Emotion und Klarheit

Kian Soltani

Mstistlaw Rostropowitsch brachte es groß heraus: das 1970 für ihn geschriebene Violoncellokonzert von Witold Lutosławski. Nun hat das phänomenale Werk einen neuen Meisterinterpreten gefunden: Kian Soltani. Der 27-Jährige spielt es im Musikverein mit den Wiener Symphonikern. 

Sein Debüt im Wiener Musikverein gab Kian Soltani bereits 2011, im zarten Alter von 19 Jahren, an der Seite seines damaligen Lehrers Ivan Monighetti. Hinter verschlossenen Türen fand hier 2017 auch die Audition für den Credit Suisse Young Artist Award statt, der Soltani als Preisträger nicht nur die stattliche Summe von 75.000 Franken einbrachte, sondern – noch willkommener! – ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern 2018 im Kultur- und Kongresszentrum Luzern. Die zahlreichen Auszeichnungen und Preise der vergangenen Jahre haben den jungen Meistercellisten nicht abheben lassen, wie der Besuch in seinem Elternhaus im Vorarlberger Rheintal zeigt. Am 18. und 19. Dezember musiziert Kian Soltani mit den Wiener Symphonikern das Violoncellokonzert von Witold Lutosławski, jenes Werk, mit dem er 2013 den Paulo-Cellowettbewerb in Helsinki für sich entschied.

Das Ländle und die große Welt

Eigentlich hätte er auch nervös sein können beim Interview: Der Flug von Berlin nach Zürich hatte sich verspätet, für das Schubertiade-Konzert am folgenden Tag musste sein Klavierpartner Aaron Pilsan wegen eines Infekts absagen, mit der Pianistin Danae Dörken, die für ihn einsprang, konnte er nur kurz proben. Doch Kian Soltani bleibt gelassen, führt die Besucherin ins Wohnzimmer mit dem persisch-europäischen Kulturmix. Die Eltern, die Mutter Harfenistin, der Vater Fagottist und Meister der persischen Ney-Flöte, hatten den Iran bereits zu Beginn der 1980er Jahre verlassen und waren nach ersten Jahren in Wien nach Vorarlberg gekommen. Hier ist Kian Soltani 1992 geboren und weiterhin verwurzelt, auch wenn längst die große Welt ruft. 
Die persischen Familienbande sind groß, Verwandte leben in der Nähe, und sie führten den kleinen Kian auch zu seinem Instrument: „Mein Cousin ist drei Jahre älter als ich, er spielte damals schon Cello und war mein großes Vorbild. Ich mochte den Klang des Cellos und fand es cool.“ (Dieser Cousin, Payam Taghadossi, ist auch beim Cello geblieben und spielt heute im Sinfonieorchester Basel). Mit vier Jahren fing Kian bei Wolfgang Mayer an der Musikschule im heimischen Götzis an, später hatte er zum Teil dieselben Lehrer wie Payam, und spielte mit ihm im Jugendsinfonieorchester Dornbirn. 

Glückliche Begegnung

2004 – Kian ist zwölf Jahre alt – kommt es zu einer glücklichen Begegnung: Ivan Monighetti ist der Solist in einem Konzert mit dem Kammerorchester Arpeggione im Rittersaal des Palasts in Hohenems, jenem charaktervollen Raum, in dem bis in die 1990er Jahre auch die Schubertiade zu Gast gewesen war. Auf Vermittlung von Irakli Gogibedaschwili, dem georgischen Leiter des Kammerorchesters, darf Kian ihm vorspielen und wird in Monighettis Klasse in Basel aufgenommen.
Der in Riga geborene Cellist war der letzte Schüler von Mstislaw Rostropowitsch, der Name des großen Meisters wird auch im Unterricht oft fallen. Elf Jahre studiert Kian Soltani bei Monighetti an der Musikakademie in Basel, zunächst pendelt er noch einmal pro Woche von Vorarlberg aus, dann lebt er für drei Jahre in Basel. Monighetti, der sowohl in der Alten Musik wie in der zeitgenössischen Musik zu Hause ist und der auch Sol Gabetta und Nicolas Altstaedt unterrichtet hat, prägt ihn mit einem ganzheitlichen Unterricht. „Sein Credo war, dass man sich in jeder Richtung ausbilden sollte. Er war für jede Epoche ein Meister. Er hat mir Bücher gegeben, CDs, Aufnahmen zum Anhören, er ist mit mir joggen gegangen, hat Leibesübungen gemacht. Es war ihm auch wichtig, dass ich Klavier spiele, komponiere, er hat sich hundertprozentig gegeben. Vor allem in Wettbewerbszeiten konnte ich mehrmals pro Woche kommen.“ 

Spontaneität und Struktur

Der Einsatz lohnte sich: Wettbewerbsauszeichnungen wie beim erwähnten Paulo-Cellowettbewerb in Helsinki und Stipendien etwa von der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung häuften sich, und wer Kian Soltani heute auf dem Konzertpodium erlebt, spürt auch die physische Präsenz und Klarheit des 27-jährigen Künstlers. In den letzten Jahren erlebte er auch bei dem schwedischen Cellisten Frans Helmerson an der Kronberg Academy im Taunus eine intensive Förderung. Bei ihm ist der Unterricht strukturierter, nach einem genauen Stundenplan für das ganze Jahr geregelt: „Das ist eine komplett andere Welt. Aber Reihenfolge und Timing waren genau richtig für mich. Monighettis Spontaneität war in der Jugend gut, ich brauchte dann aber auch die Struktur und den Plan von Helmerson, ich war ja auch schon unterwegs mit Konzerten.“
Inzwischen absolviert Kian Soltani keine Wettbewerbe mehr, doch waren sie zu ihrer Zeit durchaus wichtig für ihn: „Wettbewerbe sind gut für die persönliche Entwicklung, nicht unbedingt, weil man einen Preis mitnehmen kann. Man übt auf ein Ziel hin, erarbeitet sich ein bestimmtes Repertoire auf höchstem Level.
Der Wettbewerb selber ist ja nur noch quasi eine Abschlussfeier, das Wesentliche passiert vorher.“ Mit dieser Einstellung gelang es ihm auch, frei zu werden vom Wettbewerbsdruck, sich fürs Musizieren zu öffnen. Zu erleben ist es in dem Mitschnitt aus Helsinki mit dem 1970 entstandenen Konzert von Lutosławski: Dieser Paulo-Cellowettbewerb findet alle fünf Jahre statt und hat besondere Bedingungen, sollen sich die Teilnehmer doch mit klassischen Werken und Konzerten des 20. Jahrhunderts abseits des gängigen Repertoires vorstellen. „Bei der Anmeldung hatte ich noch keines dieser Konzerte gespielt, aber Monighetti hatte die fantastische Intuition, dass Lutosławski etwas für mich wäre. Ich habe mich eingearbeitet in das Werk, unter anderem mit der Aufnahme von Nicolas Altstaedt, der den Wettbewerb fünf Jahre zuvor damit gewonnen hatte.“ 

Kühnes Werk 

Es ist ein kühnes Werk, dieses Lutosławski-Konzert: Der Solist bleibt zu Beginn minutenlang auf sich allein gestellt, schwingt sich ein in Rhythmen und in kleinräumig kreisende Figuren, Glissandi, Sprünge, Doppelgriffe. Im Orchester finden sich Cluster oder wiederholte Akkorde, der Dirigent koordiniert metrisch freie Passagen und „Treffpunkte“, an denen Gemeinsames geschieht. „Es gibt eine intensive Beziehung zwischen dem Solisten, dem Dirigenten und dem Orchester, ich muss viel Kontakt mit dem Dirigenten haben, er ist derjenige, der immer wieder das Signal gibt für den nächsten Abschnitt.“ In Wien wird das mit Krzysztof Urban´ski ein junger Landsmann des polnischen Komponisten sein, und Kian Soltani freut sich auf die Begegnung mit ihm. Das vieldeutige Stück ist voller Emotionen und Urgewalten, andererseits aber auch architektonisch-mathematisch gedacht. „Man kann sich auch eine Geschichte ausdenken von Individuum und Masse oder von Möglichkeiten der Kommunikation.“ Ob Monolog, Kampf oder Paradies, der Vorstellungen gibt es viele, die den Musiker durch dieses Stück leiten: „Der Solist gibt nicht kampflos auf, er ist aber auch nicht siegreich, er bleibt allein zurück mit einem hohen Ton, der ein Siegesschrei oder Ausruf sein kann.“

Zweifache Heimat und vielfältige Dialoge

Kehren wir noch einmal zurück nach Vorarlberg, wo Kian Soltani nahe der Schweizer Grenze aufgewachsen ist. Hier hat er mit dem jungen Pianisten Aaron Pilsan einen idealen Kammermusikpartner gefunden, der ebenfalls von zwei Kulturen geprägt ist. Beide empfinden aber die Vorarlberger Herkunft als das Verbindende, der gemeinsame Dialekt wird zur Geheimsprache, wenn sie unterwegs sind.

Hier können sie bei der Schubertiade regelmäßig konzertieren und befreundete Musiker zu höchst inspirierter Kammermusik einladen, hier haben sie das Konzept für die gemeinsame Debüt-CD entwickelt und die Stücke im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems aufgenommen. „Home“ heißt sie und spiegelt die zweifache Heimat in den Werken von Schubert und Schumann und in den persischen Volksliedern, die der Komponist Reza Vali für sie bearbeitet hat. Da strömen die Melodien in Schuberts „Arpeggione“-Sonate und Schumanns „Fantasiestücken“, da singt das Cello in den getragenen Liedern der beiden Romantiker. Wie diese erzählen auch die persischen Volkslieder von Liebe und Sehnsucht, Leidenschaft und Feuer. Reza Vali hat sie umgeschrieben und mit einer klaviertauglichen Begleitung versehen. In beiden Stilrichtungen sind Soltani und Pilsan zu Hause, der Cellist steuert noch einen eigenen „persischen Feuertanz“ bei, in der Tradition der Virtuosen, die sich ihre Stücke in die Hand schrieben, gespickt mit spieltechnischen Finessen und eben auch orientalischen Klangfarben.
Die Karriere des jungen Cellisten geht weiter, nimmt geradezu stürmische Fahrt auf. Die Anzahl der Konzerte soll sich aber auf ungefähr 80 im Jahr einpendeln, damit noch Zeit bleibt für neue Projekte, Begegnungen mit Stücken und Musikern, für Auftragskompositionen und musikalische Ost-West-Dialoge wie ein Doppelkonzert für die Geschwisterinstrumente Kemence und Violoncello, das ein holländischer Musiker für ihn schreiben wird. „Ich will“, sagt Kian Soltani, „nicht steckenbleiben im Kreislauf der ewig gleichen Stücke.“

Katharina von Glasenapp 
Katharina von Glasenapp ist als Musikjournalistin im Bodenseeraum tätig.