Seelenbrücken der Musik

Zum Tod von Jessye Norman

Ihre Abende im Großen Musikvereinssaal waren außerordentliche Gesellschaftskonzerte in jeder Hinsicht. Jessye Norman, eine der großen Künstlerinnen unserer Zeit, starb im Alter von 74 Jahren in New York.

„Wenn ich jemand im Publikum finde, der wirklich zuhört“, sagte Jessye Norman einmal, „dann singe ich die ganze Zeit für ihn.“ Im Musikverein war es so, dass sie für zweitausend Menschen sang. Für jeden Einzelnen, die ganze Zeit. Für ihn, für sie – wer auch immer im Goldenen Saal saß und ihr lauschte, fühlte sich unmittelbar angesprochen und aufs Tiefste erreicht. Jessye Normans Konzerte in diesem großen Raum waren eine intensive Intimangelegenheit, ein Phänomen der innigen persönlichen Begegnung. „Außerordentliches Gesellschaftskonzert“, so stand es auf den Ankündigungen, wenn einer ihrer Abende im Musikverein avisiert wurde. Der Begriff – eigentlich nur ein Terminus technicus für Konzerte außerhalb des Abonnements – wurde kaum je mit so starkem, zwingendem, sinnigem Inhalt aufgeladen, als wenn sie kam und sang. Es waren außerordentliche Konzerte in jeder nur denkbaren Hinsicht. Der Saal war ausverkauft, restlos gefüllt im freien Verkauf, und zweitausend Menschen versammelten sich, um die Norman mit Liedern zu hören. Es waren Minderheitenprogramme, mit denen sie die Massen lockte. Nie sang sie das Gefällige, stets das Gehaltreich-Anspruchsvolle.

Lieder von Schönberg und Berg, Duparc, Ravel und Hugo Wolf waren dabei – im Sog von Jessye Norman folgten Unzählige weit hinein ins Rare. Sie hörten die Botschaft, sie hatten den Glauben. Jessye Norman öffnete sinnlich den Sinn dafür. „O ja“, die Botschaft – so sagte sie selbst –, „das muss sein, deshalb singe ich auch, sonst könnte ich doch Flöte spielen, das ist auch schöne Musik, aber wenn man einen Text hat, dann muss man diese Botschaft selbst zuerst beherrschen und dann versuchen, es dem Publikum zu servieren.“ „Servieren“ – was für ein bescheidenes, kleines Wort für ihre große Kunst, die Seelenbrücken der Musik zu bauen. Dass sie sich am Ende ihrer Liederabende noch selbst ans Klavier setzte, um sich bei Spirituals zu begleiten – auch das gehörte zu ihren legendären, heißgeliebten Konzerten. Noch enger rückten da alle im Großen Musikvereinssaal zusammen, noch tiefer fühlte jeder, dass sie für ihn sang, für jeden Einzelnen ganz unmittelbar. Es waren große Momente einer wundervollen Nähe, in denen auch Jessye Norman aus dem Nächsten schöpfte, der Musik ihrer Kindheit. 1945 in Augusta (Georgia) geboren, wuchs sie in einer musikliebenden Familie auf. Die Mutter, Lehrerin von Beruf, spielte Klavier, der Vater, Versicherungsagent, sang im Kirchenchor. Norman teilte ihre Kindheit mit vier Geschwistern. Daraus entstand, wie sie sich im Gespräch für den Musikverein erinnerte, eine Konstellation der bereichernden Polyphonie. „Wir haben fünf verschiedene Meinungen vertreten für alles, was es überhaupt gab. Man konnte über alles sprechen, es gab viele Diskussionen damals zu Hause, und dadurch habe ich immer meine Meinung gefunden und wurde nach meiner Meinung gefragt.“

Diese Aufgeschlossenheit prägte von Beginn an auch ihre Laufbahn. Norman studierte Musik an der Universität, die ihr mehr lag als das enger ausgerichtete Konservatorium. Ein Stipendium ermöglichte ihr 1968 den Sprung nach Europa und die Teilnahme am Internationalen Musikwettbewerb der ARD, den sie furios für sich entschied. „Die Primadonnen der Welt werden um einen Platz zusammenrücken müssen“, schrieb die Presse damals, hingerissen von der erst 23-jährigen Gewinnerin. Egon Seefehlner band sie erst einmal an die Deutsche Oper Berlin, an der sie 1969 als Elisabeth in „Tannhäuser“ debütierte. 1972 erlebte man Jessye Norman als Aida an der Mailänder Scala und als Cassandre in Berlioz’ „Les Troyens“ am Royal Opera House Covent Garden London. Doch dann schlug die Sängerin ihren ganz eigenen Weg ein, entzog sich für lange der Opernbühne und machte, ein wohl singulärer Fall, ihre große Karriere als Konzert- und Liedsängerin. Erst Mitte der 1980er Jahre kehrte sie für wenige ausgewählte Opernprojekte wieder auf die Bühne zurück und sang Rollen wie Strauss’ Ariadne, die Kundry in Wagners „Parsifal“, erneut Cassandre und Dido in „Les Troyens“ und die Jokaste in Strawinskys „Oedipus Rex“. Auf ein Stimmfach ließ sie sich nicht begrenzen, Jürgen Kesting, der Stimmenexperte, nannte sie schlicht einen „Solitär“. „Sie hat die dunkle Fülle und den Klangreichtum einer Mezzostimme ... und die Brillanz eines dramatischen Soprans. Das Timbre ist charakteristisch und reich an Farben. Die Register sind makellos verblendet.“

Wie schreibt man über Jessye Norman? Ob man es technisch-analytisch versucht oder poetisch-schwärmerisch – stets fühlt man, dass das Wort hinter dem Phänomen zurückbleiben muss. „Vielleicht“, sagte Jessye Norman selbst einmal, „ist es das beste, wenn man es nicht beschreiben kann und man nicht so ganz genau weiß, was es ist.“
Wiens Musikfreunde verneigen sich in Trauer, dankbar für das unbeschreibliche Glück, ihr begegnet zu sein.

Joachim Reiber