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Sir Simon Rattle und das London Symphony Orchestra

Seit September 2017 ist Sir Simon Rattle Musikdirektor des London Symphony Orchestra. Seine Rückkehr nach Großbritannien nach langen Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker hat dem musikalischen Leben des Landes, in dem sich derzeit alles um den „Brexit“ dreht, neuen Schwung verliehen. Im Februar 2019 kommt Rattle erstmals gemeinsam mit dem LSO in den Musikverein. Jessica Duchen interviewte ihn für die „Musikfreunde“.

Sie bringen zwei ungewöhnliche Programme mit nach Wien, eines mit Rameau, Ravel und Debussy, das andere mit Bartók und Bruckner. Warum diese Auswahl?
Die Wiener Philharmoniker können jede Art von Repertoire im Musikverein spielen, jedes andere Orchester jedoch muss lernen, sich ganz speziell auf diesen besonders sensiblen Rahmen einzustellen. Das Programm ist entscheidend. Unsere beiden Programme zeigen, was wir in London so machen, aber es ist auch eine Musik, die an diesem außerordentlichen Ort funktionieren wird.

Welche Herausforderungen birgt der Konzertsaal?
Genauso, wie man hart daran arbeiten muss, das Beste aus einer großartigen Geige herauszuholen, ist dieser Konzertsaal ein ganz besonderes Instrument: Es ist das Makro-Instrument, auf dem ein Orchester spielt, und man kann unendlich viel lernen, wenn man dort ist. Es gibt kaum einen anderen Konzertsaal mit einer ähnlichen Mischung von verblüffenden Vorteilen und Herausforderungen. Die Wiener Philharmoniker sind ein Opernorchester und daher daran gewöhnt, die Klänge auszubalancieren, aber ein Orchester auf Tournee braucht Zeit, um sich anzupassen. Streicherfiguren, die sich in jedem anderen Konzertsaal verlieren, erklingen hier oft mit wunderbarer Klarheit, solange das Blech mit etwa 30 Prozent seiner üblichen Lautstärke spielt. 


Es ist ungewöhnlich, französische Barockmusik von einem Symphonieorchester zu hören ... 
In den letzten Jahren hat das LSO sehr wenig klassische Musik gespielt, nicht einmal Mozart und Haydn, und Barockmusik fast gar nicht. Aber weil sie das LSO sind, kommen sie damit wunderbar klar. Barockmusik passt hervorragend zu ihnen; einige der Musiker kennen den Stil, und andere sind neugierig und freuen sich, ihr Repertoire zu erweitern. Interessanterweise hat ein Orchester, das Berlioz so gut spielt, nie Probleme mit Rameau. Es gibt über die Jahrhunderte hinweg eine gewisse Verbindung zwischen den beiden. Aber auch ein Orchester, das natürlich Jazzrhythmen spielt, kann auch die inegalen Rhythmen von Rameau spielen. Das ist wie der frühe Duke Ellington – mit dieser Art sanftem Swing. Englische Musiker verfügen über eine ganz ungewöhnliche Flexibilität – der Anfang mit dieser Gruppe fiel mir leichter als mit jeder anderen Gruppe, mit der ich gearbeitet habe. Das ist eine wunderbare Draufgabe zur Qualität eines Orchesters! Ich frage mich, ob die Dominanz von Originalklang-Ensembles den Nebeneffekt hatte, dass diese Werke aus dem Repertoire von größeren Orchestern verschwanden und damit auch für deren Publikum. Ich glaube, das stimmt – und in Großbritannien vergessen wir gern, dass Rameau in Mitteleuropa immer noch unüblich ist. Die Musik ist ein Geschenk für jedes Orchester, denn sie verfügt über eine so enorme Fantasie und Brillanz, außerdem kommt sie dem Sinn für Humor eines Orchesters wie des LSO entgegen. Aber, offen gesagt, auch Debussys „Images pour orchestre“ werden an Orten wie Wien selten gespielt. 

Ihr Solist bei Ravels G-Dur-Klavierkonzert ist Daniil Trifonov. Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?
Ich habe vor einigen Jahren sein erstes Konzert mit den Berliner Philharmonikern dirigiert, und das war einfach unvergesslich. Ein älteres Mitglied des Orchesters kam mit Tränen in den Augen zu mir und sagte: „Jetzt bin ich 40 Jahre hier und habe noch niemanden so Klavier spielen gehört.“ Es stimmt – es ist überwältigend. Es gibt einige Wunder da draußen, und er ist eines von ihnen. 

Bartók und Bruckner im zweiten Programm sind eine interessante Mischung ... 
Ich glaube, diese beiden Stücke passen sehr gut zusammen. Bruckner nannte die Sechste seine „frechste“ Symphonie, und ich weiß, was er damit meinte, denn sie ist ganz und gar nicht von jener Erhabenheit, die ihm manchmal zu eigen ist. Als Bartók seine „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ komponierte, schrieb er einem Freund, er habe keine Ahnung, wie vieles von dem klingen würde, und er könne es kaum erwarten, es zu hören. In gewisser Weise gingen beide Komponisten ein Wagnis ein, um zu sehen, was sie hervorbringen konnten. 

Wie organisieren Sie Ihr Leben zwischen Deutschland und London?
Meine Familie wollte in Berlin bleiben, und so gehe ich vier Monate im Jahr nach London und widme mich ganz und gar meiner Aufgabe, und dann versuche ich, den Rest der Zeit im Wesentlichen zu Hause in Deutschland zu sein. Ich nehme kaum Gastdirigate an, und alles, was ich zusätzlich mache, spielt sich überwiegend in Berlin ab. Das LSO zu übernehmen war einfach ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte – in jeder Hinsicht. Es bedeutete, nach Hause zurückzukehren und in meinem Land etwas zu machen, aber auch die Musiker und ihr Ethos waren für mich unwiderstehlich, ihre Wärme und ihr Humor und die Vorstellung, dass es im Hinblick auf ihre Interessen keine Grenzen gibt. Je besser ich sie kennenlernte, desto klarer wurde, dass dies ein wunderbares letztes Kapitel werden würde – ich kann mir nicht vorstellen, dass noch andere große Aufgaben auf mich warten. 

Wie denken Sie über den „Brexit“?
In dieser Situation gibt es absolut nichts, was die Lage für die Kunst verbessern könnte, aber damit sind wir konfrontiert. Fast nirgendwo auf der Welt ist es derzeit politisch nicht schwierig; Im Vereinigten Königreich scheinen wir eine besonders extreme Form davon zu erleben. Aber Musiker sind gut darin, schwierige Situationen zu meistern, und das werden wir tun. Was mir Angst macht, ist, was das für unsere Tourneetätigkeit bedeuten wird. Mit welchen Auswirkungen muss ein Orchester rechnen, das so oft wie das LSO durch Europa reist? Das kann logistisch wirklich kompliziert werden. Unsere Partner in Europa sagen überwiegend, dass sie unter diesen Umständen eher mehr als weniger mit uns arbeiten wollen, was gut ist – aber in der Praxis kann es sehr mühsam werden, von einem Land ins nächste zu reisen, wenn wir Visa brauchen und Zollbegleitscheine für unsere Instrumente. Wenn das Orchester eineinhalb Stunden länger braucht, um sich bei der Passkontrolle anzustellen, dann können wir den Tournee-Zeitplan, den wir heute haben, einfach nicht halten. Wir sind alle ein bisschen besorgt. Im Augenblick ist das alles jedoch noch Science Fiction. Wir werden sehen ...

Sehen Sie irgendwelche Chancen, dass das noch aufgehalten oder abgeschwächt werden kann?
Hätte ich das Gefühl, dass es irgendjemanden gibt, der politisch in irgendeine Richtung führt, dann könnte ich diese Frage beantworten. Aber auf keiner der Seiten ist das zu erkennen. Vorausschauende Planung wäre etwas ... nun, Außerordentliches gewesen. Es ist erstaunlich, dass niemand sich wirklich überlegt hat: „Wie funktioniert das in der Realität?“ Geschäftsleute, die ich kenne, verlegen bereits ihre Zentralen, denn sie müssen vorausplanen. Der Brexit ist schon da. 
Hätten Sie vom Brexit gewusst, hätten Sie das LSO dennoch akzeptiert?
Es geschah, nachdem ich den Job angenommen hatte, da ist also nichts dazu zu sagen. Hätte es einen großen Unterschied gemacht, wenn ich es gewusst hätte? Vielleicht, weil als ausübender Musiker siehst du sofort, wie das Leben von uns allen dadurch schwieriger werden wird, und vielleicht hätte ich gezögert – aber da ich schon zuvor zugesagt hatte, ist das alles hypothetisch. In der Tat ist es unter diesen Umständen sogar noch wichtiger, dort zu sein und mit den Musikern zusammenzubleiben.

Gibt es Fortschritte bei den Plänen für einen neuen Konzertsaal in der City of London? Glauben Sie, dass er gebaut wird?
Ich bin ziemlich optimistisch. Wir sind schon sehr weit; jetzt geht es darum, das Geld aufzutreiben, was nicht einfach ist. Die Tatsache, dass die Regierung daran nicht beteiligt ist, ist gegenwärtig ein Segen, denn alles, was von der zentralen Regierung kommt, sähe sich mit dem Argument konfrontiert, dass es für etwas anderes ausgegeben werden sollte – und natürlich sollte es das, liegt doch die gesamte Infrastruktur des Landes im Argen. So muss es von privaten Quellen kommen. Aber wir haben einen wunderbaren Architekten, Akustiker, Pläne, ein Grundstück, das uns im Wesentlichen von der Stadt geschenkt wird, wenn das Museum of London auszieht – also gibt es Hoffnung. Sollte es einen Konzertsaal des 21. Jahrhunderts in London geben, mit all den Möglichkeiten, Musik hinauszusenden, im digitalen Raum lebendig und präsent, die ganze Gesellschaft einzubinden und das edukative Engagement absolut in den Mittelpunkt zu stellen – dann ist das eine faszinierende Vorstellung. 

Das Gespräch führte Jessica Duchen.
Übersetzung aus dem Englischen von LLC Dr. Rössner & Co
Jessica Duchen, Musikpublizistin und Autorin in London, schreibt für die Tageszeitung „The Independent“. Sie veröffentlichte Bücher über Gabriel Fauré und Erich Wolfgang Korngold sowie eine Reihe von Romanen und Theaterstücken.