Der Friede, der Baum und das ganz große Meer

Das Hedenborg Trio

„Bridges“ – treffender könnte man die musikalische Botschaft des phänomenalen Trios der Brüder Hedenborg nicht beschreiben. Schon in ihren Namen verbinden sich drei Kulturen: Der erste Vorname ist österreichisch, nach ihrem Geburtsort Salzburg, der zweite japanisch, weil ihre Mutter aus Japan stammt, und ihren Nachnamen verdanken sie den schwedischen Wurzeln ihres Vaters. Sabine M. Gruber traf die drei Hedenborgs zum Gespräch.

Wilfried Kazuki spielt Geige und Bernhard Naoki Cello, beide sind Mitglieder der Wiener Philharmoniker. Julian Yo, der Jüngste im Bunde, ist Pianist. Als Klaviertrio sind sie noch jung, zusammen gespielt haben sie jedoch seit einer gefühlten Ewigkeit – schon seit sie Kinder waren. Diese tiefe Verbundenheit spürt man als Zuhörer in jedem Ton, in jeder Phrase ...
Julian: Jeder von uns hat beides studiert – Klavier und ein Streichinstrument. Erst mit 18 mussten wir uns entscheiden.
Bernhard: Das kam ein bisschen von den Eltern – unser Vater ist Geiger, unsere Mutter Pianistin.
Julian: Und es hilft! Während ich Klavier spiele, weiß ich, wie sich das auf der Geige oder auf dem Cello anfühlt, ich kann ausdrücken, wie ich mir den Klang vorstelle.
Wilfried: Auch das Timing funktioniert perfekt. Wenn Julian am Klavier sitzt, liest er unsere Stimmen ganz anders, als wenn er nie Geige gespielt hätte. Er fühlt es vom Körper her.
Bernhard: Wir können perfekt aufeinander reagieren. Und das Schöne ist – man kriegt ein Feedback, das Hand und Fuß hat und technisch realisierbar ist.

Sie haben eine ganz tolle Doppel-CD aufgenommen: Beethoven-Trios – wunderschön gespielt und mit japanischer Technik auch unglaublich authentisch aufgenommen.
Wilfried: Bei unserem „Opus eins“ haben wir uns bewusst für Beethoven und seine drei Klaviertrios Opus 1 entschieden. Es ist unsere Visitenkarte. Unsere musikalische Arbeit zu dokumentieren und zugänglich zu machen ist uns sehr wichtig! Auch wenn sich mit CDs heute keine großen Gewinne machen lassen.

Opus eins – da wartet man natürlich gespannt auf eine Fortsetzung.
Bernhard: Die haben wir schon realisiert – demnächst werden die Beethoven-Trios Op. 70 Nr. 1 und 2 auf CD erscheinen.

Mit Ihrem Programm im Musikverein schlagen Sie eine musikalische Brücke zwischen Österreich und Japan.
Bernhard: Wir hatten ursprünglich an ein reines Beethoven-Brahms-Programm gedacht. Aber dann fanden wir es spannender, die beiden Trios mit modernen japanischen Werken zu verbinden und uns zugleich auch solistisch vorzustellen.
Julian: Ja, das macht uns nahbarer. Ich spiele „Frozen Heat“ von Dai Fujikura. Er ist ein wirklich zeitgenössischer Komponist – wir hatten persönlichen Kontakt, das fand ich sehr schön. Das 1998 geschriebene Stück steht im Kontrast zu den anderen Stücken, weil es minimalistische und rhythmische Ansätze der modernen und populären Musik hat. So kann japanische Musik eben auch sein.
Wilfried: Ich spiele mit Julian eine spätromantische Violinsonate der ersten klassischen japanischen Komponistin Kohda Nobu. Da gibt es auch eine interessante Brücke. Kohda Nobu hat bei Josef Hellmesberger junior in Wien studiert, der wiederum auch die Wiener Philharmoniker dirigiert hat. Nach der Meiji-Revolution 1868 wurde die erste Musikuniversität in Tokio gegründet, die Musikstudenten ins Ausland entsandte. So kam Kohda Nobu nach Wien und hat diese Sonate geschrieben, 1897 – in dem Jahr, als Johannes Brahms gestorben ist.
Bernhard: Ich habe „Bunraku“ für Cello solo aus dem Jahr 1960 von Toshiro Mayuzumi gewählt. Bunraku ist eine der drei großen traditionellen japanischen Kunstformen, zusammen mit Noˉ und Kabuki. Es ist eigentlich Puppentheater. Traditionell erzählt eine Singstimme die Geschichte, begleitet von der Shamisen, einem dreisaitigen Zupfinstrument. Der Komponist fängt in sieben Minuten die ganze Welt von Bunraku ein. Faszinierend! Ich habe den großen japanischen Cello-Meister Tsuyoshi Tsutsumi nach dem besten Zugang gefragt – er meint, die Musik soll gar nicht 1:1 traditionell sein, sondern aus westlicher Perspektive neu entdeckt werden.

Die Österreichisch-Japanische Gesellschaft – und nicht nur sie – feiert 2019 die 150-jährige Freundschaft zwischen beiden Ländern. 1869 wurden ja erstmals diplomatische Beziehungen aufgenommen.
Bernhard: Genau, das war nach der Meiji-Revolution 1868, da begann Japan sich zu öffnen. Das Spannende für uns ist – ein Mitglied der Familie unserer Mutter kam als erster Gesandter nach Wien. Mütterlicherseits kommen wir aus der sehr alten japanischen Familie Toda. Die Toda waren von 1634 bis zur Meiji-Revolution 1868 die Fürsten in Ōgaki in der Präfektur Gifu. Sie wohnten in der wunderschönen Burg Ōgaki, die zerstört und später wieder aufgebaut wurde. 1868 wurden Adelige, Shogun und Bürger gleichgestellt. Ujitaka aus der Toda-Familie ist zum Grafen ernannt worden und als erster Gesandter nach Wien gekommen. Es ist faszinierend, wie sich alles so fügt.
Wilfried: Zum Musikverein gibt es auch eine Brücke. Die Frau von Toda Ujitaka war die bekannte Koto-Spielerin Toda Kiwako. Im Archiv des Musikvereins finden sich Koto-Noten mit eigenhändigen Eintragungen von Johannes Brahms. Er hat Toda Kiwako spielen gehört und festgehalten, was sie anders spielte, als es in den Noten stand.

Sie sind einander ähnlich, als Brüder – und doch so verschieden.
Bernhard: Schon von unserem Werdegang. Wilfried hat in Salzburg und Wien studiert und ist danach sofort zu den Wiener Philharmonikern gekommen, mit 23. Ich habe bei Heinrich Schiff studiert, bin mit ihm nach Wien übersiedelt und habe zehn Jahre Kammermusik gemacht und Festivals und Ensembles gegründet. Eine sehr, sehr schöne Zeit. Erst dann bin ich ins Orchester gekommen.
Wilfried: Julian ist wieder einen ganz anderen Weg gegangen.
Julian: Ich wollte mit 16 eigentlich mit der Klassik aufhören. Damals habe ich E-Bass und Keyboard in Metal- und Rock-Bands gespielt und wollte Automechaniker werden oder Philosophie studieren. Aber die Freundschaft mit einem Pianisten hat mich zur Klassik zurückgeführt. Wir haben gemeinsam Carmina Burana gespielt, beim Musikfest des Musikgymnasiums Neustiftgasse.
Bernhard: Das war doch im Musikverein, oder?
Julian: Genau! Da stand ich im Goldenen Saal und dachte: Ich brauch das. Die Musik, die Bühne, diese Euphorie, die Gemeinschaft mit den anderen Musikern und mit dem Publikum. Das war der Moment, wo mir das Leben gesagt hat: Hej, jetzt oder nie!
Wilfried: Autos haben mich auch fasziniert. Aber mein Vater hat gemeint – Autos, ja, aber erst nach dem Üben! Er hat von einer Amerika-Tournee CDs mitgebracht, die es bei uns nicht gab. Da war eine von dem Trompeter Wynton Marsalis, die mich total fasziniert hat. Also, Trompete hätte ich auch gern gespielt.
Bernhard: Bei den Autos ging es dir vor allem um die technische Perfektion. Du hast, kann ich mich erinnern, einen Ferrari F40 1:1 aufgezeichnet.

Kazuki bedeutet Friede und Harmonie. - Wilfried
Naoki heißt der sehr gerade Baum. - Bernhard
Yo ist der Ozean – das ganz große Meer. - Julian

Apropos technische Perfektion: Sie beschäftigen sich auch mit der Entwicklung von Saiten. 
Wilfried: Stimmt! Saiten sind ja sehr teuer. Also habe ich schon als Student Kollegen gefragt, wann sie ihre Saiten wechseln, und sie ersucht, sie für mich aufzuheben. So habe ich angefangen zu probieren und zu protokollieren und praktisch alles gespielt, was es an Saiten auf dem Markt gab. Ich wollte herausfinden, was für mich am besten passt. Mit diesem Wissen kam ich zu einer Saitenfirma und konnte meine gesammelte Erfahrung bei der Entwicklung neuer Saiten einbringen. Das mache ich jetzt seit über zwanzig Jahren.
Bernhard: Ich habe mit 16 meinen ersten Lautsprecher gebaut. Mit minimalen Mitteln natürlich. Ich habe gesägt und gelötet und berechnet, das war sehr spannend. Diesen Lautsprecher hab ich immer noch – klingt gar nicht schlecht! Klang war für mich immer das größte Thema.

Es geht also gar nicht unbedingt darum, womit man sich beschäftigt.
Bernhard: Es geht vielmehr darum, wie intensiv, wie genau und wie lange man sich mit etwas beschäftigt. Wenn Menschen mit demselben Enthusiasmus einander treffen, entsteht etwas Großes. Wenn alle diesem Anspruch, diese Ausdauer und Disziplin und diesen Willen zur Verbesserung haben, bis an die persönlichen Grenzen.

Sind Sie manchmal unterschiedlicher Meinung?
Wilfried: Natürlich, aber wenn es um die Wurst geht, halten wir zusammen.
Julian: Auf der Bühne geht es nur mehr um die Musik. Ich bin viel jünger als die beiden, für mich ergibt das eine andere Perspektive.
Bernhard: Julian bringt einen Drive und eine Energie ein, die eben den Jüngeren vorbehalten ist. Und so arbeiten wir ernsthaft und langfristig und wachsen zusammen.

Wie ist das, wenn man in so verschiedenen Kulturen lebt?
Bernhard: Für mich ist es eine Chance, die Dinge aus anderer Perspektive zu sehen. Wir können auch Japanisch lesen und diese Kultur damit besser verstehen. Doch umgekehrt lernen wir die Kultur, in der wir aufgewachsen sind, mehr zu schätzen. Vieles hält man für selbstverständlich – aber das ist es nicht. Was wir hier geboten bekommen, ist wirklich einmalig.
Julian: Es ist schon interessant. Wir sind oft in Japan, sprechen Japanisch, sind aber dort nicht aufgewachsen und kennen die sozialen Strukturen nicht so gut.
Bernhard: Zu Weihnachten waren wir immer in Schweden, aber wir sprechen kein Schwedisch.
Julian: Es ist schon schwierig mit der Zugehörigkeit. Ich mag das Wienerische, aber ich bin kein Österreicher.
Wilfried: ... sondern Schwede.
Julian: ... und spreche kein Schwedisch.
Bernhard: ... aber Japanisch.
Julian: Genau, also wer bin ich eigentlich? Aber der Vorteil ist – wir können uns aussuchen, wo wir dazugehören. Und es hilft uns, Menschen zu verstehen, die sich nicht zugehörig fühlen – das empfinde ich als Geschenk.

Ihre japanischen Namen klingen wunderschön. Was ist eigentlich die tiefere Bedeutung?
Wilfried: Kazuki bedeutet Friede und Harmonie.
Bernhard: Naoki heißt der sehr gerade Baum.
Julian: Yo ist der Ozean – das ganz große Meer.

Das Gespräch führte Sabine M. Gruber.
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte neben Romanen und Erzählungen auch das Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und zuletzt „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.