Familientreffen im Brahms-Saal

Mischa, Sascha und Lily Maisky

Am 17. Dezember begegnet Mischa Maisky auf der Bühne des Brahms-Saals seinen Kindern Sascha und Lily. Mit dabei in diesem Kammermusikprogramm sind auch Julian Rachlin, der Sohn eines seiner besten Freunde, und Rachlins Frau, Sarah McElravy. Margot Weber hat hinter die Kulissen geblickt. 

„Mit Sascha und Lily zu musizieren ist das Allerschönste für mich“, erzählt Mischa Maisky. „Das ist fast das Emotionalste, was ich als Vater erleben kann. Es ist unbeschreiblich intim.“ Und für ihn zudem ein in Erfüllung gegangener Lebenstraum: nicht nur, dass er überhaupt Kinder hat, sondern auch, dass er sich gemeinsam mit ihnen der klassischen Musik widmen darf. Denn den mittlerweile 71-Jährigen haben in seiner eigenen Jugend Erfahrungen geprägt, an denen viele andere mit Sicherheit zerbrochen wären.

Ein hoher Preis

Wobei sein Leben zunächst sogar noch in weitgehend normalen Bahnen verläuft: 1948 wird er in Riga in eine russisch-jüdische Musikerfamilie hineingeboren. „Bei uns waren alle Musiker – meine Schwester spielte Geige, mein Bruder Klavier –, deshalb wollte ich auch einer sein. Und um mit meinen Geschwistern ein Trio bilden zu können, wählte ich das Cello.“ Acht Jahre ist er da alt. Schon nach kurzer Zeit fällt seine große Begabung auf: Mit 14 kommt er in ein Musikinternat, mit 17 geht er ans Konservatorium nach Moskau, studiert bei Mstislaw Rostropowitsch, der für ihn, den damals bereits Vaterlosen, schnell viel mehr als ein Lehrer ist – „fast ein zweiter Vater“.
Seine Karriere nimmt Fahrt auf, er wird beim berühmten Tschaikowskij-Wettbewerb ausgezeichnet, debütiert mit den Leningrader Philharmonikern. Doch dann emigriert seine große Schwester nach Israel. Und der kleine Bruder muss dafür bezahlen. Im Alter von 22 Jahren wird Mischa Maisky zu 18 Monaten Haft verurteilt. Sein Vergehen: Er hatte auf dem Schwarzmarkt einen Ausweis kaufen wollen, der ihn berechtigen sollte, in einem Devisenladen einen West-Kassettenrekorder zu erwerben, mit dem er den Unterricht bei Rostropowitsch aufnehmen wollte. Die UdSSR-Staatsmacht hatte ihre Rache an der Familie Maisky vollzogen.

Neu geboren in Wien

Nach vier Monaten in einem Hauptstadtgefängnis kommt er für den Rest der Zeit in ein Arbeitslager in der Nähe des heutigen Nischni Nowgorod. Wo er täglich fünf Tonnen Zement zu schaufeln hat. Was bereits schon für jeden Nicht-Musiker unerträglich wäre, aber für einen Cellisten, der auf die Feinnervigkeit seiner Finger und Hände angewiesen ist, schlicht die Hölle. Damit er dem sich an die Haftstrafe anschließenden Militärdienst entgeht, lässt er sich nach seiner Entlassung sogar noch freiwillig in eine Psychiatrie einweisen. Zwei Jahre sind nun bereits vergangen, in denen er keinen einzigen Ton auf einem Cello spielen konnte.
Irgendwann wird dem Ex-Häftling die Ausreise aus der Sowjetunion genehmigt. Er wird nach Israel emigrieren, zur Schwester. Die erste Etappe? Soll ihn per Bahn erst einmal nach Mitteleuropa führen. Konkret: nach Wien. Weshalb er die Stadt bis heute tief in seinem Herzen trägt: „Wien ist eine der wichtigsten Städte meines Lebens. Am 7. November 1972 kam ich mit dem Nachtzug aus Russland dort am Bahnhof an. Und feiere diesen Tag seitdem als meinen zweiten Geburtstag.“

Durchbruch mit Brahms

Große Begabungen setzen sich durch, selbst wenn sie durch menschenverachtende Regimes fast zerstört worden wären. Das, immerhin, war bei Mischa Maisky nicht anders. Angekommen in Israel, trifft er auf den Dirigenten Zubin Mehta, der ihm eine Stelle als Solocellist in seinem Israel Philharmonic Orchestra anbietet – und die er ablehnt, weil er solistisch arbeiten möchte. Er begegnet der argentinischen Pianistin Martha Argerich, die bis heute seine Kammermusikpartnerin ist. Er studiert noch einmal vier Monate bei Gregor Piatigorsky, ebenfalls ein russisch-jüdischer Cellist, den es nach vielen Wirren schließlich nach Los Angeles verschlagen hat. Piatigorsky weiß bereits, dass er sterben wird; Maisky wird sein letzter Schüler. 
1982 dann, zehn Jahre nach der Ankunft in Wien, gelingt der ganz große, weltweite Durchbruch: mit seiner Einspielung des Brahms-Doppelkonzerts an der Seite von Gidon Kremer, unter Leonard Bernstein, mit den Wiener Philharmonikern. Und in den 1990er Jahren sind Maisky-CDs die meistverkauften der Branche, nicht nur Klassikliebhaber verehren ihn. Ihm gelingt es, auch Menschen für Schumann zu begeistern, die ansonsten um E-Musik eher einen Bogen machen.

Absolut entwaffnend

Warum das so ist, wird in der Begegnung mit ihm schnell klar: Es ist sein unverstellter und offener Umgang mit seinen Emotionen. Er zeigt, was er fühlt, und er teilt mit, was er spürt: all die Freude und all das Leid, all das Glück und all das Unglück, das sein Leben ausmacht. In seiner unbedingten Ehrlichkeit ist Mischa Maisky absolut entwaffnend. Unmöglich, sich seinem Charisma zu entziehen. Ebenfalls unmöglich, sein Charisma als Mensch – und Mann – von seiner Ausstrahlung als Künstler zu trennen. „Wenn er Cello spielt, dann mit ganzer Seele und ganzem Herzen. Akademische Fingerübungen waren noch nie das Seine, Musik des 20. Jahrhunderts auch nicht. Maisky brennt für die Romantik, als Musiker und als Mensch“, hat ein Kritiker neulich über ihn geschrieben. 
Eine Standardfrage an ihn: Hat er einen Lieblingskomponisten? Er ist charmant, lässt keine Sekunde durchblicken, dass er sie vermutlich schon unzählige Male gehört hat. „Immer der, mit dem ich mich gerade beschäftige“, antwortet er. Ein paar konkrete Namen lässt er sich dann doch noch entlocken: Bach („der Größte“), Schostakowitsch („ich fühle wie er“), Mozart („unglücklicherweise hat er sehr wenig für Cello geschrieben“).

Einfach nur Cello spielen

Heute sei er sehr glücklich, erzählt er. Der wesentliche Grund dafür bringt uns zum Ausgangsthema zurück: seiner Familie. Er liebe die bewusste Konzentration seines Lebens zum einen auf seine zweite Ehefrau und die Kinder und zum anderen auf sein Instrument. „Ich dirigiere nicht, ich lehre nicht – beides mit Absicht“, sagt er.  
Sei es nicht das größte Privileg, eine wirkliche Leidenschaft im Leben zu haben und diese ausüben zu dürfen? „I am blessed“, ich bin gesegnet, sagt er dann noch. Wobei er aber auch gestehen müsse, dass er schlecht Nein sagen könne: „Ich reise ein bisschen zu viel.“ 75 bis 80 Konzerte gibt er pro Jahr, besser wären 50 bis 60. „Das wäre der goldene Schnitt“, erzählt er. „Aber ich will mich nicht beschweren – besser, ich habe zu viel zu tun als zu wenig.“ Früher, als die Kinder noch nicht in der Schule waren, seien alle immer mitgekommen auf seine Tourneen („unser Ältester war bis zu seinem vierten Geburtstag viermal in Japan“), mittlerweile gehe das nur noch im Sommer.

„Ich will einfach nur Cello spielen. Weil es das ist, was zu tun ich am meisten liebe.“ - Mischa Maisky

Die Fußstapfen des Vaters

Lily, 32, und Sascha, 30 – seine beiden Kinder aus erster Ehe – wuchsen wie ihre vier Halbgeschwister in Brüssel auf, wechselten allerdings bereits mit 14 bzw. zwölf Jahren nach London auf ein Musikinternat. „Belgien ist ein schönes Land“, sagt der Vater, „aber die Musikerziehung für Kinder ist hier ein großes Problem. Sie gehen bis um vier Uhr zur Schule, danach ist kaum noch Zeit für anderes. Das britische Internat hingegen bot Lily und Sascha die Möglichkeit, den normalen Unterricht mit einer intensiven musikalischen Ausbildung zu verbinden.“ Sodass sich Lily mit 17 entschließt, in die Fußstapfen des Vaters zu treten und ebenfalls Profimusiker zu werden. Nur eben nicht als Cellistin – da war vielleicht auch das Vorbild in der eigenen Familie zu übermächtig –, sondern am Klavier. Der zwei Jahre jüngere Sascha hingegen erkor sich die Violine.
„Sascha hat mit drei Jahren begonnen“, erzählt der Vater. Zunächst mit der Suzuki-Methode, dann mit intensivem Privatunterricht. Zu seinen frühen Professoren gehören Leonid Kerbel, Leon Souroujon und Igor Oistrach. Nach Abschuss seines Studiums zog er nach Österreich, um bei Boris Kuschnir zu lernen, einem ukrainisch-jüdischen Geiger, der 1981 nach Wien emigriert war und heute einen Lehrstuhl in Graz hat. Und dem wiederum vor gut 25 Jahren ein kleiner jüdisch-lettischer Junge namens Julian Rachlin vorspielte, dessen Eltern ein paar Jahre zuvor mit ihm aus Vilnius nach Wien emigriert waren.

Zahllose Verschränkungen

Geschichten und Künstlerbiographien, die ob ihrer zahllosen Verschränkungen beinahe atemlos machen. Lauter Kreise, die ineinander greifen. „Aber es kommt noch besser“, lacht Mischa Maisky. „Julians Eltern, zwei Profimusiker, kannte ich schon, bevor er auf der Welt war. Julians Vater ist Cellist, seine Mutter Pianistin und Dirigierpädagogin. Julian ist fast wie ein Sohn für mich.“ Und ein weiteres der vielen hochbegabten Kinder, die sich im Umfeld von Weltklasse-Künstlern oft finden.
Im Alter von acht Jahren bekam Julian Rachlin die Chance, dem berühmten Violinpädagogen Boris Kuschnir vorzuspielen. Befragt, woran er dessen Genie erkannt habe, erzählte der Meisterlehrer vor einiger Zeit: „Der kleine Rachlin hat großartig Hunderte von Noten gespielt, wie so viele andere besonders begabte junge Musiker, aber da gab es eine Note, eigentlich eine halbe Note, die war genial. Es war wie ein Schatten, den ich erkannt habe. Und ich habe von diesem Augenblick an versucht, ihm zu helfen, die zweite Hälfte dieser halben Note selbst zu entdecken.“
Ob sich diese ganzen Hochbegabungsgeschichten auch bei den vier Kindern Mischa Maiskys aus seiner zweiten Ehe fortsetzen werden? 14, zehn, sechs und vier Jahre alt sind sie heute. „Wer weiß“, lacht Maisky. Immerhin lässt er sie, wie früher bereits Lily und Sascha, „von Musik umgeben“ aufwachsen, wie er erzählt. Wir werden also sehen. Oder besser: demnächst dann, vielleicht, zuförderst, hören.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.