwickelte Konzept des Kammermusikinstituts aufgehen: Die beiden Geigerinnen sind Zwillingsschwestern russischer Herkunft, die in Norwegen aufgewachsen sind und bereits ein Geigenstudium an der Musik und Kunst Privatuniversität absolviert haben. An der Musikuniversität machen sie derzeit ihren Kammermusik-Master. Gleiches gilt für die aus Griechenland stammende Cellistin. Und die rumänische Bratschistin ist Konzertfachstudierende an der Musikuniversität, die ihr Pflichtfach Kammermusik intensiver als gefordert betreibt. In den eineinhalb Jahren, in denen die vier nun schon von Johannes Meissl betreut werden, haben sie sich „extrem entwickelt“, wie ihr Professor hervorhebt. Sie wurden auch bereits ins Programm der länder- und institutionenübergreifenden European Chamber Music Academy aufgenommen, deren künstlerischer Direktor Meissl, gemeinsam mit Hatto Beyerle, ist. Auf sich aufmerksam gemacht hat das Selini Quartett jüngst auch mit dem Gewinn des Zweiten Preises beim Internationalen Szymanowski-Wettbewerb. Bei ihrem Debüt im Musikverein nun zeigen sie, auch mit ihren Londoner Kollegen, wie’s klingt: gelebte Kammermusik.

Ulrike Lampert 
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.