Ein Franzose in Wien

Alain Altinoglu

Bei jedem seiner Gastspiele in Wien hat Alain Altinoglu eine glänzende Visitenkarte abgegeben. Anfang 2019 gastiert der französische Dirigent gleich dreimal im Musikverein – im Februar am Pult der Wiener Symphoniker und mit seiner Frau, der Mezzosopranistin Nora Gubisch.

Wien ist für Alain Altinoglu die Destination in der laufenden Saison – neben Brüssel freilich, wo er seit 2016 Musikdirektor des Opernhauses La Monnaie ist. An der Wiener Staatsoper hat er im vergangenen Herbst eine rundum bejubelte Produktion von Hector Berlioz’ Mammutwerk „Les Troyens“ geleitet, im ersten Jahresquartal 2019 dirigiert er im Musikverein gleich drei Orchester: die Wiener Philharmoniker im Jänner, die Wiener Symphoniker im Februar und – im Zuge einer Europa­Tournee im März – das Orchestre National de France.

Geliebte französische Musik

Mit den Wiener Symphonikern ist Altinoglu im Musikverein bereits aufgetreten. Die Wiener Philharmoniker nach einer ganzen Reihe von Operndirigaten an der Staatsoper und einem Konzert bei der Mozartwoche Salzburg nun erstmals im Großen Musikvereinssaal zu dirigieren bedeutet ihm sehr viel. Es ist mit einer starken Erinnerung verbunden: „Vor zwanzig Jahren habe ich die Wiener Philharmoniker erstmals im Musikverein gehört“, erzählt er. „Meine Frau hat gesungen, Georges Prêtre hat dirigiert. Ich erinnere mich, ich saß in der Loge von Georges Prêtre. Diesen Klang zu hören – das war einfach fantastisch!“ Aufgeführt wurde damals Debussys „Le Martyre de Saint-Sébastien“, ein Werk, das Altinoglu dann bei seinem Musikvereinsdebüt im Mai 2013 am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien selbst im Goldenen Saal dirigierte. Die Bandbreite des 43-jährigen Franzosen ist in Sachen Repertoire immens. Trotzdem hat er nicht das Geringste dagegen einzuwenden, wenn man sich allerorten Französisches in seinen Programmen wünscht. So ist er mit Blick auf seine bevorstehenden Konzerte in Wien „glücklich darüber, auch mit meiner geliebten französischen Musik zu kommen“.

Musikalische Verwurzelung

Wobei: Im Blut liegt dem Sohn armenischer Eltern – der Vater Mathematiker, die Mutter Pianistin – das Französische nicht, selbst wenn er in Paris geboren wurde. Seine Muttersprache ist Armenisch, und die erste Sprache, die er lesen lernte, war die Musik. ◊Ich konnte noch keine Buchstaben lesen, als meine Mutter mich lehrte, Noten zu lesen. Die Musik war somit für mich das Allererste. Danach erst lernte ich Französisch sprechen und lesen.“ Die familiären Wurzeln mögen nicht französisch sein – die musikalischen sind es dafür umso mehr. „Meine gesamte Ausbildung war französisch“, so Altinoglu. „Im Grunde auch die meiner Mutter. Sie hat in Istanbul bei einem Deutschen studiert, der Schüler von Franz Liszt war.“ Alain Altinoglu selbst ist durch seine Lehrer ein Enkel- bzw. Urenkel-Schüler von Gabriel Fauré und Camille Saint-Saëns, und etwa Nadia Boulanger und Olivier Messiaen waren am berühmten Pariser Conservatoire gewissermaßen noch präsent, als Altinoglu hier studierte.

Überwältigt von der Stimme

Sein Instrument war das Klavier. Bis heute, da er als Dirigent an den wichtigsten Opernhäusern, bei Festivals wie den Bayreuther Festspielen und bei führenden Orchestern gastiert, spielt Alain Altinoglu Kammermusik und gibt Liederabende mit seiner Frau, der Mezzosopranistin Nora Gubisch. Zum Dirigieren kam er so zufällig wie selbstverständlich, ohne je auch nur eine einzige Unterrichtsstunde darin erhalten zu haben. Den Ausschlag gab, es darf durchaus so gesagt werden, die Stimme seiner Frau. ◊Wir kannten einander schon, als wir sehr jung waren“, erklärt Altinoglu. „Sie war Pianistin wie ich, und wir waren an der gleichen Schule, wenn auch nicht beim gleichen Lehrer. Irgendwann – ich war sechzehn, sie bereits zwanzig – erzählte sie mir, sie habe die Aufnahmeprüfung ans Conservatoire gemacht. Ich war ein bisschen neidisch und fragte, bei welchem Lehrer. Nein, nein, sagte sie – nicht in Klavier, in Gesang. Wir gingen in einen Überaum, und sie begann, für mich zu singen. Ich saß am Klavier: ,Widmung‘ von Schumann und die Habanera aus ,Carmen‘ – das waren die ersten Stücke, die ich begleitet habe. Nie zuvor hatte ich eine Opernstimme so nah gehört. Ich war überwältigt.“

Von jetzt auf gleich

Bald darauf begann Alain Altinoglu als Korrepetitor mit Sängern zu arbeiten – zunächst an kleineren Musiktheatern, dann als Gast am Théâtre du Châtelet, am Théâtre Comique und an der Pariser Oper, gefolgt von Einladungen nach San Francisco und nach Salzburg. „Das habe ich sieben, acht Jahre lang gemacht. Eines Tages wurde mir an der Pariser Oper angeboten, Assistent zu werden. Als dann an einem Probentag der Dirigent – es war Dennis Russell Davies – ins Krankenhaus musste, weil seine Frau gerade ihre Tochter zur Welt brachte, sollte ich die Orchesterprobe übernehmen. Ich hatte nie zuvor in meinem Leben dirigiert. Da stand ich also vor dem Orchester der Pariser Oper – und es ging ganz gut.“ Das Orchester sei sehr ermutigend gewesen, erinnert sich Altinoglu, der von da an regelmäßig am Pult stand. Er verschlang Bücher übers Dirigieren und über Dirigiertechnik in mehreren Sprachen, sah sich unzählige Videos an und profitierte, nicht zuletzt, von den vielen Erfahrungen mit Dirigenten, mit denen er als Korrepetitor zu tun hatte. „Ich hatte die Möglichkeit, mit wirklich großen Dirigenten zu arbeiten: mit Georges Prêtre, Pierre Boulez, Esa-Pekka Salonen zum Beispiel. Und ich habe auch mit schlechten Dirigenten gearbeitet, was sehr nützlich war, um zu verstehen, was man niemals machen sollte.“

Kindlicher Ehrgeiz

Mittlerweile gibt Alain Altinoglu Wissen und Erfahrung an den Nachwuchs weiter: Er betreut eine Dirigierklasse am Pariser Conservatoire. „Es war anfangs seltsam, etwas zu unterrichten, das ich selbst nie gelernt hatte“, räumt er ein. „Aber Daniel Barenboim hat einmal gesagt – und er hat völlig recht: Was wichtig ist, ist, dem Orchester zu kommunizieren, was man will. Die Art, wie man es kommuniziert, ist sehr persönlich. Wenn man wirklich weiß, was man will, kommt die natürliche Geste von allein.“ In seiner Dirigentenlaufbahn kam Alain Altinoglu über die Oper zum symphonischen Repertoire. In seiner persönlichen Entwicklung allerdings gehörte seine Liebe zuerst dem „puren Orchester“, wie er erzählt. Als Zwölfjähriger stand er ganz im Banne Beethovens und hütete die Beethoven-Partituren, die sein Großvater ihm überlassen hatte, wie einen Schatz. „Es waren sehr alte Partituren. Sie kennen das bestimmt: Wenn man darin blättert, brechen sie auseinander. Ich wollte diese Musik unbedingt auf dem Klavier spielen. Also habe ich von Beethovens Sechster Symphonie, der ,Pastorale‘, eine Transkription für Klavier zu vier Händen geschrieben, um sie gemeinsam mit meiner Schwester spielen zu können. Ich war ziemlich stolz, als ich es nach sechs Monaten geschafft hatte. Aber als ich fertig war, habe ich entdeckt, dass Franz Liszt schon eine Transkription gemacht hat – für Klavier zweihändig und viel besser als ich.“ Seine eigene Beethoven-Übertragung, das Werk von Kinderhand, hält Alain Altinoglu in Ehren. Es scheint nicht abwegig, sie als frühes Indiz für die außergewöhnlichen Möglichkeiten des Künstlers zu verstehen und auch als Indiz dafür, was der Wille im Zusammenspiel mit der nötigen Begabung zu erzielen vermag. Dass Altinoglu so ganz nebenbei eine Vorliebe für den Jazz hegt und dies schon einmal spontan am Klavier auch zeigt, ist eine weitere von seinen vielen Facetten.

„Ich hatte die Möglichkeit, mit wirklich großen Dirigenten zu arbeiten: mit Georges Prêtre, Pierre Boulez, Esa-Pekka Salonen zum Beispiel. Und ich habe auch mit schlechten Dirigenten gearbeitet, was sehr nützlich war, um zu verstehen, was man niemals machen sollte.“Alain Altinoglu

Prokofjew jeden Mittwoch

Mit dem Liszt-Prokofjew-Programm, das er im Februar am Pult der Wiener Symphoniker dirigiert, erfüllt sich für ihn ein lang gehegter Wunsch – konkret mit der Kantate „Alexander Newskij“, die Sergej Prokofjew aus seiner Filmmusik zum gleichnamigen Historienfilm von Sergej Eisenstein ableitete. Zu diesem Werk hat Altinoglu eine ganz besondere Verbindung, und das in mehrfacher Hinsicht: „Als ich fünf, sechs Jahre alt war, hörte ich meine Mutter, die eine begehrte Klavierbegleiterin war, das Stück mit einem Pariser Amateurchor proben. Seither liebe ich diese Musik.“  Nach dem frühen Tod seiner Mutter und nachdem er die Matura in der Tasche hatte, schrieb sich Altinoglu – nicht zuletzt seinem Vater zuliebe – an der Universität ein. „Da gab es einen Chor, der am Ende eines jeden Studienjahres ein Konzert gab und somit ein ganzes Jahr Zeit hatte, ein Stück einzustudieren. Damals war das ,Alexander Newskij‘“, so Altinoglu.

„Weil ich den Eindruck hatte, dass die Arbeit nicht so recht voranging, habe ich dem Chorleiter angeboten, den Chor während der Proben am Klavier zu begleiten, und so habe ich ein ganzes Jahr lang jeden Mittwoch ,Alexander Newskij‘ gespielt.“ Dass sich für ihn nun ausgerechnet im Musikverein in Wien erstmals die Möglichkeit bietet, das geliebte Werk zu dirigieren, erfüllt Alain Altinoglu mit besonderer Freude. Auch die Rahmenbedingungen könnten besser nicht sein: Er schätzt die Wiener Symphoniker ebenso wie den Wiener Singverein – und nicht zuletzt die Solistin, seine Frau. „Ich habe Nora oft schon ,Alexander Newskij‘ singen gehört. Sie hat diesen Part mit einigen russischen Dirigenten gesungen. Dieses Mal singt sie ihn mit einem französischen“, sagt er lachend. „Ich wollte unbedingt, dass sie dieses Stück einmal mit mir macht – und es ist natürlich immer schön, zusammenzuarbeiten, mit dem Bonus, zusammen zu sein.“

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.