Späte Entdeckungen

Jan Dismas Zelenka und sein Kompositionswerk

Von Johann Sebastian Bach hoch geschätzt, von seinen Dresdner Dienstherren verkannt und von der Nachwelt vergessen, wird Jan Dismas Zelenka mit seinem musikalischen Œuvre nach und nach wiederentdeckt. Der Concentus Musicus Wien zollt dem böhmischen Meister Tribut und setzt unter anderem sein Werk mit dem rätselhaften Titel „Hipocondrie“ aufs Programm.

Ein Name im Musiklexikon, ein Tipp unter Kennern, ein Kapitel der Dresdner Musikgeschichte: Jan Dismas Zelenka. Wohl nur bei wenigen Musikfreunden erweckt der Name Assoziationen mit Gehörtem und Erlebtem – ein Schicksal, das Zelenka mit unzähligen Zeitgenossen und Nachfahren teilt. Und doch wächst allmählich die Zahl derer, die sich für das Werk des Komponisten mit dem ungewöhnlichen Namen und unspektakulären Lebensweg interessieren, denn hier ist Qualität zu entdecken, die bereits Johann Sebastian Bach anerkannte, als er seinem Sohn Wilhelm Friedemann den Auftrag gab, das „Magnificat“ seines Dresdner Kollegen zu kopieren.

Ein Böhme in Dresden

Ein Böhme in Dresden – das wäre die äußerste Kurzfassung dieses Lebenslaufs, der auch bei genauerer Betrachtung große Leerstellen aufweist. Wir kennen einige Fakten über Zelenkas Kindheit: Er wird am 16. Oktober 1679 als ältester Sohn des Dorforganisten von Louňovice (Launovicz) in der Nähe von Prag geboren und erhält den Namen Jan Lukáš; der Name Dismas kommt wohl erst bei der Firmung hinzu. Mit Sicherheit ist es der Vater, der ihm ersten Musikunterricht erteilt. Zeitgenössische Quellen nennen ihn als Schüler des Prager Jesuitenkollegs. Aber dann reißen die überlieferten Daten zu seiner Kindheit und Jugend ab: Ein Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren liegt im Dunkel, wir erfahren nichts über diese wichtigen Jahre der Ausbildung und Formung. 
Erst 1709 gerät er wieder ins Visier der Chronisten, als er in den Diensten des Grafen Ludwig Joseph von Hartig nachweisbar ist. Wo hat er in der Zwischenzeit gelernt, bei wem hat er Studien absolviert? Dazu gibt es Mutmaßungen, etwa des Musikschriftstellers Johann Friedrich Rochlitz um 1800, der annimmt, dass sich Zelenka sein kompositorisches Können als Autodidakt angeeignet habe. Bei Graf Hartig jedenfalls scheint der Musiker als Kontrabassspieler auf, und Hartig ist es auch, der ihn 1710 nach Dresden empfiehlt. 

Zur rechten Zeit ...

Dresden gilt zu dieser Zeit als einer der glanzvollsten Höfe Europas. Es ist die Zeit Augusts des Starken, dessen prächtige und verschwenderische Hofhaltung legendär geworden ist, einschließlich seiner Vorliebe für eine stattliche Zahl von Mätressen. Ab 1694 regiert er als Kurfürst, doch 1697 gelingt ihm ein Coup: Er nützt die Gelegenheit, sich die polnische Krone zu sichern, was freilich den Übertritt zum katholischen Glauben erfordert. August vollzieht den Konfessionswechsel ohne Skrupel und macht damit Dresden zur königlichen Metropole, was mit repräsentativer Hofhaltung und nicht zuletzt mit einer gut dotierten Hofmusikkapelle verbunden ist. 
Zelenka ist also ohne Zweifel zu einem günstigen Zeitpunkt nach Dresden gekommen, wenn er sich auch – als strenggläubiger Katholik – kaum mit der Lebensart befreunden kann, die ihn hier umgibt. Damit ist ein Thema angeschnitten, das auch zu den rätsel- und geheimnisvollen Aspekten dieses Lebens gehört: Nie taucht in den ohnehin spärlichen Berichten zu seiner Person der Name einer Frau auf; Zelenka lebt und stirbt unverheiratet und kinderlos, und dies hat zu Spekulationen über seine sexuellen Neigungen geführt. War er homosexuell, wie die Musikwissenschaftlerin Heike Blumenberg vermutet? Sie versucht einen Nachweis, indem sie Zelenkas Triosonaten „dechiffriert“ und ihnen eine Lebensbeichte entnimmt, die der Komponist – selbst wenn die Annahme stimmen sollte – unter den Umständen seiner Zeit wohl nie explizit geäußert hätte. 
Tatsache ist, dass Zelenka wenig Wert auf äußere Geltung legt: Kein Bildnis ist von ihm überliefert, und damit verbindet sich für die Nachwelt sein beachtliches Kompositionswerk nicht mit einem „Gesicht“.

Der Schüler als Lehrer

Dass dieser Musiker Kompositionstalent hat und seine Tage nicht als Kontrabassist beenden soll, erkennt man in Dresden nach einiger Zeit, und Zelenka darf 1716 ein Studienjahr absolvieren, für das er 300 Taler Reisegeld erhält. Er reist zu Johann Joseph Fux nach Wien, dem Verfasser des Lehrwerks „Gradus ad Parnassum“, und nimmt bei ihm Kon­trapunktunterricht. Der „Schüler“ ist zu dieser Zeit bereits 36 Jahre alt, und in mancher Hinsicht fühlt man sich an den Lebensweg Anton Bruckners erinnert, der sich ebenfalls noch als Erwachsener Studien verordnet. Fux schätzt seinen Studenten und spart nicht mit Lob; Zelenka solle, „damit er Alles machen lerne, und nicht blos nach meiner Maniera“, nach Venedig gehen, um bei Antonio Lotti zu studieren. Nach kurzem Aufenthalt in Venedig kehrt Zelenka nach Wien zurück, studiert weiterhin bei Fux und gibt selbst Unterricht. Sein Wiener Schüler wird ihn später an Prominenz übertreffen; es ist Johann Joachim Quantz, der nachmalige Flötenvirtuose am Hof Friedrichs des Großen. 
Noch 1717 reist Zelenka zurück nach Dresden und setzt dort seine Laufbahn fort. Er ist bereits ein versierter Kirchenmusikkomponist, dennoch bleibt er ein Untergebener Johann David Heinichens, des offiziellen Leiters der Kirchenmusik. Heinichen kränkelt zumeist, und Zelenka muss als Kirchenmusik¬komponist einspringen, was ihn jedoch nicht vom Kontrabassistendienst befreit und ihm bloß eine geringe Gehaltserhöhung einträgt. Immerhin ernennt man ihn „wegen kompositorischer Verdienste“ zum Vize¬kapellmeister der Kirchenmusik.

Lichtblick Prag

Dieses weder an äußeren Ehren noch an Einkünften reiche Dasein wird 1723 durch ein glanzvolles Ereignis unterbrochen: In Prag erfolgt die Krönung Kaiser Karls VI. zum König von Böhmen, und Zelenka ist Mitwirkender bei der glanzvollen Aufführung der Krönungsoper „Costanza e fortezza“, eines Werks seines Wiener Lehrers Johann Joseph Fux. In Prag komponiert er – nachdem er in Dresden so gut wie ausschließlich mit Kirchenmusik beschäftigt ist – die meisten seiner erhaltenen Instrumentalwerke, darunter eines mit dem eigenartigen Titel „Hipocondrie“. 
Was will er mit dieser Überschrift zum Ausdruck bringen – ein Lebensgefühl der wechselnden Stimmungen oder eigene Neigungen zur Hypochondrie, die man hinter dem meist verdrießlichen Ton seiner Schreiben durchaus vermuten könnte? Oder ist es ein ideeller, ironischer Kontrapunkt zur staatsoffiziellen „Costanza e fortezza“? Jedenfalls arbeitet Zelenka hier mit dem zeitüblichen Wechselspiel zwischen dem „Concertino“, einer solistischen Gruppe, und dem (klein besetzten) Orchester – das Ergebnis ist ein lebendiges, farbiges Klangbild, wie man es aus den ungleich bekannteren „Brandenburgischen Konzerten“ seines Zeitgenossen Bach kennt.

Der ewig Zweite

Zurück in Dresden geht die Mühsal des höfischen Kirchendiensts weiter, und Zelenka täuscht sich, als er glaubt, nach dem Tod Heinichens als Kapellmeister zum Zug zu kommen. Heinichen stirbt im Juli 1729, doch August der Starke lässt sich mit der Nachbesetzung Zeit. 1731 gibt Johann Adolf Hasse mit der Sängerin Faustina Bordoni, die er ein Jahr zuvor geheiratet hat, in Dresden ein dreimonatiges glänzendes Gastspiel, das seinen Eindruck auf den Regenten nicht verfehlt: Hasse wird zum Nachfolger Heinichens ernannt – und reist kurz danach nach Italien ab. Für Zelenka bleibt die tägliche Arbeit; er ist gedemütigt und verletzt. 
Am 28. November 1733 richtet er ein Gesuch an den König, das zwar den Ton barocker Unterwerfungsfloskeln wahrt, aber Enttäuschung und Vorwurf kaum verhüllt artikuliert: „Vor den Füßen Eurer Königlichen Majestät wirft dero allerunterthänigster Knecht, endesbenannter Supplicant sich in allertiefster Submission nieder ... Nach meiner Zurückkunfft von Wien, habe ich nächst dem Capellmeister Heinikken die Königliche Kirchen-Music viele Jahre lang mit versorget, nach dessen Absterben aber dieselbe meistens allein componiret und dirigiret, derowegen auch, um die dabei benöthigte fremde Musicalien zu erlangen, und selbige nebst meinen eigenen copiren zu lassen, fast die Helfte meines zeitherigen Tractaments zu meinem größten Schaden aufwenden müssen ... so flehe dieselbe ich hiermit fußfälligst an, daß sie allergnädigst geruhen wolle, mir die durch bemeldeten Heinikkens Tode erledigte und von mir bisher verwaltete Capellmeisterstelle allergnädigst zu conferiren, auch von seinem gehabten Tractamente von Zeit seines Absterbens an einen Teil zu meiner bisherigen Besoldung allermildest beyzulegen ...“

Posthume Gerechtigkeit

Das demütige, doch mit Verbitterung durchsetzte Ersuchen hat keinen Erfolg. Eine kleine Gehaltserhöhung und die (belanglose) Ernennung zum Kirchenkomponisten sind die Benefizien, die der Hof dem langjährigen Hofmusiker zukommen lässt. Zelenka stirbt am 23. Dezember 1745; zahllose Enttäuschungen haben ihn zum weltscheuen Sonderling gemacht. Nun entdeckt ihn die Nachwelt als einen der kreativsten und originellsten Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs – eine späte Ehrenrettung und ein Akt ausgleichender, wenn auch posthumer Gerechtigkeit.

Thomas Leibnitz
Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien.