Kinder sind immer Kinder 

Andy Hallwaxx bei „Allegretto“

Der quirlige Andy Hallwaxx, erlernter Beruf: Friseur, zog einst vom Salon seiner Großeltern im Burgenland aus, um die Welt zu entdecken – als Statist an der Metropolitan Opera in New York. Kaum in die Heimat zurückgekehrt, begann er am legendären „Mobilen Theater für Kinder“ zu spielen, kurz Moki genannt. 2019 feiert der mittlerweile weithin bekannte und höchst erfolgreiche Regisseur, Film- und Theaterschauspieler sein 20-jähriges Jubiläum als Kindertheatermacher und kommt mit einem neuen Programm wieder zu „Allegretto“. Sabine M. Gruber traf ihn zum Gespräch.

War es bei dir so etwas wie „Doing by Doing“? 
Ja, so könnte man sagen. Gleich nach meiner Rückkehr aus New York hab ich – ohne Ausbildung – zwei Jahre lang im Moki Kindertheater gespielt, über 1000 Vorstellungen. So hab ich das Metier von Grund auf gelernt. Und auch wenn ich mich ganz woanders hin entwickelt habe, mache ich immer noch Kindertheater. Weil ich es mag – und kann. Ich kann einfach gut mit Kindern.

Hat das kindliche Publikum, haben „die Kinder“ sich in diesen 20 Jahren verändert, als Folge gesellschaftlicher und technischer Umbrüche? 
Also, darauf sollte ich wahrscheinlich sagen: Ja, sie haben sich enorm verändert, weil sie immer mehr Medien konsumieren und nur mehr am Computer und am Handy spielen. Doch wenn ich ehrlich bin – eigentlich nicht. Die Faszination des Live-Erlebnisses ist gleich geblieben. Kinder sind immer Kinder. Sie kommen immer mit dieser irrsinnigen Erwartung. Ich höre ja unmittelbar vor der Vorstellung, was los ist. Wie die aufgeregt sind. Die Kinderstimmen – ein unvorstellbarer Lärmpegel! Diese wahnsinnige Energie, mit der Kinder den Raum füllen – da hat sich nichts geändert. Live ist live. Natürlich gehen sie dann raus und spielen am Computer. Aber in dieser einen Stunde im Theater sind sie so, wie Kinder eben sind. Und wenn ich da vorne stehe, schauen sie mich an, erwartungsvoll, mit großen Augen. Ein Live-Erlebnis im Theater hat eigene Gesetze.

Und wie ist das mit „Stadt und Land“?
Da gibt es eindeutig ein Gefälle. Aber auch das war immer schon so. Ob du im südlichen Burgenland spielst oder in Wien, das macht einen Riesenunterschied. Für die Kinder in der Stadt brauchst du einfach mehr Power.

Findest du Kindertheater schwieriger als Theater für Erwachsene?
Nein, ich finde Kindertheater überhaupt nicht schwierig. Und die Themen, die ich aussuche, die klingen vielleicht schwierig, sind es aber nicht. Wie man etwas für Kinder erzählt – das habe ich vor allem von Regisseuren aus Tschechien gelernt. Die haben diese unglaubliche Leichtigkeit! Im Osten hat Kinder- und Puppentheater einen ganz anderen Stellenwert und ein extrem hohes Niveau; es ist sogar ein Fach an der Universität. Vieles habe ich ins Erwachsenentheater übernommen. Egal bei welchem Publikum – die Spannung so halten, dass die Leute dranbleiben, das muss man draufhaben. Bei Kindern kannst du’s perfekt lernen – da musst du nämlich jede Sekunde präsent sein, sonst bist du weg.

Wie ist das bei den Erwachsenen?
Die sind natürlich auch weg, wenn die Spannung nachlässt, aber die gehen dann halt nicht aufs Klo oder hüsteln die ganze Zeit oder bohren in der Nase. Weil man so etwas eben nicht tut. Aber in Wahrheit sind sie genau gleich. Sie lassen es sich nur weniger anmerken. 

Gibt es Stoffe, die sich für Kinder besonders oder gar nicht eignen? 
Natürlich gibt es Grenzen, extreme Gewalt zum Beispiel – aber sehr vieles eignet sich perfekt, selbst wenn es auf den ersten Blick gar nicht so aussieht, „Peer Gynt“ zum Beispiel. Wir haben das hingekriegt, und es war sehr gelungen. Die Kinder nehmen das an, auch wenn in diesem Stück am Ende die Mutter stirbt. Es kommt immer auf das Wie an und was man eventuell ausspart. Oder wie man es abfängt oder bricht. Bei „La traviata“ etwa haben wir kollektives Weinen geübt. Oder nehmen wir „Orpheus und Eurydike“: Da hab ich die Kinder gefragt – dreht er sich um oder nicht? Die haben gesagt – nein! Und ich: Doch, er dreht sich um, ist eben ein Trottel, was soll man machen! Allein indem man die Situation beredet, kann man sie bewältigen. Mit der Zeit weißt du, was ein Thema sein könnte. Und fängst es ab. 

Kann es sein, dass man Kinder bisweilen unterschätzt? 
Ja, das ist eine Gefahr. Aber gute Kindertheaterleute machen das nicht. Die Kinder merken nämlich sofort, ob du sie ernst nimmst oder nicht. Nur Ironie darfst du nicht verwenden, das verstehen sie nicht.

Die Figur des Faust, von der du in deinem neuen Programm ausgehst, ist ja faszinierend. Von der realen Person des Johann Georg Faust (1480–1541) über die komische Faust-Figur im England der Renaissance bis zum literarischen und humanisierten Goethe’schen „Faust“ (1797), den wir alle aus dem Deutschunterricht kennen. 
Mein Faust hat etwas von all diesen Faust-Figuren. Von Goethe greife ich hauptsächlich die Handlungsstruktur auf – und die lustigen Zitate. „Des Pudels Kern“ zum Beispiel. Es kommt ein Pudel vor, und den spiele natürlich ich, wie auch alle anderen Rollen. Der ursprüngliche Faust war ja ein Magier – das ist primär mein Faust.

Ein Zauberer, der seine Seele verkauft. Jemand, der alles gelernt hat und trotzdem nichts kann: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Das ist ideal für Kinder. Denn was gibt es nicht alles, was sie gerne können würden! Und da sehen sie plötzlich diese Möglichkeit – man braucht eigentlich nur einen Vertrag unterschreiben! Ich siedle meine Geschichte im Zirkusmilieu an. Mit einem Zirkusdirektor und dem Teufel, der dem Faust alle Tricks beibringt. Mein Gretchen ist ein wissbegieriges Clown-Mädchen, gescheit und zugleich lustig, das unentwegt fragt. „Woher kommst du, was machst du, was ist deine Lieblingsspeise und was hast du für eine Religion?“ Das Drama kommt auch vor – am Ende sägt Faust nämlich das Gretchen in der Mitte auseinander, symbolisch für die total tragische Liebesgeschichte im Goethe’schen Faust. Ganz am Schluss zaubert er sie wieder zusammen und sagt: „Augenblick, verweile doch, du bist so schön.“ Damit hat der Teufel die Wette gewonnen. Denn Faust hätte das eben nicht sagen dürfen.

Die Originaltexte und Zitate mixt du mit deinen eigenen?
Ja, ich verbinde alles zu einer ganz neuen Geschichte. Diesmal spiele ich, quasi als Erinnerung an mein allererstes Programm, sämtliche Figuren selbst. Mit klassischen Dialogen kann ich da nicht arbeiten – ich spiele die Figuren nacheinander und rede dazwischen mit mir selber. Als Gag. Oder unterhalte mich mit einem Instrument, das für eine Figur steht. Die Klarinette spielt zum Beispiel, im wahrsten Sinn des Wortes, Gretchens Bruder Valentin. Das klingt jetzt ein bisschen abstrakt, aber für Kinder ist es gar kein Problem, sich das vorzustellen.  

Und wie „komponierst“ du die Musik?
Die Musik ist enorm wichtig! Der Faust-Stoff wurde ja unzählige Male vertont. Ich baue aus bekannten Musikstücken eine neue musikalische Geschichte zu meiner Geschichte. Unter anderem verarbeite ich Stücke aus Charles Gounods Oper „Margarethe“, Schuberts „Gretchen am Spinnrade“, Ausschnitte aus Hector Berlioz’ „Fausts Verdammnis“, Arrigo Boitos „Mefistofele“ und Ferruccio Busonis „Doktor Faust“. Und Alfred Schnittkes „Historia von D. Johann Fausten“, da gibt’s einen ganz wüsten Tanz. Das ist eigentlich die meiste Arbeit. Alle Werke, die in Frage kommen, durchhören, mit Partitur, Themen und Stücke auswählen. Was eignet sich inhaltlich, was ist für Kinder verständlich und wie kann man es instrumentieren und arrangieren?

Welche Instrumente kommen vor – und warum gerade diese?
Diesmal habe ich zwei Klarinetten, ein Cello und eine Geige. Sie sind ausdrucksstark, flexibel – und mobil. Die Klarinette kann mit mir auf der Bühne stehen und in einen Dialog treten. Sie hat besonders schöne Farben, sie kann ein Pudel sein oder auch ein Mephisto. Cello und Geige wiederum machen einen satten Liebessound. Die Arrangements sind die nächste große Herausforderung. Und dann natürlich das Spiel der Musiker auf der Bühne. Die Werke sind wirklich schwer! Das kann das Publikum womöglich gar nicht abschätzen – am Ende klingt alles so leicht.
In diesem Sinne: „Der Worte sind genug gewechselt!/ Lasst mich auch endlich Taten sehn./ Indes ihr Komplimente drechselt,/ Kann etwas Nützliches geschehn.“

Das Gespräch führte Sabine M. Gruber.
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte u. a. das in mehreren Auflagen erschienene Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und zuletzt „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.

Andy Hallwaxx
© Dieter Nagl

Andy Hallwaxx 

Allegretto-Kinderkonzert

Andy Hallwaxx, Autor und Schauspiel 
Kammermusikensemble 

Pudel, Faust und kleine Hexen
oder: Als Faust noch ein Fäustling war


Samstag, 16. Februar 2019, 14.00 Uhr

Publikum
© Valentina Hornek

Publikum 

Allegretto-Kinderkonzert

Andy Hallwaxx, Autor und Schauspiel 
Kammermusikensemble 

Pudel, Faust und kleine Hexen
oder: Als Faust noch ein Fäustling war

Samstag, 16. Februar 2019, 17.00 Uhr

Andy Hallwaxx
© Fritz Novopacky

Andy Hallwaxx 

Allegretto-Kinderkonzert

Andy Hallwaxx, Autor und Schauspiel 
Kammermusikensemble 

Pudel, Faust und kleine Hexen
oder: Als Faust noch ein Fäustling war

Sonntag, 17. Februar 2019, 11.00 Uhr

© Benjamin Gallé

 

Allegretto-Kinderkonzert

Andy Hallwaxx, Autor und Schauspiel 
Kammermusikensemble 

Pudel, Faust und kleine Hexen
oder: Als Faust noch ein Fäustling war

Sonntag, 17. Februar 2019, 16.00 Uhr